Von Strippenziehern und besten Freunden

OneshotHumor, Freundschaft / P12
Administrator Lorlen Hoher Lord Akkarin
24.08.2015
24.08.2015
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Beitrag zum Wettbewerb Bromance Moments organisiert von Herzblutzauber. Die Geschichte spielt etwas fünf Jahre vor ’The Magicians Guild’ kurz nach Akkarins Rückkehr aus Sachaka. Als Vorgabe hatte ich das Wort "Unterstützung".

Ich danke von Herzen der wunderbaren Myna Kaltschnee fürs Korrekturlesen.


***



Von Strippenziehern und besten Freunden



Der Wintermorgen war so strahlend, dass selbst das düstere und leicht zugige Büro des Administrators mit dem Gleißen von auf Schnee reflektiertem Sonnenlicht erfüllt war. Gegen das Licht blinzelnd nippte Akkarin an seinem Sumi und wünschte ausnahmsweise, seine Nacht wäre länger gewesen.

„Lord Jullen hat angefragt, ob er einen Assistenten für die Magierbibliothek bekommen kann.“ Administrator Darrelans Augen, deren bestechendes Grün die mangelnde Lebendigkeit seiner restlichen Erscheinung kompensierte, blickten fragend über den mächtigen Schreibtisch. „Was denkt Ihr, Hoher Lord? Soll ich die Anfrage genehmigen?“

Akkarin runzelte die Stirn. „Lady Tya hat seit fast zwei Jahren die Leitung über die Novizenbibliothek, richtig?“

„Ja, Hoher Lord.“

„Ist dies Jullens erste Anfrage?“

Der betagte Administrator nickte.

Ein Assistent war vermutlich das beste Mittel gegen den leicht griesgrämigen Bibliothekar. Allerdings war dieser schon griesgrämig gewesen, als Lady Tya ihm noch assistiert hatte. Zudem war Lord Jullen zu jung, als dass Alter ein Argument gewesen wäre.

„Die Magierbibliothek wird seltener frequentiert, als die der Novizen und die anfallende Arbeit ist auch für einen Einzelnen gut zu bewältigen“, antwortete Akkarin.

„Also soll ich die Anfrage ablehnen?“

„Ja. Tröstet ihn damit, dass Novizen ihm stattdessen vermehrt als Strafarbeit helfen werden. Ich bin überzeugt, Rektor Jerrik wird diese Idee befürworten.“

Die zahlreichen Falten um Darrelans Augen vertieften sich, als er lächelte. „Das wird Lord Jullen gewiss freuen. Es wird immer Novizen geben, die auf diese Weise effektiv bestraft werden können.“

„Das ist anzunehmen“, erwiderte Akkarin trocken.

Darrelan machte sich eine Notiz und Akkarin nutzte die Gelegenheit, seine Augen unauffällig durch den Raum schweifen zu lassen. Sein Blick blieb an einem Bild hängen – ein Segelschiff, das über einen sturmgepeitschten Ozean mit kitschigem Sonnenuntergang schwamm.

Und jetzt weiß ich auch, wo in Darrelans Büro sich der Zugang zu den Tunneln versteckt …

Akkarin war einige Nächte zuvor hier vorbeigekommen. Ein schmaler Lichtkegel des in den Raum fallenden Mondlichts war durch ein winziges Guckloch in den Geheimgang gefallen und hatte Akkarins Aufmerksamkeit erregt. Der Schreibtisch war unverkennbar der Darrelans gewesen und Akkarin hatte dem Drang, den Mechanismus auf der Tunnelseite zu öffnen, nur schwer widerstehen können. Aber war er kein Novize mehr und der eigentliche Grund für seine nächtlichen Streifzüge durch die Geheimgänge der Universität hatte Vorrang.

„In letzter Zeit spiele ich selbst immer öfter mit dem Gedanken, mir ebenfalls einen Assistenten zuzulegen“, riss Darrelan ihn aus seinen Gedanken.

„Nun, Ihr seid nicht mehr der Jüngste“, sagte Akkarin. „Das ist es nur verständlich, wenn sich Euer Arbeitstempo verlangsamt.“

„Das mag auch ein Grund sein, aber es ist nicht der einzige.“ Administrator Darrelan schüttelte leicht den Kopf. „In den letzten Jahren ist das Arbeitspensum gestiegen. Es kommen immer mehr Anfragen aus den Häusern, ob wir ihre Kinder aufnehmen. Mehrere Heiler und Alchemisten haben Forschungsprojekte, die finanziert werden wollen. Die Gilde ist beliebt, wie nie zuvor.“ Er bedachte Akkarin mit einem Blick, als wäre das seine Schuld. „Und sie wächst, so dass ich mich frage, wo wir all die Magier unterbringen sollen.“

Akkarin schwenkte den Sumi in seiner Tasse. Darrelan hatte ihm das Getränk aufgenötigt, als erhoffte er sich davon, der Hohe Lord der Magiergilde wäre eher geneigt, seinen Anliegen nachzugeben. Nach fünf Jahren unter Dakova hatte Akkarin jedoch entschieden, nicht bestechlich zu sein.

„So wie Ihr das beschreibt, scheint es, als wäre das Amt des Administrators eher eine Aufgabe für zwei“, bemerkte er.

Darrelan nickte. Seine Hand zitterte leicht, als er die Tasse zu seinen Lippen führte. „Ein Assistent könnte zudem meine Aufgaben übernehmen, wenn ich nicht mehr in der Lage bin zu arbeiten. Er könnte mein Nachfolger werden, wenn ich eines Tages sterbe.“

Das hatte Akkarin nicht suggerieren wollen. Nichtsdestotrotz würde es darauf hinauslaufen. „Ich werde Euer Gesuch genehmigen“, sagte er daher.

Die Augen des Administrators leuchteten auf. „Hoher Lord, ich danke Euch“, sprach er.

Seine Freude war so überschwänglich, dass sie nahezu ansteckend war. Akkarin verkniff sich ein Lächeln. „Ich kann doch nicht zulassen, dass die Gilde ins Chaos stürzt, weil ihr Verwalter die Arbeit von zwei bewältigen muss.“

Darrelans Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen. Anscheinend hatte er den Scherz nicht verstanden. „Jetzt bräuchte ich nur noch jemanden, der nicht nur jung und gewillt ist, diese Aufgabe zu übernehmen, sondern der auch noch über entsprechendes Organisationstalent verfügt“, murmelte mehr wie zu sich selbst. Nachdenklich nippte er an seinem Sumi. Dann blitzten seine Augen zu Akkarin. „Wärt Ihr nicht bereits Hoher Lord, würde ich Euch fragen.“

Sehe ich aus, als hätte ich Organisationstalent?, fragte Akkarin sich amüsiert. Was Darrelan für eine herausragende Fähigkeit hielt, war nichts als der Fluch eines latenten Kontrollzwangs, der sich durch jahrelangen Kontrollverlust und das Wahren seiner Geheimnisse manifestiert hatte. Obwohl sich dessen bewusst, sah Akkarin keinen Weg, dagegen anzukämpfen und hatte es schließlich aufgegeben, weil es ihm zugleich gelegen kam.

Und in gewissen Situationen war es Mittel zum Zweck.

„Ich fühle mich geehrt, weil Ihr mich für diesen Posten in Betracht zieht, Administrator“, sagte er. „Doch ich fürchte, die Gilde würde tatsächlich in Chaos versinken, wenn ich von der Führung dieser in ihre Administration wechsele. Ich kann Euch jedoch einige Empfehlungen aussprechen.“


***


Verärgert starrte Lorlen auf das Chaos, das ein anderer Heiler in seiner Eile in dem Raum hinterlassen hatte, in dem die Arzneien für die Patienten zubereitet wurden. Ein Mörser stand ungespült auf der Arbeitsplatte, ein Stück weiter lag eine offene, umgestürzte Dose mit getrockneten Kreppablättern, deren Inhalt sich gemeinsam mit Sprenkeln eines gelblichen Pulvers über das polierte Holz verteilte – dazwischen Tropfen von etwas, das Wasser oder auch etwas anderes sein konnte.

Wie soll ich so neue Medizin gegen Winterhusten herstellen?, fragte er sich entnervt. Er hatte sich bei Lady Vinara beschwert. Das Oberhaupt der Heiler hatte ein Machtwort gesprochen, doch die Person, die dieses Chaos regelmäßig veranstaltete, zog es offenkundig vor, sich in dieser Angelegenheit bedeckt zu halten.

„Ich kann das verstehen, wenn ein Notfall vorliegt, doch manche Heiler sind auch schlampig, wenn nicht gerade ein Patient unter ihren Händen wegstirbt“, hatte Lorlen sich bei seinem Freund während eines ihrer letzten Dinner beklagt. „Damit machen sie den anderen Heilern Arbeit, die nicht nötig wäre. Wir haben unsere Vorschriften nicht umsonst eingeführt. Durch sie bieten wir unseren Patienten einen gewissen Hygienestandard und bessere Behandlungsmöglichkeiten.“

„Inwiefern sind die anderen Heiler schlampig?“, hatte Akkarin gefragt.

„Nicht in Bezug auf die Patienten“, hatte Lorlen richtiggestellt. „Es sind vielmehr Dinge wie, dass sie Zutaten für Heiltränke und Salben stehenlassen oder an die falsche Stelle räumen, weswegen der nächste Heiler diese dann suchen muss. Das ist ein ziemliches Ärgernis.“

„Hast du das gegenüber Lady Vinara angesprochen?“

„Ich wollte, doch dann kam ein Notfall dazwischen.“

„Glaubst du, sie würde dich anhören?“

„Ich glaube, sie würde mir zustimmen. Doch so beschäftigt, wie sie ist, hat sie vermutlich nicht die Zeit, sich um solche Lappalien zu kümmern.“

„Du könntest ihr anbieten, bei der Umsetzung behilflich zu sein“, hatte sein Freund vorgeschlagen. „Zwei können mehr bewegen, als einer allein vermag. Ich bin sicher, so wie sie dein Organisationstalent lobt, wird sie deinen Einsatz zu schätzen wissen.“

Lorlen hatte Akkarins Vorschlag befolgt. Doch es hatte nicht geholfen. Es war eine Woche gutgegangen, dann war das Chaos erneut ausgebrochen.

Seufzend schloss er die Dose mit den getrockneten Blättern. Manchmal wünschte Lorlen, sein Freund würde seine neue Macht nutzen, um im Heilerquartier für Recht und Ordnung zu sorgen. Doch gehörte nicht zum Aufgabenbereich des Anführers der Gilde. Akkarins Arbeit war politischer und diplomatischer Natur und er repräsentierte die Gilde vor den Häusern und dem König. Lorlen würde dies mit Lady Vinara selbst regeln müssen. Nachdem er den Mörser gespült und die Arbeitsfläche mit einem Lappen saubergewischt hatte, griff er nach seiner Magie und sterilisierte sie.

Als er gerade die Zutaten für seinen Heiltrank aus den Schränken zusammensuchen wollte, trat ein Diener ein.

„Der Hohe Lord erwartet Euch in Zimmer vier.“

Überrascht ließ Lorlen den Tiegel in seiner Hand sinken. Es entsprach nicht Akkarins Art, ihn hier aufzusuchen. Seit sein Freund Hoher Lord war, zog er es vor, die Magier in seine Residenz zu bestellen. War er vielleicht krank?

„Danke“, sagte er und eilte zur Tür. „Ich bin unterwegs.“

Auf der Schwelle hielt er inne. Jetzt fange ich auch schon an, dachte er missbilligend. Rasch räumte er seine Sachen zur Seite, so dass ein anderer Heiler, der in der Zwischenzeit vielleicht eine Arznei mischen musste, eine saubere Arbeitsfläche vorfand. Dann eilte er ins Erdgeschoss.

Das helle und freundliche Behandlungszimmer mit Blick auf den verschneiten Wald wurde von der großen schwarzgewandeten Gestalt am Fenster verdunkelt, als wäre es kurz vor Einbruch der Dämmerung.

„Akkarin“, sagte Lorlen atemlos. „Was ist so wichtig, dass du mich mitten aus meiner Schicht holst?“

„Der Tag hat gerade erst angefangen“, erwiderte sein Freund amüsiert.

Dein Tag mag gerade erst angefangen haben. Meiner begann vor drei Stunden. Im Gegensatz zu dir kann ich nicht jede Nacht Parties feiern.“

Erheitert hob Akkarin die Augenbrauen. „Ich habe gestern Abend keine Party gefeiert, Lorlen“, sagte er ruhig.

„Und was ist dann dafür verantwortlich, dass du so übernächtigt aussiehst?“

„Ich habe versucht, ein Rätsel zu lösen.“

„Und hast du?“

„Noch nicht“, antwortete Akkarin. „Tatsächlich beschäftigte ich mich mit dem Nachlass meines Vorgängers. In seiner Bibliothek befindet sich das eine oder andere Buch, das Berichte über Magier enthält, die vor mehreren hundert Jahren gelebt haben. Die Künste des Minken Archipels beispielsweise.“

Lorlen betrachtete ihn unwillig. Akkarin kam niemals nur, um ’zu plaudern’ und schon gar nicht, wenn Lorlen zu arbeiten hatte. Oder dachte sein Freund neuerdings, dass er das Recht dazu hatte, bloß weil er jetzt das Oberhaupt der Gilde war? „Und jetzt willst du, dass ich deine Müdigkeit heile, weil du dich schämst, damit zu einem anderen Heiler zu gehen?“, fragte er.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Glaubst du nicht, dass ein Mann, der jede Nacht Parties zu feiern pflegt, wüsste, wie er die Nachwirkungen heilt?“

Lorlen musterte ihn mit einem vielsagenden Blick. „Weswegen bist du dann hier? Du lässt dich doch sonst nie im Heilerquartier blicken.“

„Um dir den Gefallen deines Lebens zu tun.“

Lorlens Augen verengten sich. Da war ein Funkeln in Akkarins dunklen Augen, das er noch allzu gut aus den Tagen kannte, als sie noch Novizen gewesen waren. „Du planst doch etwas, nicht wahr?“

Akkarin schüttelte den Kopf. „Wieso sollte ich das?“

„Weil, wann immer du das in der Vergangenheit gesagt hast, hast du etwas im Schilde geführt.“

„Ah, dieser Akkarin ist erwachsen geworden.“ Akkarin stieß sich vom Fenstersims ab und glitt wie ein schwarzer Schatten durch den Raum auf Lorlen zu. „Ich muss keine Pläne schmieden, um dir einen Gefallen zu tun, mein Freund“, sagte er. „Diese Dinge werden sich auch ohne mein Zutun ganz von selbst regeln.“

Was auch immer das zu bedeuten hatte, Lorlen war überzeugt, es konnte nichts Gutes bedeuten.


***


Verglichen mit der erfrischenden Kälte einer sternenklaren Winternacht, war die Luft im Abendsaal unerträglicher als in einem überheizten Badehaus. Magier standen in Gruppen aus Kollegen oder Freunden zusammen, saßen in Sesseln, tranken teuren Wein und diskutierten den neusten Klatsch der Gilde. Aus Gesprächsfetzen, die Akkarin auf seinem Weg durch den in Blau und Silber dekorierten Raum aufschnappte, schloss er, dass sie nicht wussten, wer der Verursacher dieser Gerüchte war.

Was Lorlen wohl dazu sagen würde?, fuhr es ihm durch den Kopf. Ganz ohne ihn begebe ich mich freiwillig unter die Meute. Würde ihn das kränken?

Aber Lorlen hatte Spätdienst und Akkarin begrüßte diesen Zufall.

Dennoch war es ohne Lorlen seltsam, hier zu sein. Seit seiner Rückkehr ging Akkarin nur noch selten in den Abendsaal. Die Gilde und ihre Magier waren ihm fremd geworden. Die Tatsache, dass er ihr Anführer war, schuf eine Distanz, die Akkarin häufig gelegen kam, ihn jedoch auch einsam machte. Bei einem Magier war dieses Gefühl indes ganz besonders intensiv. Als Novizen waren er und Lorlen unzertrennlich gewesen. Sie hatten Streiche ausgeheckt, Unterricht geschwänzt und um Mädchen gebuhlt. Sachaka hatte all dem ein jähes Ende bereitet. Der Akkarin, der nichts als Flausen und Mädchen im Kopf gehabt hatte, war dort gestorben.

Lorlen ahnte nicht, was in den fünf Jahren, die sein Freund angeblich an einem einsamen Ort in den Bergen verbracht hatte, wirklich geschehen war. Und wenn es nach Akkarin ging, dann würde er das auch niemals erfahren. Stattdessen focht Akkarin Tag für Tag einen inneren Kampf mit sich aus, um sich nicht ganz in sich zurückzuziehen und diese Freundschaft aufrechtzuerhalten. Lorlen war mehr als nur ein bester Freund aus Novizentagen. Er war, ohne es zu wissen, seine Verbindung zu der Welt, in die er zurückgekehrt war.

Akkarin fand, sich dafür erkenntlich zu zeigen, war lange überfällig. Eine bessere Gelegenheit, als die, die sich an diesem Tag aufgetan hatte, würde es nicht geben. Nach allem, was er Lorlens Erzählungen entnommen hatte, war dies das beste, was seinem Freund passieren konnte.

„Guten Abend, Hoher Lord“, grüßten die Oberhäupter der drei Disziplinen, als Akkarin die Sitzgruppe ansteuerte, in der die Führung der Gilde zu sitzen pflegte. Der Sessel, in dem er bei zwei dieser Treffen gesessen hatte, war frei als warte er nur darauf, von ihm besetzt zu werden. Administrator Darrelan und Rektor Jerrik, der ein Gesicht machte, als würde irgendetwas sein Missfallen erregen, schlossen sich ihren Kollegen an.

„Guten Abend“, erwiderte Akkarin sich in seinem Sessel niederlassend. „Lasst Euch von meiner Anwesenheit nicht stören und fahrt mit Eurer Diskussion fort.“

Ein Diener kam und brachte Akkarin ein Glas Anurischen Dunkelweines. Akkarin nahm das Glas entgegen und trank einen Schluck, während er vorgab, nicht weiter Notiz von den höheren Magiern zu nehmen.

„Ihr kommt wie gerufen für unsere Diskussion“, sagte Lord Balkan. „Eure Ansichten könnten uns weiterhelfen.“

„Oh“, machte Akkarin Interesse heuchelnd, während er sich innerlich auf ein beliebiges sinnentleertes Thema vorbereitete. „Worum geht es?“

„Administrator Darrelan hat entschieden, einen Assistenten einzustellen. Wir diskutieren gerade potentielle Kandidaten.“

„Tatsächlich sind einige davon auf Eure Empfehlung hin auf die Liste gekommen“, fügte Darrelan augenzwinkernd hinzu.

„Ich werde sehen, was ich tun kann“, erwiderte Akkarin. Nach seinem Besuch bei Darrelan am Morgen und den Gesprächen der übrigen Magier im Abendsaal war er jedoch nicht überrascht. „Darf ich fragen, welche Kandidaten Ihr favorisiert?“

„Lord Kiano, Lord Fergun und Lady Tya“, antwortete der Administrator. „Letztere war mein persönlicher Vorschlag, da ich mir eine Zusammenarbeit mit ihr vorstellen könnte. Von Euren Empfehlungen habe ich mich für Lord Jolen oder Lord Vorel entschieden.“

„Für den Fall, dass Lady Tya Eure Assistentin wird, müssten wir zunächst jemanden suchen, der die Novizenbibliothek übernimmt“, überlegte Lady Vinara. „Die Arme ist jetzt schon kurz davor, sich zu überarbeiten. Zwei verwalterische Aufgaben würden sie überfordern.“

„Zudem müsste ein neuer Bibliothekar eingearbeitet werden“, fügte Lord Sarrin hinzu.

„Ich spreche mich für Lord Fergun aus“, sagte Lord Balkan. „Er ist jung und flexibel. Sein strategisches Geschick würde ihm bei einer solchen Aufgabe zugutekommen, während er mit seinem geringen magischen Potential als Krieger niemals Karriere machen kann.“

Sich an den goldhaarigen Novizen Fergun erinnernd, fand Akkarin, dies war eine denkbar schlechte Option. Doch er musste seine Ablehnung auf besseren Argumenten denn auf Novizenstreichen begründen, da man mit diesem Argument auch andere Kandidaten ausschließen konnte. Auch wenn er insgeheim der Meinung war, dass Ferguns ’Streiche’ alles andere als das gewesen waren.

„Lord Fergun ist sehr in seinem Haus verwurzelt und schnell darin, Partei für dieses zu ergreifen“, sagte er. „Von allen Magiern würden jene aus Haus Maron am meisten von seinem Posten profitieren.“

Das Oberhaupt der Krieger wirkte enttäuscht, stellte Akkarins Worte jedoch nicht in Frage.

„Und wer soll es dann werden?“, fragte Lady Vinara. „Lord Kiano und Lord Vorel haben wir bereits ausgeschlossen und von Lord Jolen kann ich ziemlich sicher sagen, dass er zwar geeignet wäre, aber er hat mir bereits mitgeteilt, dass er seinen Beruf niemals für eine Karriere aufgeben würde. Zudem lebt er bei seiner Familie in der Stadt.“

„Ich hatte andernfalls noch an Lord Dannyl gedacht“, sagte der Administrator.

„War Dannyl als Novize nicht in diesen Skandal mit dem älteren Novizen aus Elyne verwickelt?“, fragte Rektor Jerrik.

„Ihm konnte nie etwas nachgewiesen werden“, brummte Balkan.

„Lord Dannyl und Lord Fergun sind Feinde“, wandte Sarrin ein. „Keiner von ihnen sollte einen Posten mit Aussicht auf eine Führungsposition innehaben.“

„Aber sie sind doch keine Novizen mehr“, sagte Lady Vinara. „Sie sind erwachsen geworden. So wie andere Novizen, die während ihres Studiums nur Flausen im Kopf hatten.“

Danke auch, dachte Akkarin trocken.

„Hoher Lord, was ist Eure Meinung zu Lord Dannyl?“, fragte Balkan.

Ihr stellt seine Kompetenz in Frage, weil er einst Intimitäten mit einem anderen Novizen ausgetauscht hat?, dachte Akkarin. Er war nur einen Jahrgang über Dannyl gewesen und konnte sich noch gut an den Skandal erinnern. Was ihn lange Zeit entsetzt und sein Vorstellungsvermögen überstiegen hatte, hatte sich in Sachaka jedoch rasch relativiert.

„Ich kenne Dannyl nicht persönlich, doch er erscheint mir als verantwortungsbewusster, junger Magier“, antwortete er. „Aber ich muss Lord Sarrin zustimmen. Dannyl und Fergun führen noch immer Krieg gegeneinander. Politische Ränkespiele, egal ob in Bezug auf Häuserzugehörigkeiten oder innerhalb der Gilde gehören nicht in eine verwaltende Tätigkeit.“ An seinem Weinglas nippend sah er zu Lady Vinara. „Seid Ihr Euch mit Lord Jolen sicher?“

„Absolut, Hoher Lord.“

„Nun, soweit ich weiß, ist er nicht der einzige Heiler mit Organisationstalent.“

Lady Vinaras Augen weiteren sich leicht. „Ihr meint Lord Lorlen?“, entfuhr es ihr. „Euren Freund?“

„Mir hat er zumindest vor nicht allzu langer Zeit erzählt, dass Ihr ihn diesbezüglich gelobt hättet. Wie sehr er bei seiner Erzählung übertrieben hat, vermag ich jedoch nicht zu sagen.“

Für einen kurzen Augenblick starrte die Heilerin ihn mit dem Blick eines Raubvogels an, dann lächelte sie. „Lord Lorlen wäre tatsächlich ein guter Kandidat“, sagte sie. „Er ist engagiert, zielstrebig und pflichtbewusst. Zudem ist er freundlich, und seitdem er vor einiger Zeit für mich die Dienstpläne neu ausarbeiten musste, hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, ihn zu meinem Assistenten zu machen. Allerdings würde ich Administrator Darrelan den Vortritt geben. Ich gedenke, frühestens in fünfundzwanzig Jahren in den Ruhestand zu treten.“

Akkarin verkniff sich ein Lächeln.

„Ich möchte nur erinnern, dass Lord Lorlen als Novize einigen Ärger verursacht hat“, warf Rektor Jerrik ein. „Meine Akte über ihn ist in etwa so dick wie jene der Lords Dannyl und Fergun.“

„Soweit ich weiß, ist der Initiator jener Streiche nun unser Anführer“, entgegnete Balkan. „Jedoch sehe ich bei Lorlen eine ähnliche Veränderung zum Positiven. Auch wenn ich der Meinung bin, dass Fergun sich ebenfalls über seine Novizenzeit emanzipiert hat, so muss ich Lorlen zugestehen, dass er der unparteiischere von beiden ist.“

Zufrieden lehnte Akkarin sich zurück. Das war sogar noch einfacher gewesen, als er erwartet hatte.


***


Den Rest des Tages hatte Lorlen damit verbracht, Arzneien zu mischen, seine Patienten zu behandeln und sich nach Möglichkeit nicht über seine Kollegen zu ärgern. Lady Vinara hatte ihn gebeten, die Spätschicht eines Heilers zu übernehmen, der wegen Krankheit ausgefallen war. Unfähig, nein zu sagen, hatte Lorlen sich darauf eingelassen und damit um seine einzige Chance auf Entspannung gebracht: der allwöchentliche Besuch im Abendsaal.

Sofern er nicht für die Spätschicht eingeteilt war, ging Lorlen an jedem Vierttag dorthin und ließ seine Woche mit teurem Wein und dem neusten Klatsch und Tratsch der Gilde ausklingen. Er hätte die Zerstreuung gut gebrauchen können, zumal er am Wochenende ebenfalls Dienst hatte.

Seine Müdigkeit mit Magie vertreibend verließ er zu Beginn seiner Frühschicht sein Apartment in einer der höheren Ebenen des Heilerquartiers und stieg hinab zu den Behandlungsräumen. In der Eingangshalle begegnete er einem seiner Kollegen.

„Guten Morgen, Lord Jolen“, grüßte er.

„Ah, Lord Lorlen! Zu schade, dass Ihr gestern nicht im Abendsaal wart. Ihr habt eine interessante Diskussion verpasst.“

„Oh“, machte Lorlen. „Worum ging es?“

„Administrator Darrelan ist auf der Suche nach einem geeigneten Assistenten, der sein Nachfolger werden kann, da er gedenkt, in nicht allzu ferner Zukunft in den Ruhestand zu gehen.“

„Nun, ich kann mir vorstellen, dass dies für eine rege Diskussion gesorgt hat“, erwiderte Lorlen.

„Das hat es. Sogar der Hohe Lord war dort.“

„Akkarin?“, entfuhr es Lorlen. Nach ihrem Abschluss waren sie jede Woche in den Abendsaal gegangen und hatten sich dort köstlich amüsiert. Dann war Akkarin fast sechs Jahre lang durch die Weltgeschichte gereist. In dem halben Jahr, das er nun zurück war, war es Lorlen ganze zwei Mal gelungen, seinen Freund dazu zu überreden, ihn dorthin zu begleiten. Seine einzigartige Position schien Akkarin zum Eigenbrötler gemacht zu haben. Dass er ohne Lorlen in den Abendsaal ging, war ungewöhnlich.

„Leider konnte ich nicht bis zum Ende bleiben, doch einige Namen, die im Gespräch waren, wären nicht meine Wahl gewesen“, fuhr Lord Jolen im Plauderton fort.

„Wen denn zum Beispiel?“

„Lord Vorel oder Lord Fergun.“

Lorlen hob eine Augenbraue. Fergun? Ernsthaft? Er erinnerte sich noch zu gut an den goldhaarigen Novizen aus dem Jahrgang unter ihm und Akkarin. Sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, zu überlegen, wie sie Fergun die Lektion seines Lebens erteilen könnten, hatten jedoch davon abgesehen, weil sie beide der Ansicht gewesen waren, dass der andere Novize unter ihrer Würde und damit ihrer Aufmerksamkeit nicht wert war.

„Tatsächlich war auch ich im Gespräch, aber dadurch, dass ich in der Stadt lebe und mein Organisationstalent sich in Grenzen hält, auch wenn Lady Vinara etwas anderes behauptet, habe ich abgelehnt“, erklärte Jolen.

Er gibt selbst zu, dass sein Organisationstalent nicht das Beste ist, dachte Lorlen, als er seine morgendliche Visite begann. Und er lebt in der Stadt, womit er den weitesten Arbeitsweg hat. Ob er für dieses Chaos verantwortlich ist?

Nachdem er seine Visite beendet und zwei Notfälle behandelt hatte, betrat er den Pausenraum um sich eine Tasse Sumi zu gönnen. „Lord Kiano, Lady Kinla“, grüßte er die beiden in ein angeregtes Gespräch vertieften Heiler.

„Ah, da kommt der Mann des Tages!“, erklärte Kiano. „Habt Ihr Euch schon überlegt, wie Ihr diese Chance auf Karriere nutzen wollt?“

„Karriere?“, wiederholte Lorlen verwirrt. „Wovon sprecht Ihr?“

„Eure Aufstiegschancen jenseits des Heilerquartiers. Eine Gehaltserhöhung mit Aussicht auf eine weitere Erhöhung in ein paar Jahren …“

Typisch Vindo, fuhr es Lorlen durch den Kopf. Immer steht das Geld im Vordergrund. „Ich habe nicht vor, anderswo als hier Karriere zu machen“, antwortete er.

„Nicht?“, fragte Kiano. „Einige gewisse Personen sehen das anders.“

Lady Kinla erbarmte sich seiner. „Ihr wurdet als Darrelans Assistent vorgeschlagen“, teilte sie Lorlen mit. „Von allen Kandidaten seid Ihr der mit den besten Kompetenzen.“

Mit einem Mal ergab alles einen Sinn. Lorlen spürte, wie sich ein vertrauter Zorn in ihm zu regen begann. Deswegen war er also im Abendsaal gewesen!

„Bitte entschuldigt mich“, sagte er und stellte seine Tasse beiseite. „Es gibt etwas, das ich dringend klären muss.“

Mit wehenden Roben eilte er aus dem Heilerquartier. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln und reflektierte das helle Sonnenlicht genau in seine Augen. Ein Schauer des weißen Pulvers rieselte von einer Hecke, als er diese auf seinem Weg durch den Park streifte. Die wenigen Magier, denen er begegnete, starrten ihm verwirrt hinterher.

Als das graue Haus am Waldrand in Sicht kam, verlangsamte Lorlen seinen Schritt und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Der kann etwas erleben, dachte er die Fäuste in den Ärmeln seiner Robe ballend. Wie kann er sich derart über meinen Willen hinwegsetzen?

Die kleine, gemütliche Empfangshalle der Residenz des Hohen Lords war verlassen. Während Lorlen ungeduldig auf und ab schritt, öffnete sich eine Tür und Akkarins Diener trat heraus.

„Guten Tag, Lord Lorlen“, sagte er mit einer Verneigung. „Was kann ich für Euch tun?“

„Ich wünsche, den Hohen Lord zu sprechen.“

„Der Hohe Lord schläft noch“, antwortete Takan. Lorlen glaubte, unter seiner professionellen Distanziertheit Spuren von Verlegenheit zu entdecken.

Es war beinahe Mittag. Warum schlief Akkarin so lang? Hatte er eine Frau in seinem Bett? Hatte er zu viel getrunken? „Das ist mir egal“, erklärte Lorlen verärgert. „Ich wünsche ihn jetzt zu sprechen.“

Die Augen des Dieners weiteten sich. „Sehr wohl, Mylord“, sagte er und zog sich zurück.

Wenige Minuten später betrat Akkarin vollständig angekleidet und die langen, schwarzen Haare gekämmt und im Nacken zusammengebunden, seinen Empfangsraum.

„Guten Morgen, mein Freund“, grüßte er. „Was kann ich für dich tun?“

Lorlen hielt inne und kam dann auf ihn zu. „Guten Morgen, in der Tat“, sagte er säuerlich. „Soeben habe ich erfahren, dass ich als Administrator Darrelans Assistent vorgeschlagen wurde.“

„Nun, dann gratuliere ich dir.“

„Tu ich nicht so, als hättest du nicht deine Finger im Spiel gehabt“, gab Lorlen zurück. „Ich habe mich schon gewundert, als ich hörte, du seist gestern allein im Abendsaal gewesen.“

Schon als Novize war Akkarin manipulativ gewesen. Obwohl der umtriebige Novize, der sein Freund einst gewesen war, irgendwo auf seiner Reise durch die Verbündeten Länder erwachsen geworden war, hatte er diese Eigenart niemals abgelegt. Und als Hoher Lord schien er mit Vorliebe davon Gebrauch zu machen.

„Ich verstehe nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat.“ Akkarin gestikulierte zu den Sesseln. „Setz dich, Lorlen.“

„Danke, aber dazu habe ich gerade nicht die Nerven. Und um deine Frage zu beantworten: Die ganze Sache riecht doch förmlich nach dir.“

Erheitert hob Akkarin eine Augenbraue. „Und woran machst du das fest? Weil ich als Novize so viel Unsinn getrieben habe?“

„Ich gestehe diesem Novizen zu, dass er erwachsen geworden ist. Doch gewisse Charakterzüge verändern sich nie. Du warst gestern im Abendsaal, um die höheren Magier zu beeinflussen.“

„Ah, jetzt verstehe ich.“ Akkarin lächelte glatt. „Es stimmt, dass die höheren Magier über die Frage, wer Darrelans Assistent wird, diskutiert haben. Tatsächlich war es Lady Vinara, die dich vorgeschlagen hat. Ich hatte nichts damit zu tun.“

Lorlens Augen verengten sich.

„Aber als sie dich vorschlug und die anderen mich nach einer persönlichen Einschätzung deiner Kompetenz fragten, habe ich selbstverständlich die Wahrheit gesagt.“

„Und übertrieben.“

Akkarin schüttelte den Kopf. „Das hätte kein gutes Licht auf uns beide geworfen. Warum ärgerst du dich so?“

„Weil es meine Entscheidung hätte sein sollen.“ Auf eine unerfreuliche Weise fühlte Lorlen sich in die Zeit zurückversetzt, als sie beide noch Novizen gewesen waren. Es war immer Akkarin gewesen, der die Streiche ausgeheckt hatte. Auch damals war er schon ein Anführer gewesen. Nur mit dem Unterschied, dass Lorlen sich damals freiwillig an den Eskapaden seines Freundes beteiligt hatte. Jetzt hingegen fühlte es sich an, als wäre er bei einer wichtigen Entscheidung übergangen worden.

„Und mich hat nicht ein gewisser Heiler dazu zu überreden versucht, Anführer der Gilde zu werden?“, erwiderte Akkarin sanft.

Nicht wissend, wie er dieses Argument entkräften konnte, schwieg Lorlen. Akkarin hatte so eine unnachahmliche Art, nicht nur Regeln, sondern auch Worte so zu biegen, wie es ihm beliebte. Und damit kam er immer durch.

„Es ist nur eine Nominierung, Lorlen. Wäre es dir lieber, wenn beispielsweise Fergun den Posten bekommt? Balkan spricht in ziemlich hohen Tönen von ihm.“

„Nein!“, entfuhr es Lorlen. „Und warum überhaupt Fergun?“

„Weil er strategisches Geschick besitzt, seine mangelnde magische Stärke ihn jedoch nicht für eine Karriere als Krieger nicht in Frage kommen lässt.“

„Ich kann einfach nicht glauben, dass Balkan das getan hat.“ Entsetzt schüttelte Lorlen den Kopf. „Fergun ist parteiisch. Er hat sich nie von den Wurzeln seines Hauses gelöst. Und er steht in Konflikt mit einem anderen Magier.“

„Meine Rede, Lorlen.“

Lorlen betrachtete seinen Freund mit schmalen Augen. „Es geht darum, dass du nicht mit ihm zusammenarbeiten willst, das ist es doch, nicht wahr?“

„Ich kann nicht behaupten, dass mir eine Zusammenarbeit mit Fergun Freude bereiten würde, auch wenn ich sicher bin, dass ich mit ihm fertig werde“, erwiderte Akkarin. „Tatsache ist jedoch, dass er auf Grund seiner Persönlichkeit für diesen Posten denkbar ungeeignet wäre.“

Lorlen betrachtete ihn zweifelnd.

„Komm.“ Akkarins Roben raschelten leise, als zur Tür schritt. „Sehen wir nach, ob der Administrator in seinem Büro ist, dann kannst du persönlich mit ihm sprechen.“

„Ich muss zurück.“

„Ist im Heilerquartier jemand, der in der nächsten halben Stunde fest mit einer Behandlung durch deine fähigen Hände rechnet?“, fragte Akkarin.

„Nein.“

„Dann komm.“

„Aber …“, begann Lorlen.

„Der Administrator hat nicht ewig Zeit.“

„Hast du dich mit Darrelan verschworen?“

Akkarin lachte leise. „Sagen wir, ich habe ihm meine Hilfe bei einer Sache zugesagt.“

Den Weg zur Universität legten sie in Schweigen zurück, nachdem Lorlen entschieden hatte, seine Fragen direkt an den Administrator zu richten. Und dann würde er sehen, ob dieser Akkarins Version der Geschichte bestätigte.

Assistent des Administrators, dachte Lorlen. Mit der Option, eines Tage selbst Administrator zu werden. Unter seiner Verärgerung begriff er, dass dies eine einzigartige Chance war. Aber es war nicht das, was er sich für sein Leben vorgestellt hatte.

Vor dem Büro des Administrators hielt sein Freund inne. „Geh und sprich mit ihm“, sagte er. „Er wird dir bestätigen, dass es nicht meine Idee war und deine Fragen beantworten.“

Lorlen schürzte missbilligend die Lippen. Dann klopfte er schweigend.

Er war nicht überrascht, als die Tür aufschwang. Es hieß, Darrelan arbeitete auch am Wochenende.

„Ah, Lord Lorlen“, sagte der betagte Administrator. „Kommt herein.“

Sich wie ein Novize fühlend trat Lorlen näher und setzte sich auf einen der Stühle vor Darrelans Schreibtisch.

„Ich nehme an, Ihr habt bereits gehört, dass Ihr der favorisierte Kandidat für den Posten meines Assistenten seid?“

Lorlen schluckte. „Ja, Administrator.“

Die Fältchen um Darrelans Augen vertieften sich, als er lächelte. „Ich muss zugeben, zuerst nicht an diese Möglichkeit gedacht zu haben. Die anderen Kandidaten klangen vielversprechend, doch während der Diskussion am vergangenen Abend hat sich bei jedem ein Ausschlusskriterium herausgestellt. Nachdem Lady Vinara erklärte, dass sie Euch selbst gerne als Assistent mit Aussicht auf ihre Nachfolge hätte, ihr Ruhestand jedoch in ferner Zukunft liegt, wurde mir bewusst, dass ich mir eine Zusammenarbeit mit Euch vorstellen könnte. Sofern Ihr einverstanden seid.“

„Also kam die Idee von Lady Vinara?“

„Nun, sie ist von allen am besten mit Eurer Arbeitsweise vertraut. Und ich vertraue ihrem Urteil.“

Dann hatte Akkarin nicht gelogen. Trotzdem war Lorlen überzeugt, dass er seine Finger im Spiel hatte. „Und wie haben die anderen höheren Magier darauf reagiert?“

„Sie haben die Idee befürwortet. Sollte irgendwer nach Lady Vinaras Empfehlung noch Zweifel gehabt haben, so hat der Hohe Lord sie ausgeräumt.“

„Jeder weiß, dass Akkarin und ich befreundet sind“, wandte Lorlen ein.

Offenkundig ahnte der Administrator, worauf Lorlen hinaus wollte. „Lord Lorlen, ich weiß, das sieht nach Parteinahme aus. Doch das ist es nicht. Akkarin mag noch nicht lange in seinem Amt sein, doch er hat sich verändert. Er hätte sich nicht für Euch ausgesprochen, würde er Eure Kompetenz anzweifeln.“

Darrelans Worte ergaben Sinn, aber Lorlen konnte sie nicht so ganz glauben. Er war sicher, dass Akkarin voreingenommen war. Allerdings war er Hoher Lord. Die anderen Magier hörten auf ihn.

„Ich weiß, das alles kommt sehr überraschend“, sagte Darrelan. „Ihr braucht Euch nicht heute zu entscheiden. Was haltet Ihr davon, wenn ich Euch zunächst etwas über die Aufgaben, die Euch erwarten, erzähle?“

„Was hast du dir dabei gedacht?“, fragte Lorlen, als er eine halbe Stunde später zurück auf den Flur trat. Was Darrelan ihm über seine Aufgaben und sein Gehalt erzählt hatte, klang vielversprechend. Lorlen konnte sich sogar vorstellen, diese Arbeit zu machen und Darrelans Aufgaben eines Tags komplett zu übernehmen. Trotzdem ärgerte er sich noch immer über Akkarins manipulatives und eigenmächtiges Tun. „Ich bin Heiler. So sehr mich dieses Angebot ehrt und ich zu schätzen weiß, dass du das für mich tust, muss ich ablehnen. Wie soll ich dann meiner Berufung noch nachkommen?“

Akkarin betrachtete ihn erheitert. „Ich erinnere mich an einen gewissen Heiler, der mir vor wenigen Wochen noch stolz berichtet hat, dass Lady Vinara sein Organisationstalent so sehr schätzt“, sagte er, während sie den Flur entlang zur Eingangshalle schritten. „Sie hat mir das gestern im Abendsaal bestätigt.“

Lorlens Mund klappte auf und wieder zu. „Ich hätte Oberhaupt der Heiler werden können.“

„Oder der nächste Administrator der Gilde.“

Lorlen nickte langsam. „Wir beide in den höchsten Ämtern der Gilde“, murmelte er mehr zu sich selbst. Er sah auf und begegnete Akkarins Blick. „Darauf läuft es doch hinaus, nicht wahr?“

„Wenn du den Posten als Darrelans Assistent bekommst und deine Arbeit gut machst, ist das wahrscheinlich.“

„Mir gefällt nicht, dass ich das dir zu verdanken habe.“

„Lorlen, ich habe keinen Anteil an dieser Sache“, erwiderte Akkarin. „Hat Administrator Darrelan dir das nicht bestätigt?“

„Doch. Aber ich kenne dich einfach zu gut.“

„Selbst wenn es so wäre – was wäre so schlimm daran? Du beklagst dich über die Zustände im Heilerquartier und hast ganz eindeutig ein Talent jenseits der Farbe deiner Roben. Als Darrelans Assistent und später als Administrator hättest du bessere Mittel und Wege, deine Vorstellung von Ordnung durchzusetzen. Du kannst mir nicht erzählen, dass das keinen Reiz auf dich ausübt.“

„Das tut es, Akkarin. Es ist nur …“ Er brach ab. Wie sollte er erklären, dass das hier sein gesamtes Leben auf den Kopf stellte?

„Zwischen uns würde kein Machtgefälle mehr existieren“, half Akkarin nach. „Es wäre wieder mehr wie früher. Und ich bin überzeugt, du würdest in dieser Aufgabe aufgehen.“

Wieder mehr wie früher … Lorlen konnte nicht abstreiten, dass er die alten Zeiten vermisste. Einst waren sie unzertrennlich gewesen. Aber dann hatte es seinen Freund hinaus in die weite Welt gezogen, während Lorlen in seinem Beruf als Heiler aufgegangen war. Anfangs hatte Akkarin noch regelmäßig geschrieben, doch nach einem Jahr waren seine Briefe ausgeblieben. Und als er nicht einmal mehr auf Gedankenrede geantwortet hatte, war er schließlich für tot erklärt worden.

Seit Akkarin ein halbes Jahr zuvor völlig verwahrlost vor den Toren der Gilde wieder aufgetaucht war, hatte Lorlen vergeblich versucht, die alte Vertrautheit wieder herzustellen. Dass sein Freund zum Nachfolger des im Herbst verstorbenen Hohen Lords gewählt worden war, hatte die Kluft zwischen ihnen nicht gerade verkleinert. Wenn Akkarin ihn zum Essen oder auf ein Glas Wein zu sich einlud, dann konnte Lorlen noch immer ein vages Echo ihrer einstigen Freundschaft spüren. Sie beide hatten sich in den vergangenen Jahren verändert. Akkarin war jedoch derjenige, der sich am meisten verändert hatte. Irgendwo in der weiten Welt war er erwachsen geworden. Lorlen vermisste ihre alte Freundschaft, aber wenn er sich auf diese Chance einließ, dann wollte er es nicht für Akkarin tun.

Als er aufsah, bemerkte er, dass Akkarin ihn nachdenklich musterte. „Du brauchst die Entscheidung nicht heute treffen“, sagte er sanft. „Darrelan wird bis zur Gildenversammlung in der nächsten Woche warten, um deine Kandidatur offiziell zu machen.“

„Soll das heißen, du hast ihm bereits gesagt, dass ich annehme?“, entfuhr es Lorlen.

Akkarin schien erheitert. „Es ist deine Entscheidung, ob du Darrelans Assistent werden möchtest“, sagte er. „Ich habe dir nur die Vorteile einer solchen Position aufgezeigt. Sollten dir deine neuen Aufgaben nicht zusagen, so wird niemand dir übelnehmen, wenn du zurück ins Heilerquartier möchtest.“

Sie passierten die großen Türen der Eingangshalle und traten hinaus ins Freie. „Du willst das unbedingt, nicht wahr?“

Akkarin wandte sich um. Lorlen, der auf der obersten Stufe stehengeblieben war, betrachtete ihn unwillig. Das Funkeln in den dunklen Augen seines Freundes erinnerte ihn für seinen Geschmack zu sehr an die Gelegenheiten, zu denen Akkarin-der-umtriebige-Novize ihn zu einem Streich hatte überreden wollen.

„So sehr, wie du wolltest, dass ich Hoher Lord werde.“

Lorlen schnaubte leise. „Ich wollte nur nicht, dass du diese großartige Chance ausschlägst.“

Ein wissendes Lächeln huschte über Akkarins harsche Miene. „Denk in Ruhe über das Angebot nach“, sagte er. „Schlaf wenn nötig ein paar Nächte darüber. Wenn der erste Schock vergangen ist, wirst du mir mit Sicherheit zustimmen.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Nachdenklich kam Lorlen die Stufen herab. „Doch nun entschuldigt mich, Hoher Lord. Noch habe ich eine andere Arbeit und dieser sollte ich nun wieder nachgehen.“

„Tu das. Ich würde mich freuen, dich übermorgen zum Dinner zu begrüßen.“

„Ich komme gerne“, erwiderte Lorlen. Seine Augen verengten sich, als er vor Akkarin stehenblieb. „Aber glaube nicht, ich hätte bis dahin eine Entscheidung getroffen oder würde mich von dir dazu überreden lassen.“

„Darrelan genügt es, wenn du es bis zum nächsten Ersttag getan hast.“

Lorlen widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. „Einen guten Tag noch, Hoher Lord.“

„Euch auch, Lord Lorlen.“

Mit einem weiteren leisen Schnauben schritt Lorlen an ihm vorbei die Stufen hinab und verschwand in Richtung des Heilerquartiers.


***


Die Türen des Abendsaals schwangen zurück und enthüllten ein Meer aus roten, grünen und purpurfarbenen Roben. Seine eigene Robe glattstreichend trat Lorlen durch die geöffneten Türen. Vor ihm teilte sich die Menge, als er und sein schwarzgewandeter Begleiter ihren Weg fortsetzten.

Er hatte lange überlegt, ob er Darrelans Angebot annehmen sollte. Erst, als er wirklich sicher gewesen war, dass er die Entscheidung aus freiem Willen und in dem Wissen, das Richtige zu tun, treffen konnte, hatte er dem Administrator seine Zusage erteilt. Er wusste, er wäre dumm gewesen, diese einzigartige Chance auszuschlagen. Doch er hätte es dennoch getan, hätte er sich den Aufgaben nicht gewachsen gefühlt.

Trotz allem war er überzeugt, dass sein bester Freund bei dieser Sache seine Finger im Spiel hatte.

An diesem Tag war seine erste Woche als Darrelans Assistent zu Ende gegangen. Obwohl die Arbeit anstrengend und herausfordernd war, so bereitete sie Lorlen auch Freude. Zudem hatten er und der betagte Administrator vereinbart, dass er an zwei Nachmittagen der Woche im Heilerquartier aushalf und sie arbeiteten an einem Plan, dass die Regeln dort wieder mehr befolgt wurden.

Ein Diener kam mit einem Tablett auf sie zu. Akkarin griff zwei Weingläser heraus und reichte eines an Lorlen weiter. Seine dunklen Augen funkelten auf eine Lorlen nur allzu vertraute Weise, als er sich ihm zuwandte.

„Auf den zukünftigen Administrator“, sprach er.

„Die beiden mächtigsten Männer der Gilde, also?“

„Ja. In ein paar Jahren. Was sagst du dazu?“

Lorlen konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir beide es einmal so weit bringen.“

Sein Freund seufzte leicht. „Ich auch nicht“, sagte er mehr zu sich selbst.

An seinem Glas nippend ließ Lorlen seinen Blick durch den Abendsaal schweifen. Die höheren Magier hatten sich um den Sessel versammelt, der inoffiziell als der Akkarins galt, so als würden sie ihn und Lorlen erwarten.

Und ab heute wird es sich so anfühlen, als würde ich dazugehören, fuhr es Lorlen durch den Kopf.

Er konnte die Auswirkungen dieser Veränderung schon jetzt spüren. Bei seiner Arbeit war er so entspannt, wie schon seit Jahren nicht mehr. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Lorlen das Gefühl, etwas bewegen zu können. Und das Machtgefälle zwischen ihm und seinem besten Freund war kleiner geworden. Lorlen wusste, es würde nie ganz verschwinden, aber es würde auf das Niveau sinken, das er gewohnt war. Egal ob als Novize oder als Hoher Lord – irgendwie hatte Lorlen immer zu Akkarin aufgesehen. Und als Administrator hatte er sogar die Chance, aus dessen Schatten herauszutreten.

Mit einem Mal begriff er, dass ihm nichts Besseres hätte passieren können.

„Bitte entschuldige, dass ich zu Beginn von dieser Idee nicht sonderlich angetan war“, sagte er. „Stattdessen möchte ich dir für deine Unterstützung danken.“

Akkarins Mundwinkel zuckten leicht. „Ich hatte daran keine Anteil.“

Natürlich nicht! „Also hast du den höheren Magiern bei ihrer Diskussion nicht die anderen Kandidaten ausgeredet, so wie damals als wir einen Komplizen für diesen Streich an Lord Margen gesucht haben und du gegen jeden meiner Vorschläge etwas gesagt hast, bis wir uns schließlich auf den Novizen geeinigt hatten, den du die ganze Zeit dafür gewollt hast?“

Sein Freund bedachte ihn mit einem abschätzenden Seitenblick. „Ich habe zu jedem Vorschlag nur meine persönliche Einschätzung gegeben. Damals wie heute.“

Er brauchte nicht mehr zu sagen. Lorlen wusste genau, dass Akkarin das in einer bestimmten Absicht getan hatte. Er war nur geschickt genug, es vor jenen, die ihn nicht gut genug kannten, zu verbergen.

Und er wusste, dass Akkarin das wusste.

***
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