C’est la vie

GeschichteDrama, Familie / P6
Margaret Scully
20.08.2015
20.08.2015
1
5.855
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Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
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20.08.2015 5.855
 
Titel: C’est la vie
Autor: Cat
Rating: None
Spoiler: eigentlich die ganze Serie sowie meine Fanfiction "Maybe Hope"
Keywords: Drama, POV, indirekt auch Romance
Disclaimer: Mhm… *grübel* Disclaimer? Ähm, eigentlich ist nix mir, traurig aber wahr. Aber wat soll’s, shit happens und... C’est la vie!
Feedback: Was ist eigentlich Feedback????
Bemerkung: Diese Fanfiction ist in grauer Vorzeit entstanden, aber ich denke es ist zu schade, sie einfach auf meiner Festplatte verstauben zu lassen.

Being brave isn’t about being fearless,
it’s about being scared to death
and still not giving in!
Ice Furr


C’est la vie


Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, so ist es, dass man nicht versuchen sollte, den Lauf der Welt zu verstehen. Man sollte erst recht nicht probieren, ihn zu ändern. Es wäre vergebens, so unmöglich, wie die Richtung eines bereits abgeschossenen Pfeils zu ändern. Worin besteht mein Leben? Das frage ich mich in letzter Zeit immer häufiger, doch die Antwort darauf gibt mir keiner, nicht meine Familie, nicht meine Freunde, nicht einmal Gott. Eine Zeitlang ist es mir sehr schwer gefallen, weiter an das Leben zu glauben, ich hatte das Gefühl, von düsteren Gedanken beherrscht zu sein. Der Tod umlauerte lange und ausdauernd meine Familie und mich, doch mittlerweile verabscheue ich ihn nicht mehr, ich weiß vielmehr, dass er unausweichlich ist. Die vielen Gefahren des Daseins sind mir weitläufig bekannt und ich hoffe, damit gut umgehen zu können. Ich habe aufgehört, Dinge zu hinterfragen, habe die Tatsachen weitestgehend einfach akzeptiert. Keiner konnte verstehen, warum mir das Schicksal mit seiner kalten Hand meinen innig geliebten Mann und den Vater meiner Kinder entrissen hatte. Warum es ihm vergönnt war, die Dinge, die ich heute erlebe, mit mir zu teilen. Ich habe meine Entscheidungen alleine getroffen, nach bestem Wissen und Gewissen und in der Hoffnung, dass William sie geschätzt hätte. Dennoch bin ich dankbar, so viele Jahre mit ihm verbracht zu haben. Es war nicht immer einfach, bei Gott nicht, aber wir hatten uns, unsere Kinder und unsere Liebe. Das reichte mir als Zuversicht. Und als er nicht mehr da war, meinte ich, mein Herz würde mir in der Brust zerspringen. Eine tiefe und rabenschwarze Trauer umhüllte mich und drohte, mich von innen her aufzufressen. Mein Lebenswille und meine Energie wurden mir unaufhaltsam von ihr entzogen und ließen nur eine große Leere und Fassungslosigkeit zurück.  Meine Kinder haben mich aus dieser Trance zurückgeholt. Dafür war ich dankbar. Sie zeigten mir, dass es sich noch immer lohnte, weiterzuleben; dass unsere Familie und die Liebe, die uns auf ewig miteinander verband, stark genug war, um diesem Verlust zu trotzen. Ich merkte, dass nicht nur ich einen lieben Menschen und Ehegatten verloren hatte, sondern dass auch meine Kinder ihr Leben ohne ihren Vater weiterleben mussten. Das brachte eine ungeheure Kraft in mir zum Vorschein, denn obwohl sie ein Elternteil betrauerten, so musste ich weiterhin für sie da sein, nach Williams Tod sogar mehr als zuvor. Und irgendwie schafften wir es, weiterzumachen.

Bis uns das Schicksal den nächsten Streich spielte. Es wollte die Familie nicht zur Ruhe kommen lassen und griff nach meinem Baby-Girl. Doch dieses Mal kam es glücklicherweise nicht zum Zuge. Denn Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit aber auch die Liebe brachten Dana wieder zurück. Zurück  zu ihrer Familie und zu Fox Mulder. Noch nie habe ich einen Menschen so um einen anderen kämpfen sehen. Heute überkommt mich ein Schamgefühl, wenn ich daran denke, dass nicht Danas Familie, sondern ihr Kollege und Partner die lebenserhaltenden Maschinen bis zum letzten Moment anließ, während sogar ich Ahabs Starbuck bereits aufgegeben hatte. Ein schreckliches Gefühl, doch mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen.

Aber das Leben ließ uns keine große Verschnaufpause; dieses Mal wollte es einen weiteren geliebten Menschen aus unserer  Mitte reißen, und es gelang ihm. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Dana sich selbst jemals verziehen hat, habe ich ihr niemals einen Vorwurf gemacht. Denn hätte diese Kugel nicht Melissa, sondern Dana getroffen, wäre „nur“ ein anderes Kind gestorben, der Verlust wäre aber derselbe geblieben. Und die Schuld trägt nicht Dana, sondern allein der Schütze. Und so mussten wir nicht nur ohne William, sondern auch ohne Missy weiterleben. Ich glaube, das Grausamste, was einer Mutter passieren kann, ist es, ein Kind zu Grabe tragen zu müssen. Es sollte andersherum sein, nicht so. Und heute bin ich davon überzeugt, dass sogar Melissa es so herum gewollt hätte. Sie war immer der Ansicht, dass Dana die Welt besser machen wollte und würde. Früher glaubte ich, sie meine damit Danas feurige Auseinandersetzungen mit Bill über Themen wie Mülltrennung, Umweltverschmutzung oder einfach nur ihren harten Kampf um die Anerkennung als FBI-Agentin in ihrer Familie. Nun aber glaube ich, dass Missy mit solchen und ähnlichen Äußerungen etwas ganz Anders im Sinn hatte. Manchmal machten mir ihre Vorahnungen, die ganzen Rituale und ihre stark ausgeprägte mystische Aura, wie sie es selbst immer nannte, Angst. Allerdings bin ich heute dazu bereit, zumindest ansatzweise daran zu glauben. Vielleicht ist es auch nur der Versuch einer Mutter, den Tod ihrer Tochter irgendwie besser zu verstehen; ich weiß es nicht.

Aber es gab auch freudige Momente, zum Beispiel die Hochzeit meines ältesten Sohnes. Tara heiratete in unsere Familie ein und bereicherte sie auf eine wunderbare Art und Weise. Doch schon zogen die nächsten Schatten auf. Auch dieses Mal fielen sie über Dana. Krebs, ein Gehirntumor, unheilbar. Eine präzise und zugleich grausame Diagnose. Und doch waren mir die Ausmaße nie ganz bekannt. Ich hatte keine Ahnung von den Gefahren, denen sich meine Tochter täglich als FBI-Agentin aussetzte, sie und auch Fox Mulder. Auch er wurde irgendwie zu einem Familienmitglied. Ich wusste und weiß noch bis heute nicht, in welche Dimensionen Dana und Fox auf ihrer Suche nach der Wahrheit vordrangen, oder in welchen Krieg sie täglich zogen. Doch meine Tochter gab nie auf, sie kämpfte und focht unerbitterlich, mit Fox an ihrer Seite.

Dann schenkten Bill und Tara mir mein erstes Enkelkind, Matthew. Auch ihm gehörte vom ersten Moment an meine bedingungslose Liebe. Mir wurde von Tag zu Tag bewusster, dass meine Kinder gar keine Kinder mehr waren, dass sie ihr eigenes Leben führten. Bill, Tara und Matty in San Diego, Dana und Fox in Washington, und Charlie in Europa. Und ich? Bei dieser Erkenntnis beschloss ich, dass mein Leben zu wertvoll ist, um nicht jeden Tag ganz und gar zu genießen, es einfach voll auszukosten. Und so lernte ich neue Menschen kennen, half auf Wohltätigkeitsbasaren und bereiste die Orte, die William und ich schon immer einmal sehen wollten, nie ohne meinen Mann als blinden Passagier in meinem Herzen. Ich teilte das Glück von Bills Familie, ließ mich von Charlies Abenteuern inspirieren und genoss das Leben in vollen Zügen. Nur Dana kapselte sich immer mehr von uns ab. Sie ist so dickköpfig und verschossen wie ihr Vater. Aber ich versuchte, mir so wenig Sorgen wie nur möglich zu machen, sie hatte ja schließlich Fox.

Und da gab es noch ein kleines Mädchen, Emily. Dana hatte uns damals nahezu verzweifelt zu überzeugen versucht, dass es sich bei dem kleinen blonden Mädchen um Melissas Kind handelte. Ich machte mir zu dieser Zeit sehr viele Sorgen um meine jüngste Tochter, da sie vor nicht allzu langer Zeit erfahren hatte, dass sie auf Grund ihrer früheren Entführung unfruchtbar ist. Und ich glaube, eine solche Diagnose ist für eine junge Frau ungeheuer grausam. Ich wusste, dass Dana zu dieser Zeit keine ernsthafte Kinderplanung hatte, doch man vermisst ja bekanntlich das am Meisten, von dem man weiß, dass man es nicht haben kann. Uns allen war irgendwie klar, dass sie sich bei Emily verzweifelt an einen winzigen Strohhalm zu klammern versuchte. Um so erstaunter waren wir dann über den ärztlichen Befund. Emily war tatsächlich mein Enkelkind, aber nicht Melissa war die Mutter, sondern Dana. Eine schier unglaubliche Tatsache. Doch schon wieder holte das Schicksal zu einem neuen Schlag aus und raubte Dana die wohl einzige Chance auf Mutterglück. Und abermals trafen wir uns alle bei einem Begräbnis. Ich hatte eine unfassbare Wut in meinem Inneren. Wie konnte es einen Gott geben, der immer und immer wieder zuließ, dass meine Lieben so verletzt wurden? Aber erst Danas verschlimmerter gesundheitlicher Zustand warf mich in eine ernsthafte Glaubenskrise. Wie konnte Gott das nur alles zulassen? Warum unternahm er nichts? Und während Fox Mulder und  ich drohten, an dem Unausweichlichen zu zerbrechen, bewies Dana abermals, mit welcher Stärke sie das Schicksal hinnahm.  Sie wurde zu meiner Konstanten. Ich kann es bis heute nicht verstehen. Woher nimmt meine zierliche Tochter all ihre Stärke, wie schafft sie es, dem Schicksal trotzig entgegenzutreten? Und dennoch blieb mir nichts, als hilflos zuzusehen, wie meine Kleine mir unter den Händen wegstarb. Nie werde ich den Anblick  ihres zerbrechlichen Körpers in ihrem viel zu groß wirkenden Krankenbett vergessen. Noch heute jagt mir der Gedanke daran einen eiskalten Schauer über den Rücken.

Und während ich mit Gott über mein Leiden haderte und mich gänzlich von ihm abwenden wollte, lernte ich etwas Neues kennen, ein Wunder. Denn Danas plötzliche Genesung würde ich mit keinem geringeren Wort bezeichnen. Fox hatte sie zurückgeholt, abermals. Und spätestens jetzt hatte er einen festen Platz in meinem Herzen eingenommen. Und durch ihn habe ich nicht nur meine Tochter wieder zurückgewonnen, sondern auch meinen Glauben an Gott. Wie Fox dieses Wunder bewerkstelligt hatte, liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft; es ist jedoch nicht halb so geheimnisvoll, wie sein Verhältnis zu meiner Tochter. Sie sprechen sich mit ihren Nachnamen an, diskutieren beruflich unaufhörlich miteinander und könnten in ihrem Glauben und  ihren Perspektiven kaum unterschiedlicher sein. Und trotzdem ist es nur schwer zu verstehen, wie unglaublich liebevoll sie in schweren Zeiten miteinander umgehen. Ich weiß nicht viel über Danas Kollegen, habe keine Ahnung, wie schwer seine Kindheit wirklich war, warum er sich für alle schlechten Ereignisse die Schuld gibt, oder was genau ihn so werden ließ, wie er heute ist. Aber jedesmal, wenn ich in seine traurigen haselnussbraunen Augen blickte, überkam mich mein Mutterinstinkt. Und manchmal, wenn ich die beiden beobachtete, erinnerten sie mich an ein lang verheiratetes Ehepaar. Ihre Art und Weise, ohne Worte miteinander zu kommunizieren, ließ mich an die wunderbaren Jahre mit meinem William denken. Ich erkannte ziemlich früh, was Dana und Fox füreinander empfanden. Doch wusste ich auch, wie tief ihre Zuneigung und Liebe in ihrem Inneren vergraben war. Dana war nie gut darin, ihre Gefühlswelt zu verbalisieren oder zum Ausdruck zu bringen, sie brauchte schon immer sehr lange, um ihre Gefühle für einen anderen Menschen auch nur sich selbst einzugestehen. Fox dagegen schien nicht den Mut aufzubringen, Dana mit seiner Liebe zu konfrontieren. Seine Angst vor Zurückweisung und die Befürchtung, Dana durch eine Beziehung noch mehr in Gefahr zu bringen, hielten ihn zurück. Manchmal verspürte ich ein irrsinniges Verlangen, die beiden zu packen, auf ein Sofa zu setzen und zu einem offenen Gespräch zu zwingen. Vielleicht hätte ich es tun sollen.

Fox alleine ist es zu verdanken, dass Dana noch unter uns weilt. Bill hingegen ließ kein gutes Haar an ihm. Zugegeben, der Gedanke, dass ein Stück Metall das Leben meiner Tochter retten sollte, war mir anfänglich mehr als nur unheimlich. Zudem wollte ich keine neue Hoffnung in mir aufkeimen lassen. Dieses Fünkchen verglühen zu sehen, hätte mich wohl zerbrechen lassen. Ich versuchte verbissen, diese Chance nicht als solche zu sehen, eher als einen verzweifelten Versuch eines gebrochenen Mannes, den ich ihm letztendlich nicht verwehen konnte. Innerlich wappnete ich mich bereits für das Schlimmste. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, jemanden urplötzlich zu verlieren, ohne Abschied nehmen zu können, oder aber genau zu wissen, wie der Krankheitsverlauf unausweichlich enden wird. Es war grausam, meiner Tochter beim Sterben zuzusehen, aber dennoch hatte ich die Chance, ihr noch all die Dinge zu sagen, die sie hören sollte. Sachen, die ich William und Melissa nicht mehr sagen konnte. Und während wir Scullys alle bereits Abschied von Dana nahmen, gab Fox Mulder niemals auf. Mit einer ungeheuren Kraft kämpfte er um ihr Leben. Und obwohl niemand glauben wollte, dass dieses Implantat irgend etwas bewirken konnte, so wurden wir alle vom Gegenteil überzeugt. Mein Baby erholte sich, der Tumor ging in Remission. Als ich das erfuhr, verbrachte ich die halbe Nacht in einer Kapelle. Dort fand ich meine Kraft, meine Hoffnung und auch meinen Weg zu Gott zurück. Und obwohl Fox weder katholisch noch gläubig ist, war er von dem Moment an neben meinen Kindern ein fester Bestandteil meiner allabendlichen Gebete. Irgendwie glaubte ich, dass Danas Beinahe-Tod die Beiden zusammenführen würde, doch dem war nicht so. Erst wesentlich später erklärte mir meine Tochter, dass sie mit ihrem Partner die Schwelle zwischen Freundschaft und Liebe überschritten hatte, dass sie sich endlich ihre Gefühle zueinander eingestanden und danach gehandelt hatten.

Doch vorher brachte mein jüngster Sohn, Charles, einiges an Aufregung und Verwirrung in die Familie. Er lebt bereits seit über acht Jahren in Großbritannien. Aus beruflichen Gründen wanderte er in jungen Jahren aus und lebte sich auf der Insel sehr schnell ein. Da er aber einen hochanspruchsvollen Beruf hat, und verbunden damit sehr wenig Zeit, sehen wir uns alle nur an Feiertagen. Oft brachte er seinen besten Freund, Martin Hall, mit in die Vereinigten Staaten. Wir alle mochten den sympathischen jungen Mann auf Anhieb. Er war ein sehr gerne gesehener Gast. Doch zum nach Danas Genesung folgenden Weihnachtsfest erschien Charlie ohne Martin. Das alleine war noch nicht erstaunlich, doch kurz darauf eröffnete mein Jüngster, dass Martin vor einigen Wochen gestorben war. Ein schwarzer Schleier fiel auf unser Weihnachtsfest, obwohl es doch ein wahres Fest der Geburt sein sollte; wir feierten Danas Überleben. Wir alle waren sehr erschüttert, kannten wir den fröhlichen und liebenswerten Martin doch auch schon seit einigen Jahren. Aber dies war nicht die einzige Botschaft, die uns Charlie an diesem Abend überbrachte. Er verkündete uns mit den traurigsten Augen, die ich je gesehen hatte, dass Martin nicht nur sein bester Freund, sondern auch sein Lebensgefährte gewesen war. Die Reaktionen hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können. Bills Entsetzten stand im Kontrast zu Taras einfacher und bedingungsloser Akzeptanz. Ich selbst war zutiefst erschüttert. Und das aus mehreren Gründen: Zum Einen hatte ich Martin wirklich sehr ins Herz geschlossen und betrauerte seinen Verlust, aber zum Anderen war ich sehr gekränkt. Nicht gekränkt, weil mein Sohn homosexuell war; vielmehr setzte mir zu, dass er mir dies nicht schon viel früher anvertraut hatte. Ich habe ihn nicht verurteilt, und heute tue ich das auch nicht. Er ist immerhin mein Sohn, und ich liebe ihn für das, was er ist, und nicht für das Geschlecht, das er liebt. Dana aber nahm ihren kleinen Bruder einfach in die Arme und spendete ihm Trost. Dieses Weihnachtsfest war wie kein anderes, bei Weitem nicht!

Die darauffolgenden Tage verbrachte meine Familie damit, Charlies Geständnis zu verarbeiten. Jeder für sich auf seine eigene Art und Weise. Bill, der Sturkopf, versuchte, seinem Bruder aus dem Weg zu gehen. Bei jeder Begegnung konnte ich deutlich sehen, wie sich sein Gesicht zu einer Grimasse verzog und sich seine Fäuste ballten. In diesem Moment fragte ich mich ganz ehrlich, was William und ich bei seiner Erziehung falsch gemacht haben. Wir haben unsere Kinder, so dachten wir zumindest, zu selbstständigen, toleranten und mitfühlenden Erwachsenen erzogen, alle wurden von uns gleich behandelt, und wir lehrten sie dieselben Werte. Aber alle Kinder sind verschieden. So haben wir die Regeln und die Pflichten den Kindern individuell angepasst. Nachdem Melissa wiederholt abends zu spät nach Hause kam, durfte sie nicht mehr so lange ausgehen, bis sie sich an die Uhrzeit hielt. Natürlich zeterte und beschwerte sie sich, aber wir sagten ihr stets, dass sie, wenn sie wie eine Erwachsene behandelt werden wollte, sich auch gefälligst wie eine zu benehmen habe. Wir hatten eine schwierige Zeit mit ihr. Nach unzähligen Streitereien, teils um Kleinigkeiten, teils um tiefgehende Vertrauensbrüche wie Unterschriftenfälschungen, brauchten wir lange, um unser Eltern-Tochter-Verhältnis wieder ins Lot zu bringen. Doch es gelang uns. Bei Dana dagegen war es völlig anders. Sie kam nie zu spät, und wenn sie aus irgendwelchen Gründen doch etwas länger brauchte, dann meldete sie sich immer. Sie war eine sehr gute Schülerin, doch ich machte mir auch oft Sorgen um sie, da sie viel mehr Zeit in ihrem Zimmer oder in der Bibliothek verbrachte als mit Freunden. Unsere zahlreichen Umzüge wurden von den Kindern sehr unterschiedlich verkraftet. Melissa war sehr anpassungsfähig. Sie brauchte keine Woche, um in einer neuen Stadt die ersten Freunde zu finden. Dana hingegen brauchte immer etwas länger, um das anfängliche Eis zu brechen. Ich vermute, deshalb war Melissa immer eine kleine Lady, die unzählige Freundinnen um sich herum scharte, und später eben Männer. Aber Dana war eher ein Tombboy. Sie kletterte auf Bäume, rettete verirrte Regenwürmer, päppelte junge Vögel auf und raufte sich mit ihrem älteren Bruder. Später steckte sie alle Energie in ihre Ausbildung. Sie wollte nicht nur ihren großen Bruder beeindrucken, der sie ständig wegen ihrer Größe oder aus anderen Gründen ärgerte; ganz besonders wollte sie ihrem Daddy gefallen. Was die Mädchen angeht, so stand immer fest, dass Dana Williams Liebling war. Er nannte sie Starbuck, während er ihr Ahab war. Die Bindung zwischen den beiden war die intensivste in unserer Familie. Auch wenn ich wusste, dass Dana ihn über alles liebte, so war ich auf ihre einzigartige Beziehung niemals eifersüchtig. Ich hatte vier Kinder, und ich liebte alle gleich, wenn auch jeden auf eine andere Art und Weise. Bill, der seine Rolle als ältester Sohn sehr ernst nahm, tat auch alles, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Oftmals war es sehr schwer, mit ihm auszukommen. Er hatte oft die Vorstellung, seinen Geschwistern gegenüber etwas Besseres zu sein. In seiner Teenagerzeit hasste er es abgrundtief, dass ihm seine Baby-Schwester Dana überall hin folgen wollte. Er versuchte, sie durch einige teilweise auch sehr gefährliche Aktionen abzuhängen. Als die ganze Familie stundenlang eine verlorengegangene Achtjährige suchen musste, änderte sich sein Verhalten schlagartig. Von seinem schlechten Gewissen getrieben, versuchte er nie wieder, Dana loszuwerden. Sie hingegen respektierte daraufhin, wenn er ihr manchmal sagte, dass er sie nicht mitnehmen könne. Und obwohl sie sich oft stritten, so konnte ich doch einmal beobachten, wie fieberhaft Bill seine kleine Schwester bei einer Auseinandersetzung mit seinen Freunden verteidigte. Und unser Kleinster, Charlie, war mein Liebling. Vielleicht auch nur, weil seine größeren Geschwister viel unterwegs waren, während er daheim bei mir bleiben musste. Es liegen immerhin vier Jahre zwischen Dana und ihm. Er war unser Sonnenschein. Später schaffte er es, das saubere Haus innerhalb von Sekunden in ein Schlachtfeld zu verwandeln, und seine frechen Antworten überboten bei Weitem Melissas. Dennoch konnte ihm keiner richtig böse sein. Wegen keinem unserer Kinder wurden William und ich so oft zu außerplanmäßigen Lehrer-Eltern-Gesprächen eingeladen wie wegen Charles.

Aber jedes der Kinder machte seinen eigenen Weg. Und wir waren auf alle Erfolge sehr stolz. Bill, der so eifrig die Karriere seines Vaters verfolgte, und der bei Williams Abwesenheit nur zu gerne in die Rolle des männlichen Beschützers schlüpfte; Melissa, die zwar das College abbrach, aber einen eigenen New-Age-Laden führte und für ihre Ideale liebte und lebte; Dana, die trotz aller Widrigkeiten alle Steine zur Seite räumte, um sich ihren Traum von einem Medizinstudium und später von einer Karriere als FBI-Agentin zu verwirklichen, auch wenn William sich für sie eine Zukunft als Ärztin erhofft hatte; und Charlie, der mutig genug war, um für seinen Traumjob seine Heimat zurückzulassen, und der mit allen Konsequenzen sein Ziel erreichte. Einige von ihnen, besonders Dana, glaubten, ihr Dad würde ihre Entscheidungen nicht billigen. Das mochte vielleicht bei der einen oder anderen Sache zutreffen, aber dennoch war William auf jeden einzelnen stolz und stand hinter ihnen, egal zu welchem Weg sie sich auch entschlossen hatten. Und mir ging es ähnlich. Kurz, ich habe die großartigsten Kinder, die sich eine Mutter wünschen kann. Ja, jedes von ihnen hat seine Fehler und Ticks, aber sie alle sind großartige Menschen.

Und deshalb schaffte es auch Bill, mit einem kleinen Denkanstoß von Dana und dank der energischen Zurede seiner Frau, seinen Bruder so zu akzeptieren, wie er nun einmal ist. Im Prinzip war Charlies Outing vielleicht ein weiterer Meilenstein, der meine kleine Familie nur fester zusammenschweißte. Dieser Zwischenfall schaffte es auch, die Kluft zwischen Bill und Dana, die auf Grund ihrer Erkrankung und wegen Mulder entstanden war, etwas zu verkleinern. Ich glaube, William und Melissa wären stolz auf uns! Auf jeden Einzelnen!

Es sollte in Bezug auf Dana nicht nur bei einem Wunder bleiben. Gott fand eine wundervolle Weise, meine Kleine für all das zu entschädigen, was ihr während der Arbeit für das Federal Bureau of Investigation zugestoßen war. Es war mir durchaus bewusst, dass ihr Job gefährlich und unberechenbar ist. Sie hatte es nicht mit Sonntagsschülern, sondern mit Kriminellen zu tun. Es waren Mörder, Vergewaltiger und alle Formen der menschlichen Abgründe, die man sich vorstellen konnte. Und Fox‘ und Danas Arbeit an den X Akten, deren wahre Dimensionen für alle Außenstehenden nicht zu ermessen sind, erweiterten das Grauen noch um einige Nuancen. Zu oft befanden sich die Beiden in Lebensgefahr. Und ich weiß sehr wohl, dass nur ein Bruchteil der Ereignisse je mein Ohr erreicht hat. Ob ich darüber bekümmert sein soll, weil ich nicht wusste, wann genau ich um meine Tochter bangen musste, oder erleichtert, weil mich diese Unwissenheit vor Kummer und Sorgen beschützt hat, kann ich nicht sagen. Eine lang vergangene Konfrontation zwischen Dana und Fox hatte sich damals tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Danas Misstrauen und auch ihre Angst, ihren Gesichtsaudruck und die auf ihren Partner gerichtete Waffe, all das werde ich wohl nie wieder vergessen. Vielleicht sollte ich dankbar sein, dass ich nie genau wusste, welchen Kampf die beiden Agenten Tag ein und Tag aus führen mussten.

Die genauen Begebenheiten und Umstände eines Besuches meiner tränenüberstömten und verwirrten Tochter vor knapp 3 Jahren kannte ich nicht, doch ihr Erscheinungsbild ließ mein Herz beinahe zerbrechen. Es brauchte schon viel, um die toughe und couragierte Dana Scully hemmungslos zum Weinen zu bringen, und ich fürchtete mich vor der Erklärung für diesen Ausbruch. Die grausamsten Schreckensszenarien schossen mir durch den Kopf, und ich musste mich mühsam zur Ruhe zwingen. Da Dana zu aufgelöst für eine Unterhaltung war, bereitete ich ihr einen Tee zu und packte sie, in eine warme Wolldecke eingewickelt, auf meine Couch. Plötzlich war sie wieder das kleine Mädchen von früher, und ich nahm sie in meine Arme und versuchte, sie nach bestem Vermögen zu trösten. Sie brauchte lange, um sich so weit zu sammeln, dass sie mit mir sprechen konnte. Mit großen, traurigen Augen eröffnete sie mir, dass Mulder verschwunden sei. Entführt. Bilder ihrer eigenen Entführung drängten sich durch mein Unterbewusstsein nach oben und durchfluteten mich. Ich spürte, wie sich die ersten Tränen in meinen Augen zu sammeln begannen. Würde das alles denn niemals aufhören? Aber ich kam gar nicht erst dazu, irgendwelche Gedanken in Worte zu fassen, denn Dana fuhr nach langem Zögern fort. In ihrer Stimme schwangen Entsetzen, Verzweiflung, Ungläubigkeit aber auch Verwunderung mit. Als sie sprach, hatte sie ihren Blick starr auf die Karos ihrer Decke geheftet, die zitternden Finger verzweifelt in dem warmen Stoff vergraben. Sie sagte: „Mom, ich bin schwanger!“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Tausende von Fragen irrten in meinem Kopf umher, doch ich war zu geschockt, um sie zu verbalisieren: Was genau ist mit Fox geschehen? Du bist SCHWANGER? Stumm griff ich nach Danas Hand, die eiskalt und klamm die meine umklammerte. Dann erzählte sie mir stockend ihre und Fox Mulders Geschichte. Wahrscheinlich die zensierte Version. Ab und zu brach sie ab, um sich die ständig neu aufsteigenden Tränen zu trocknen. Sie waren seit einigen Monaten ein Paar. Sie hatten es endlich geschafft! Ich erfuhr von ihrem Fall in Oregon; von Danas schlechter gesundheitlicher Verfassung, die keiner von ihnen mit einer Schwangerschaft in Verbindung brachte; von Mulders Versuch, meine Tochter zu schützen, der ihn selbst in Gefahr gebracht hatte; von Danas Verzweiflung, den wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren zu haben; von der Befürchtung, ihn vielleicht niemals wiederzusehen und von der an ein Wunder grenzenden Schwangerschaft. Mein Baby war schwanger. Eine Frau, die das Opfer eines Komplottes auf Regierungsebene war und als unfruchtbar galt, würde in etwa acht Monaten ein Baby zur Welt bringen. Mein zweites Enkelkind! Von diesem Moment an begann eine schwere Zeit. Danas unaufhörliche Suche nach ihrem Partner und dem Vater ihres ungeborenen Kindes zehrte mehr an ihren Kräften, als sie es sich je eingestehen würde. Die Angst, dass dieses Kind nicht „normal“ war, hing dunkel und unheilvoll über den Häuptern meiner Familie. Doch zum Zusammenbrechen brachte sie erst der Tod von Fox. Wir alle waren geschockt. Ich glaube, einzig und allein das Wissen um das kleine Wesen in ihrem Inneren hielt Dana danach noch aufrecht. Ich machte mir unendliche Sorgen und befürchtete, dass sie jetzt ihre eigene Gesundheit und die des Kindes vernachlässigen würde. Ich zog vorläufig bei ihr ein und kümmerte mich so weit um Dana, wie sie es zuließ. Mechanisch und total von den Vorgängen um sich herum abgekapselt, drohte sie an Fox Mulders Tod zu zerbrechen. Und dann geschah das, was sich Dana am meisten wünschte, und was die Anderen nicht für möglich hielten: Fox Mulder stand von den Toten auf, so unglaublich und unmöglich das auch klingen mag. Und mit ihm begann auch Dana wieder zu leben. Doch diese ganze Angelegenheit war alles andere als ausgestanden. Dana und ihr Baby waren in Gefahr und ich spürte eine ohnmächtige Wut und Angst in mir. Ich hatte wieder einmal erkannt, dass ich nichts für sie tun konnte, außer ihr meine uneingeschränkte Unterstützung und all meine Liebe entgegen zu bringen. Wir alle standen während Danas Schwangerschaft tausend Ängste und Sorgen aus. Auch Danas Beharrlichkeit, das Geschlecht des Kindes erst bei der Geburt wissen zu wollen, brachte mich schier zur Verzweiflung. Zugegebenermaßen war ich mehr als nur ein wenig neugierig, und im Nachhinein habe ich wohl mit meinem mütterlichen Geglucke etwas übertrieben. Aber was zählte, war die gute Absicht. Gemeinsam trotzten wir allen Gefahren, und so brachte Dana ihren kleinen Sohn William zur Welt. Unter sehr ungewöhnlichen Umständen, aber ein Wunder bleibt eben immer ein Wunder. Doch die neue kleine Familie kam nicht zur Ruhe. Fox musste untertauchen, um das Wohlergehen von Dana und William sicherzustellen. Abermals brach eine schwere Zeit über uns ein.

Charlie, wieder in England, kam zurück und blieb einige Wochen bei mir. Gemeinsam passten wir auf meinen kleinen Enkel auf. Doch er konnte nicht ewig bleiben und flog im darauffolgenden Monat wieder zurück. Ich weiß, er hätte gerne mehr Unterstützung angeboten, doch weder Dana noch ich wollten, dass er seinen Beruf, für den er so lange und hart gearbeitet hatte, gefährdete. Wir beide wussten, wie ungern er zurückkehrte, doch er sah es schließlich ein. Bill, der mehr auf See als bei seiner Familie war, telefonierte trotzdem regelmäßig mit seiner Schwester. Insgeheim hatte ich eigentlich Vorwürfe von ihm erwartet. Und ein: „Ich habe dir doch gleich gesagt, dieser Mulder taugt nichts!“ Aber er hielt sich zurück. Vielleicht lag es an meiner Drohung ihm gegenüber, oder Tara hatte etwas damit zu tun, dass er sich bedeckt hielt. Ich hatte ihm klargemacht, dass sich Dana das alles nicht ausgesucht hatte, und dass es wichtiger war, für sie da zu sein, als ihr noch mehr Kummer zu bereiten. Ich war über seine Zurückhaltung unsagbar erleichtert.

Trotz Allem war Dana später gezwungen, das Unvorstellbarste zu tun, was eine Mutter nur tun kann. Sie gab William auf, um ihn zu schützen und ihm eine sichere und unbeschwerte Zukunft zu ermöglichen. Viele Mütter können eine solche Entscheidung wahrscheinlich nicht verstehen oder nachvollziehen, einige werden sie sogar verurteilen; ich aber weiß, dass das, was Dana für William getan hat, ihr größtes Opfer überhaupt darstellte. Seine Adoption kostete Dana alles: Die Chance, endlich ihr Mutterglück frei und ungezwungen zu erleben, das Privileg, ihren Sohn aufwachsen zu sehen. Und dennoch hatte sie selbstlos und nur zum Wohle ihres Kindes gehandelt. Ich weiß, dass die Leere in Danas Herzen in diesem Augenblick um einen bedeutenden Teil größer wurde, dass sie Angst vor Fox Mulders Reaktion darauf hatte, dass sie sich nachts in den Schlaf weinte. Ihre Seele wurde an diesem schweren Tag einen Schritt weiter an den Abgrund getrieben. Ihre trüben Augen, die einen nicht wie sonst azurblau anfunkelten, waren beinahe nicht zu ertragen. Ich weiß nicht, ob ich mich zu einer so schwerwiegenden und auch tragischen Aufgabe eines Kindes hätte durchringen können. Wahrscheinlich nicht. Nicht stark genug, und gewiss nicht annähernd so mutig bin ich in meinen Augen. Aber zu viel hatte bereits an Danas Kräften gezehrt, zu viele Katastrophen in viel zu kurzer Zeit. Jeder Mensch hat seine unüberbrückbare Schmerzgrenze, und dieser Schritt, dieser letzte Schicksalsschlag, hatte Dana direkt an die äußerste Stelle der Schlucht geführt. Sie hatte alles verloren: Mulder, ihren gemeinsamen Sohn, ihren Seelenfrieden und ihre Selbstachtung. Sicher, sie wusste, dass sie ihrem Sohn mit der Adoption ein sicheres Leben ermöglichen wollte, dennoch war es in ihren Augen ein Verrat. Ich spürte Danas ohnmächtige Wut, nicht fähig zu sein, ihr eigenes Kind zu schützen. Aus Gram und Selbstvorwürfen verbannte sie alles, was Erinnerungen an ihr verlorenes Baby hervorbringen konnte, aus ihrer Reichweite. Sie hatte alles, was William gehört hatte, zu mir gebracht. Sorgfältig in Kisten und Kartons verstaut, habe ich Williams Andenken auf meinem Dachboden bewahrt. Sie wollte sie erst dann sehen, wenn die Schmerzen des Verlustes nicht mehr allgegenwärtig und alles verzehrend wären. Doch dazu kam es traurigerweise nie. Die Kisten ruhen noch immer unberührt dort oben. Doch die Erinnerungen an meinen Enkel werden niemals verblassen, das werde ich nicht zulassen. Aber nicht nur Williams Dinge liegen dort, auch Danas. Aber ich bezweifle, dass sie sie jemals abholen kommen kann oder wird. Kurz nach der Adoption tauchte Fox wieder auf. Ihm wurde ein Mord angelastet, und ihm drohte die Todesstrafe. Dana und ihre Kollegen kämpften wie Tiger um ihn, vergebens. Er sollte sterben. Und alles, was er wusste, und womit er die Schattenregierung belasten konnte, mit ihm. Ihren couragierten Kollegen ist es zu verdanken, dass es nicht zur Vollsteckung des Urteiles kam. Sie ermöglichten Fox die Flucht ins Ungewisse, und wie nicht anders zu erwarten, begleitete meine Tochter ihn. Ich hatte keine Chance mehr, mich von Dana oder Fox zu verabschieden. Sie sind einfach so aus meinem Leben verschwunden, wie William - mein Mann, Melissa und mein Enkelkind. Die Ungewissheit, ob sie überhaupt noch leben und ob es ihnen gut geht, hat mir zahlreiche schlaflose Nächte eingebracht. Das Ganze ist jetzt schon ein Jahr her. Ein Jahr voller Hoffen und Bangen. Bei jedem Klingeln des Telefons keimt in mir die Hoffnung auf, dass es Dana sein könnte. Bei jeder E-Mail, deren Absender ich nicht gleich zuordnen kann, bete ich, dass sie von ihnen stammt. Bill hält mich für verrückt, und Charlie verbringt jede freie Minute mit Recherche. Bis jetzt ergebnislos.

Doch heute Morgen wurde mein innigster Wunsch erfüllt. Ein Lebenszeichen. Ein einfacher weißer Umschlag. Meine Adresse fein säuberlich mit einer fremden Handschrift darauf geschrieben. Kein Absender. Eine kanadische Briefmarke; darauf, Moby Dick. Kalte Schauer laufen mir über den Rücken und meine Nackenhaare richten sich auf, während ich mit zittrigen Händen den Umschlag öffne. Kein Brief, nicht ein geschriebenes Wort. Aber was im Umschlag steckt, ist viel aussagekräftiger als tausend Worte. Es ist so einfach und verständlich, und doch so unglaublich und wundervoll. In meiner Hand halte ich ein schwarzes Foto. Nicht irgendein Foto. Es ist tatsächlich ein Lebenszeichen. Und nicht nur das von Dana und Fox, nein, es zeigt ein neues, noch winzig kleines Leben. Freudentränen mischen sich mit denen purer Erleichterung. Sie leben! Und nicht nur das, sie haben etwas Atemberaubendes und Großartiges geschaffen!

Und urplötzlich überkommt mich das Wissen, dass es sich bei diesem ungeborenen Wesen um eine Art Wiedergutmachung Gottes handeln muss. Nein, es wird niemals den Platz von William, Melissa, der kleinen Emily oder Danas schweren Herzens aufgegebenem Sohn William einnehmen; das soll es auch nicht. Auch kann das Kleine nicht all das Unrecht gut machen, das Dana und Fox während ihrer Jahre beim FBI und bei den X-Akten widerfahren ist, aber es ist Gottes Geschenk und Sein Wunsch. Dieses Baby ist ein Neuanfang. Und obwohl ich bezweifle, dass ich diese kleine Familie je wiedersehen werde, so weiß ich doch, dass sie einander haben. Dass dieses kleine Geschöpf ihnen helfen wird, über all ihre Verluste hinwegzukommen. Dana wird wieder Mutter werden. Eine Frau, die für unfruchtbar erklärt wurde, wird in Kürze ihr zweites Baby auf die Welt bringen. Dieser Gedanke macht mich unsagbar glücklich. Vielleicht, weil ich gerade Dana ein zweites Mutterglück gewünscht habe, oder aber, weil ein neues Enkelkind einen festen Platz in meinem Herzen einnehmen wird, auch wenn ich es niemals kennen lernen und damit meine Trauer um meine persönlichen Verluste mildern werde. William und Melissa werden in mir immer weiterleben, sie sind jeden Tag in meinem Haus zugegen, sie leben in meinen Gedanken, in ihren Geschwistern, und in all den Dingen, die mich an sie erinnern und ein Lächeln auf mein Gesicht zaubern. Ich habe gelernt, nicht den Schmerz über ihren Tod, sondern die wunderbaren und unvergesslichen Momente ihres Lebens in den Vordergrund zu stellen. In einigen Situationen frage ich mich, was sie wohl dazu zu sagen hätten, und wenn ich sie in meinem Inneren mit mir diskutieren höre, dann durchflutet mich ein Glücksgefühl. Auch wenn sie nicht mehr unter uns weilen, ihre Seelen sind unsterblich und ihre Erinnerungen leben immer weiter. Mit dieser Einstellung habe ich auch gelernt, Dana und Fox ziehen zu lassen. Nur, dass ich ab heute weiß, dass sie noch am Leben sind. Ein rundum zufriedenes Gefühl erfüllt mein Herz. Ja, es war nicht immer einfach in meinem Leben, aber ich habe gelebt! Ich habe es mit einem wunderbaren Ehegatten, vier unglaublich tollen Kindern und 3 Enkeln geteilt. Jeder von ihnen ist seinen Weg gegangen, und kamen auch oft Stürme auf, so sind wir doch alle unbeirrbar hindurchgeschritten und stärker als je zuvor daraus hervorgegangen. Der Stolz, den nur eine Mutter empfinden kann, nimmt von mir Besitz. Zärtlich fahre ich über das leblose Bild, und dennoch spüre ich, wie nah ich meiner Dana in diesem Moment bin. Ein wahrlich atemberaubendes Gefühl. Ja, es gab nicht immer Sonnenschein, aber hätte ich heute die Chance, mein Leben noch einmal zu leben, so würde ich meinen Weg bis auf einige kleine Umwege genauso nehmen, wie ich es bereits getan habe. Ich hätte mich gerne von Melissa und William verabschiedet. Aber tief in meinem Innersten weiß ich, dass ich ihnen nicht hätte sagen müssen, wie sehr ich sie liebe, denn sie wussten es, ebenso wie ich mir ihrer Liebe bis heute sicher bin. Das Leben ist nicht einfach, aber es ist lebenswert. Viele Dinge geschehen, ohne dass wir ihren Sinn verstehen, oft beherrschen uns düstere Gedanken und eine ohnmächtige Hilflosigkeit, aber dann gibt es auch Momente des wahren Glücks, in denen man die ganze Welt umarmen möchte. Das menschliche Wesen ist so vielschichtig wie die Wege des Herrn unergründlich sind. Die Menschen werden den höheren Sinn ihres Daseins wohl nie ganz verstehen, aber sie sollten wenigstens ihr Leben auf Erden in vollen Zügen genießen und nach den Sternen greifen. Denn jeder Tag könnte der letzte sein. So ist das Leben – C’est la vie!

The End
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