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Parabatai

von Potterelf
GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P6 / Gen
Jem Carstairs Will Herondale
20.08.2015
20.08.2015
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20.08.2015 1.662
 
Einer kleiner Willjem Oneshot. Ich les grad die Bücher und musste einfach mal eine traurige Szene so aufschreiben, wie ich sie mir vorstelle.

Hoffe euch gefällts und lasst euch die Stimmung damit nicht verderben!

Viel Spaß :)

Ps: der Spruch auf dem Stein ist im Originalen auf einer alten englischen Version, den mir nichtmal ein Engländer vollständig übersetzten konnte, deswegen falls jemand den anders kennt: da gibts viele Übersetzungen, aber diese erschien mir als am besten.
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Jem starrte vor sich. So viele Jahre waren vergangen, seit Wills Tod.
So viele Male hatte er hier gestanden, allein und in Einsamkeit. Man hatte ihm gesagt, ja, sogar er hatte sich gesagt, irgendwann ließe der Schmerz nach, irgendwann würde er darüber hinwegkommen, irgendwann würde er sich daran gewöhnen allein zu sein und diese Leere zu spüren, die von seinem verblassten Runenmal ausging. Doch es war nicht so.
Klar, die Trauer über Wills Verlust war weniger geworden und James hatte gelernt damit zu leben, aber verschwunden war der Schmerz nie.

Jem besuchte das Grab seines Freundes öfter, aber an Tagen wie diesen war es besonders schlimm. Heute war Williams Geburtstag.
Es spendete ihm Trost, dass Will eines natürlichen Todes gestorben war, aber dennoch hatte es Jem härter getroffen, als er erwartet hätte.
Es musste so sein, es musste so kommen, dass wusste Jem.
Und er hoffte eines Tages es nicht nur zu wissen, sondern es auch zu verstehen.

Doch es war ein Licht in das Leben des Carstairs gekommen:
Theresa Gray.
Seit seinem Übergang zu den Stillen Brüdern, aufgrund seiner Krankheit, hatte er sie nicht mehr gesehen, hatte sie nicht sehen dürfen...
Aber jetzt war James wieder Jem und nicht Bruder Zachariah. Er war wieder ein Mensch. Doch jetzt war er allein, da all seine Gefühle wieder hochkamen, die er als Stiller Bruder unterdrückt hatte.
Nur Tessa war noch da, der Rest war früher oder später vom Tod eingeholt worden.
Und sie konnte ihn verstehen, denn sie spürte das Gleiche.
Sie war ein Licht am Ende des Tunnels, etwas woran er sich festhalten konnte, wenn auch nicht so wie er gerne wollte.

Er kniete sich hin, die braune Erde knirschte unter seinen Schuhen, und legte eine Hand auf einen kleinen, ovalen Stein.

Es war ein bewölkter Tag, die Sonne war nirgends zu sehen und die Temperaturen hielten sich in Grenzen.

Jem befand sich auf dem Herondale-Anwesen. Dort hatten man ein Grab für William anrichten lassen.
Natürlich war er wie jeder Schattenjäger verbrannt worden und man hatte die Asche in die Stadt der Stille gebracht, das Grab war nur symbolisch. Trotzdem kam Jem hierher, wenn er bei seinem Parabatai sein wollte...

Er nahm den Stein in die Hand und drehte ihn. Er fühlte sich kalt an.
Er war etwa faustgroß, platt und Ei-förmig.
Auf der Vorderseite war ein Spruch eingraviert worden und auf der Rückseite stand:
"Ich bin bei dir, mein Bruder. -Jem"
James drehte den Stein weiter und las wieder und wieder die Gravur:
"Wohin du gehst, werde ich gehen. Wo du stirbst, werde ich sterben und da werde ich begraben werden. So, sagte es mir der Engel und nichts, nichtmal der Tod, trennt dich und mich."

Diesen Stein hatte Jem vor langem anfertigen lassen und dann auf Wills Grab gelegt. Immer wenn er das Grab besuchte, nahm er den Stein in die Hand, las die Gravierung und legte ihn an seine Stelle zurück.

Das Grab wurde regelmäßig gepflegt, um William Herondale in Ehren zu halten:
Der weißgraue Grabstein aus Mamor thronte am Ende des rechteckigen Grabes.
Kleine Steine umrandeten die Fläche und in der Mitte prangte ein frischer Blumenstrauß.
Der Grabstein besaß oben eine Wölbung und war aalglatt.
Unter Williams vollem Namen und seinem Geburts- und Todestag zeichnete der Erzengel Raziel sich ab. Mit ausgestreckten Schwingen stieg er aus dem See empor, das Engelsschwert in der Hand.
- Es war die typische Zeichnung, die überall bei den Schattenjägern zu sehen war.

Unter dem Abbild des Erzengels stand eine letzte Widmung, die Tessa verfasst hatte.

All dies betrachtete Jem intensiv und studierte es immer wieder, bevor er sich vorsichtig ins Gras setzte.
Ein paar Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolkendecke und James reckte sein Gesicht gen Himmel.
Er trug eine normale Schattenjäger Hose, in schwarz. Aber oben rum hatte er das Oberteil der Trauerkleidung an: eine weiße Bluse und darüber ein weißes Jacket. Auf die Runen der Trauer und des Todes, die zu den Begräbnissen immer in silber auf den Armen der Schattenjägern prangten, hatte er verzichtet.
Will war schon verbrannt und begraben worden. Nur das obere Teil der Trauerkleidung hatte er aus Sentimentalität an, immer wenn William Geburtstag hatte.
Und dieses Jahr hatte er noch etwas gemacht:
Er hatte seine Parabatai Rune mit dem Silber der Trauer Runen nachgemalt.
Als er dies getan hatte und mit der Stele die geschwungenen Linien nachgezeichnet hatte, hatte er den Schmerz wieder gespürt, als sei es gerade gewesen.

Jeder wusste, was die Parabatai Rune mit sich brachte. Jeder wusste das dadurch die beiden Menschen miteinander verbunden waren, für immer. Und auch jeder wusste, dass, wenn einer der beiden starb, auch ein kleiner Teil von dem noch lebenden sterben würde.
Doch niemals hätte Jem es sich so vorgestellt:
In dem Moment als Will gestorben war, hatte es sich für seinen Freund angefühlt als würde es ihn verbrennen. Ausgegangen war der Schmerz von der Rune. Ein kleines Stechen, am Anfang. Dann ein brennender Schmerz, der sich durch den Körper zog und letztendlich das Gefühl, man würde ihm das Herz heraus reißen. Jem war auf die Knie gefallen und hatte sich krümmen müssen. Er hatte auf dem Boden gelegen und die Schmerzen ertragen, dieses Gefühl dass jemand etwas aus deinem Körper brutal heraus zieht.
Dann war das Band zwischen den beiden endgültig gerissen und das Leiden hörte auf.
Aber Jem erinnerte sich, dass das danach nicht viel besser gewesen war. Er hatte auf dem Boden gelegen, reglos, und eine unendliche Leere hatte sich in ihm ausgebreitet, begleitet von tiefer Trauer.
Diese Leere verschwand aber nicht ein paar Minuten später wieder, - wie der Schmerz, sondern hielt ewig an.

Jem war tapfer. Jem war niemand der rumnörgelte, sich in den Mittelpunkt spielte oder ein Drama aus allem machte, deswegen hatte er seine Gefühle für sich behalten. Hatte niemandem erzählt wie qualvoll es war, nicht nur einen Freund zu verlieren, sondern auch einen Teil von sich selbst. Will war seine zweite Hälfte gewesen und immer Nachts, wenn Jem alleine war, hatte er aufgehört zu unterdrücken was er fühlte.
Er wusste, dass sich alles bessern würde und er hatte auch niemals darüber nachgedacht sich selbst das Leben zu nehmen, aber in diesen einsamen Nächten hatte er sich oft gewünscht Tod zu sein. Oder an Wills Stelle, und Will am Leben. Andererseits hatte er dann darüber nachgedacht was schlimmer war.
Lieber leidete er selbst die Schmerzen und lies William in Frieden ruhen, als dass er es seinem Freund aufbürden würde, mit diesen überwältigenden Gefühlen klar zu kommen.
Mit der Zeit hatte er den Entschluss gefasst, dass diejenigen die tot waren, viel besser dran waren. Leiden mussten die Personen, die einen Verlust zu beklagen hatten, diejenigen die noch lebten.

Nun, jetzt fühlte er nicht mehr so. Er hatte die Freuden am Leben wieder entdeckt.
Aber als Stiller Bruder, waren die Qualen furchtbar gewesen. Stiller Bruder hin oder her. Er hatte Will trotzdem geliebt und seinen Tod genauso bedauert wie als Schattenjäger.

Und jetzt stand er an Wills Grab, wieder als Mensch. Wieder fähig alles zu fühlen. Wieder fähig sich an alles uneingeschränkt zu erinnern.

Er wendete seine Aufmerksamkeit wieder Wills grab, vor dem er hockte und begann stockend zu reden. Natürlich könnte sein Parabatai ihn nicht hören, aber das machte nichts.

"William...Will!
Ich wurde geheilt. Wie, ist eine komplizierte Geschichte, aber ich weiß dass du dir immer  Sorgen um mich gemacht hast. Das musst du jetzt nicht mehr!"

Seine Stimme klang heiser und er atmete Schwer.

"Aber ich vermisse dich! Jeden Tag fehlst du mir und ich hätte niemals gedacht, dass du... dass du vor mit stirbst."

Er zupfte etwas Gras aus dem Boden und lachte leise.

"Weißt du noch? Die Kannibalen-Enten? Ich musste neulich daran denken, denn Jace Herondale, ja, Herondale, hasst Enten...
Jace ist wie du, Will. Alles an seinem Charakter erinnert mich an dich. Immerhin ist er auch dein Nachfahre. Aber es schmerzt mich ihn zu sehen...
Alles was ich sehe, was ich erlebe... Ständig denke ich: ja, dass hätte Will gefallen. Und das hätte er so gemacht oder so würde er auch denken.
Ich kann mir einfach immer noch nicht vorstellen, dass jemand wie du... dass Will Herondale, sterben kann.
Das es irgendetwas gibt, was dich in deine Schranken einweist, hätte ich nie für möglich gehalten. Und dann einfach so, wurdest du von der Zeit eingeholt..."

James schaute wieder zu den Wolken und machte eine Pause. Dann fuhr er fort:

"Tessa ist hier, in Alicante. Ich freue mich sie wieder zu sehen. Aber immer wenn ich an sie denke versetzt es mir einen Stich...
Sie hat sehr lange um dich getrauert... Wir alle!

Ich wünschte du, und Charlotte und Henry und Jessamnie und auch Sophie, könnten die Schattenjäger heute sehen. Es würde dir gefallen!"

Der Carstairs drehte sich um und seufzte.

"Ich muss los, Will! Gleich ist eine Ratssitzung...
Aber ich werde wieder kommen. Spätestens an deinem Todestag.
-Und Will, ich denke immer an dich. Niemand hat dich vergessen!
Ich werde für dich auf Tessa aufpassen!"

Somit stand James auf und warf einen letzten Blick auf die Grabstätte. Dann lief er langsam durch den Garten. Jem atmete die frische Luft tief ein und aus. Der Himmel hatte sich wieder zugezogen und Gewitterwolken waren zu sehen... Es war ihm schwer ums Herz. Schließlich drehte sich ein paar Meter weiter noch einmal um.

"Ich weiß, dass man dir anderes gesagt haben wird. Aber ich habe dich immer geliebt, Will. Auch noch als Stiller Bruder und auch noch heute."
 
 
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