тʀᴀᴅıɴɢ мʏ тσмσʀʀσωs ғσʀ σɴᴇ ʏᴇsтᴇʀᴅᴀʏ

GeschichteAngst, Sci-Fi / P18 Slash
Azezel Black King / (Doktor) Sebastian Hiram Shaw "Klaus Schmidt" Juggernaut / Cain Marko Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier Wolverine
19.08.2015
19.08.2015
1
10.229
2
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
19.08.2015 10.229
 
⚙ ⚙ ⚙



Charles hatte gelernt zu lächeln, auch wenn ihm nicht danach war. Er hatte gelernt, wie man richtige Lügen erzählte und jeder einem glaubte. Oh, er konnte so gut lügen. Seine Schwester hatte immer gesagt, dass er ein Gesicht wie ein Engel hatte und eine Zunge wie ein Dämon. Was sie nicht gewusst hatte war, dass er das auch hatte haben müssen. Er hatte sie beschützt, so gut er gekonnt hatte, aber für sich selbst hatte es selten gereicht. Seine Familie war vieles, nur nicht gut gewesen und wenn er schon die schlimmen Seiten abbekommen musste, so wollte er wenigstens Raven davor retten.  

Körperlich war er nie eindrucksvoll gewesen, aber seine Worte hatten schon immer mehr vermocht, als man meinen wollte.

Es hatte ihm geholfen zu lernen. Zu lernen, dass man eben lügen musste, um weiter zu kommen, um am Leben zu bleiben und gerade machte er wieder genau das. Lügen. In die Gesichter von Millionen von Menschen, die vor ihren Fernsehern saßen und sein Gesicht in Nahaufnahme sahen. In seine blauen Augen starrten und an jedem Wort hingen, die aus seinem roten Mund kam.

„... unsere Kriegsanzüge haben den Krieg zum kippen gebracht“, log er schamlos in die Kamera, ein kleines Zucken seiner Mundwinkel verriet ihn vielleicht dem besonders aufmerksamen Zuschauer... Aber niemand war so aufmerksam.

Die Kriegsanzüge hatten nichts zum Kippen gebracht, sie hatten nur den Tod der menschlichen Rasse verlangsamt. Er wusste es, Hank, der Entwickler, wusste es. Sie alle wussten es und doch steckten sie für jeden Kampf mehr und mehr Männer und Frauen in die metallenen Anzüge, die mehr oder weniger wandelnde Särge waren. Wegen Materialproblemen bedeckten sie nicht ein Mal den ganzen Körper. Es war wie ein monströses Skelett, das Arme und Beine umgab, das Rückgrat war geschützt... Ansonsten nichts. Wichtige Körperteile waren frei für die Angriffe der Aliens. Die Anzüge halfen lediglich dabei, die schweren Waffen oben zu halten, das stimmte schon, und sie schützten vor besonders schweren Treffen, aber ansonsten waren die Dinger nicht so entscheidend, wie angenommen.

„Es hat uns einen enormen Vorteil verschafft. Unsere Soldaten – die tapferen Männer und Frauen an der Front – können nun selbst mit schweren Verletzungen sich in Sicherheit bringen, dank der unterstützenden Beinfunktion, die den Körper stehend und am Gehen hält.“ Nur das es auf dem Schlachtfeld keine Sicherheit gab. Die Soldaten wurden einfach nur aufrecht gehalten, damit sie noch ein, oder zwei von den unheimlichen Aliens mit in denn Tod reißen konnten. Eines der mageren Beine wegschießen konnten, von denen es viel zu viele gab.Oder einen der Tentakel... Zähne aus dem giftigen Säuremund brechen. Oh, es gab so viele Möglichkeiten, die man mit vier, fünf Sekunden zusätzlicher Kraft ausrichten konnte.

Mehr war es nicht.

„Ich bin zuversichtlich, dass unsere Armee in Frankreich einen Erfolg erzielen wird, wenn wir die Aliens überraschen. Projekt Downfall ist eingeleitet, die Armeen aller Länder und Nationen vereinen sich für den Anbeginn einer neuen Ära der Menschlichkeit. Wir werden diese Monster vernichten und von unserem Planeten befördern, so wie es sich gehört. Amerika wird helfen diesen Krieg zu beenden. Ihr müsst helfen diesen Krieg zu beenden.“ Charles starrte die Kamera an und redete flüssig und sicher weiter, während er die größte Lüge der Menschheit den Zuschauern präsentierte. Er sollte sich schämen, das wusste er. Aber er konnte nicht.

Es gab keine Chance auf einen Sieg. Egal wie viele Länder sich vereinen würden und in wenigen Tagen die Armeen entsenden würden. Er wusste es, die Regierung wusste es und ihr Gegner wusste es, was einen sehr negativen Beigeschmack bei Charles hinterließ, als er sein selbstsicherstes Lächeln in die Kamera warf, die Schultern ein letztes Mal straffte.

Oh, er konnte so selbstsicher aussehen.

„Und das alles verdanken wir nur Ihnen, den tapferen Bürgern von Amerika.“

Das Licht ging aus, die Kamera stoppte die Aufnahme und Charles kleiner Körper sackte ein wenig zusammen, starrte leer in das Auge der Kamera. Er war ekelhaft, anders konnte man es nicht sagen.

„Sehr gut, Xavier. Die Einschaltquoten waren so hoch wie nie.“ Er war zu einer Talkshow zugeschaltet worden, hatte noch ein wenig die finale Werbetrommel rühren sollen. Was er auch getan hatte... General Charles Xavier. Es war ein falscher Titel, so viel war klar, aber die Amerikaner standen auf Titel. Also hatte man Charles einen gegeben, hatte ihn in eine hübsche Uniform gesteckt, als der Krieg angefangen hatte und ihn von seinen Forschungen im biologischen Institut abgezogen. Er hatte das Charisma, das Aussehen und die Wortgewandtheit um Menschen zu verkaufen, dass sie gewinnen konnten. Dass sie, sobald sie in die Anzüge stiegen, siegen konnten und den fünfjährigen Befall der Erde von diesen Parasiten zu beenden konnten.

Europa hatte es besonders schlimm getroffen. Viele Länder waren mehr oder weniger ausgelöscht worden. Unbewohnbar. Sie bildeten nichts mehr, als die traurige Erinnerung an den Verfall der Menschheit. Aber neue Satellitenbilder hatte eine Ansammlung von den Mimiks, so hatten sie diese Monster genannt, weil sie sich an menschliche Handlungsweisen anpassen konnten, in Frankreich angezeigt. Die Mimiks waren Wesen, die für den Kampf geschaffen worden waren. Ein und die selbe Attacke gegen sie zu bringen war unmöglich –  laut Informationen – und ihre Bewegungen passten sich innerhalb eines Kampfes an die neuen Umstände an.

Es war ein Kampf auf Zeit, nicht auf Sieg.

Charles wusste, dass Amerika sehr kurz davor war die Bomben, die sie offiziell gar nicht hatten, auf Europa regnen zu lassen und wenn das Gefecht an der Küste der Normandie scheiterte... Dann würde es eintreten. Mit all den Menschen, die dort noch lebten.


Einer der Assistenten, die normalerweise hinter der Kamera arbeiteten kam auf Charles zu und gab ihm ein Glas Wasser. Dankbar lächelte Charles ihn an, trank einen gierigen Schluck. Seine Kehle fühlte sich an, als hätte er einen Haufen an Scherben geschluckt und sie schnitten gerade seine Kehle auf. Ihm war schwindelig... Wie viele Männer und Frauen würden sich wohl noch melden. Würden rüber geschickt werden nach Frankreich? Wie viele würden sich nach seiner Ansprache dafür entscheiden doch den Schritt zu wagen und ein Held zu werden?

Träumte davon nicht jeder? Ein Held sein? Und sie boten ihnen die Chance mit ihren atemberaubenden Anzügen.

„Denken Sie das wirklich?“, hörte Charles eine leise Stimme neben sich. Nervöser Unterton. Charles sah auf. Der rothaarige Junge stand immer noch neben ihm, der der ihm eben das Wasser gebracht hatte. Sein Namensschild sagte ihm, dass er Sean Cassidy hieß. Sommersprossen, noch schlimmer und stärker, als auf Charles Gesicht zeichneten seine blassen Züge, während er nervös mit dem Saum seines viel zu weiten Hemdes spielte. „Denken Sie wirklich, dass wir in Frankreich gewinnen können? Den Krieg beenden können?“ Seine Stimme war angereichert mit echter Sorge. Er tat Charles leid.

„Ich... Habe verwandte in Irland. Meine Mama und mein Papa... Die Verbindung ist seit einigen Tagen abgebrochen und... ich will nur wissen, ob es bald vorbei ist, ob wir irgendwann bald wieder... Normalität erreichen können. Denken Sie das?“

Nein. Wenn Charles ein ehrlicher Mann wäre, dann würde er jetzt sagen, dass sie keine Chance hatten. Dass sie nur einen letzten, verzweifelten Versuch vor dem absoluten Untergang machten. Ein Aufbäumen, ein letztes Pochen des Herzens, bevor es für immer aufhören würde zu schlagen. Aber er war kein ehrlicher Mann. Er war in seinen Augen nicht ein Mal ein guter Mensch, weil er so viele Schafe in den Tod geschickt hatte...

„Ich denke es nicht nur, ich weiß es sogar, Sean“, log er ihm ins Gesicht. „Und ich bin mir sicher, dass es deiner Familie gut geht. Irland hat einige sichere Stellen, aber ich werde mich noch ein Mal genau erkundigen. Ich fliege noch heute Abend nach Frankreich und werde mich mit dem hiesigen Militär auseinandersetzen. Mich über die Lage in Irland erkundigen, aber meine letzten Updates waren sehr viel versprechend.“

Irland war gefallen.

Das einzig Gute war nur, dass es dort wohl auch niemanden mehr gab, der Bericht erstatten konnte. Der Rest der Welt wusste noch nicht, dass einfach alles in Irland tot war. Charles Magen drehte sich um. Er selbst war in England aufgewachsen und er wusste sehr wohl, wie dunkel die Lage auf der Insel war... zum Glück band ihn nichts mehr an seine alte Heimat, dennoch war es seltsam darüber nachzudenken, dass all die Märkte und Häuser, die er als Kind gekannt hatte, wohl vom Krieg gezeichnet waren. Oder schon gefallen waren.

Krieg machte vor keinem sentimentalen Wert Halt.

Seans Miene, die in letzter Zeit sicherlich nicht gewohnt war zu lachen, hellte sich wieder ein wenig auf, was nichts an dem Gewicht der Lüge änderte. Charles lächelte zurück, sein Unwohlsein hinter weißen Zähnen versteckend.

„Versprochen.“

Lüge.


⚙ ⚙ ⚙



Charles war mit seinen 23 Jahren oft in Frankreich gewesen. Er mochte Frankreich, sehr sogar. Das Essen war der Wahnsinn, die Landschaft und das Wetter war angenehmer als in Amerika, oder gar England. Und der Wein. Oh Gott, der Wein. Davon könnte er nie genug bekommen. Vielleicht würde er sich heute Abend einen guten Wein gönnen, wenn er die Gespräche mit Kommandant Stryker abgeschlossen hatte. Einfach ein, zwei Sätze mit ihm über die Lage wechseln, dann die neuen Rekrutierungspläne ansehen, einen Spot für Frankreich drehen, in dem er den Krieg anpries. Hier war er selbst noch ziemlich unbekannt, seine Propaganda war vor allem auf Amerika konzentriert gewesen. Hier hatte man ihn noch nicht so oft gesehen.

Aber gut. Das sollte sich ändern.

Er stieg aus dem Helikopter und streckte sich. Hier im Landesinneren war noch alles ruhig. So mochte Charles es. Wie es an den Küsten aussah, das wusste er jedoch nicht. Berichten zu Folge, waren die Küstenregionen nur noch ein Blutbad. Überall sollten die Mistviecher lauern, die sich im Meer versteckt hielten und dann zuschlugen. Sie krabbelten aus dem Nass heraus, schwärmten in das Land hinein und übernahmen alles.

Charles hatte gehört, dass man nicht ein mal die Leichen der Gefallenen hatte bergen können. Sobald der Krieg vorbei war, würde es unschön werden... Halb verweste Leichen aus ihren Häusern zerren, Blut das schon über den Standpunkt des Gerinnens hinaus war von den Wänden kratzen... Eingeweide, einfach alles. Diese Monster machten vor nichts und niemanden Halt. Sie töteten Frauen, Kinder und Tiere. Jeder lebende Organismus auf der Erde war für sie nichts anderes als der Feind und Charles konnte sich nicht vorstellen, wie es war einem von ihnen gegenüber zu stehen.

Zu wissen, dass man verloren hatte.

„General Xavier.“ Charles trat von dem Helikopter weg, die sonnige Aussicht auf ein verlorenes Land ignorierend und grüßte irgendeinen Handlanger von Stryker. Es war so seltsam, wenn sie ihn mit General ansprachen. Er war keiner. Er war einer für die Show, ja. Damit de Leute seinen Worten glauben schenkten. Aber in echt war er nichts weiter als ein kleiner Professor. Zu jung und unerfahren... Genau wie all die, die er in den Tod geschickt hatte.

„Bitte folgen Sie mir, Stryker erwartet Sie schon.“

„Sehr gerne.“ Charles war immer höflich. Etwas, das seine Tarnung schon mehr als ein Mal beinahe hätte auffliegen lassen. Im Militär war man wohl nicht höflich. Aber auf der anderen Seite war man auch nicht so klein und schmal, wie Charles. Das musste man fairerweise dazu sagen. Die junge Frau ging voran über den großen Landeplatz. Ihre Schuhe klackten rhythmisch auf dem Asphalt und Charles konnte die Übelkeit, die ihn schon die ganze Zeit befallen hatte, einfach nicht abschütteln. Vielleicht lag es am Flug.

Oder er hatte etwas falsches gegessen.

Sie legten den Weg zu Strykers Büro schweigend hinter sich und Charles war dankbar für seine Führerin, weil er selbst schon lange keine Ahnung mehr hatte, wo genau sie eigentlich waren. Zu viele Gänge in dem alten Gebäude, das damals, in der alten Welt, sicher irgendeine Bedeutung gehabt hatte, aber jetzt in der Welt des Krieges nichts weiter war, als ein sehr günstiger Stützpunkt. Oh, es hatte ihm weh getan zu lesen, dass seine alte Uni in England zu einem Waffenlager umfunktioniert worden war. Und noch mehr hatte es ihm weh getan, als er erfahren hatte, dass sie in die Luft geflogen war...

Krieg hatte er bisher immer nur aus Büchern, oder aus dem Fernsehen gekannt. Krieg war ein Konzept gewesen, dessen Horror Charles zwar verstanden hatte, aber nicht vollkommen begriffen hatte. Und heute? Nun, er tat so, als würde er es verstehen, aber in Wahrheit war das alles immer noch so fern für ihn, dass  er es nie erreichen konnte... Oder wollte.

Die junge Frau klopfte an eine breite Türe aus einem dunklen Holz und nach wenigen Sekunden drückte sie sie auf.

„Kommandant? General Xavier ist hier um mit Ihnen zu sprechen.“

Charles trat mit einer kleinen Verbeugung ein, den lächerlichen Generalhut unter den Arm geklemmt. Er musste die Maske immer aufrecht erhalten, auch wenn er mit Leuten zu tun hatte, die wussten, was für ein Lügner er war. Der Raum war gigantisch und man konnte sehen, dass er in der Epoche der Dekadenz erbaut worden war. Jetzt stand alles voll mit billigen, provisorischen Tischen, Karten verdeckten die einst so wunderschönen Wandmalereien und alles wirkte einfach... heruntergekommen. Vom Krieg eingenommen, auch wenn er hier noch gar nicht getobt hatte.

Hinter einem besonders wuchtig aussehenden Tisch saß Stryker. Ein großer, beeindruckender Mann, der vielleicht ein paar Kuchen zu viel in der letzten Zeit gegessen hatte. Sein Haar war vollkommen ergraut, genau wie seine Augen, die ihren kalten, stechenden Blick nicht verloren hatten.

„Ah, Xavier. Schön Sie zu sehen. Danke, das wäre alles Moira.“ Die junge Frau verschwand und ließ Charles mit seinem mehr oder weniger Vorgesetzten alleine. Durchatmen. Einfach durchatmen. Wenigstens musste er hier nicht zu viel spielen, immerhin wusste der Mann, dass Charles alleine für die Werbung des Krieges angeheuert worden war und nicht weil er ein militärischer Freund war. Um genau zu sein, bevorzugte er immer eine pazifistische Methode, wenn es er konnte. Aber selbst er hatte einsehen müssen, dass diesen Dämonen nicht mit Sanftheit beizukommen war.

„Wie viele neue Rekruten sind aus Übersee eingetroffen?“, fragte Charles und setzte sich dem Mann gegenüber, überschlug die Beine. Immer so tun, als wäre man selbstsicher, als hätte man restlos alles unter Kontrolle und vor allem keine Angst. Aber das hatte Charles früh gelernt. Wie viele Dinge, die kein Kind wissen sollte.

„Nach deiner letzten Aktion hatte sich der Zufluss um 31% erhöht. Nach deinem gestrigen Auftritt rechnen wir mit einer weiteren Rekrutenerhöhung von 7%.“ Das klang gut. Das klang so, als würde Charles seinen Job machen und niemand bei der Regierung müsste Raven einen Besuch abstatten, weil er nicht kooperierte. Alles war gut. Er war gut und das war wichtig. So lange würde niemand Raven was antun, so lange würde er nicht an die Front gehen.

„Wunderbar. Also soll ich hier noch eine Werbeaktion starten und dann warten wir Downfall ab?“ Downfall war der Tag des Angriffes. Die Welt schien nur noch auf diesen einen Tag hinzuarbeiten, nur noch dafür zu existieren. Genau wie Charles und seine Arbeit. Eine letzte Werbung, ein Mal noch lügen, in die Kamera lächeln... Sein Magen drehte sich alleine bei dem Gedanken um. Aber er konnte das. Er konnte das, so wie er es immer gekonnt hatte.

„Nicht vollkommen.“

Oh?

Wieso nicht vollkommen? Pläne, die von der Norm abwichen waren nie gut und besonders nicht, wenn man Charles Xavier war. „Wie meinen Sie das?“ Seine Stimme war von Argwohn und misstrauen angefüllt, während er mit einer überraschend ruhigen Hand nach vorne griff, um sein Glas zu nehmen, dass Stryker ihm zugeschoben hatte. Normales Wasser. Charles trank keinen Alkohol, nicht seit seiner Mutter. Er hatte Strykers Wein schon mehr als ein Mal abgelehnt, damit der das mittlerweile wusste.

„Wir werden dich mit an die Front schicken. Gemeinsam mit einem Kamerateam. Du wirst soweit sicher gehalten, aber wir wollen einen Bericht aus erster Hand, um deine Glaubwürdigkeit zu unterstützen. Der Krieg wird nicht in Frankreich enden und wir brauchen genug Material um den Überlauf auf die anderen Kontinente zu verhindern. Wir brauchen mehr Soldaten und ein Bericht von der Front von dir – dem Gesicht de Krieges –  dürfte perfekt dafür geeignet sein.“

Charles spürte, wie ihm eiskalt und schlecht auf ein Mal wurde.Das konnte er nicht ernst meinen, das konnte er unter keinen Umständen ernst meinen. Die Front? Der Krieg? Das waren Dinge, die nicht in seiner Welt lagen!

„Das war nie Teil meines Vertrags!“, plärrte er irgendwie hervor, während er das Gefühl hatte, dass das Wasser, dass er eben getrunken hatte seinen Hals langsam aber sicher mit Säure verbrannte. „Das war nie Teil des Plans!“ Er sollte nur hübsch vor der Kamera aussehen und den Krieg so gut präsentieren, wie er konnte. Er sollte Lügen und Soldaten anschleppen. Das war es. Er war niemals, nie für die Front vorgesehen gewesen, egal wie dunkel die Lage auch war.

Das war nicht seine Welt.

Das war nicht sein Job.

„Entweder mit einem Kamerateam, Xavier, oder wir werden unser Arbeitsverhältnis auflösen und du gehst direkt an die Front und wirst Ende der Woche in der Normandie kämpfen. Ohne eine Hilfe, ohne eine Unterstützung.“

„Das können Sie nicht machen!“ Charles hatte Angst. Angst in einer Form, wie er sie noch nie gespürt hatte und sie nahm restlos alles von seinem kleinen Körperchen ein. Die Welt drehte sich, in seinen Ohren pumpte das Blut viel zu laut, viel zu brutal und er wusste, dass er sich bald übergeben würde. „Das... das ist...“

„Absolut in meiner Macht, Charles.“ Seine Stimme hatte eine neue Ebene von Kälte erreicht. Eine Ebene, die sich in Charles Körper bohrte und ihn beinahe schon von innen heraus zerriss. Sein Atem ging abgehakt und er sprang auf, jeder Muskel in seinem Körper verlangte nach Flucht, aber sie kooperierten nicht so, wie er es eben wollte. Sie waren schlaff, schafften es kaum noch ihn auf den Beinen zu halten, während sich einfach alles in und um ihn drehte. „Und ich muss gestehen, dass ich bereits mit so einer Reaktion von dir gerechnet habe, Charles. Du bist einer von den Menschen, die bereit sind alles zu opfern, außer sich selbst, oder?“ Da war Hass in seiner Stimme und Charles musste sich am Tisch festhalten, um nicht umzufallen. Irgendwas stimmte nicht mit ihm.

„Darum habe ich auch dein Wasser versetzt, ein starkes Sedativum, dass dich einige Stunden schlafen lassen wird. Genug Zeit, um dich bis zur Front zu bringen, wo du wie ein normaler Soldat behandelt werden wirst. Du wirst eingewiesen und wirst in der Normandie mitkämpfen!“

„Nein... Ich... Nein“, stammelte Charles atemlos, drehte sich von Stryker weg. Dieser dreckige Wichser. Dieser verdammte, dreckige Wichser. Das war niemals sein Job gewesen, das war niemals auch nur die Idee seines Jobs gewesen. Er wollte nicht an die Front, er durfte nicht nach da... Er war... er...

Er versuchte zu gehen, zu laufen, brachte seine Beine sogar dazu einige wenige Meter zu gehen, bevor er kollabierte.

Nichts konnte seinen Fall bremsen, nicht seine Arme, nicht sein Körper und der Aufprall trieb alles an Luft aus seinen Lungen und Tränen in seine Augen. Er war in diesen Krieg gekommen, ohne das er es gewollt hatte. Gott, er war Genetiker. Er war Wissenschaftler, aber nicht das hier. Kein General, kein Mann des Krieges, der sich damit auskannte, darauf hoffte Ruhm und Ehre zu sammeln. Er war kein Soldat.

Er hörte Schritte.

Stryker.

Er kam langsam näher, als hätte er alle Zeit der Welt und seine blank polierten Stiefel blieben in Charles Blickfeld stehen. Er spürte, wie der Sabber über die eigene Wange lief und er merkte, wie es mit jeder Sekunde schwerer wurde die Augen offen zu halten. Trotz der Taubheit war absolute Angst in seinem Körper, stärker noch als das Gift. Seine Fingerspitzen kribbelten. Ansonsten war er sich nicht mehr sicher, ob noch irgendwas in einem Körper lebte.

Stryker ging in die Hocke und packte grob Charles Kinn, dass er ihn ansehen musste... Konnte nichts dagegen tun, als der Mann ihm ins Gesicht spucke. Nicht ein Mal Zucken konnte er, so wenig Kontrolle hatte er noch über seinen Körper. Der warme Speichel ran über seine Wange hinab und die Übelkeit wurde nur noch schlimmer.

„Willkommen in der wirklichen Welt, Kleiner“, knurrte Stryker gefährlich, bevor die Schwärze endlich Gnade walten ließ und Charles das letzte Bisschen Bewusstsein raubte, das ihn an die Angst und an die Gewissheit band, dass er verloren hatte.


⚙ ⚙ ⚙



„Aufstehen, Soldat. Hier ist kein Platz zum Schlafen, noch weniger zum friedlich Schlafen.“

Charles Körper zuckte zusammen und er richtete sich so schnell auf, dass die Welt um ihn herum nichts weiter als ein buntes Farbenmeer war. Stöhnend fasste er sich an seinen Kopf, während jedes Bisschen seines Körpers einfach nur Schmerz war, beinahe als hätte ihn jemand geschlagen, während er weggetreten gewesen war.

Verwirrt sah er sich um, versuchte sich zu orientieren. Er schien auf einigen Säcken zu liegen. Schweren Taschen. Der Boden war Asphalt, überall liefen Soldaten herum und... Vor ihm stand ein Mann. Schlank, groß. Graumeliertes Haar und stechende Augen, die beinahe belustigt auf Charles hinab sahen. Das war... wo war er? Was war passiert?

Stryker! Die Erinnerungen tropften langsam wieder in seinen Körper.

„Guten Morgen, Soldat. Hoffe das Schläfchen hat gut getan!“ Von seinem Namensschild konnte Charles schließen, dass das hier Shaw war. Er hatte keinen blassen Schimmer, wer Shaw war, aber er stand hier, als wäre er jemand wichtiges und starrte auf Charles hinab, dass ihm einfach nur noch schlecht war. Sein Mund fühlte sich an, als wäre er hinein gekotzt worden. Wie Pappe, nur noch schlimmer.

„Wo bin ich?“, murmelte Charles schwach, spürte wie sein Körper wieder zur Seite wegbrechen wollte, aber Shaw packte ihn grob an der Schulter. Beinahe wäre er dankbar, wenn von Shaw nicht eine Aura des Bösen ausgehen würde.

„Frankreich, Stützpunkt Alpha Drei.“

Charles Kopf schwirrte und er musste sich an dem Arm von dem Mann festhalten, während die Welt um ihn herum langsam aber sicher zum Stillstehen kam. Das Erste, was er merkte war, dass er nicht mehr seine Uniform trug. Er trug irgendwelche dunklen Jeans und einen schwarzen Pullover... Man hatte ihn umgezogen. Wahrscheinlich um die Zeichen der Schläge zu verstecken.  Fuck, was hatte Stryker mit ihm machen lassen?

„Ich... ugh. Ich bin General Charles Xavier. Aus Amerika, ich... verlange, dass Sie mich...“ Er wurde unterbrochen. Von einer flachen Hand, die sich auf seine Lippen presste. Nicht gut. Charles hatte so oder so schon Probleme mit der Luft, wie sollte er da jetzt noch mit klar kommen. Zudem waren Worte immer seine Waffe gewesen. Nutzlos für den Krieg, aber entscheidend in der echten Welt. Wenn er sie nicht nutzen konnte, dann war er so hilflos wie ein kleines Kind.

„Oh, ich weiß, wer du bist, Xavier. Stryker hat mir alles über dich erzählt und ich werde sicher gehen, dass du Ende der Woche mit uns allen an der Front stehen wirst, Kleiner. Es wird mir ein persönliches Vergnügen sein. Wolltest dich drücken, dich einem Befehl widersetzen, aber ich schwöre dir, bei Alpha Drei gibt es solche Kinderspiele nicht.“ Seine Fingernägel gruben sich in Charles Wangen und er sah geschockt zu dem Mann auf.

Stryker hatte ihn betäubt und nach hier bringen lassen? Das... das konnte er nicht machen! Charles war eine Persönlichkeit! Er war nicht geeignet für den Krieg, er war... Langsam löste die Hand sich von seinem Mund und er meinte die Abdrücke noch immer spüren zu können. Stryker konnte ihm das nicht antun und doch war er hier...

„Du wirst mich mit Sir ansprechen, ich bin dein neuer Vorgesetzter. Egal, was du den Anderen erzählst, du bist ab jetzt als Deserteur bekannt. Keiner wird dir glauben, egal, was du ihnen erzählst. Du bist Charles Xavier, der sich vor seinem Dienst drücken wollte und weißt du was das Beste ist: Es ist nicht Mal eine Lüge.“ Seine Stimme, jedes seiner Worte schnitt tief, unendlich tief in Charles Haut und er spürte die Hoffnungslosigkeit der Lage über sich hinein brechen.

Stryker machte keinen halben Sachen und wer würde ihm glauben, dass er betäubt worden war und nur deswegen hier war. Seine Finger gruben sich in die Taschen unter ihm und er sah aus blauen, wässrigen Augen zu Shaw auf, der auch noch Gefallen an dem Anblick hatte. Wie krank konnte ein Mann sein? Charles war kurz vor dem Anbruch in eine wirkliche und ehrliche Panikattacke, er konnte kaum noch denken, geschweige denn etwas anderes machen und der Mann lächelte, als hätte er gerade Schokolade nach einem besonders beschissenen Tag gefunden.

„Aufstehen, Xavier. Ich zeig dir dein neues Leben!“

Aber Charles rührte sich nicht.

„Das war ein Befehl.“ Shaw sagte es beinahe schon Munter in einem leichten Singsang. Er stemmte die Hände in die Hüften, als würde er mit einem besonders unartigen Kind reden. Aber Charles konnte sich selbst immer noch nicht dazu bekommen aufzustehen. Er saß weiterhin einfach nur auf dem Boden und versuchte nicht zu hyperventilieren. Er konnte das nicht, er konnte das hier nicht und genau das wollte er Shaw sagen, als ihn eine Ohrfeige traf, die ihn beinahe umfallen ließ. Er gab ein erschrockenes Keuchen von sich, die Augen weit aufgerissen. Schmerz tropfte langsam in sein Bewusstsein und Herz und Kopf wummerten gleichermaßen.

„Aufstehen, oder du wirst die Toiletten mit deiner Zunge sauber machen, verstanden?“ Immer noch kein ungemein harter Ton, aber Charles war lange genug unter Männern wie Shaw unterwegs gewesen, als das er wusste, dass er in diesem Status keine Spielchen spielen sollte. Und das so eine Drohung schnell Realität werden konnte.

Wie er es schaffte aufzustehen, das wusste Charles nicht, seine Beine schwankten unter seinen Körper und er war kurz vor einem Zusammenbruch, aber er schaffte es aufzustehen.

„Artig. Und jetzt komm.“


⚙ ⚙ ⚙



Das Gelände war gigantisch und Shaw machte sich eine Spaß daraus mit seinen langen Beinen besonders schnell zu gehen, das Charles kaum mithalten konnte. Sein Körper war immer noch schwach von den Drogen, die ihm verabreicht worden waren, aber Shaw kannte keine Gnade. Nein, er schien sogar ehrliche Freude darin zu sehen, wenn Charles kaum mit ihm mithalten konnte. Stolperte. Er belächelte ihn, als wäre Charles das niedlichste und dümmste Wesen auf dem Planeten.

Er redete sehr schnell und Charles vergaß die Hälfte der Informationen in dem Moment, in dem er sie ausgesprochen hatte. Wo war noch gleich die Halle für das Essen? Wo konnte er duschen? Da gesamte Gelände war ein riesiger, alter Flugplatz, der mit hohem Maschendraht umgeben war. Überall liefen Soldaten herum, die die Zäune bewachten und Charles hatte keine Ahnung, wie er an ihnen vorbei kommen sollte, wenn er von hier floh. Er war eingesperrt, anders konnte man es nicht sagen... Er konnte sich frei bewegen, so war es nicht. Aber dennoch gab es überall Mauern, die ihn aufhalten würden. Kein Entkommen, absolut kein Entkommen.

„Soweit verstanden, Xavier?“

Er hatte absolut keine Ahnung, was er verstanden haben sollte.

„Ja... Sir.“ Er wollte Shaw nicht so nennen. Um genau zu sein fielen ihm um Welten bessere Dinge ein, wie er den Wichser nennen sollte. Er wusste, das Charles nicht nach hier gehörte und doch... und doch zwang er ihn hier zu bleiben. Das war unrecht, aber das Schlimme war: Es gab keinen Weg hier raus. Er war unter Shaws Gnade von A bis Z und der Mann traute ihm so oder so nicht... Er musste sich was ausdenken, so viel war klar. Ersteinmal mitspielen, rebellieren konnte er später immer noch.

„Gut. Dann stelle ich dich deinem Zimmer noch vor. Stryker hat sicher gestellt, dass ein Wachposten für dich dabei ist, damit du unter keinen Umständen entkommen kannst.“ Er machte eine kleine Pause und wenn Charles eine Sache über Shaw gelernt hatte, dann, dass kleine Pausen bei ihm nichts bedeuteten, außer, dass er noch etwas Schlimmeres sagen wollte. „Ich denke ein familiäres Gesicht wieder zu sehen, sollte sich gut auf deine Moral auswirken...“ Moment?

Oh Gott.

Charles konnte nicht stehen bleiben, weil Shaw seinen Arm hart griff und ihn weiter hinter sich her schleppte. Durch die Baracke, in der er ab jetzt bis zum Ende seines Lebens sein Dasein fristen würde. Also weniger als eine Woche. Sie kamen an vielen Zimmern vorbei. An unglaublich vielen Zimmern, die immer zwei Hochbetten nebeneinander hatten, sodass vier Personen in einem kleinen, beengten Zimmer schlafen konnten.

Aber Charles interessierte es nicht, als er in das Zimmer 431 gezerrt wurde und... Cain sah. E war eine dunkle Vorahnung gewesen, die sich wie ein Gewitter in ihm zusammengebraut hatte, aber als die Spannung sich dann entlud... Darauf war Charles nicht vorbereitet gewesen. Sein Stiefbruder Cain, der vor zwei Jahren der Armee beigetreten war, noch größer und wuchtiger, als er es damals gewesen war, als Charles noch ein kleiner Junge gewesen war. Er erinnerte sich noch zu  gut an seine Schläge und wie er ihn beinahe wie eine Puppe durch die Gegend hatte werfen können... Und jetzt war er hier... Sein eigener Dämon.

„Darf ich vorstellen: Logan Howlett und Azezel. Den jungen Mann solltest du ja kennen, Cain. Er wird persönlich dafür sorgen, dass du unsere Einrichtung nicht verlässt. Solltest du Fragen haben, er wird dir sicherlich gerne weiter helfen, nicht wahr?“ Shaw hatte beinahe schon väterlich eine Hand auf Charles Schulter gelegt, lächelte in die Runde. „Gut. Dann lasse ich euch Mal alleine. Viel Spaß und willkommen, Charles.“

Charles wusste, das man ihm die Angst ansehen konnte. Er wusste wirklich, dass man ihm die Angst ansehen konnte und er spürte wie seine Hände nicht aufhören konnten zu zittern und zu beben. Cain... Cain war hier... Und er war ihm ausgeliefert.. es war mehr als klar, dass er irgendwas krankes machen würde, so lange Charles unter seiner Obhut war, die Frage war nur wann... Und ob Charles aufmerksam genug sein würde, um es verhindern zu können. Er hatte ihn schon damals gehasst und er nahm nicht an, dass die Jahre der Militärschule etwas daran hatten ändern konnen.

Er würde es nicht hier raus schaffen, nicht mit Cain, der auf ihn aufpasste, aber... vielleicht würde sich ja eine Möglichkeit finden lassen. Er musste nur weiterkämpfen, weiter einen Ausweg suchen. Er wusste, dass er darin gut war und auch wenn gerade alle Möglichkeiten gegen ihn standen, so wusste er, dass er es schaffen konnte. Nur die Ruhe bewahren und jedem, den er traf sagen, dass er General Charles Xavier war...

Gewesen war.

Vielleicht würde ihm irgendwann einer glauben.


⚙ ⚙ ⚙



Charles war fit, so war es nicht, aber die Angst lähmte ihn. Es war schwer mit den Anderen beim Ausdauertraining mitzuhalten und genau so gut wie sie abzuschneiden. Er konnte einfach nicht. Vor allem, weil sonst keiner die Furcht im Herzen trug wie er selbst. Sie alle machten Witze, schlechte Witze, aber sie brachten ihnen immer wieder und wieder Gekicher ein. Zudem war da noch Cain, Charles persönlicher Schatten. Seine Blicke alleine ließen Charles schaudern und sich auf die Anderen konzentrieren, die ihn wie einen Fremdkörper behandelten... Und ehrlich? Er passte wirklich nicht zu ihnen. Sie waren...

Sie waren eine Einheit. Bereit zu töten. Bereit in wenigen Tagen den Aliens in den Arsch zu treten... Und Charles? Charles war bereit sich im nächsten Moment zu übergeben und in Tränen auszubrechen. Er war nicht für diese Welt gemacht. Nicht für die Schreie von Shaw, dass sie alle zu nichts taugten und wenn sie nicht noch 50 Liegestütze schaffen würden, sie im Krieg als erste draufgehen würden.

Und dann kamen die Anzüge.

Charles hatte sie gesehen, hatte Hank dabei geholfen Teile von ihnen zu entwickeln, aber als er das erste Mal in einen dieser Anzüge gesteckt wurde... Auch wenn er mehr, oder weniger überall offen war, so hatte er dennoch das Gefühl zu ersticken. Gott, er war sogar zu schwach, als das er die Waffe lösen konnte, damit sie schießen konnte. Er bewegte sich langsamer, schwerfälliger und im Allgemeinen war er sich sicher, dass er keine Chance hatte.

Ha, der Anzug würde ihm helfen stehen zu bleiben und Fallschaden abzufedern, so war es nicht... Aber der Träger musste auch irgendwas dazu beisteuern, musste auf die eine, oder andere Art und Weise helfen, damit der Anzug Wirkung zeigte. Eines der Paradebeispiele dafür war Erik Lehnsherr. Er war etwas wie eine Legende. Er schien den Anzug nicht nur zu steuern, er schien ihn zu beherrschen. Er war in über 20 Gefechten gewesen und die, in denen er gewesen war, hatten den höchsten Erfolgsanteil gehabt. Gott, in Verdun hatte er sogar einen Sieg erzielt... Er alleine.

Während des Trainings hatte Charles tatsächlich einen kurzen Blick auf ihn werfen können. Erik hatte ab von den Anderen in einer der Hallen trainiert und... Er war so gut. Er konnte mit der Waffe umgehen, wusste, wie er sich zu drehen hatte. Es wirkte weniger wie ein Kampf, sondern mehr wie ein Tanz, den er mit den Attrappen führte. Ein Tanz, bei dem er führte.

Charles war weit, sehr weit weg von dieser Utopie.

Er tanzte noch nicht ein Mal

Er fiel.

Und wenn er im Dreck lag, eigentlich seinen Körper dazu zwingen wollte nicht mehr aufzustehen, da schaltete sich der Anzug ein, richtete ihn wieder auf mit seinem klobigen Metall und zwang ihn dazu mit verschrammten und dreckigen Gesicht weiter zu machen.

Beinahe war Charles dankbar für den Regen, weil so niemand seine Tränen sah.


⚙ ⚙ ⚙



Cain zog ihn immer wieder und wieder auf und Charles spürte, wie jedes seiner Worte sich schwer und tief in seine Substand bohrte. Er wollte es nicht mehr hören. Er wollte nicht mehr seine spöttischen Kommentare hören, dass er auf dem Schlachtfeld sterben würde, er wollte nicht mehr hören... Aber er wusste genau, dass Cain nicht aufhören würde.

Unter keinen Umständen.

Und es sollte nur noch schlimmer werden.

Kurz vor dem Abendessen fing er ihn in einer dunklen Ecke ab, presste Charles müden Körper schmerzhaft gegen die Wand von einem Gebäude und sperrte ihn mit dem eigenen Körper mehr oder weniger ein. Charles hatte keinen Fluchtweg, nicht, als Cain seine Hände je rechts und links von seinem Kopf abstützte und zu ihm hinab sah. Oh, er hatte es geahnt, aber das es so schnell passieren würde war selbst für Charles überraschend.

„Charly... Beinahe wie in alten Zeiten.“

Oh ja, das war wirklich wie ein alten Zeiten. Und Charles betete zu allen Göttern, die er kannte, dass das alles an Nostalgie war, die Cain ausleben wollen würde. Auf die Schläge konnte er verzichten... und auf die Dinge, die Cain damals nie geschafft hatte zu tun, aber immer hatte tun wollen. Sein Stiefbruder war immer noch viel größer als er selbst und auch um Welten stärker. Er hatte sich eben weniger auf eine akademische Karriere konzentriert, sondern mehr auf eine... körperliche. Intellektuell wäre Charles ihm bei weitem überlegen, aber physisch würde er immer den kürzeren Ziehen.

„Wenn du mich umbringen willst, Cain, dann mach es bitte schnell.“

Das Schlimme war, dass Charles in der Tat wollte, dass Cain ihn kalt machte. Es wäre vielleicht nicht heldenhaft hier zu sterben, aber es wäre so viel einfacher für Charles. Einfach hier den Hals umdrehen, einfach ihn erwürgen, erschlagen, irgendwas. Ihm war es egal, so lange er nicht auf das Schlachtfeld musste... Etwas, das Cain wohl wusste, seinem Grinsen nach zu urteilen...

„Oh nein, Charles. Das hast du dir nicht verdient.“ Er rutschte näher an Charles Körper heran. Presste seine Hitze gegen die de Jungen, so nah, dass kein Blatt zwischen sie gepasst hätte. Er konnte sich einfach nicht dichter an die Wand hinter sich pressen, atmete so flach wie er konnte, als der schwere Körper ihn beinahe zerdrückte. „Nein, ich werde dir das nicht schenken. Außer du erarbeitest es dir. Deine Lippen haben mir schon damals so gut gefallen. Und heute gefallen sie mir noch mehr. Du bist hübsch geworden, Charly“, schnurrte er beinahe schon und beugte sich zu Charles vor. Sein heißer Atem strich über Charles blasse, verschwitzte Haut. Die Gänsehaut, die folgte war nur aus Ekel geboren sonst nichts. Charles verzog den Mund, unterdrückte mit aller Macht ein Schluchzen.

„Was willst du?“, knurrte er sehr viel tapferer, als er sich eigentlich fühlte.

„Nur ein Stück vom Kuchen, das ist alles. Komm schon Charly. Ich weiß, wo du warst. General Charles Xavier... Den Posten hast du doch nicht bekommen, ohne ein paar Schwänze zu lutschen, oder? Ich will auch nur meinen Anteil. Du weißt schon, was mir rechtmäßig zusteht, immerhin bin ich dein Stiefbruder...“

Oh Gott. Konnte es schlimmer werden? Cain schob sein Bein brutal zwischen die von Charles und er gab ein würgendes Schluchzen von sich, als er ihm einen brutalen Kuss aufzwang. Das konnte er nicht ernst meinen. Seine Zunge glitt in Charles Mund und er musste den Drang unterdrücken einfach ihn zu beißen. Denn das würde nur noch schlimmere Konsequenzen nach sich ziehen. Das...

„Hey. Ihr zwei. Sofort zum Essen, oder ich melde euch bei Shaw.“ Charles hatte wirklich und ehrlich keine Ahnung, wer sie beide hier hinten entdeckt hatte, aber er wollte der Person die Füße küssen. Sex war auf dem Platz nicht erlaubt, sollte zu viele Komplikationen beinhalten. Also wäre eine Meldung wirklich etwas schlimmes. Hier war Krieg und nicht Liebe, wie Azezel immer so schön sagte... Und Charles war dankbarer als je zuvor in seinem Leben für diese beschissene Regel.

Cain gab ein wütendes Knurren von sich, löste sich einige Augenblicke nicht von Charles, starrte ihn nur voller Wut an, als wäre er persönlich für die Unterbrechung verantwortlich.

„Wir reden später...“

Nicht, wenn Charles es verhindern konnte.


⚙ ⚙ ⚙



Charles starrte auf sein Essen hinab, als wäre es einer dieser Aliens in Person. Er konnte das nicht runter bekommen, er konnte einfach nicht. Mit einem Seufzen schob er das Tablett zu Logan hinüber, der ein Grunzen von sich gab, was wohl etwas wie Dank sein solle. Der Lärm in der Halle war ohrenbetäubend und Charles wünschte sich, dass jeder von den Männern und Frauen einfach nur die Klappe halten würde.

Sie alle saßen hier, als würden sie in wenigen Tagen nicht an die Front geschickt werden. Sie alle saßen hier, als hätten sie keine Angst, aßen ihr Essen, das mehr Pampe als wirkliche Nahrung war und trieben Charles so in den Wahnsinn.

„Ich... leg mich schon Mal hin. Bis später.“ Logan kümmerte es nicht, was Charles machte, das war ihm schon klar, aber dennoch hatte er das Gefühl, als müsste er ihm Bescheid geben... Es war irgendwie immer jemand da gewesen, der sich für ihn interessiert hatte, aber hier war er nichts weiter als Charles, der Deserteur. Niemand, um den man sich kümmern musste. Jemand, den man wohl oder übel am liebsten Tod sehen würde. Charles schlucke schwer, starrte auf den Boden, während er sich aus dem Speisesaal hinaus bewegte. Cain war beschäftigt, aber das hieß nicht, dass er ihn los war.

Er ließ alles hinter sich, die provisorischen Bänke, den Gestank von fettigem Essen und taumelte in den Flur hinaus. Der Regen, der schon den ganzen Tag in seinen Ohren gelegen hatte, trommelte auch jetzt auf das Metalldach und jagte einen Schauer nach dem nächsten über seinen Rücken, während er sich zu den Toiletten begab.

Seine Beine brachen beinahe unter ihm zusammen, zitterten wie Espenlaub und wie genau er es  bis in die Kabine der Toiletten geschafft hatte, das wusste er einfach nicht, aber er war dankbar, dass sein Körper ihn irgendwie bis nach hier gebracht hatte. Denn auf dem Gang wäre das hier peinlich geworden.

Charles übergab sich, noch bevor seine Knie auf dem Boden aufschlugen. Er kotzte in die Toilette, schluchzte laut dabei auf. Die Tränen liefen wie Lava über seine blassen Wangen, während er sich an der Klobrille festhielt, um nicht umzufallen.

Er wollte nicht sterben. Er wolle nicht sterben und doch war das die einzige Option, die er hatte. Sein Atem kam viel zu schnell aus seinem Mund, bevor die nächste Welle an Übelkeit ihn übermannte und das Bisschen an Mageninhalt in die Toilette beförderte.

Er hatte keine Chance gehabt sich zu verabschieden. Nicht von Raven, nicht von Hank. Er würde als vollkommen Unbekannter irgendwo in Frankreich ins Gras beißen und würde dort von dem Meer fortgespült werden. Ob es weh tat? Bestimmt tat es weh, wenn diese Monster ihn aufspießten. Sie hatten so viele Glieder, so viele Tentakel, Klauen... Sie würden ihn auseinander reißen und seinen schweren Kampfanzug gleich mit.

Galle tropfte von seinen wunden Lippen und er konnte kaum noch atmen. Ihm war schwindelig und sein Kopf fühlte sich an, als würde er bald explodieren. Beinahe schon auseinanderbrechen. Er hob eine Hand an und legte sie auf die Spülung, betätigte sie und beobachtete, wie seine Kotze in der versifften Toilette verschwand.

Die Energie aufzustehen fand er erst einige Minuten später, noch immer mit Tränen und Galle im Gesicht. Sein Körper fühlte sich stumpf an und er wusste ehrlich nicht, wie er einen Fuß vor den Anderen setzen konnte. Alles brannte, alles tat weh und die Angst saß in seinem Nacken. Die Welt ging an ihm vorbei, viel zu schnell und doch so langsam wie Treibsand und er konnte einfach keine Aufmerksamkeit auf seinen Weg lenken.

Hätte er vielleicht tun sollen, ansonsten wäre er beim Verlassen der Nasszellen nicht in jemanden hineingerannt.

Jemand, der einen sehr schnellen, sicheren Schritt drauf hatte, seine Umgebung etwas besser unter Kontrolle gehabt hatte und im Gegensatz zu Charles nicht zu Boden stürzte. Charles landete unsanft auf seinem Hintern auf dem dreckigen Boden, sah aus rot geweinten Augen zu dem Fremden auf und... stockte.

Das war Erik Lehnsherr.

Der Dämon von Verdun.

Jeder kannte Erik Lehnsherr, der den entscheidenden Sieg in einer wichtigen Schlacht herbeigeführt hatte. Wie genau er das geschafft hatte, war bis heute allen unklar, aber er hatte die Aliens weit genug zurückdrängen können, um ihnen eine Falle zu stellen... Er war Stratege, führte sein eigenes Kommando an Soldaten an und war mehr Mythos als Mann... Wenngleich ein  Mythos Charles sicher nicht zum Fallen gebracht hatte.

Und Erik starrte ihn an.

Charles verheultes Gesicht... Und Gott, Charles schämte sich dafür. Mit dem Ärmel seines viel zu weiten Hemdes wischte er sich über die Augen und versuchte irgendwie wieder auf die Füße zu kommen. Vor ihm stand Erik, der Mann, der mehr Gefechte überlebt hatte, als Charles an seinem Herd zu Hause gestanden hatte und etwas gekocht hatte... Und er kauerte auf dem Boden und heulte, weil er bald sterben würde.

Wie oft hatte der Mann dem Tod in die Augen gesehen? Oh, Charles hatte absolut keine Vorstellung, aber der Ausdruck auf den harten Zügen sprach Bände.

„Morgen dein erster Einsatz?“ Seine Stimme war eine Überraschung und Charles zucke zusammen, schlang die Arme um seinen Körper, als könnte es ihn beschützen. Er hatte Angst. Angst vor Erik, Angst vor eigentlich allem und er schluckte schwer. Wusste genau wie elend er aussah. Er nickte nur, braune Strähnen fielen in sein Gesicht. Viel zu lang und unpraktisch für den Krieg. Viel zu chaotisch, wie sein Kopf.

„Du hast Angst.“ Keine Frage, sondern eine simple Feststellung. Man musste kein Genie sein um das zu sehen. Charles kleiner Körper zitterte schlimmer als im Winter und sein Gesicht musste die letzten Worte aussprechen, die nie über seine Lippen kamen. Gott, er hatte sich Erik nie so groß vorgestellt. Groß, ja... Aber so groß?

„Sie nicht?“ Erik Lehnsherr sprach man nicht einfach mit du an. Er war eine Art Gott unter Sterblichen. Ein Meister der Kunst des Krieges. Charles hatte einige Aufnahmen aus seiner Helmkamera gesehen, als er den Krieg angepriesen hatte – es war so viel einfacher von einem warmen Studio aus, als von ihr – und... Erik kannte kein Erbarmen. Er warf sich mit vollem Körpereinsatz in den Krieg hinein, und riss die Aliens beinahe mit bloßen Händen auseinander. Bloße Hände bedeutete in dem Fall mit den Klauen seines Anzuges.

„Nein. Sterben hat seinen Reiz verloren“, knurrte er und schob sich an Charles vorbei, in Richtung der Duschen. Sterben hatte seinen Reiz verloren? Charles konnte es sich nicht vorstellen, dass es jemals einen Reiz gehabt hatte, aber Charles konnte sich vorstellen, dass Erik viele seiner Kameraden hat fallen sehen. Alleine in Verdun war seine ganze Truppe abgeschlachtet worden und nur er hat es lebend aus dem Massaker geschafft. Er musste über die zerstückelten Leichen seiner Freunde gestiegen sein, ihr Blut in der Nase... Ja, sterben konnte leicht den Reiz verlieren... Aber seinen Horror nicht.


⚙ ⚙ ⚙



Die Tage gingen schneller vorbei, als es Charles lieb war. Und auch, wenn jede Trainingseinheit, jede Sekunde von Panik gezeichnet war, so konnte er nicht sagen, dass es einfacher wurde, je näher er an den Tag Downfall kam.

Im Gegenteil, seine Möglichkeiten zu entkommen schwanden mit jedem Augenblick mehr und die Gewissheit, dass er ausrücken würde, bohrte sich in seinen Kopf, dann sein Herz und lähmten alles in ihm. Zudem war Cain noch immer da und alleine seine Anwesenheit verursachte bei Charles Kopfschmerzen.

Nein, die Zeit war nicht auf seiner Seite.

Niemand war mehr auf seiner Seite.


⚙ ⚙ ⚙



Wenn Charles kein Wissenschaftler wäre, dann wäre seine Prognose für den morgigen Tag sicher um einiges positiver, aber leider war er Wissenschaftler und leider wusste er genau, was ihn morgen erwarten würde.

Der Tod.

Er war alle Möglichkeiten in seinem Kopf durchgegangen, aber kein Weg würde für ihn morgen von dem Strand wegführen. Jahrelang hatte er allen erzählt, dass nach dem Krieg ein Leben warten würde, aber als er sich klein und elend in seinem Bett zusammenrollte und die kratzende Decke über seinem Leib spürte, da wusste er sehr genau: Seine Lügen hatten ihn eingeholt. Oh, wie oft hatte er gesagt, dass die verstärkenden Metallstreben den eigenen Körper beinahe schwerelos und viel agiler machten? Zu oft.

Aber das war eine Lüge. Als Charles zum ersten Mal in seinem Leben einen dieser Anzüge angezogen hatte, da hatte er sich wie ein Monster gefühlt. Zu schwer und langsam für einfach alles. Er würde morgen aufgespießt werden, noch bevor er einen der Gegner auch nur gesehen hatte.

Er würde das Kanonenfutter werden, von dem er immer behauptet hatte, dass es nicht existieren würde...


⚙ ⚙ ⚙



Charles meinte, dass der Anzug ihn zerdrücken würde, während das Flugzeug von leichten Luftlöchern hin und her geworfen wurde. Cain war einige Plätze weiter von ihm entfernt, wenigstens nicht direkt neben ihm, während Charles versuchte durch die Nase einzuatmen und durch den Mund wieder auszuatmen.

Beruhigen.

Wie sie ihn in diesen Anzug und schließlich in das Flugzeug bekommen hatten, das wusste er nicht mehr. Aber jetzt saß er hier, starrte die Luke an, die sich bald unter ihm öffnen würde und durch die er hinab springen würde, um zu sterben. Wenn es nicht um ihn ginge, dann würde er beinahe lachen. Er würde laut und hysterisch lachen, aber gerade blieb es ihm in der Kehle stecken. Gott.

Er versuchte an schöne Dinge zu denken. An Raven, die sicherlich mittlerweile ihren kleinen Jungen auf die Welt gebracht hatte. Sie war eigentlich jeden Tag soweit gewesen und... Charles hatte sich so sehr gefreut. Ob er Ravens Augen haben würde? Charles hatte sich so sehr darauf gefreut ein Onkel zu werden, hatte schon einen kleinen, blauen Strampler für den Jungen gekauft... Aber er würde ihn nie an dem Jungen sehen... Charles Kopf rutschte nach vorne, bis sein Kinn sich auf seine Brust drückte und er blinzelte wacker eine Tränen zurück. Er war 23 Jahre alt. Einer der besten Genetiker seines Jahrgangs, bereits Professor... Und jetzt sollte er hier sterben? Er war verschwendetes Potential.

Eine leise Stimme im hinteren Teil seines Kopfes sagte ihm, dass all die Männer und Frauen, die er in den Krieg bisher geführt hatte, auch verschwendetes Potential gewesen waren, aber daran wollte er nicht denken. Nicht, wenn schon Napalm in der Luft lag und Tränen seine Kehle blockierten.

„Soldaten. Heute ist es soweit. Heute erobern wir die Erde zurück.“ Shaws Stimme ging beinahe in dem Lärm des Flugzeugs unter, aber Charles war nicht traurig darum. Shaw war ein grausamer Mann, der wohl genau gewusst hatte, was Cain für ein Mann war und in welcher Beziehung Charles zu seinem Stiefbruder gestanden hatte und er hatte Charles dennoch seiner Gnade überlassen. Nein... Shaw war kein guter Mann und Charles war dankbar, je weniger er von ihm hören musste.

„Heute ist der Tag der Abrechnung gekommen...“ Was für ein Bullshit. Heute war der Todestag von tausenden von Soldaten.

„Heute ist der Tag, an dem wir Helden we...“ Shaws Worte gingen unter, als die komplette linke Flanke des Schiffes aufgerissen wurde. Drei, vier, oder fünf Soldaten wurden mit dem Metall herausgerissen und in die Luft hinaus gezerrt... Charles hörte ihre Schreie, oder vielleicht waren es auch die Eigenen, er konnte es nicht so genau sagen. Alles, was er wusste war, dass er Shaw schreien hörte, dass sie alle abspringen sollten und... die Anderen machten es.

Die Luke öffnete sich unter ihnen und jeder von ihnen sprang durch sie hinab in die Tiefe. In das Meer, auf den Strand zu den Gegnern. „Xavier, beweg deinen Arsch hier raus, oder du wirst sterben!“ Shaw. Shaw schrie es und im nächsten Moment beförderte er seinen eigenen Körper auch in das Nichts unter ihnen... Charles schrie, atemlos. Er schrie tonlos, während der grausame Wind um seine Ohren peitschte und seinen Körper lähmte. Er hörte nichts mehr, nicht ein mal mehr das eigene Schlagen des Herzens. Das Flugzeug segelte Richtung Boden, der Horizont neigte sich und er wusste, dass er hier raus musste. Den Aufprall konnte er nicht überleben, es war unmöglich. Nicht, dass er dort unten auf dem Strand eine Chance hatte, aber er war gewillt zumindest im Stehen zu sterben. Mutige Worte für jemanden, der sich in die Hose machte, dachte Charles bitter, als er seine Sicherung löste und einfach sprang.


Das Fallen war schön.

Einen Moment konnte er sich einreden, dass es nur ein Traum war, durch den er stumpf und leer fiel, aber es war kein Traum. Sein Unterbewusstsein wusste das sehr genau, aber... er wollte nicht auf es hören. Lieber den Fall genießen.

Und nicht an den unvermeidbaren Aufprall denken, der viel zu schnell kam.

Er landete. Irgendwie. Er wusste nicht wie, aber er hatte das Gefühl, als würden seine Knöchel brechen. Er war zu spät abgesprungen und war beinahe vollkommen auf dem Strand gelandet. Kein Wasser, dass seinen Sturz gebremst hätte, kein Fallschirm, er war einfach gefallen, als der Hubschrauber nicht mehr in der Lage gewesen war sich in der Luft zu halten. Er hörte ihn irgendwo weit hinter sich ins Wasser stürzen, stolperte nach vorne und... sah den Krieg.

Er hatte immer angenommen, dass es im Krieg irgendein System gab, irgendeine Art von Ordnung, an die er sich halten konnte, aber hier war nichts. Absolut nichts, abgesehen von dem absoluten Chaos. Überall waren Menschen, Schreie. Die Luft war mit einem ganz besonderen Gestank von Tod angefüllt und Charles unterdrückte ein Würgen... Das war... das war zu viel. Die Lautstärke konnte sich keiner Vorstellen, die Schreie, die in den Salven der Schüsse untergingen.

Bewegen.

Er musste sich bewegen.

Wer stand war ein leichtes Ziel. Nur weg von hier...

Irgendwie setzte er seine Beine in Bewegung und er brauchte wirklich nicht viel, um zu wissen, dass es nicht gut aussah. Es wirkte, als wäre das hier ein Hinterhalt gewesen. Hinter ihnen nichts als das Meer, in das sie nicht entkommen konnten und vor ihnen die Gegner, die sich mit einer Brutalität auf sie warfen, wie er sie noch nie gesehen hatte.

So viel Tod.

Der Sand verfärbte sich rot unter ihm und er meinte beinahe schon Blut atmen zu können. Weg, einfach weg.

„Na, Charly!“, hörte er eine höhnische Stimme neben sich und zuckte zusammen, hielt in seinem Taumeln inne. Cain. Es war Cain. Er stand nahe der Brandung, wuchtig und viel zu fett für seinen Anzug, den Waffenarm angehoben, grinsend. Er hatte Blut im Gesicht, von wem es war, das wusste Charles nicht, aber er wollte es auch nicht so genau wissen. „Dich hier im Krieg zu sehen... Ich gebe dir fünf Minuten, du kleines Weichei. Maxi...“

Weiter kam er nicht.

Oh, Charles wusste, dass er noch mehr als genug Beleidigungen für ihn übrig gehabt hätte. Cain war da immer sehr kreativ gewesen. Gleich hätte er ihm sicherlich noch gesagt, dass er seinen Schwanz lutschen sollte, aber...Er kam nicht mehr dazu.

Ein gigantisches Flugzeugwrack krachte auf die Erde, wirbelte Sand auf, der Charles beinahe blind machte und zerquetschte seinen Stiefbruder unter sich im Sand. Heißes Metall regnete es vom Himmel, Feuer, Blut, einfach alles.

Charles hatte keine Energie um zu schreien. Er hatte keine Luft zu schreien, während er mit weit aufgerissenen Augen nur das Wrack aus brennenden Metall anstarrte. Fünf Meter weiter vorne und es hätte ihn selbst erwischt. Er hätte Cain sein können, er hätte an seiner Stelle sein können und die Gewissheit machte ihn fertig. Heiße Tränen liefen über seine blassen, fahlen Wangen, sein ganzer Körper stand unter Strom, während er nicht wusste, was er tun sollte.

Zum Glück wusste sein Körper, was er zu tun hatte.

Charles lief, den Waffenarm beinahe schon nutzlos gegen Boden gerichtet. Er wusste nicht, wohin er lief, er wusste nicht, wovor er davon lief, aber er wusste, dass still stehen seine Tod bedeutete. Der schwere Anzug grub sich brutal in den Sand, zerstampfte Kadaver von Freunden, Unbekannten und Feinden unter sich. Weg, einfach nur weg.

Er wusste nicht, wen er kannte und wen er nicht kannte. Jeder sah gleich aus und jeder würde gleich sterben. So war es eben im Krieg.

Er duckte sich unter Schüssen hindurch, rannte zu seinem Helikopter, der weiter im Strandinneren lag. Umgekippt und bot kaum Schutz, aber es war das Nächste, was an Schutz heran kam. Seine Lunge brannte, einfach alles brannte und er kam der Sicherheit so viel näher, jedoch...

Da war einer.

Da war einer von den Mimiks, nein zwei. Und sie beide griffen einen Mann an, der in seiner Hand eine Art gigantisches Metallschwert hielt, es mit einer Eleganz herumwirbelte, die beinahe unheimlich war. Jeden Tentakel, jedes Glied, das in seine Richtung schnellte, schnitt er ab, ließ sie nutzlos und schwarz in den hellen Sand fallen.

Erik.

Das war Erik.

Das rechte Monster setzte zum Sprung an, kam nicht dazu. Mehrere Kugeln, genau in das, was wohl die Brust war... das zweite Monster wurde mitten im Sprung von Eriks Schwert zweigeteilt... Kein Wunder, wieso man ihn den Dämon von Verdun nannte... Er kämpfte ohne Gnade und ohne Gedanken an die eigenen Schäden. Er kämpfte mit vollstem Körpereinsatz und auch wenn es bei ihm beinahe schon spielend elegant wirkte, so konnte Charles selbst aus der Entfernung sehen, wie jeder Muskel in seinem Körper zitterte. Den Schweiß auf seiner Stirn, einfach alles...

Erik fuhr herum, die Waffe gehoben, bereit das nächste Monster anzugreifen, aber keines stand hinter ihm. Nur Charles, dem Blut von irgendeiner Wunde über die Stirn lief. Gute zehn Meter entfernt, keine Gefahr. Einen kleinen Moment, als konnte Erik sich nicht entscheiden, ob Charles wirklich Freund, oder Feind war, stand er noch da, ließ langsam die Waffe sinken.

Sein blasser Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen, aber in diesem Moment explodierte das Wrack hinter ihm. Es war keine schöne Explosion wie in den Filmen, die Charles immer als Kind gesehen hatte... sie riss ihn mehr oder weniger auseinander. Sein Körper wurde weggeschleudert, sein rechter Arm wurde von fliegenden Metall abgetrennt, oder war es doch sein Kopf? Charles konnte es nicht so genau sagen, wenn er ehrlich war und er wollte es auch nicht.

Charles wurde von der Welle der Explosion nach hinten geschleudert, sein Kopf schlug hart auf einem Felsen – oder doch einem gefallenen Kameraden? - auf und ein ungutes Knacken ertönte... Sein Rücken landete wenige Sekundenbruchteile später. Ein ebenso brutales Geräusch ertönte. Er stöhnte auf, leise. Kopf rollte schwer von einer Seite auf die Andere und ein stechender Schmerz kam nicht nur von seinem Kopf, sondern auch von... seiner Mitte... Und darunter war alles taub. Er war auf etwas gelandet. Etwas hartem, unnachgiebigen und seine Beine spürte er nicht mehr. Es war, als hätte jemand einfach jede Verbindung zu ihnen unterbrochen und sein Anzug schien einen Wackelkontakt zu haben, weil er ihn nicht wieder auf die Beine zog.

Er lag einfach nur da, versuchte Luft zu bekommen, und nicht in Panik bei dem Gedanken zu ertrinken, dass er mitten im Krieg seine Fähigkeit zu laufen verloren hatte. Etwas steckte in seiner Schulter. Spitzer Schmerz floss in Wellen über ihn, während Sand einfach überall war... in seinem Mund, in seinen Augen und er wusste nicht, wie lange er hilflos auf dem Rücken lag und versuchte seine Sinne wieder unter Kontrolle zu bekommen, aber als er es tat... er wünschte sich nichts sehnlicher, al das die Explosion auch ihn in Teile gerissen hätte...

Vor allem, als er sich seiner Umgebung bewusst wurde.

Nicht unweit von ihm waren zwei Mimiks, deren Krallen sich in etwas bohrten, dass wie Eriks Oberkörper aussah. Und wenn das noch nicht genug war... bei ihnen war ein Alien, der... größer war. Größer, als alles, was Charles jemals gesehen hatte und sein Atem stockte. Was zum... was war das? Ihr Anführer? Nur einen Sekundenbruchteil wandte Charles den Blick ab und sah zu seinem Waffenarm...

Das Magazin war ausgefallen... Es war... nicht mehr drin... er konnte nicht schießen, er... Es lag da, unweit seines Arms...

Charles wusste, dass er keine Chance hatte wegzurennen und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn sehen würden... Seine Beine waren taub, er konnte sie nicht spüren, nicht bewegen, er war gefesselt, ohne Fesseln zu tragen. Er hatte keine Chance das hier zu überleben, sie alle hatten keine Chance diesen Krieg zu gewinnen... Eine beinahe schon unheimliche Leere breitete sich in Charles aus. Eine Gewissheit, die restlos jeden Aspekt von seinem Körper einnahm.

Er würde sterben. Genau hier, wo er lag. Er würde... sterben! Er schluckte schwer und sah zu dem Magazin an Munition hinüber. Es lag beinahe schon harmlos neben ihm im Sand, unfähig jemanden zu verletzen. Aber... wenn Charles die Munition erreichen könte... Wenn er das Magazin in seine Waffe stecken könnte, dann könnte er zumindest noch zwei, oder drei von ihnen  mitnehmen. Vielleicht sogar das große Alien, das gerade mit den Kleineren zu kommunizieren schien...

Gott, ein so gigantisches Alien wie das da hatte Charles noch nie gesehen, aber... Sein Atem war flach. Rauch, Tod und Blut hingen in der Luft und lösten bei ihm beinahe schon einen Brechreiz aus. Aber das war nicht mehr wichtig... Nur... Nur das Magazin. Er bewegte seine Hand so langsam, wie er konnte, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber diese Wesen waren besser, als er angenommen hatte.

Der Kopf von dem großen Monster ruckte hoch, sah ihn aus seelenlosen, schwarzen Augen an und bleckte seine Zähne. Viel zu viele, viel zu spitze für den Mund und Charles spürte, wie seine Blase sich verselbstständigen wollte... Scheiße. Schnell.

Seine Hand schnellte vor, packte die Munition, während das Biest zu einer Attacke ansetzte. Es sprang los, schnell und tödlich. Jeder Muskel in seinem Körper auf das Zerfleischen ausgerichtet. Charles gab keinen Laut von sich, konnte nicht atmen, nicht denken, als er die Munition in seine Waffe presste.

Der Alien bewegte sich schnell, war binnen von einem Sekundenbruchteil über Charles, hob eine der klauenbesetzten Pranken, wollte sie auf sein Gesicht niedersausen lassen, als Charles de Abzug betätigte und eine komplette Ladung Metall in den Körper, Hals, Kopf des Dämons pumpte.

Es blutete.

Schwarze Säure regnete auf Charles hinab, während ein beinahe schon unmenschlicher Ton die Luft erfüllte. Charles wusste nicht, ob es sein eigener Schrei war, oder der des Monsters, aber das war auch nicht mehr wichtig. Wichtig war nur, dass die Säure seine Haut zersetzte, in seine Augen lief und ihn blind machte. War alles an ihnen Gift?

Schmerz, alles war Schmerz, während das schwarze Zeug seinen Hals hinabrann, ihn verbrannte, verätzte. Alles war Schmerz, alles war... Charles Finger ballten sich zu Fäusten, während er einfach nur in die Dunkelheit hinausschrie, die seinen absoluten Tod bedeutete.


⚙ ⚙ ⚙



Der Schmerz war in jeder Pore, der Schmerz war in seinem Gehirn, legte einfach alles lahm. Seine Lunge, sein Herz, sein beschissenes Hirn, einfach alles war nur noch unter Notstrom, bevor es sich anfühlte, als würde ein Schalter umgelegt werden. Ja, beinahe als würde Licht in unendliche Dunkelheit gebracht werden.

Er holte rasselnd Luft, eine Welle an Schmerz brach über seinen Körper zusammen, bevor alles wieder... normal wurde. Nicht taub, er spürte seinen Körper noch, aber so, wie er ihn eben immer gespürt hatte. Nicht in einer Welle aus Schmerz und Qual gefangen.

Er hörte Geräusche. Schritte, Menschen. Er hörte die Umwelt, aber es war nicht die richtige Umwelt. Seine Lungen atmeten den Geruch von Metall und Öl ein. Kein Blut.

Langsam, als habe er Angst vor dem Anblick der Zerstörung, öffnete er die Augen. Schlafsand und Tränen verklebten seine dichten, dunklen Wimpern und auch wenn die Welt wie durch einen Film wirkte, so konnte er keinen Sand sehen. Nur grauen Asphalt und olivfarbene Taschen, auf denen er lag...

Was...

Schritte. Schwere, schnelle Schritte, die sich in seinen Kopf bohrten, als würde der Mann genau auf ihm wandern, kamen näher. Der Fremde hielt an. Genau vor Charles, schien seinen vermeintlich schlafenden Körper zu betrachten, bevor er Luft holte und plärrte:

„Aufstehen, Soldat. Hier ist kein Platz zum Schlafen, noch weniger zum friedlich Schlafen.“





(ᗒᗨᗕ)

Ich bin so Impulsgesteuert, es ist wirklich nicht mehr schön :'D Hab mir dann doch endlich Mal den Film Edge of Tomorrow angesehen, auf dem das Au hier mehr oder weniger basiert :) Es wird aber weit genug vom Film abweichen, denke ich: Wie lang das wird, kann ich noch nicht sagen, aber wie immer motivieren Zuspruch, Empfehlungen und Reviews sehr :) Ich wünsche euch eine schöne Woche und nicht zu viel Regen :)

Hochachtungsvoll,

Wir.  
Review schreiben