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Das Mädchen im Regen

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Kwai Chang Caine Peter Caine
19.08.2015
09.09.2015
10
22.312
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Dieses Kapitel
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19.08.2015 3.655
 
Dies ist meine erste Kung- Fu im Zeichen des Drachen- Story. Und sie besteht zur Zeit aus zwei Büchern, das erste ist fertig und daher beginne ich nun es zu posten.
Ich hoffe die Story findet Leser.
Der Beginn dieser Story ist Jahre nach der Serie. Kwai Chang Caine ist vor Jahren aus Chinatown fortgegangen, um eine neue Reise zu beginnen. Sein Sohn hat ein neues Leben begonnen und sein altes hinter sich gelassen. Aber lest selber!


Viel Spaß!
Nyra


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>Geh nach Chinatown, frage nach Caine., das und die Geschichten über ihren Vater, den Polizisten sind alles was die Dreizehnjährige mit den grünen Augen weiß. Alleine, ohne Geld läuft sie durch dunkle Straßen deren Namen sie nicht kennt und von denen sie noch nie gehört hat, in einer Stadt die sie nicht kennt. Das einzige was ihr den Weg noch weisen kann ist dieser eine Satz, der sie nicht zum Vater, aber zum Großvater bringen wird, so hofft sie: >Geh nach Chinatown, frage nach Caine.



--- Buch 1 --- Das Mädchen im Regen ---




KUNG FU

IM ZEICHEN DES DRACHEN




------Herbsttag------

Peter stand nachdenklich und tief in Gedanken an einem der Fenster, in seinen Räumen und schaute hinaus. Er spürte es wieder, dieses Gefühl, dass ihm etwas fehlte und zugleich glaubte er, dass es näherkam. Er hob den Kopf und sah in den Himmel. Vater. Wo bist du nur? Im Moment... könnte ich deinen Rat brauchen. Deine... Leitung? Ach Paps.
Er schüttelte den Kopf und seufzte leise.

„Ähm... ent-entschuldigung? Ich... ich suche Caine?“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, er nickte und drehte sich langsam herum. Es war eine junge Asiatin die unsicher vor ihm stand, freundlich blickte er ihr entgegen. „Sie haben ihn gefunden.“
„Er ist... hier?“
„Er...“, Peter hob seine Hand deutete zwischen ihnen beiden hin und her, „...steht vor ihnen.“
„Sie... aber... nein, ich meine... den Mann den ich suche, zu dem... meine Großmutter mich schickte, Verzeihen Sie Mister... Caine? Aber... er müsste... älter sein....“, unsicher schaute sie ihn an.
Peter lächelte. „Mein Vater.“
Der Blick, der jungen Asiatin hellte sich auf. „Ist er... hier? Ich... kann auch warten.“
„Nein. Sie... könnten warten aber... wer weiß wie lange? Mein Vater befindet sich auf einer Reise. Er ist schon eine Weile fort und er... wird sobald nicht zurück sein.“ Er ging auf die junge Frau zu, streckte die Hände nach ihr aus und umfasste ihre beiden, die sie durchknetete. „Aber... ich bin Shaolin- Priester wie er. Ich... bin der Caine, zu dem sie geschickt werden, suchen Sie Hilfe. Was genau... benötigen Sie?“, fragte er und wartete auf eine Antwort, während er bereits seine Sinne nach ihr ausstreckte und sie genau beobachtete.
„Ich ähm... ja also ich....“
Er löste die Hände von ihr und deutete auf die Sitzplätze in der Zimmermitte. „Kommen Sie, setzen wir uns doch. Legen Sie die Jacke ab. Ich hänge sie weg.“ Sie nickte, reichte ihm die Jacke und ging langsam hinüber zu dem kleinen Tisch und den Sitzkissen. Er lächelte. Er hatte ihre Haltung richtig gedeutet sie war schwanger. Er hing ihre Jacke über einen Stuhl und folgte ihr.

„Sie... sind schwanger.“, stellte er leise fest und nahm mit einem Tablett Tee vor ihr Platz. Sie musterte ihn überrascht und schaute an sich herunter. „Woher...“
„Ich... bin ein guter Beobachter?“, fragte er und schob eine Schale mit Pfefferminztee zu ihr. „Wie weit sind Sie?“
„Im... zweiten Monat, es... war nicht... geplant aber... es... ich freue mich, nur... ich bin ständig müde und... mir ist schlecht. Ich habe Rückenschmerzen, Skoliose und der Arzt meint, ich darf nun keine Tabletten nehmen, aber....“
Peter stand lautlos auf, ging um die junge Frau herum und ging beobachtet von ihr, hinter ihr in die Knie. Er berührte ihre Wange mit der flachen Hand. „Nach vorne sehen.“, bat er und schob ihren Kopf sanft in die entsprechende Position Seine zweite Hand hielt er so knapp über die Mitte ihrer Schulternblätter, das er ihre Wärme spüren konnte. „Darf ich?“, fragte er leise, er wusste genau, das sie seine Hand bereits wahrnahm, er war bereits innerhalb ihrer Aura. Sie nickte. „Tief einatmen und... wieder aus. Langsam. Ein... und... aus....“

Er nickte zufrieden als sie seiner Anweisung nachkam. Mit ganz leichtem Druck legte sich seine Hand auf ihren Rücken. Er strich über die Mitte ihres Rückens und wiederholte das ganze mit beiden Händen, den Rücken hinab. Er endete mit einer Hand und leichtem Druck, dort wo er aufgehört hatte. „Einen Moment.“, sagte er, stand auf und schritt lautlos auf einen seiner Apothekenschränke zu. Im Handumdrehen hatte zwei seiner Öle und eine bestimmte Kräutermischung zusammen gemischt. Er stellte es auf die Seite und zog eine andere Schale zu sich. Er brauchte keine zwei Minuten und dann war eine Creme angerührt. Er füllte sie in eine kleine Schraubdose und stellte die Schale abgedeckt in den kleinen Kühlschrank unter dem Tisch, währenddessen fragte er sie nach ihrem Namen: Wenwen Ho.
Bewaffnet mit der Schale und dem Döschen ging er auf die andere Seite des Raumes an einen anderen Schrank.
Ruhig stellte er alles ab. Er zog als erstes einen kleinen Holzlöffel hervor und nahm sich eine braune Tüte, dann zog er die erste der kleinen Schubladen auf und füllte etwas vom Inhalt in die Tüte, er wiederholte es mit dem Inhalt von zwei anderen Schubladen. Dann mischte er den Inhalt der Tüte mit einem langen Holzspatel durch, ehe er sie mit einem Clip verschloss. Erst jetzt ging er langsam zurück zum Tisch. Wortlos stellte er Tüte und Döschen auf die Tischmitte. Die junge Frau musterte ihn fragend, er lächelte nur, bedeutete ihr stumm wieder nach vorne zu sehen und legte ihr wieder eine Hand auf den Rücken. „Weiter?“, fragte er ruhig. Sie nickte.
„Dann bitte den Rücken freimachen.“

Peter tauchte seine mit einem Tuch umwickelten Finger in die Schale mit dem duftenden Öl. Mit dem Tuch begann er ihren Rücken abzutupfen, ehe er mit leichtem Druck nur an den verspannten Punkten begann zu massieren. Sie entspannte sich zunehmend und seufzte schließlich leise auf. Peter lächelte zufrieden. Nach einer Weile nahm er noch etwas von dem Öl und rieb ganz leicht ihren Rücken mit dem Öl ein.
„Das... tut gut.“
Er schwieg.
„Anziehen, bitte.“, sagte er wenige Minuten später, erhob sich und ging in den hinteren Teil des Raumes. Er holte ein kleines Stoffsäckchen und ließ sich Zeit mit dem wegräumen einiger Materialien, solange bis er hörte wie sie auf ihn zu kam. „Ich... danke Ihnen, das... ist viel besser.“
Er nickte lächelnd und ging an ihr vorbei zum Tisch, er holte die angemischte Creme und die Tüte mit Kräutern, beides verstaute er in dem Säckchen und ging zurück zu ihr. „Hier. Den Tee jeden Morgen und später... wann immer Ihnen Übel ist, ein bis eineinhalb Teelöffel auf zwei Tassen Wasser. Die Creme jeden Abend vorm Schlafen gehen.“, er reichte ihr das Säckchen.

„Ich... danke Ihnen, Meister Caine. Ich... was bekommen Sie?“
„Nichts.“
Sie schaute ihn staunend an und schüttelte den Kopf. „Aber... wenn ich Ihnen etwas als Dank geben würde? Würden Sie es annehmen?“
Er lächelte. „Wenn es dem Dienst entspricht.“
Sie nickte, griff in ihre Tasche, holte einen fünf Dollarschein aus ihrer Tasche und reichte ihm diesen zusammen mit einer Karte. „Was immer Sie an Kräuter und anderm gebrauchen, ich würde mich freuen Ihnen zu helfen und Großmutter sicherlich auch. Wir... haben den Laden von meinem Onkel übernommen.“
„Chēngxiè.“ *1
„Biǎoshì zhōngxīn de.“*2, erwiederte sie, deutete eine Verbeugung an und legte dabei die Hände aneinander, „Zàijiàn.“
„Zàijiàn.“, erwiederte er ihren Abschied, „Grüßen Sie Ihre Großmutter.“
„Das werde ich.“, sie nahm ihre Jacke entgegen und ging nach einem letzten Blick an ihn hinaus.

Peter schaute seinem Gast kurz hinterher und fragte sich nicht zum ersten mal an diesem Tag, was dieses Gefühl zu bedeuten hatte. Inzwischen konnte er es ein wenig genauer einordnen, es war ähnlich dem was er damals gefühlt hatte, nach dem Ritual zum Priester und er seinen Vater durch diese spezielle mentale Verbindung zum allerersten mal gespürt hatte.
Seufzend ging er zur Anrichte und entzündete zwei Räucherstäbchen. Er wusste nicht was er davon halten sollte. Dieses Gefühl war immer mal wieder gekommen und gegangen, in den letzten Jahren, aber seit einigen Wochen blieb es beständig, allein die Stärke variierte. Es war nicht sein Vater der ihn brauchte, zum einen spürte er seinen Vater deutlich, wo immer er auch steckte, weit, weit fort, ihm ging es gut, das wusste er genau. Und doch...

„Meister Caine?“

Er drehte sich herum und bedeutete seinem neuen Gast, einem jungen Amerikaner herein zu kommen. „Ich bin gleich soweit. Setz dich. Entspann dich.“
Während er das Wasser anstellte und die passenden Zusätze in eine Schüssel füllte, warf er nur einen kurzen Blick auf den zehnjährigen der bereits Platz genommen hatte. Deutlich war zu sehen, wie Ryan mit den Atemübungen begann und sich zu entspannen versuchte.
Seit etwas weniger wie drei Wochen kam der Junge nun zu ihm. Nach einer schweren Rauchvergiftung und anschließenden Lungenentzündung hatte er zunehmend Probleme mit seinem Asthma gehabt. Etwas das Peter ebenso wenig heilen konnte wie die Schulmedizin. Aber Linderung konnte er dem Kind verschaffen und Atemübungen. Etwas das seine Eltern und Arzt zwar versucht hatten, dem Jungen aber nicht geholfen hatten, weil er in seiner Angst keine Luft zu bekommen nicht die Ruhe dazu fand. Peter hatte den Jungen und seine Mutter durch Zufall kennengelernt, oder eher Schicksal, in der Straßenbahn.
Der Strom war ausgefallen und der Junge hatte vor lauter Panik Asthma bekommen. Fern jeder Hilfe, war schließlich auch seine Mutter nahezu panisch geworden. Er erinnerte sich noch gut an diese düsteren Moment. Er selbst war keineswegs sicher gewesen, ob er es schaffte das Kind soweit zu beruhigen, dass er seine Medizin nehmen konnte und atmete, doch er hatte es geschafft. Seither kam Ryan jeden zweiten Tag zum inhalieren und um Atemübungen zu machen. Außerdem kam er ein bis zweimal die Woche zum Kung Fu- Training, mit ihm hatte Peter das ein wenig anders angefangen, Ryan hatte mit ihm zu allererst Atmen und Meditation geübt.

xXx

Sie lief alleine durch die Straßen und zog fröstelnd ihre Jacke enger. Doch der durchnässte Stoff schützt sie nicht wirklich besser, wenn sie noch heil gewesen wäre, hätte es wohl jetzt gerade auch kaum einen Unterschied gemacht. Suchend sah sie sich um. Eigentlich, hatte sie sich erst einen, oder zwei Tage in San Francisco umsehen wollen, dann erst hatte sie ihn suchen wollen.
Jetzt aber stand sie muterseelen allein und ohne Geld inmitten dieser großen Stadt und war bis auf die Haut durchnässt vom letzten Regenschauer.
Unsicher und besorgt musterte sie den Eingang zu dem Stadtteil, den sie eigentlich nicht hatte im Dunkeln und alleine betreten wollen. Sie seufzte. Okay, alleine schon, aber eben zu einem Zeitpunkt, da hier mehr weiße, mehr Touristen herum liefen. Sie atmete tief durch. Welche andere Wahl hatte sie denn schon? Richtg keine. Sie war seit dem Diebstahl ihrer Sachen mittellos, also... blieb ihr nur die Möglichkeit Chinatown zu betreten und zu hoffen, das er hier bekannt genug war. Ihr Großvater, nicht ihr Vater. Aber der wusste dann ja wohl hoffentlich wo ihr Vater war, denn an seinem Arbeitsplatz hatten ihr zwei junge Männer nur gesagt, dort gäbe es keinen Mann seines Namens.

Schon nach wenigen Metern ahnte sie, dass es eine dumme Idee gewesen war her zu kommen. Sie wurde angestarrt und gemustert. Die Menschen begannen zu tuscheln. Sie schluckte, kämpfte gegen ihre Tränen. Schließlich blieb sie hilflos vor einer älteren Frau und ihrer Enkelin oder was auch immer stehen. „Ent- entschuldigen Sie ich suche....“
Die Alte sagte irgendetwas auf Chinesisch und sie starrte der Frau verständnislos nach. Sie versuchte es noch zwei mal, mit dem gleichen Ergebnis und gab auf. Es begann erneut zu regnen.

xXx

Peter ging zu dem Jungen, legte ihm eine Hand auf die Schulter, als der Sud soweit war und Ryan blickte auf. „Fertig?“
„Ja, komm mit nach neben an. Erzähl mir... wie die Schule war? Wie war Sport?“
„Wow! Gibt es... gibt es auch etwas das Sie sich nicht merken?“
„Sicher.“, antwortete er lächelnd und öffnete die Tür.
„Schule war gut. Sport okay. Ich bin immer noch der allerletzte, aber... immerhin kam ich ins Ziel.“, Ryan grinste, „also, ich meine... ich lief bis zum Ende. Okay... ging.“
Peter grinste und klopfte Ryan auf die Schulter. Der Junge setzte sich, Peter stellte die Schüssel auf den Tisch, einen kleinen Timer daneben und Ryan griff nach dem Handtuch. „Du weißt ja. Ganz langsam.“
„Ja.“
Peter wartete einen Moment lang, bis der Junge mit dem Kopf über der Schüssel einen Atemrythmus gefunden hatte. Dann zog der Shaolin sich leise zurück, er hatte da jemanden kommen hören. Tatsächlich stand bereits eine weitere Asiatin bei ihm in der Apotheke. „Guten Tag?“

Die Frau Ende vierzig bat ihn um etwas Tee für ihren Mann, um das Wasser auszutreiben. Sie kam regelmäßig und war rasch bedient, als sie ging, war sein Vorratskühlschrank um eine kleine Pastete reicher. Er seufzte. Es gab Tage an denen fragte er sich tatsächlich wie und womit sein Vater es geschafft hatte hier die Miete zu bezahlen. Er selbst wusste nur eines, er könnte es nicht. Zum Glück musste er auch nicht. Mister Chang, dem das Haus, in dem unten ein kleines Restaurant und eine Wäscherei waren, hatte er mit seinem Tod Peter und seinem Vater vermacht, als Dank. Mit den Einnahmen, die er jetzt von den beiden Betrieben unten bekam, war es ein leichtes die anfallenden Kosten zu decken und nötige Reparaturen zu zahlen, die er nicht selbst entrichten konnte und für die er auch keine Gefälligkeiten einfordern konnte. So seltsam ihm derlei Tauschgeschäfte damals bei seinem Vater auch immer erschienen waren, inzwischen waren sie auch für ihn normal und Teil seines ganz normalen Lebens. Eines Lebens, für das er sich selbst entschieden hatte und den erlernten normalen Beruf an den Nagel gehängt hatte. Zufrieden schaute er sich im Wohn- und Arbeitsbereich um. Er nickte.

„Meister Caine?“

Er drehte sich herum. Hinter ihm stand Ryan. Vorsichtig und mithilfe des Handtuchs trug er, die noch immer heiße Schüssel bis zu dem schweren Holztisch und stellte sie dort ab. Peter bemerkte sofort, dass der Junge noch etwas auf dem Herzen hatte und auch, das er noch nicht wusste, wie er damit heraus rücken sollte. „Du könntest es hinten in den Ausguss kippen und dann die Schüssel spülen, im weißen Waschbecken.“
Ryan nickte. Der Junge machte sich ans Werk und Peter sortierte die letzten Einkäufe in die richtigen Schubladen und Schränke. Immer mal wieder sah er sich nach Ryan um. Gerade als er ein paar Verbände in den passenden Schrank räumte räusperte sich der Junge, er schmunzelte und arbeitete weiter, als habe er nichts bemerkt.

„Meister Caine? Kann ich... also... haben Sie einen Rat, für... für einen Freund, der... der immer Geld an Mitschüler zahlen muss, weil... nun ja... sie ihn sonst... verprügeln?“
„Mmh... ich weiß nicht.“, er drehte sich wachsam zu ihm um. „Dazu... müsste ich ja den Jungen kennen, die Geschichte.“
Ryan nickte und senkte den Blick. Peter ging zu ihm, legte ihm eine Hand auf den Arm. „Wir... reden hier aber über dich, nicht wahr?“
Ryan sah auf, er nickte unsicher. Peter lächelte ihm zu. „Zu erst einmal... solltest du dich an das Training erinnern. Wann... wirst du auf jeden Fall verlieren?“
„Wenn ich angreife, ich weiß, aber... das habe ich ja auch gar nicht, ich... wie soll ich mich wehren, wenn er doch viel größer ist und....“
„Gar nicht.“, sagte Peter ernst und hob das Kinn des Jungen an, um ihn anzusehen. „Wenn du angreifst, nur weil du es kannst, oder um jemandem weh zu tun, dann bist du nichts besser, wie der, der dir weh getan hat, oder es noch immer will. Verteidigst du dich, mit den Mitteln des Angriffs, oder dem Ziel zu verletzen ist es dasselbe Ergebnis und du wirst auch kaum gewinnen.“
„Ja, aber...“
„Nein.“, sagte er sanft, warf einen Blick hinüber zu Ryans Mutter, die in diesem Moment in der Tür aufgetaucht war und nickte ihr zu. Der Junge hatte es nicht bemerkt. Betreten und hilflos biss er sich auf die Unterlippe, stierte auf seine Füße. „Ryan? Im Kampf, was hast du gelernt ist deine beste Chance gegen jeden Gegner?“
Der Junge schloss die Augen, als er sie wieder öffnete leuchteten sie auf. „Ausweichen, abwehren, abwarten. Den Gegner... ermüden und seine Kraft gegen ihn wenden.“
„Richtig. Also denke daran, wenn du das nächste mal ein Problem hast und jetzt geh! Hol deine Sachen, deine Mutter wartet.“

„Danke Peter.“
Er nickte und ging auf Amanda zu. Sie und er, waren einst gemeinsam zur Schule gegangen. Es war schon seltsam, damals in der Straßenbahn hatten sie es zunächst nicht einmal bemerkt. Sie griff in ihre Tasche und holte etwas heraus. „Hier. Bastian wird deine Leitungen erneuern, im ganzen Haus, wenn du dafür auch Sam unterrichten wirst.“
„Eure Tochter?“, fragte er verwundert. Amanda nickte. „Eine ihrer Freundinnen wurde am Freitag vergewaltigt Peter. Sie hat Angst, sie... hat den Mann vermutlich selbst gesehen und hatte nur das Glück, nicht alleine auf der Straße gewesen zu sein, als sie vor ihm weglief. Ich weiß natürlich, dass dein Training sie nicht befähigt sich vor so etwas zu schützen, aber... vielleicht....“
„Bring sie mit her. Ich bin sicher, es wird ihr gefallen.“
„Danke Peter.“
„Nein, ich danke dir. Und deinem Mann, das... erspart mir eine Menge Rechnungen.“
Sie lächelte, nahm Ryan in Empfang und verabschiedete sich. Peter blickte ihnen nach. Noch ein Problem, das sich so eben in Wohlgefallen aufgelöst hat, dachte er, ging zum Schreibtisch und zerriss die Kostenvoranschläge diverser Firmen. Sie landeten Sekunden später im Papiermüll.

xXx

Sie hustete, schüttelte sich erneut vor Kälte und bemerkte zum ersten mal, das ihre Zähne klapperten. Oder... friere ich erst jetzt soo sehr?
Sie atmete tief ein, ein erneuter Hustenanfall überkam sie. Sie holte anschließend keuchend Luft und blickte als sie sich aufrichtete, genau in das Gesicht einer älteren Asiatin. Fragend blickte die Frau sie an. „Qǐng?“, versuchte sie es mit dem Chinesischen Wort für bitte und hoffte sie sprach es halbwegs richtig aus. Rasch zeigte sie auf sich. „Ich suche... Caine? Ich suche...“
„Caine? Jiù shì jiù shì.*5“, die Frau zeigte gerade aus die Straße herunter. Sie nickte hoffend und ging weiter.
Sie fragte noch zwei mal und die letzte Frau verstand sie wieder gar nicht. Die schien ihren Gesichtsausdruck jedoch genau richtig zu verstehen. Sie zog sie mit in eine Wäscherei und dort durch einen Seiteneingang in einen Hausflur. Fragend sah sie die Frau an. „Caine? Ich suche... Caine?“
„Jìshì. Jìshì.“, die Frau deutete nach oben, „Shàng. Shàng!“
„Ich... ich soll nach oben?“
Die Frau nickte eifrig und schob sie weiter zur Treppe. „Duìle.“
Das war ein ja, oder zumindest ein Wort zum bestätigen, richtig? Das erste jedenfalls heißt ja dort, oder so ähnlich. Sie seufzte. „Danke.“ Unsicher schritt sie hinauf. Die Treppe war lang und als sie oben war, brauchte sie erst einmal einen Moment um ihre Kräfte zu sammeln, sie war völlig aus der Puste. Ihr wurde plötzlich heiß und Müdigkeit überkam sie.

Nach einem Moment ging sie weiter. Sie hörte Stimmen und folgte ihnen. Nur eine Tür im langen Flur war offen, dort standen ein Mann in einem chinesischen Gewand und eine ältere Frau. Sie wartete in einiger Entfernung zur Tür. Der Mann hatte sie bereits gesehen. Sie schluckte, ihr Herz raste. Das ist... definitiv... nicht Caine, oder? Er ist... zu jung.
Die Frau trat auf sie zu, sagte ihr irgendetwas das sie nicht verstand und war an ihr vorbei. Sie starrte wieder in den Raum zu dem dunkelhaarigen Mann und spürte Tränen in ihren Augen. Das... konnte doch nicht sein... all ihre Mühen... alles um sonst?

xXx

„Nǐhǎo.*3
„Nǐhǎo.“, grüßte er zurück, deutet ebenfalls die traditionelle Verbeugung an und trat seinem neuesten Gast entgegen. Die alte Regina Kelly kannte er nun schon seit Jahren und sie kam immer mal wieder vorbei und bat um die gute Rheumacreme für ihren Mann. „Das übliche?“, fragte er daher leise. Sie nickte dankbar. „Haben Sie gerade etwas da?“
„Na, dass wissen Sie doch, Mrs. Kelly.“
Sie nickte und stellte das in Alufolie verpackte etwas auf seinen kleinen Tisch, der zur Sitzecke gehörte. „Ein wenig Kuchen. Ich weiß doch wie sehr Sie den lieben.“, sie zwinkerte und stellte eine Dose daneben. „Und Ihre Dose zurück, mit einer kräftigen Hühnerbrühe.“
„Mrs. Kelly, das ist doch wieder viel zu viel.“
„Oh, Junge, sie wissen doch wie gern und viel ich immer koche. Dieses mal war es wieder eindeutig zu viel, meine Tochter hat wieder kurz vorher abgesagt.“, sie seufzte und schüttelte mit einem deutlich äergerlichen Blick den Kopf. „Dieses Kind lernt hoffentlich noch, wie enttäuschend es ist, immer zu auf ein Wiedersehen zu warten.“
„Gewiss, sie ist... noch jung.“, antwortete er, womit er der alten Dame ein lachen und einen drohenden Finger entlockte. „So viel älter sind Sie auch nicht, mein Junge.“
„Wohl wahr.“, gab er grinsend zurück und reichte ihr das abgefüllte Gel.

„Sie....“, er brach ab und schaute an ihr vorbei, im Flur stand ein junges schwarzhaariges Mädchen. Unsicher schaute sie sich um und blieb vor der Tür stehen. In seinem Inneren jagte ein heißer Schauer durch ihn hindurch und traf sein Herz, seine Seele. „Sie... wissen ja, wie Sie die Creme zu benutzen haben.“
Mrs. Kelly nickte und wandte sich mit einem Gruß ab, ehe sie mit einem >Wǎnshànghǎo4 an dem Mädchen vorbei in den Flur trat. Die Kleine starrte ihn nahezu ängstlich an. Er hingegen wusste plötzlich, dass sie der Grund für dieses seltsame Gefühl in seinem Inneren war, das angewachsen war. Sie war der Auslöser und sie kam ihm seltsam bekannt vor. Nur woher?

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Chēngxiè*1- jmd. Danke sagen
Biǎoshì zhōngxīn de*2- jmds. tiefsten Dank aussprechen
Nǐhǎo.*3- Guten Tag/ Hallo
Wǎnshànghǎo4 - Guten Abend
Jiù shì jiù shì.*5- Ja, ja

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So ich hoffe ihr fandet den Anfang jetzt nicht zu ermüdend, aber irgendwie... musste das sein, um zu verstehen warum was wie geschehen wird. Peter ist eben inzwischen ganz... Shaolin.
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