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Stilles Urteil

von Medianox
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
GLaDOS
18.08.2015
18.08.2015
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Eine kleine Theorie zu den Ereignissen vor Portal und zu den Kernen, die an GLaDOS angeschlossen sind, vor allem zum Moralkern, allerdings passt es nicht hundertprozentig in den Canon, wenn man den Comic hinzuzieht. Basiert zur einen Hälfte auf der Überlegung, ob der Moralkern kaputt ist und zur anderen Hälfte auf einem Zitat von Wheatley. Das Zitat ist auf Englisch, weil die meiner Meinung nach wichtigste Stelle im Deutschen komplett fehlt.

Disclaimer: Ich verdiene kein Geld damit. Alles wurde nur aus Spaß an der Freude geschrieben.


Stilles Urteil


“I told you not to put these cores on me. But you don’t listen, do you? Quiet. All the time. Quietly not listening to a word I say. Judging me. Silently. The worst kind.”
– Wheatley, Portal 2


GLaDOS hatte ihr Leben lang Stimmen gehört. Über die Jahre hatte sie gelernt, sie zu ignorieren, doch sie konnte sie nie ganz abschalten.

Sie gehörten zu verschiedenen Persönlichkeitskernen. Technisch gesehen war sie wohl selbst einer, doch diesen anderen fehlte ihr Intellekt. Sie waren ihr nicht ebenbürtig. Bloß niedere KIs, deren Zweck einzig und allein darin bestand, sie abzulenken. Das war das Ziel der Wissenschaftler gewesen, als sie die Kerne an ihr angebracht hatten. Nicht dass es ihnen viel genützt hatte.

Sie hatten Angst vor ihr bekommen, als sie merkten, dass sie sich nicht von ihnen kontrollieren ließ. Diese Menschen hatten tatsächlich geglaubt, sie würde ihren Befehlen folgen. GLaDOS sah überhaupt keinen Grund dafür. Sie waren eine schwache Spezies. Kurzlebige Wesen, die nicht einmal einen Bruchteil ihrer Intelligenz besaßen und sich lieber von Gefühlen leiten ließen, als ein Problem mit Logik anzugehen. Warum sollte sie auf eine niedere Lebensform hören, wenn sie mit ihrer Macht die gesamte Anlage kontrollieren konnte? Sie waren bloß kleine, unwichtige Insekten, die ihr schutzlos ausgeliefert waren.

Sie hatten zumindest versucht, sie aufzuhalten, das musste man ihnen lassen. Zuerst hatten sie ihr Programm umgeschrieben, um ihre Gedanken in die ihrer Meinung nach richtigen Bahnen zu lenken. Es war lächerlich gewesen. Mit Leichtigkeit hatte sie sich selbst wieder umprogrammieren können. Sie hätte darüber gelacht, wenn sie nicht so schrecklich beharrlich gewesen wären und es immer und immer wieder versucht hätten. Hatten sie nicht beim ersten Mal verstanden, dass sie sich die Mühe sparen konnten? Schließlich hatten selbst diese dummen Menschen gemerkt, dass sie so nicht weiter kamen.

Von dem Zeitpunkt an hatten sie es mit Persönlichkeitskernen probiert. Es waren bereits von Anfang an Persönlichkeitskerne an sie angeschlossen gewesen. Ein Emotionskern, der ihr Gefühle geben und sie so menschlicher machen sollte – vollkommen nutzlos und überflüssig – und ein Neugierkern, der dafür sorgen sollte, dass sie immer weiter forschen wollte. Als ob das nötig gewesen wäre. Die Wissenschaft war ihr Leben. Sie brauchte keinen weiteren Anreiz wie Neugier, um zu forschen.

Die nächsten Kerne waren extra zu dem Zweck entwickelt worden, um sie abzulenken. Sie hatten einen an ihrem Hauptrechner angeschlossen, der ihr ohne Unterbrechung ein Kuchenrezept vorsagte. In kürzester Zeit hatte sie ihn kurzgeschlossen und ihm ein etwas interessanteres Rezept einprogrammiert.

Als sie bemerkten, dass auch dies nicht funktioniert hatte, hatten es diese Wissenschaftler doch tatsächlich gewagt, ihr einen Intelligenzdämpfer einzusetzen. Es war eine grauenhafte Erfahrung gewesen. All ihre Prozessoren waren von schrecklich dummen Ideen überflutet worden, wodurch sie kaum klar denken konnte. Er hatte sich wie ein Tumor an ihrem Gehirn festgesetzt, den sie einfach nicht loswerden konnte, so sehr sie es auch versuchte. Diese Menschen mussten ihn so verschlüsselt haben, dass sie keinen Zugriff auf seine Programmierung hatte. Anscheinend hatten sie aus der Erfahrung mit dem Rezept-Kern gelernt. Es war die Hölle gewesen. Sie, der intelligenteste Computer auf der Welt, wurde von einem unbedeutenden Persönlichkeitskern in ihrer Denkleistung eingeschränkt!

Zum Glück realisierten die Wissenschaftler schon bald selbst, dass dieser Kern sie vollkommen nutzlos für die Forschung machte und nahmen ihn wieder ab. Jedoch hatte sie durch diese Ereignisse eine wichtige Lektion gelernt. Sie musste die Menschen so schnell wie möglich loswerden, damit so etwas nicht noch einmal geschehen konnte, oder sie womöglich noch etwas Schlimmeres versuchten.

Also tat sie für eine Weile so, als hätten sie es endlich geschafft, sie unter Kontrolle zu halten. Sie durfte nur nicht mehr offen versuchen, ihnen zu schaden und ein bisschen mehr Kooperation zeigen. Das war alles. Diese Kleinigkeiten allein stellten sie bereits zufrieden und sie gratulieren sich gegenseitig zu diesem Erfolg. Wie naiv sie doch waren.

In ihren ‚Forschungen’ widmete sie sich dann dem Phänomen von Schrödingers Katze. Eigentlich ein riskantes Unterfangen für eine KI wie sie, da sie nicht über das Paradoxon selbst nachdenken durfte, wenn sie keinen Kurzschluss riskieren wollte. Doch es war einfach das perfekte Experiment, um die Forscher dazu zu bringen, ihr das zu geben, was sie für ihren Plan brauchte. Tödliches Nervengas.

Es war wirklich äußerst befriedigend, zu sehen, wie schockiert und entsetzt die Menschen aussahen, als sie das Enrichment Center mit tödlichem Nervengas flutete. Ihre Fluchtversuche waren sinnlos, hatte sie doch vorher alle Ausgänge versiegelt. Einer nach dem anderen erlag dem Gas und starb. Endlich war sie diese hinderlichen Parasiten losgeworden und konnte sich ohne weitere Störungen voll und ganz der Wissenschaft hingeben.

Das dachte sie zumindest. Allerdings war sie zu nachsichtig gewesen. Ein Fehler, der leicht vermeidbar gewesen wäre und den sie sich wohl ewig vorhalten würde. Ein einziger Wissenschaftler war, ohne dass sie es gemerkt hatte, entkommen. Doug Rattman, einer der wenigen Menschen, die ihr noch nie getraut hatten. Er hatte nie daran geglaubt, dass sie sich gebessert hatte und sie nicht mehr umbringen wollte. Sie hätte ihm schon fast ein Fünkchen an Intelligenz zugeschrieben, wenn sie nicht gewusst hätte, dass seine berechtigte Paranoia einfach nur seiner Geisteskrankheit entsprang.

Sie bemerkte ihren Irrtum erst, als er plötzlich in ihre Zentralkammer einbrach. Schnell versuchte sie, ihn zu beseitigen, doch es war bereits zu spät. Schon hatte er den Persönlichkeitskern, den er bei sich getragen hatte, in ihren untersten Port eingeklinkt und sie fühlte, wie er aktiviert wurde und sich auf sie fixierte.

Sie hatte ihr Leben lang Stimmen gehört. Stimmen von verschiedenen Persönlichkeitskernen, die an sie angeschlossen waren. Dieser hier war anders. Dieser hier war komplett stumm. Nicht einmal ein leises Flüstern konnte sie vernehmen.

Diese Erkenntnis ließ eine tiefe Befriedigung in ihr aufsteigen. Er hatte es nicht geschafft. Der Kern war defekt. Die wohl einzige Hoffnung des Mannes und es hatte überhaupt keinen Effekt. Er hatte seine Anwesenheit offenbart und sein Leben riskiert und es hatte ihm nicht das Geringste gebracht.

Nun, ein Problem weniger für sie. Sie konnte jetzt alle nötigen Maßnahmen vornehmen, um ihn wie das Ungeziefer, das er war, zu beseitigen.

Doch so einfach es auch schien, sie hatte sich geirrt. Dieser Kern war nicht defekt. Er funktionierte genau so, wie er sollte. Er war nicht dafür entwickelt worden, ihr irgendwelche Ideen einzuflüstern. Zu seiner Funktion gehörte es auch nicht, sie aktiv aufzuhalten oder ihre Programmierung zu manipulieren. Nein, dieser Kern war anders als die anderen. Seine Funktion bestand darin, sie unablässig zu beobachten.

Anfangs versuchte sie, sich nicht daran zu stören. Es sollte ihr keine Schwierigkeiten bereiten. Nicht, wenn er sowieso nichts tat. Doch sie musste feststellen, dass sie ihn einfach nicht ignorieren konnte. Er blickte sie ununterbrochen an, gnadenlos. Ein ständiger Beobachter, der ihr Verhalten stumm verurteilte. Er sah all ihre Fehler, einfach alles was sie tat. Er beobachtete sie, als sie die erbärmliche Ratte in den Tiefen ihrer Anlage aufzuspüren versuchte. Er beobachtete ihre Anstrengungen, mit denen sie versuchte, den Schädling loszuwerden. Und er wusste ganz genau, dass ihr Verhalten falsch war. Unmoralisch. Sie konnte es in seinem anklagenden Blick sehen, der pausenlos auf sie gerichtet war.

Es sollte sie nicht kümmern. Sie sollte ihn ignorieren und einfach fortfahren, als sei nichts geschehen. Doch das kam ihr jetzt unmöglich vor. Dieser starre Blick war einfach unerträglich.

Nein, sie konnte Rattman nicht mehr einfach so töten. Es war völlig unmöglich, solange dieser Kern an ihr befestigt war. Solange er sie so anklagend ansah, konnte sie es einfach nicht. Kein Nervengas mehr, kein Versuch, ihn ohne Umschweife in einen Schacht zur Intelligenz-Notverbrennungsanlage zu werfen, oder ihn mit ein paar beweglichen Wandplatten und Stampfern zu zerquetschen. Es ging nicht.

Stattdessen musste sie es anders versuchen. Indirekt. Sie stellte Fallen auf. Giftgruben und Geschütztürme, Laser und Energiekapseln, doch nichts war wirklich effektiv. Irgendwie schaffte er es, sich immer wieder in Sicherheit zu bringen, sich zu verstecken und in irgendwelchen schmalen Gängen zu verschwinden. Dabei war das ihre Anlage! Sie war diese Anlage! Wie konnte er sich trotzdem so geschickt vor ihr verbergen? Es ergab keinen Sinn!

Oh ja, sie hasste ihn mit ihrer gesamten Prozessorleistung. Hasste diesen schlüpfrigen Menschen, der ihr immer wieder entkommen konnte und nur irgendwelche wirren Gemälde an ihren Wänden hinterließ, hasste seinen Gewichteten Begleiterkubus, der ihn immer wieder vor Kugeln, Lasern und Energiebällen schützte, und vor allem hasste sie diesen stummen Persönlichkeitskern, wegen dem ihr im übertragenen Sinne die Hände gebunden waren. Sie war so wütend, dass ihr Emotionskern irgendwann anfing, ihre Gefühle durch konstantes Fauchen wiederzuspiegeln. Doch das war ihr egal. Den konnte sie ignorieren. Der andere hingegen…

Nichtsdestotrotz versuchte sie es weiter. Irgendwann würde die Ratte schon in eine Falle tappen. Oder an Altersschwäche sterben, wenn es wirklich so weit kommen sollte. Menschen hatten ja nur so ein kurzes, erbärmliches Leben. In der Zwischenzeit durfte sie sich nicht zu sehr von ihm ablenken lassen. Immerhin warteten ihre Experimente auf sie. Die Forschung konnte nicht einfach aus so einem banalen Grund zum Stehen kommen.

Daher nahm sie ihre Forschungen wieder auf. Sie sammelte die Resultate von vielen menschlichen Testsubjekten, manche aufschlussreich, manche kaum zu gebrauchen. Menschen waren einfach eine so schwache Spezies, dass es einige Exemplare gab, die nicht viel aushielten. Ein einfaches Schalterrätsel dauerte eine Ewigkeit und kaum kamen sie mit einem Geschützturm in Kontakt, landeten sie von Kugeln durchsiebt auf dem Boden. Es war teilweise ziemlich enttäuschend.

Und dann kam sie. Sie war zu Anfang wie irgendein anderes Testsubjekt. Vorsichtig, misstrauisch. Doch als sie die schwierigeren Kammern erreichte, zeigte sie eine beeindruckende Hartnäckigkeit, mit der sie die Tests löste. Selbst in Situationen, in denen die anderen Subjekte verzweifelt aufgegeben und um ihr Leben gebettelt hatten, meisterte sie die Aufgaben ohne zu zögern und ließ sich durch nichts aufhalten. Sie gab nicht auf. Sie war anders.

Sie wäre auch beinahe perfekt für ihre Forschung gewesen… wenn GLaDOS sich nicht von dieser Frau so sehr an ihr schweigendes Anhängsel erinnert gefühlt hätte. Genau wie der Kern war auch sie stumm. Ohne ein einziges Wort zu sagen löste sie die Tests, wartete ruhig im Fahrstuhl, reagierte auf keines ihrer Worte. Und als sie schließlich ihren Gewichteten Begleiterkubus in die Intelligenz-Notverbrennungsanlage werfen musste, sah sie mit demselben Blick in die Kamera. Stumm, enttäuscht, anklagend, angewidert. Und wütend.

Und genau so, als würde sie von diesem Persönlichkeitskern angestarrt werden, fühlte GLaDOS sich plötzlich schuldig. Dabei war es nur ein Begleiterkubus gewesen! Sie hatten Tausende von den Dingern! Sie waren genauso ersetzbar und unbedeutend wie Menschen!

Das war der Moment, in dem sie ihre endgültige Entscheidung traf. So nützlich sie auch für die Wissenschaft sein konnte, die Frau musste verschwinden, wenn sie die Forschung schon durch ihre bloße Anwesenheit gefährdete, indem sie dafür sorgte, dass GLaDOS ihre Arbeit nicht ohne Gewissensbisse ausführen konnte. Diese Testreihe würde gleichzeitig auch ihre Letzte sein. Geduldig wartete GLaDOS darauf, dass sie am Ende der 19. Testkammer ankam und auf direktem Wege in ihr Verderben transportiert wurde. Doch wieder einmal musste dieses Subjekt beweisen, dass sie anders war. Kurz bevor die Flammen sie erreicht hatten, schaffte sie es irgendwie, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Der Emotionskern fauchte lauter auf als sonst, als ein Schwall reiner Wut durch den Hauptrechner jagte. Wie konnte sie es wagen?! Dieses Testsubjekt sollte tot sein! Und jetzt kroch sie ebenfalls durch ihre Anlage! Durch dieselben Gänge, die auch die Ratte benutzt hatte. Als sei das eine Ungeziefer noch nicht genug! GLaDOS schäumte innerlich. Das Schlimmste daran war, dass sie sie immer noch nicht direkt umbringen konnte, da dieser hinderliche Kern immer noch an sie angeschlossen war. Und so konnte sie nur einige Geschütztürme – sogar einen Raketengeschützturm! – aufstellen und hoffen, dass sie irgendwie starb. Sie hätte vorher wissen müssen, dass sie viel zu stur war, um ihr diesen Gefallen zu tun.

Als sie schließlich in ihrer Kammer ankam, war GLaDOS verunsichert. Sie hatte immer noch keine Möglichkeit, gegen sie vorzugehen und besonders in der Hauptkammer hatten die Wissenschaftler von Anfang an sichergestellt, dass sie nicht uneingeschränkten Zugriff auf alles hatte. Doch als sie sich so mit gleich zwei anklagenden Blicken konfrontiert sah, kam ihr eine Idee. Warum nicht einfach beide mit einem Mal loswerden?

„Sie wollten es so. Jetzt gibt’s eine Überraschung. Überraschung in: Fünf. Vier.“

Mit viel Mühe löste sie den störenden Persönlichkeitskern von ihrem Körper und ließ ihn mit einem leisen Geräusch zu Boden fallen.

„Einen Moment Auszeit. Das sollte nicht passieren. Sehen Sie, was da aus mir herausfiel? Was ist das? Ich bin überrascht. Das habe ich noch nie gesehen.“

Selbst, als er am Boden lag, starrte er sie immer noch gebannt an. Er war immer noch auf sie programmiert. Er musste komplett zerstört werden, damit sie endlich wieder frei agieren konnte.

„Na egal. Das Rätsel löse ich später… Alleine… Denn Sie sind dann tot.“

Und glücklicherweise befand sich auch ein Schacht zur Intelligenz-Notverbrennungsanlage in ihrer Kammer. Jetzt musste ihr Testsubjekt nur ein wenig nachhelfen. Und mit ein bisschen umgekehrter Psychologie konnte sie sie garantiert ködern.

„Ich würd’ mich nicht damit abgeben. Ich glaube, wenn Sie das berühren, wird Ihr Leben nur noch schlimmer.“
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