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Die Balinas - Tod einer Familie

GeschichteHumor, Horror / P16 / Gen
18.08.2015
07.05.2019
130
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18.08.2015 755
 
„Deklinieren Sie das Wort Servus, Richie!“

„Servus, Servus, Servus, Servus, öhm… Servus!“

Richie Danan hatte das Wort einfach nur gelangweilt in seiner Grundform – Frau Gake würde Infinitiv sagen – vorgeleiert, bis ihm der flache Gag einfiel. Er stand auf, hob die Hand zum Gruße, sagte das letzte Wort etwas schelmisch-dreist und ging zur Tür.

„Richie Danan, Sie setzen sich sofort wieder hin!“

Immer noch in sich hinein grinsend setzte Richie sich auf seinen Platz in der ersten Reihe. Den hatte er natürlich nicht freiwillig bezogen; Frau Gake hatte dies nicht lange nach Beginn des Schuljahres so angeordnet. Die meisten der Schüler grinsten auch hinter vorgehaltener Hand. Nur in der letzten Reihe saß ein Mädchen, das sich die Fingernägel feilte.

„Wissen Sie denn wenigstens, was Servus bedeutet, Richie?“

„Auf Bairisch oder auf Latein?“

Frau Gake war geladen. Obwohl sie in ihren vielen Jahren als Deutsch-, Latein- und Religionslehrerin schon allerlei erlebt hatte, regte sie sich immer wieder über freche Schüler auf. Am liebsten würde sie den Schüler anschreien, doch mühsam zwängte sie leise ein einzelnes Wort durch ihre Lippen.

„Latein!“

„Servus bedeutet in diesem Falle Diener. Soll ich heute Nacht Ihr Diener sein, Frau Gake?“

In Frau Gakes Inneren rissen mehrere Geduldsfäden. Aber sie musste sich beherrschen; es brachte eh nichts. Unvergessen wird einer der ersten Schultage dieses dreizehnten Jahrgangs sein. Damals war Maren Balina die Übeltäterin. Es war dieselbe Aufgabenstellung gewesen.

„Deklinieren Sie das Wort Servus, Maren!“

Natürlich hatte Maren in den Ferien was Besseres zu tun gehabt, als Deklinationen und Konjugationen einer toten Sprache zu lernen. Nachdem Maren das Wort nicht deklinieren wollte, Frau Gake aber immer wieder nachhakte, riss der Schülerin der Geduldsfaden. Doch ein derartiger Wutausbruch eines Schülers nützt keinem etwas.

Maren hatte plötzlich von oben auf Frau Gake herabgeschaut und ihr mit lauter Stimme klargemacht, dass Latein ihr in ihrem Leben nichts nützen werde, da sie direkt nach dem Abitur die Filiale des Betriebs ihrer Familie in einer europäischen Großstadt übernehmen wird. Sie hatte weiterhin geschrien, dass sie Frau Gake niemals einstellen würde. Selbst dann nicht, wenn Frau Gake kurz vorm Verhungern wäre und Arbeit braucht, während Marens Filiale neue Mitarbeiter braucht, um nicht Konkurs zu gehen.

Natürlich hatte Frau Gake an diesem Tag zurückgekeift. Und sie hatte hinterher mit den Eltern geredet. Dies war natürlich ein mutiges Unterfangen. Es hätte ja sein können, dass Herr und Frau Balina ihr nicht glaubten und ihr Diffamierung vorwürfen. Und wer würde sich schon schlecht stellen wollen mit Herrn und Frau Balina? Dennoch hatte sie alles erzählt; die Reaktionen waren verschieden, aber keiner warf Frau Gake etwas vor.

Sofia Balina nahm ihre Tochter in Schutz. Klar, Maren fühlte sich wahrscheinlich unter Druck. Immerhin hatte ihr großer Bruder Martin wenige Wochen zuvor sein Abitur mit dem Glanzschnitt von 0,75 an eben dieser Schule bestanden. Aber auch wenn die Erwartungen hoch waren, erwartete niemand Ähnliches von Maren, da ihre Vornoten aus der 12 schon eine völlig andere Sprache sprachen. Trotzdem fühlte sich Maren nach Diagnose ihrer Mutter unter Druck.

Marek Balina sah das anders. Er konnte diesen Wutausbruch seiner Tochter nicht entschuldigen und beschloss sie zu bestrafen. Einen Monat kein Taschengeld und einen Monat nur die Hälfte. Damit war die Sache für ihn gegessen.

Frau Gake hatte im Nachhinein ein schlechtes Gewissen. Sie wusste, dass die Gelddimensionen, die Maren wegen ihr nun nicht bekam, ihr Haushaltsbudget bei Weitem übertraf. Seitdem schmollte Maren im Unterricht nur noch vor sich hin und meldete sich dann und wann mal, während Frau Gake gelernt hatte, bei Schülerkonfrontationen nicht mehr mit Eltern zu reden.

Nun waren die Auswirkungen noch immer zu spüren. Richie provoziert Frau Gake, diese versucht es zu überhören und Maren meldet sich nun mit herablassendem Blick in der hintersten Reihe. Ihre Feile bildet dabei eine Verlängerung ihres Zeigefingers. Eigentlich bräuchte sie ihre Nägel natürlich nicht zu feilen; sie ging oft genug zur Maniküre. Auch wenn sie die Maniküre nach jenem Vorfall einige Zeit gemieden hatte, was zweierlei Gründe hatte: Zum einen hatte sie nicht genug Geld nach der Taschengeldsperre, zum anderen musste sie bei der Maniküre unwillkürlich an eine lateinische Vokabel denken – Manus heißt Hand, Mani ist die Pluralform.

Frau Gake erblickte die Feile hinter den Schülerköpfen und nahm Maren mit nun besserer Laune dran. Maren zählte die Formen gelangweilt auf: „Servus, Servi, Servo, Servum, Servo, Servi, Servorum, Servis, Servos, Servis.“

Richie guckte fassungslos nach hinten. Da hatte tatsächlich jemand seinen Gag nicht weitergeführt, sondern ernsthaft geantwortet. Er setzte sich etwas verärgert in seinen Stuhl. Frau Gake wollte Maren gerade loben, als es plötzlich klopfte.
 
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