Ich hasse Liebeslieder.

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
16.08.2015
09.03.2019
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Scheiße, nein.

Grummelnd zog ich die Kapuze über meinen Kopf und stampfte weiter. Schnee.

Fucking Schnee.

Okay, es war erst Ende Januar und der Schnee hatte durchaus seine Daseinsberechtigung, aber gebrauchen konnte ich ihn trotzdem absolut nicht. Meine Laune befand sich sowieso schon auf dem absoluten Nullpunkt – und dabei war der Tag erst wenige Stunden alt. Aber allein die Aussicht auf einen durchschnittlichen, langweiligen Schultag nach einer durchzockten Nacht war schon genug, um mir den letzten Lebenswillen aus den Knochen zu schütteln. Dazu noch durchnässt und durchgefroren in der Schule anzukommen, setzte dem ganzen noch ein appetitliches Sahnehäubchen auf.

Ich zog meine Kapuze noch ein wenig tiefer, bevor ich meine Hände in meiner Jackentasche vergrub. Dann war mein Iro eben platt, wenn ich in der Schule ankomme. Vielleicht würde sich ja mit etwas Fingerarbeit und Spucke ein bisschen Chaos wieder herrichten lassen.

Immerhin – kein Gegenwind an diesem Morgen.



„Kai? Ka-hai. He- Heeey.“ Ein Papierkügelchen traf mich am Kopf, ich zuckte zusammen. Entnervt fummelte ich das zerknüllte Stück gepresste Baumleiche aus meinem Haar und drehte mich um. Kaum hatte ich mich überhaupt hingesetzt, war Jonas, mein bester Freund auf Lebenszeit, auch schon dabei, gefährlich bedrohlich an meinen Nerven zu sägen.

„Ich höre dich, keine Bange.“ Genervt fischte ich mein Matheheft aus meinem Rucksack und reichte es ohne mich umzudrehen nach hinten – da wurde es mir auch schon aus der Hand gerissen.

„Yo, danke!“, kam die knappe Antwort, als ich schon Jonas‘ Füller in Lichtgeschwindigkeit übers Papier kratzen hörte. Ein wenig höfliche Dankbarkeit war auch definitiv das mindeste, was mir zustand – ohne mich hätte der Kerl niemals den Kindergarten geschafft.

„Der Neue kommt heute“, bemerkte Jonas beiläufig, während die Feder seines Füllers das Papier scheinbar schredderte.

„Aha“, drückte ich mein Desinteresse akustisch aus, während ich mir immer wieder durch die Haare wuschelte, um zumindest ein wenig von der Pracht zu retten. Genug Haarspray war eigentlich drin, aber vielleicht waren die grünen Zotteln einfach schon zu lang, um halbwegs zu stehen… oder zumindest abzustehen. Von mir aus könnte auch der Papst unser neuer Mitschüler sein, sowas war mir eigentlich immer sehr egal – obwohl, wenn der Papst tatsächlich mein neuer Klassenkamerad werden sollte, wäre ich vielleicht doch zumindest ein bisschen interessiert.

Pünktlich mit dem schrillen Läuten der Schulglocke betrat Frau Bertram, unsere Deutsch- und auch gleichzeitig Klassenlehrerin, das Klassenzimmer. Schlagartig stürmte jeder, der noch nicht saß, zu seinem jeweiligen Sitzplatz – und das traf auf die Mehrheit zu. Der laute Knall, mit dem Frau Bertrams Tasche auf dem Pult landete, ließ mich reflexartig aufschauen.

„Schön, dass ihr euch heute von eurer vorbildlichen Seite zeigt,“ knurrte sie schnippisch, ihre knorrigen Hände in die noch knorrigeren Hüften gestemmt und die eh schon sehr dünnen Lippen zusammen gepresst – so klein und schmal sie auch sein mochte, unter dem Alptraum aus beigefarbenem Polyester verbarg sich ein die Jugend hassender Drache. „Dann zeigt doch mal eure Manieren und begrüßt den Neuankömmling angemessen.“

Erst jetzt bemerkte ich den Typen, der neben ihr vor der Tafel stand.

Schmächtig.

Und ziemlich klein – also, relativ betrachtet. Gegen meine einhundertsechsundachtzig Zentimeter (ohne Haare, wohlgemerkt) waren die meisten Altersgenossen eher überschaubar hoch gewachsen – dieser da genauso. Seine Haare waren allerdings definitiv großartig, noch zotteliger (und länger) als meine. Schwarz und struppig standen sie ab oder fielen ihm ins Gesicht, ein bisschen wie eine Teenager-Ausgabe von Robert Smith. Sein bereits erwähntes Gesicht versprach jede Menge Ärger, so, wie er dreinblickte. Seine Mundwinkel zogen sich zu einem spöttischen Grinsen nach oben und seine mit Kajal schwarz umrandeten Augen blickten umher, als würden sie nur nach der nächstbesten Gelegenheit suchen, Unruhe zu stiften.

Seine Kleidung war ebenfalls so fröhlich schwarz wie seine Haare – ein etwas zu großer schwarzer Kapuzen-Pulli und eine um die Beine schlackernde, schwarze Hose.

„Guten Morgen“, murmelte die Klasse wenig motiviert; ich stimmte mit etwas Verspätung mit ein – irgendwas an seinen Augen machte es mir schwer, wegzusehen. Sie strahlten förmlich wie Suchscheinwerfer. Worüber freute der sich so? An dem bevorstehenden Unterrichtstag konnte es ja wohl weniger liegen.

„Tach“, kam es unerwartet rau von ihm zurück – entweder hatte der eine bei dem Wetter nicht ganz überraschende Halsentzündung oder den Kehlkopf eines stark rauchenden Mittvierzigers. Zufrieden mit sich und der Welt grinste er in die Runde, als Frau Bertram wieder das Wort ergriff.

„Das hier ist Sven Kretschmer. Er ist kurzfristig vom Brandt-Gymnasium hier her gewechselt – setz‘ dich bitte hinten links auf den freien Platz am Fenster.“

Mit einem Nicken folgte der Typ, der also Sven hieß, den Anweisungen von Frau Bertram und setzte sich auf den letzten noch freien Platz im Klassenzimmer. Sein Grinsen wurde noch breiter, nach dem er sich gesetzt und umgeblickt hatte – kein Wunder, er saß auch inmitten der hübschesten Mädchen unserer Klasse. War ja klar, dass ihm sowas gefällt. Mit einem Augenrollen drehte ich mich wieder nach vorn Richtung Tafel. Zusehen, wie er mit den Mädels um sich herum Blicke, Lächeln und Augenzwinkern austauschte, musste ich nun wirklich nicht. Die Fremdscham wäre zu groß, wenn ich hätte mitansehen müssen, wie er einen Korb kriegt. Und den würde er definitiv kriegen, schließlich hat es bis jetzt kein Kerl aus unserer Klasse geschafft, auch nur bei einem der Mädchen zu landen. Die kann nichts und niemand erobern – ich selbst habe es auch schon versucht.

Ein kurzer Kontrollblick aus dem Augenwinkel bestätigte meinen Verdacht – zwar erwiderten sie alle sein Lächeln, wenn auch etwas scheuer als er, aber sie gaben sich wie gewohnt betont unterkühlt. Na ja, er würde es schon noch merken.

„So, Sven – ihr habt doch sicherlich auch die ein oder andere Lektüre gelesen, nicht wahr? Was weißt du den über Don Carlos?“ Ohne sich umzudrehen, sprach Frau Bertram mit unserem Neuankömmling, als sie erste Stichwörter zu unserer Schullektüre an die Tafel schrieb.

„Ähm“, in Svens Stimme schwang unüberhörbar der Spott mit, „er war auf jeden Fall nicht verwandt oder verschwägert mit Don Corleone.“

Ich kicherte – kein Brüller, aber zugegeben, schon ein ganz gelungener Kalauer. Das schien Frau Bertram weniger so zu sehen, als sie ihre Hände in die Hüften stemmte und sich bedrohlich langsam umdrehte. Bedacht darauf, ihre Aufmerksamkeit bloß nicht auf mich zu lenken, drehte ich mich nochmal vorsichtig um und sah, wie Sven immer noch zufrieden grinste, zurückgelehnt, die Arme im Nacken verschränkt – der Tunichtgut schien nicht zu ahnen, mit wem er sich angelehnt hatte.

Oder aber, es war ihm schlichtweg egal.

Frau Bertrams Lippen wurden immer schmaler, scheinbar weil sie darauf konzentriert war, bloß nicht auszuflippen. Sich von dem Neuen schon an seinem ersten Tag in den Wahnsinn treiben zu lassen schien nicht in Frage zu kommen. Ihr Blick schweifte durch die Sitzreihen und blieb bei mir stehen.

Ich schluckte schwer, als ihre Augen mich anfunkelten. Was hatte ich denn damit zu tun?

„Kai“, ich zuckte zusammen, als sie meinen Namen aussprach, „wärst du so gut und würdest du Herrn Kretschmer bis zur nächsten Deutschstunde auf den Stand der Dinge setzen? Du bist ja scheinbar der einzige in dieser Runde der Hoffnungslosen, der dieses Buch überhaupt mal in die Hand genommen hat.“ Mit einem verächtlichen Schnauben ließ sie ihren Blick erneut über die Klasse wandern, bevor sie sich wieder der Tafel zuwandte.

Ich sank auf meinem Stuhl zusammen, peinlich berührt durch die Tatsache, dass ich mal wieder als Streber hervorgehoben wurde. Das nervte. Und wie musste jetzt Sven von mir denken? Grüne Haare, Dead Kennedys-Pullover, Springerstiefel, aber in echt nur ein braver, harmloser Streber. Super.

Zaghaft drehte ich mich erneut in seine Richtung, als sein Blick zum ersten Mal meinen traf – ein heftiges Zucken fuhr durch sämtliche meiner Fasern und Knochen, fast, als hätte ich in eine Steckdose gelangt. Er schaute mich nicht nur einfach so an, er schaute mich definitiv intensiv an. Ich schluckte. Also bitte, ich machte mir doch nicht grade ernsthaft ins Hemd, oder?

Mit dem Zeigefinger und einer hochgezogenen Augenbraue deutete er stumm auf mich. Unsicher, was ich tun sollte, entschied ich mich für lächeln und winken – das Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück und er gab mir einen Daumen hoch, bevor er sich wieder Richtung Tafel umdrehte und sich auf seinem Stuhl zurücklehnte. Ja, dieser Typ hatte definitiv die Ruhe weg.

Die restliche Schulstunde zog fast unbemerkt an mir vorbei, ich hörte nur mit halbem Ohr mit und schrieb ohne groß nachzudenken stur ab, was an der Tafel stand. Der Gedanke, Sven mit Don Carlos vertraut zu machen, beschäftigte mich ziemlich. Wie sollte ich das anstellen? Hatte der da überhaupt Bock zu? Würde er mir zuhören? Und wenn er auf meine Nachhilfe pfeifen würde, würde es dann auf mich zurückfallen? Wenn er versagen würde, wäre das dann meine Niederlage? Und wie soll ich das alles anstellen, ohne als rückgratloser Streber dazustehen?

Endlich, die Klingel.

Ich atmete tief durch – ein bisschen muffige Korridorluft auf dem Weg zum Chemiehörsaal könnte mir vielleicht nicht schaden.

Wenig motiviert schmiss ich meinen Kram in meinen Rucksack und trappte Jonas hinterher, raus aus dem Klassenzimmer und die Treppe runter.

„Was hältst du von ihm?“, raunte er mir zu, als ich ihn eingeholt hatte.

„Von wem?“, ich runzelte die Stirn, „dem Neuen?“

Bevor er weitersprach, schaute er nach links und rechts und wieder links, um sicherzugehen, dass die Luft rein war. „Jepp.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Was weiß ich, kenn‘ den ja genauso gut wie du.“ Mit einem kurzen Schulterblick ging ich sicher, dass er uns nicht hören konnte. Er verließ grad das Klassenzimmer, den Blick auf sein Handy gerichtet – er war also außer Hörweite. „Aber ich glaube, mit dem wird es nicht langweilig.“

Stumm nickte Jonas, schaute noch einmal zurück und zuckte dann mit den Achseln. „Auf jeden Fall würdet ihr euch verstehen. Ihr benutzt bestimmt dasselbe Haarspray.“

„Meinst du – boah, du Arsch!“ Lachend trat ich gegen Jonas‘ Schienbein, als ich begriff, dass er mich mal wieder für meine Frisur verspottete. Er quiekte laut vor Schmerz und vor Schreck, und den Rest des Weges, einen langen Flur und zwei Stockwerke das Treppenhaus im Naturwissenschafts-Trakt hinauf, waren wir damit beschäftigt, uns gegenseitig zu boxen, schubsen und zu rangeln. Natürlich ernteten wir dafür genervte, ermahnende und allgemein verächtliche Blicke von Mitschülern und Klassenkameraden, aber das war mir egal. Ich war das sowieso gewohnt.

Als Herr Martens, unserer ziemlich kauziger, aber doch schwer okayer Chemielehrer, um die Ecke bog und den Chemiesaal aufschloss, konnte ich es mir einfach nicht verkneifen, den Hals langzumachen und zu gucken, wo Sven abgeblieben war. Eigentlich hatte ich ihn gar nicht mehr auf dem Schirm seit der Rangelei mit Jonas, aber jetzt fragte ich mich, wo er wohl war und wo er sich hinsetzen würde. Er kam erst rein, nachdem ich mich schon auf meinen Platz gesetzt hatte. Suchend blickte er sich um und kaute auf seiner Unterlippe, man sah, dass er angestrengt überlegte. Ohne groß nachzudenken zog ich den leeren Stuhl neben mir zurück und wollte gerade darauf deuten, als er auch schon an mir vorbeirauschte – ich schaute ihm nach und sah, dass er sich in die komplett leere letzte Reihe setze. Den schwarzen Rucksack schmiss er neben sich auf den Tisch und mit vor der Brust verschränkten Armen beobachtete er das Geschehen.

„Guten Morgen – und auch Ihnen einen guten Morgen, Herr Berger. Sehe ich heute so scheußlich aus, dass du dich von mir wegdrehen musst?“ Mit dieser Bemerkung erntete Herr Martens eine Menge Gelächter, auch Sven musste laut auflachen. Hastig drehte ich mich nach vorn, peinlich berührt, in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt zu sein.

„Nein, Herr Martens. Sie sind ganz entzückend“, gab ich zurück. Gott sei Dank hatte ich nicht nur ein schnelles Mundwerk sondern auch so einen guten Stand bei den meisten Lehrern, dass ich mir solche Späßchen ruhig erlauben dufte. Auch ich erntete ein paar Lacher und mit einem Nicken fuhr Herr Martens fort.

„Dann bin ich ja beruhigt. Ah, ich sehe ein neues Gesicht in der letzten Reihe“, Herr Martens machte eine Pause und holte die Klassenliste aus seiner Aktentasche, um einen Blick darauf zu werfen. „Kretschmer… Sven Kretschmer, richtig?“

„Korrekt“, kam es aus der letzten Reihe und ohne mich umzudrehen hatte ich das Lächeln auf Svens Gesicht vor Augen. Zufrieden lächelte Herr Martens zurück, wodurch man seine Lachfalten im Gesicht noch besser sehen konnte. Vielleicht machten sie ihn alt, aber ich fand, dass sie an ihm einfach nur sehr freundlich aussahen – das schüttere, zottelige Haar und die stets bunten Hemden in Kombination mit seiner stets guten Laune machten aus ihm das absolute Gegenstück zum Drachen Bertram. Zum Glück lernte Sven ihn gleich an seinem ersten Tag bei uns kennen.

„Wo kommst du denn her, so mitten im Schuljahr?“ Herr Martens lehnte sich vor und stützte seine Unterarme auf dem Pult ab, neugierig, zu hören, was Sven zu sagen hatte.

„Vom Brandt-Gymnasium, bitte sehr“, kam es schelmisch zurück, Herr Martens zog eine Augenbraue hoch.

„Brandt-Gymnasium? Das soll’s doch sehr schön sein. Hat’s dir da etwa nicht gefallen?“

Sven lachte auf. „Ging so. Aber in allererster Linie hab ich denen nicht gefallen.“

Überraschung machte deutlich sichtbar auf Herrn Martens Gesicht aus. „Oh. O-okay.“ Schnell schob er seine Brille ein Stückchen höher. „Wie sieht’s mit Chemie so bei dir aus?“

„Gar nicht mal so gut“, antwortete Sven fast beiläufig, der Seufzer, den Herr Martens ausstieß, war nicht zu überhören.

„Okay, versuch‘ dem Geschehen heute so gut es geht zu folgen und falls du gravierende Lücken haben solltest, wende dich doch bitte an Kai Berger. Er ist wirklich fit auf dem Gebiet.“

Mir war es unangenehm, schon wieder derart hervorgehoben worden zu sein, aber der Höflichkeit halber drehte ich mich um, um Sven erneut zuzuwinken – diesmal war sein Grinsen sogar noch größer gewesen als zuvor und ich bekam sogar zwei Daumen hoch von ihm. Na herrlich.

Ich lächelte etwas hilflos und schluckte schwer, als ich mich wieder der Tafel zuwandte.

„Bist bald sein Privatlehrer, ich sag’s dir“, scherzte Jonas leise. Ich schnaubte nur verächtlich; ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte. Kopfschüttelnd atmete ich tief ein und aus, irritiert über die Tatsache, dass ich das Atmen scheinbar vergessen hatte.

Seltsam.

Aber was soll’s.

Als es endlich zur Pause klingelte, seufzte ich erleichtert – die Natur rief, und zwar laut und deutlich. Schnell sammelte ich meinen Kram zusammen und stand auf.

„Ich komm gleich nach. Muss pissen.“

Jonas nickte. „Viel Erfolg. Und puller‘ dir nicht auf die Hose.“



Zufrieden stand ich am Pissoir der Jungstoilette im Erdschoss des Naturwissenschafts-Trakts. Es ist einfach zu schön, wenn der Druck nachlässt. Nur noch den Reißverschluss zu und –

„Kann man dich eigentlich pauschal buchen?“

Ich erschrak. Gott, wo kam der denn so plötzlich her?! Das hätte böse ausgehen können.

„Sven. Hi. Das kann man“ – ich atmete tief durch – „nur, wenn der Preis stimmt.“

„Bist also eher so der Luxus-Nachhilfelehrer, wa?“ Er lachte ein sehr dreckiges Lachen, ich hingegen atmete nochmal tief durch. Der Schreck war nicht von schlechten Eltern.

„Sach mal, was guckst du denn so – oh.“ Sein Blick wanderte zu meinen Händen, die gerade endlich soweit aufhörten zu zittern, dass ich mir den Hosenstall vernünftig zuziehen konnte. „Hätte grad beinahe dafür gesorgt, dass du dich selbst kastrierst, wa?“

Zum Glück war niemand sonst auf der Toilette, sein lautes, kratziges und doch irgendwie ganz sympathisches Lachen hätte sonst jede Menge Aufmerksamkeit auf uns, und vor allem meinen Hosenstall und das dahinter, gelenkt.

Auch wenn ich eigentlich ziemlich angefressen war, lachte ich mit. Die Pocke war einfach gut drauf.

„Nee, im Ernst jetzt – ich bin jetzt keine komplette Katastrophe. Ein bisschen Hilfe wäre nur ganz geil. Und anscheinend bist du hier so der Alpha-Streber.“ Als er sprach, brach er den Blickkontakt ab und ließ den Blick über die bekritzelten Fliesen schweifen, die Hände schob er in die Hosentaschen.

„Kein Problem“, fing ich an zu reden, als ich einen Schritt zurückmachte, um an ihm vorbei zu den Waschbecken zu gehen, doch ich stolperte – über meinen eigenen Fuß.

Cool, sehr cool, Berger. Sehr, sehr cool.

Aber ich ließ mir nichts anmerken und ging unbeirrt weiter, in der Hoffnung, dass Sven dieser Patzer entgangen war.

„Danke. Bist schwer in Ordnung.“

Ich drehte den Hahn auf und ließ das eiskalte Wasser über meine Hände laufen. Unangenehm. Aber hey, Hygiene ist eben Punkrock. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel verriet mir, dass Sven genau hinter mir stand, noch immer quietschvergnügt am Grinsen – was auch immer der Typ morgens zum Frühstück in sein Müsli schüttet, das Zeug will ich auch. In der doppelten Dosis.

Zumindest schien er mein Gestolper nicht bemerkt zu haben.

Rasch zog ich zwei Papierhandtücher aus dem Spender neben dem Waschbecken und trocknete meine Hände ab, Sven schaute mir seelenruhig dabei zu. Langsam wurde es ziemlich gruselig.

„Wo kann man denn hier rauchen?“, brach er die Stille, von der ich nicht mal gemerkt hatte, dass sie über uns lag.

„Über achtzehn draußen vor’m Schulgelände, beim Parkplatz – unter achtzehn, na ja, hier.“ Mit einem Schulterzucken deutete ich auf die Toilettenkabinen hinter uns. Sven hob die Augenbrauen, bevor er wieder sein heiseres Lachen ausstieß; ich mochte es jetzt schon.

„Verstehe, okay.“ Er kramte in seiner Hosentasche und zog eine Schachtel Lucky Strike hervor. Nachdem er sich eine zwischen die Lippen schob, hielt er mir die Schachtel hin.

„Nee“, ich hob meine Hände und schüttelte den Kopf, „ich rauch‘ nicht.“

„Streber und Nichtraucher – was für eine Kombination, oh Mann!“ Er schüttelte den Kopf, als er auf dem Absatz kehrt machte und zu den Kabinen schlenderte. Er war also noch unter achtzehn. Also siebzehn, so wie ich? Aber schnell drängelte sich ein anderer Gedanke in den Vordergrund, nämlich – ich stand schon wieder da wie ein Trottel.

Wie ein langweiliger Trottel.

Na gut, ich war auch einer, aber das musste er ja nicht wissen, zumindest nicht so früh.

„Aber deine Haare sind cool, so gleicht sich das wieder aus.“ Genüsslich zog Sven an der Zigarette, die er sich zwischenzeitlich angezündet hatte. Er lehnte gegen den Türrahmen der Kabine und musterte mich von oben nach unten. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich wie bestellt und nicht abgeholt völlig dämlich vor den Waschbecken rumstand. Irgendwas an diesem Kerl brachte mich immer wieder aus dem Konzept.

Kurz zögerte ich, ob ich auf ihn zu- oder langsam mal raus zu Jonas gehen sollte. Nun, Jonas würde ohne mich prima klarkommen, er war sicherlich bei seinen Nerd-Kumpels aus der Parallelklasse und wie gemein wäre es denn bitteschön, Sven so allein im Scheißhaus stehen zu lassen?

Eben.

Also machte ich ein paar Schritte auf Sven zu und lehnte mich mit dem Rücken gegen die geflieste Wand ihm gegenüber.

„Danke. Und weißt du was das Beste an meinen Haaren ist?“ Sven schaute aufmerksam zu mir, als ich sprach. Mit einer Hand wuschelte ich mir durch das grüne Chaos auf meinem Kopf. „Ich muss sie nicht mal färben.“

Ein amüsiertes Schnauben kam von meinem Gegenüber, als er erneut an der Kippe zog. „Du bist schwer okay, äh, Kai, richtig?“ Mit zugekniffenen Augen fixierte er mich, scheinbar konzentrierte er sich stark, um sich zurückzuerinnern. Seine Gesichtszüge entspannten sich, als ich nickte. „Sorry, Namen vergesse ich ziemlich schnell.“

Mit geschlossenen Augen zog er ein letztes, langes Mal an der Zigarette, drehte sich um und mit einem leisen Plitsch landete sie im Klo. Er betätigte die Spülung und trat aus der Kabine heraus.

„Was steht jetzt eigentlich auf dem Plan?“

Ich brauchte nicht lange zu überlegen. „Französisch. Dann Englisch, Mathe, eine Freistunde und dann noch Politik.“

„Ach du heilige Kuhkacke,“ schimpfte er, als er Richtung Tür stampfte. Ich schlurfte neben ihm her. „Ein langer Tag also heute. Ich hätte krank machen sollen.“

„Hätte nicht viel geholfen – so lang ist praktisch jeder Tag, “ antwortete ich, als ich ihm die Tür aufhielt – er fasste sich an die Stirn, als er in den Flur hinaus trat.

„Oh Mann – ich hätte nie vom Brandt-Gym fliegen dürfen“, murmelte er.

Moment mal – geflogen?

„Ach, deswegen bist -“ Gott, ich sollte mir beizeiten mal die Zunge abschneiden.

„Na ja, was denkst du denn bin ich plötzlich mitten im Schuljahr an einer anderen Schule? Mich hat’s bestimmt nicht wegen der schicken Inneneinrichtung hergezogen!“ Obwohl er lachte, klang er ein wenig hilflos. Kai, entschärf‘ diese Situation – und zwar sofort.

„Was soll’s, shit tut nun mal happen. Und hey, nichts gegen unser Interieur – Orangebraune Vorhänge sind groß im Kommen!“

Leise atmete ich auf, als ich sein Lachen hörte. Er sollte bloß nicht denken, dass ich einer von diesen Strebern wäre. Trotzdem fragte ich mich, was er wohl angestellt hatte, um von der Schule zu fliegen. Aber das war nebensächlich – vielleicht würde ich es noch erfahren, vielleicht auch nicht, sowieso ging es mich nichts an, egal, wie sehr ich mich das auch fragen mochte.

„Du bist echt okay.“ Er klopfte mir auf die Schulter, ich lachte, aber wich seinem Blick aus. Irgendwie fühlte ich mich seltsam dabei, ihn direkt anzusehen. Sobald sich unsere Blicke trafen, fühlte ich mich so hilflos, so ausgeliefert, als könnte er in meinen Kopf gucken und jeden Gedanken lesen. Ich wusste ja selbst, dass das Quatsch war, aber dieses Gefühl war trotzdem da. Und ich mochte es nicht.



„Alter, wo warst du denn? Musste dich der Hausmeister aus dem Klo fischen?“

Ach ja, Jonas. Den hatte ich ganz vergessen. Zurück im Klassenzimmer saß er schon an seinem Platz hinter meinem, und obwohl er scherzte und grinste wusste ich, dass er ein bisschen angepisst war. Er hatte ja auch durchaus recht dazu, schließlich hatte er ja auf mich gewartet.

„Ja, das war echt übel. Hat fies gestunken.“

„Zum Glück stinkst du ja sowieso immer.“

Ich lachte müde auf. „Du warst schon besser.“

„Und du aufmerksamer!“, rief er übertrieben dramatisch, „ist der Zauber zwischen uns etwa verflogen?“ Mit einem wirklich albernen Schniefen drehte er sich demonstrativ von mir weg. Ich antwortete mit einem nicht minder lächerlichen Seufzer.

„Verzeih‘ mir. Kann ich das jemals wieder gut machen, Liebchen?“

„Vielleicht.“ Jonas zog eine Schnute. „Kauf‘ mir Schmuck und geh‘ mal wieder schick mit mir essen.“

„Alles, was du willst, Herzchen. Alles, was du willst.“

Ich zuckte zusammen, als ich ein raues Lachen hinter mir hörte.

„Wow“, lachte Sven, „ist also was ernstes zwischen euch, ja?“

Jonas‘ genervtes Grunzen ignorierte ich gekonnt, als ich mich zu Sven umdrehte, der inzwischen zu seinem Platz gegangen war. Na toll – hoffentlich hatte er verstanden, dass das ganze nur ein Gag war, und keineswegs ernst gemeint. Das waren die üblichen Scherze, die Jonas und ich praktisch jeden Tag machten, aber plötzlich waren sie mir zum ersten Mal unangenehm – scheiße, nein, sie waren mir peinlich.

Auch Jonas schaute ihm nach, rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf. „Den hab‘ ich jetzt schon gefressen.“
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