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White as snow

GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
Adrianna Gretel Hänsel
16.08.2015
19.08.2015
3
6.300
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19.08.2015 2.238
 
- Then -

Mit zitternden Fingern legte die junge Frau den Bericht beiseite, den ihr Arzt ihr zugesandt hatte. Dicke Tränen waren perlenweise auf das Papier getropft, verwischten an manchen Stellen die Druckertinte, doch der Befund war eindeutig: sie war schwanger. Doch ihr Kind würde erneut nicht überleben.

Als sie damals ihren Mann kennen und lieben lernte, wusste sie, dass es für immer sein sollte. Sie wünschte sich nichts mehr als bis zum Ende ihrer Tage bei ihm bleiben zu können, ein ruhiges friedliches Zusammensein als eine Familie. Ihre Heirat war wie erwartet wundervoll - klein, bescheiden im engsten Kreis der Familie und doch in ihren Augen in nichts zu übertreffen. Bald darauf folgte ihr eigenes Heim, ein kleines Häuschen in einem verschlafenen Wohnort, welches von einem älteren Ehepaar in liebevolle Hände übergeben werden wollte. Wie immer blieb einiges zu tun doch es schien nichts zu geben, was sie gemeinsam nicht lösen konnten. Was sie sich jedoch am meisten wünschten, um ihre Beziehung noch zu krönen, blieb aus. Anfangs schoben sie es auf den Stress, die Nervosität, beschlossen sich nicht zu drängen. Sie waren jung, noch blieb genug Zeit um ein Kind zu bekommen. Doch je länger sie das leere Zimmer mit Blick auf den Garten betrachtete, umso trauriger wurde die junge Frau und konnte den Verdacht nicht abschütteln, dass ihr Wunsch in weite Ferne gerückt schien zu sein.

Die ersten Anzeichen einer Änderung lösten den Ballast von ihrem Herzen wie schwere Steine. Sie lachte glücklich als ihr Mann sie freudestrahlend von den Füßen hob und zog ihn in einen zärtlichen Kuss. Jetzt würde alles gut werden, vielleicht hatte sie sich doch unnötig Sorgen gemacht, schließlich war jeder einmal im Irrtum. Doch ihr Frauenarzt riss sie aus ihren Träumen, zeigte sich irritiert und beinahe unglücklich bei ihrem ersten Ultraschalltermin: das Baby sei zu schwach, würde sich nicht schnell genug entwickeln. Ihr Körper würde es nicht als sein eigen akzeptieren, so dass ihr Immunsystem den Fötus als Fremdkörper wahrnahm. Überlebenschancen waren praktisch nicht vorhanden. Bittere Tränen fanden den Weg über ihre Wangen als sich ihre Vorahnung nun bestätigen sollte.

Ihr Mann tröstete sie liebevoll, schwor sie darauf ein nicht aufzugeben, dass er sie lieben würde auch ohne Kinder, doch der Verlust hing schwer über dem jungen Paar und brachte so den bitteren Geschmack von Trauer und Unglück in ihr kleines Paradies. Zwei weitere Schwangerschaften verliefen ohne Besserung - die gleichen Ärzte, die gleichen Untersuchungen, diesselben schrecklichen Nachrichten. Beinahe schon wollte sie aufgeben, das Leid um jeden Verlust zu belastend als das sie diesem noch einmal Stand halten könnte, wenn sich doch nichts zu ändern schien. Doch der sanfte Ausdruck in den braunen Augen ihres Liebsten ließ sie Hoffnung schöpfen - er sah älter aus, müder. Gezeichnet von den Strapazen und Entbehrungen doch nicht gewillt ihr Glück und ihre Träume schon aufzugeben. So hoffte sie und betete inständig zu Gott und jedem Engel, der sie erhören mochte, dass es diesmal anders werden würde.

Tatsächlich schien ihnen das Glück hold und das kleine Wesen, welches sie unter dem Herzen trug, überstand die kritische Zeit unbeschadet. Nach und nach kehrte das Lachen in ihr Haus zurück und die alte Geschäftigkeit zu erneuern, zu erhalten und vorzubereiten hielt Einzug. Nicht mehr länger stand das eine Zimmer oben leer - nun war es schlicht doch liebevoll eingerichtet, von den gemalten Wolken an der Decke bis zu der handgefertigten Wiege, welche die stolzen Großeltern ihnen als Geschenk überlassen hatten. Alles schien wieder in die gewohnten Bahnen zu finden als die Krämpfe plötzlich auftraten. Am Anfang kamen sie nur unregelmäßig auf - ein scharfes Ziehen in der Bauchgegend, so schnell gekommen wie auch wieder verschwunden. Doch mit der Zeit wurden sie stärker, länger und  häufiger, so dass man die junge Frau schließlich ins Krankenhaus bringen musste. Die Ärzte untersuchten sie genau und versprachen ihr einen baldigen Befund um dagegen vorzugehen.

Immer und immer wieder fuhren die Finger über die gedruckten Sätze des Papiers, welches ihr Glück wieder von Grund auf zu zerstören drohte, doch die Aussage des Berichtes blieb immer die Gleiche: ihr Kind, ihr kleines süßes Mädchen, sollte nie das Licht dieser Welt erblicken. Den Rücken an die Tür des Kinderzimmers gelehnt, in welchem sie sich eingeschlossen hatte, versuchte sie durch die nicht enden wollenden Tränen ruhig zu atmen und klare Gedanken zu fassen. Doch nur ein Einziger kam ihr in den Sinn und brannte heller als jede Flamme in der Dunkelheit der Nacht: Nicht dieses Mal. Nicht mein kleines Mädchen!

Als er an diesem Abend in dem kleinen Haus in der ruhigen Vorstadtsiedlung erschien, wusste er noch nicht, welche Chance sich ihm bieten würde. Ruhig ging er auf die Frau zu, deren Schmerz und Trauer ihn gerufen hatten und lächelte verschmitzt. "Aber aber Schönheit... kein Grund zu weinen. Ich bin mir sicher, wir zwei Hübschen finden einen Ausweg aus dieser Lage!". In dem dimmen Licht des Raumes spiegelten sich seine Augen übernatürlich blau als Adriana Hunter mit dem Mut der Verzweiflung schließlich nickte.

- Now -

Seine geballte Faust schlug hart auf das Metall des Tisches, welches unter der Wucht vibrierte und gleichzeitig einen dumpfen Schmerz durch seinen Arm jagte, doch er registrierte ihn praktisch nicht. Viel zu schnell jagten die Gedanken durch seinen Kopf, unaufhörlich und unbarmherzig: wie konnte er von Sarah wissen? Wieviel seiner Drohung war wirklich realistisch? Wie mächtig war der Dämon, unterschätzte er ihn möglicherweise? Wieso funktionierte das Dämonenmesser nicht an ihm? Wieviel von dem was der Dämon von sich gegeben hatte, entsprach wirklich der Wahrheit? All diese ungeklärten Fragen und kaum mehr 16 Minuten Zeit um eine Entscheidung zu treffen...

Er war froh gewesen, den Verhörraum verlassen zu können, wenn er ehrlich war. Es gab wirklich fast nichts, was er bisher in seinem Leben noch nicht getroffen und bewältigt hatte, doch der Brünette im Raum am Ende des Ganges entwickelte sich zusehends in diese Richtung. Mit einem tiefen Atemzug schloss er für einen Moment die Augen und seine Finger fuhren nachdenklich über seinen Bart. Es nützte jetzt nichts in Unruhe auszubrechen und so eine übereilte Entscheidung zu treffen. Dies war vermutlich der Plan von vornherein, dass man ihn aus der Reserve locken wollte mit den Informationen zu Sarah, wo auch immer er diese her hatte.

Sarah... sein Herz wurde schwer bei dem Gedanken an sie. Er war damals so naiv gewesen zu glauben, er könne dieser ganzen Sache entfliehen - normal sein, eine Familie haben ohne in ständiger Wachsamkeit leben zu müssen. Sie wäre es wert gewesen. Nie wieder hatte er so eine liebenswerte und gleichzeitig bestimmte Person getroffen; Sarah hatte damals sein Leben auf eine positive Art auf den Kopf gestellt und sein Herz auf eine besondere Weise gerührt, dass er alles dafür gegeben hätte diesen Moment für immer aufrecht zu erhalten. Nur der bloße Gedanke daran, dass in den Tiefen der Hölle jeden Tag aufs neue in alle Ewigkeiten leiden sollte, zerriss sein Herz in Stücke und weckte eine tiefe kalte Wut in ihm, welcher er seit ihrem Tod nicht mehr verspürt hatte. Und genau das beunruhigte ihn so sehr: Snow hatte damals nach ihrem Ableben alle möglichen Hinweise auf ihre Existenz vernichtet, jede noch so kleine Spur verwischt und sämtliche seiner Verwicklungen vertuscht. Doch der Dämon schien sehr wohl Bescheid zu wissen, vielleicht sogar mehr als er bisher zugab.

Doch was war der Preis dafür herauszufinden wieviel Wahrheit wirklich in den trügerischen Worten des Anderen steckten? Seine Seele nach 10 Jahren? Scheinbar war das nicht genug, immerhin hatte der Gefangene davon gesprochen seine Hilfe zu brauchen. Der Gedanke daran entlockte ihm ein bitteres Schnauben; wenn man auf eines zählen konnte, dann das die Pläne eines Dämons unheilvoll und größenwahnsinnig waren. Hoffentlich war das nicht noch so ein Spinner, der versuchte die Höllentore für immer zu öffnen. Doch wenn er dafür nicht mächtig genug war, würde er kaum eine Seele aus der Hölle befreien oder ein gesichertes Gebäude voller ausgebildeter Jäger zerstören können. Erics Überlegungen wurden jäh unterbrochen als die Tür leise aufschwang und Williams bekannter Haarschopf im Türrahmen erschien, sein Gesichtsausdruck ernst jedoch nicht ohne Zeichen von Neugier. "Hey... wie ist es gelaufen?".

Für einen kurzen Moment überlegte er seinem jungen Freund alles zu erzählen: die Drohung die über ihnen hing, die Unwirksamkeit all ihrer üblichen Waffen, die Zweifel die sich eingeschlichen hatten. Doch er ließ den Gedanken so schnell wieder fallen wie er gekommen war. Er durfte den Rest hier nicht noch mehr hineinziehen. Seine Stirn legte sich unmerklich in Falten, doch er lächelte etwas um den Brünetten zu beruhigen, der mittlerweile auf ihn zugetreten war und winkte mit einer knappen Geste ab. "Er ist zwar eine harte Nuss, aber nichts was ich nicht beseitigen kann". Wie erwartet hellte sich der Ausdruck des Jüngeren merklich auf und er versuchte sein schlechtes Gewissen so gut wie möglich niederzuringen. "Aber du sagtest ihr habt ihn in diesem Hexenversteck aufgegabelt? Wie genau konntet ihr ihn gefangen nehmen?". Überraschenderweise zuckte William nur unschlüssig mit den Schultern, "ich war um ehrlich zu sein selber nicht dabei. Es gab nur irgendwann einen ziemlichen Tumult und als wir als Verstärkung dazustoßen wollten, war alles wieder vorbei und man hatte ihn niedergerungen. Behringer hat ihn wohl überwältigt und unschädlich gemacht, auch wenn ich das ernsthaft bezweifle!".

Möglicherweise war es unprofessionell aber ihr leises gemeinsames Lachen klang durch den Raum und lockerte die Anspannung, die merklich in der Luft lag zumindest ein wenig. Behringer war Snow definitiv nicht unbekannt - jedoch hatte er wenig bis praktisch keinen Kontakt zu ihm. Bei dem Anderen handelte es sich zwar ebenfalls um einen langjährig operierenden Jäger, jedoch feierte er nur mittelmäßige Erfolge und seine zweifelhaften Methoden wurden oft als rückständig beschrieben, ganz davon abgesehen wie er seine eigenen Gefolgsleute behandelte. Die wenigen Begegnungen, die er mit dem Schwarzhaarigen hatte, reichten ihm vollkommen aus - doch dieser Mann sollte den blauäugigen Dämon gefangen haben? William zuckte beiläufig mit den Schultern als er seine Zweifel auch laut äußerste. "Wie sagt man so schön? 'Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn.', also kann es gut sein das es Glück oder eben der Überraschungseffekt war...". Das abwesende Nicken, dass als Antwort kam wirkte sporadisch in dem großen Raum, welcher vermutlich früher als Besprechungszimmer gedient haben mochte.

Der Blick des jüngsten Hammonds lag deutlich auf ihm, brannte förmlich auf Snows Haut, auf der Suche nach Antworten auf eine nicht gestellte Frage bis er schließlich feststellte: "Ok du verheimlichst irgendwas; da ist etwas, dass du mir nicht erzählst...". Verdammt der Junge war gut geworden, das musste man ihm echt lassen! Seine Familie konnte zurecht stolz auf ihn sein. Doch die Umstände waren schlichtweg ungünstig um ihn in seinen Konflikt einzuweihen, bereute er doch überhaupt solange zu wanken. Die Entscheidung sollte einfach sein, meinte zumindest sein Verstand - den Deal abschmettern, den Dämon vernichten und dann zu seinem üblichen Geschäft zurückkehren - aber das Verlangen seine Frau diesmal beschützen zu können, damit sie endlich ihren verdienten Frieden fand, gemeinsam mit der subtilen Angst, dass dieses Wesen seine Drohung wahrmachen konnte und sie zum Schluss alle tötete, wogen schwer die rationalen Argumente auf. Ein bitteres Dilemma aus welchem Eric sich nur selber herausführen konnte, doch noch zögerte er zu entscheiden...

"Aber ich will, dass du weißt dass das ok ist. Du wirst einen Grund haben - so wie ich dich kenne einen ziemlich triftigen - warum du damit nicht herausrückst und das akzeptiere ich," damit hatte der Jäger nun wirklich nicht gerechnet. Nachfragen vielleicht oder Vorwürfe aber Verständnis? Möglicherweise unterschätzte er seinen jungen Freund doch mehr als gedacht, der ihn nun verschmitzt zulächelte, "nun schau nicht so! Ich vertraue dir, dass du das richtige tust - egal wie gefährlich, unkonventionell oder verrückt es erstmal erscheinen mag. Ich kenne dich schon mein halbes Leben und du hast bisher immer das Richtige getan, auch wenn es unangenehm war. Also hör auf soviel zu grübeln und lass dich einfach von deiner Intuition leiten!". Kurze Stille verharrte zwischen ihnen, nicht unangenehm eher überrascht, während realisiert wurde, was gerade passiert war und Snow schließlich darüber lächeln musste. War es jetzt schon soweit, dass der Junior einem Ratschläge geben musste? Sollten sie heil aus dieser Angelegenheit herauskommen, waren wohl ein paar Drinks auf seine Rechnung fällig.
Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass die Ruhe vor dem Sturm nun vorbei war und er erhob sich ohne großes Brimborium. Mit einem sanften Klaps legte er dem Brünetten die Hand auf die Schulter, nickte diesem zu - welches auch mit demselben beantwortet wurde - und ging dem Unbekannten entgegen.

Der Dämon begrüßte ihn mit dem selben arroganten Lächeln mit welchem er ihm seine Galgenfrist gesetzt hatte. "19 Minuten und 47 Sekunden... du scheinst gern mit der Gefahr zu spielen, hmn? Aber kommen wir gleich zum Punkt: wie ist deine Antwort?".
Eisige Blicke durchbohrten die gefesselte Gestalt, welche durch ihre pure Anwesenheit immer wieder das Licht zum flackern brachte und so die Schatten an den Wänden tanzen ließ. Das Schweigen zwischen ihnen war zum Zerreißen gespannt, jedes Wort zu viel oder zu wenig konnte den Untergang bedeuten. Doch noch weigerte sich der Jäger, dem vermaledeiten Bastard die Oberhand zu lassen. "Ich nehme dein Angebot an," das siegreiche Lächeln des Anderen weckte in ihm wieder das Verlangen zuzuschlagen, doch dieses Mal würde er die Fäden in der Hand behalten - zumindest vorerst, "aber nur unter bestimmten Bedingungen!".

Und Snow musste sich eingestehen, dass das dumme Gesicht des Dämons Gold wert war.

-- Ende Teil 3 --
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