Wiederholende Geschichte

von rieke75
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Maid Marian Much Robin Sir Guy of Gisborne Vaisey der Sheriff of Nottingham
14.08.2015
23.10.2015
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Kapitel 2 – Marian





"Marian!"

Die Erinnerungen an die Ereignisse, die zu seiner Gefangennahme geführt hatten, ließen ihn erschaudern.

Oh Marian! Was war nur mit ihr passiert? Hatte sie Gisborne entkommen können? Oder hatte er sie ebenfalls gefangen genommen? Oder war sie vielleicht...

Der bloße Gedanke daran, was mit ihr passiert sein könnte, machte ihm Angst.

Nein! Sie war nicht tot. Sie konnte nicht tot sein!

Aber... was war mit seinen Jungs? Ein furchtbares Gefühl von Schuld überkam ihn, als ihm bewusst wurde, dass er sie einfach ihrem Schicksal überlassen hatte, um Marian zu retten. Er hatte keine andere Wahl gehabt, dass wusste er. Und dennoch, wenn man sie ebenfalls gefangen genommen hatte – oder schlimmeres! – dann war das einzig und allein seine Schuld. Er war für sie verantwortlich, und trotzdem hatte er sie im Stich gelassen. Ihretwegen. Marian. Die Frau, die er liebte.

Er atmete tief durch und versuchte, die düsteren Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen, sich zu konzentrieren und einen Überblick über die Situation zu bekommen. Er durfte jetzt nicht den Kopf verlieren, soviel stand fest. Erst einmal musste er herausfinden, wo er war.

Nun, da seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er einige Umrisse erkennen. Es gab nur eine einzige, winzige Öffnung in der Wand. Zu hoch, um sie zu erreichen, und zu klein um irgendetwas außer Luft hinein oder hinaus zu lassen. Mit etwas Glück konnte er durch die Luke erkennen, ob es Tag oder Nacht war; mehr aber auch nicht.

Im Moment, soviel war sicher, war es Nacht, und er verdankte es einzig dem hellen Licht des Vollmondes hoch oben am Himmel, dass er überhaupt etwas in der Dunkelheit sehen konnte.

Die Zelle war schmal, feucht und der widerliche Gestank von Fäulnis, Tod und menschlichen Exkrementen hing in der Luft. Er saß auf Stroh, nicht genug, um den harten Steinboden zu polstern, aber besser als nichts.

Seit den Tagen von Akkon wusste er, wie wichtig es war, sein Zeitgefühl zu behalten, um bei klarem Verstand zu bleiben. Dem Knurren seines Magens nach zu urteilen, war er nicht länger als ein paar Stunden bewusstlos gewesen. Aus Erfahrung wusste er, dass das Gefühl von Hunger normalerweise nach der ersten oder zweiten verpassten Mahlzeit eintrat, aber nach etwa einem Tag ohne Essen verschwinden würde. Er war am frühen Nachmittag gefangen genommen worden. Jetzt war es Nacht. Das bedeutete, dass er seit einem halben oder dreiviertel Tag eingesperrt sein musste.

Im schummrigen Mondlicht konnte er die Form von kleinen Stalaktiten an der Decke ausmachen, an denen sich die Luftfeuchtigkeit sammelte und abtropfte, wobei jedes Mal, wenn der Tropfen auf dem Boden aufschlug, dieses Geräusch entstand, das seit Akkon einen unangenehmen Schauer über seinen Rücken jagte.

Anders als die normalen Zellen in Nottingham Castle hatte diese keine Gitter, sondern eine massive, hölzerne Tür. Diese und die soliden Steinwände isolierten ihn völlig von der Welt jenseits seiner Zelle. Er konnte niemanden sehen, niemanden auch nur hören, weder Aufseher noch Mitgefangene. Und so war es unmöglich für ihn herauszufinden, ob Marian oder seine Jungs seinem Schicksal entkommen waren, oder ob auch sie irgendwo hier unten eingesperrt waren und sich dieselben Gedanken über ihn machten.

Er seufzte.

Marian. Ob er es wollte oder nicht, er konnte einfach nicht aufhören, sich Sorgen um sie zu machen. Ganz egal, wie oft sie ihm in der Vergangenheit bereits bewiesen hatte, dass sie auf sich selber aufpassen konnte; dieses Mal, so fürchtete er, würde sie es nicht können. Und es war allein seine Schuld.

Warum hatte sie nicht auf ihn gehört? Warum hatte sie zu ihm zurückkommen müssen? Gott, ja, sie hatte ihm das Leben gerettet. Aber zu welchen Preis? Selbst, wenn sie es irgendwie geschafft hatte, Gisborne und seinen Männern zu entkommen, was angesichts der Übermacht an Soldaten zugegebenermaßen unwahrscheinlich war, würde sie nie wieder in ihr altes Leben zurückkehren können. Ein Leben, das sie verdiente. Sie war jetzt eine Geächtete, so wie er.

Doch was, wenn Gisborne sie in seinen Klauen hatte? Zweifellos würde er sich an ihr rächen. Sie hatte ihn benutzt, hatte ihn betrogen und ausspioniert. Gisborne war nicht gerade bekannt dafür, Betrug auf die leichte Schulter zu nehmen. Und nichts was Robin sich ausdenken konnte, war brutal oder grausam genug, um sich vorzustellen, was er mit ihr machen würde.

Die Angst und das beklemmende Gefühl in seiner Magengrube wuchsen.

Er wollte sich aufrichten und zischte laut, als er das pochende Gefühl in seiner Seite spürte. Vorsichtig tastete er die Wunde ab und biss die Zähne zusammen, um den stechenden Schmerz zu ignorieren. Er konnte spüren, dass die Wunde mit überraschender Sorgfalt vernäht worden war. Offensichtlich brauchte der Sheriff ihn lebendig – wenigstens für eine Weile. Robin deutete dies als gutes Zeichen, denn es bedeutete, dass Vaisey noch nicht gefunden hatte, wonach er suchte.

Doch auch, wenn sie die Wunde genäht hatten, damit er nicht auf der Stelle verblutete, hatten sie sie nicht verbunden oder irgendetwas anderes getan, um eine Infektion zu verhindern. Und dieses feuchte Loch, in dem er saß, ließ nicht gerade die Hoffnung aufkeimen, dass er um eine Infektion herum kommen würde. Im Augenblick war die Frage nicht ob, sondern wann die Wunde anfangen würde, sich zu entzünden.

Er atmete erneut tief durch.

Wussten Gisborne und der Sheriff, dass er das schon einmal durchgemacht hatte? Und wenn ja, nutzten sie die Tatsache aus, dass er genau wusste, was innerhalb der nächsten Stunden mit ihm passieren würde, um ihn gefügig zu machen? Oder wollten sie ihn einfach nur langsam und qualvoll sterben lassen?

Unter großen Schmerzen setzte er sich auf, zog sich vorsichtig das Kapuzenhemd aus und presste es gegen die wieder blutende Wunde. Er schnappte unfreiwillig nach Luft, als er den schmerzhaften Stich spürte, und ihm wurde schlecht und schwindelig. Für einen Moment glaubte er, das Bewusstsein zu verlieren, doch er riss sich zusammen und zwang sich durchzuatmen, tief und ruhig, bis Schmerz und Übelkeit langsam verflogen.

Eines war sicher: er zog es vor nicht in diesem Gefängnis zu sein, wenn die Entzündung sich ausbreitete. Das Fieber würde ihn zu sehr schwächen, um sich einem Kampf stellen zu können. Er würde sich nicht befreien können, geschweige denn seine Jungs oder Marian.

Noch einmal atmete er tief durch.

Marian.

An dem Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er geschworen, sie vor allem Bösen zu beschützen. Und nun, da es darauf ankam, hatte er sie im Stich gelassen.



Nottingham, Februar 1171

"Robin!"

Die Stimme seiner Mutter hallte durch die langen Korridore von Nottingham Castle, doch Robin ignorierte sie abwesend. Der Vierjährige stand in der Mitte des Ganges und beobachtete die beiden Wachen, die vor ihm standen und regungslos die große Doppeltür bewachten. Sie sahen ihn nicht an, bewegten sich nicht... ja sie blinzelten nicht einmal. Sie blickten nur starr geradeaus. Der Junge versuchte, sie zu einer Regung zu provozieren, zog Grimassen und stieß einen der Männer mit der Spitze seines kleinen Bogens an. Doch nichts passierte.

Er fragte sich, ob die beiden Wachen tatsächlich lebten, oder ob sie nur aussahen wie richtige Menschen. Dann, völlig unvermittelt, zwinkerte ihm einer der Männer zu, und Robins Augen weiteten sich erschrocken. Alarmiert wich er zurück, während die beiden Männer in ein amüsiertes Lachen einfielen, ehe einer von ihnen, der jüngere, zu Robin in die Hocke ging.

"So, du bist also Robin of Locksley.", sagte er mit einem freundlichen Lächeln, und Robin nickte zögerlich, während er ihn misstrauisch beäugte. Robin hatte keine Angst vor der Wache... aber Misstrauen... nun, das hatte noch nie geschadet. "Und du willst mal ein Bogenschütze werden, wie?" bemerkte die Wache und deutete auf den Kinderbogen in Robins Hand.

"Ich BIN ein Bogenschütze," antwortete Robin selbstbewusst.

Die Wache lächelte freundlich. "Nun denn, junger Bogenschütze Robin, willst du uns nicht mal ein wenig von deinem Können vorführen?"

Robin zuckte nur mit den Schultern. In einer überraschend fließenden Bewegung zog der Vierjährige einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn auf die Sehne und spannte den Bogen. Er zielte auf einen Kerzenhalter, der ein paar Fuß weiter am Ende des Korridors stand und schoss. Mit einem lauten Twag! traf der Pfeil sein Ziel.

"Bei Gott, du BIST ein Bogenschütze, Robin of Locksley!", sagte der Wachmann überrascht, aber aufrichtig und lächelte gutmütig.

"Robin!" Die Stimme seiner Mutter kam näher.

"Deine Mutter sucht nach dir.", sagte der Wachmann und stand auf, um seinen Posten wieder einzunehmen. "Geh zu ihr, ehe sie sich Sorgen macht!"

Robin nickte und lief den Gang zurück in die Richtung, aus der die Stimme seiner Mutter gekommen war.

"Da bist du ja.", begrüßte sie ihn erleichtert und drückte ihn zärtlich. Dann nahm sie seine Hand und ging zurück zu der Doppeltür, die in die privaten Gemächer des Sheriffs und seiner Frau führte.

"Joe?", fragte sie überrascht, als sie den Wachmann erkannte, der gerade noch mit Robin gesprochen hatte. "Joe Lacey?"

"Guten Tag, Lady Aveline.", antwortete er.

"Joe! Wie schön, dich wiederzusehen. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit du den Posten hier auf der Burg bekommen, und Locksley mit Ruth verlassen hast," beschwerte Robins Mutter sich mit einem sanftmütigen Lächeln. "Wie geht es ihr?"

"Sie hat sich an ihre neue Arbeit gewöhnt, aber sie vermisst Euch, Milady.", antwortete die Wache. "Erst gestern hat sie mir das gesagt."

"Bitte sag ihr, dass wir sie auch vermissen. Locksley Manor ist nicht dasselbe ohne sie. Bitte sie, uns zu besuchen, sobald ihre Aufgaben es erlauben."

"Danke, Milady, das werde ich." Er verbeugte sich kurz und öffnete dann die Tür, die er bewachte.

"Komm mit, Robin, wir werden Lady Kate besuchen. Du wolltest doch das Baby sehen, nicht wahr?"



Lady Fitzwalter war immer eine wunderschöne Frau gewesen, eine starke Persönlichkeit an der Seite ihres Mannes, dem Sheriff von Nottingham. Robin hatte sie stets als liebenswerte, freundliche und mitfühlende Person kennengelernt, mit leuchtend blauen Augen und einen Gesicht, das von üppigen braunen Locken umrahmt wurde. Doch nun lag die beste Freundin seiner Mutter in dem Bett am Ende des Raumes; schwach, gebrechlich, und ihre Haut blass wie das Laken auf dem sie lag. Ihr braunes Haar war feucht vom Schweiß und klebte an ihrem Kopf, ihre Augen waren rot und blutunterlaufen und ohne den üblichen Schimmer. Sir Edward stand neben ihr, und in seinem Gesicht standen Angst und Sorge, während er seinen Blick auf das kleine Bündel gerichtet hielt, das in den Armen seiner Frau lag, eingewickelt in weiße Tücher, die von einer Schleife zusammengehalten wurden.

In Robins Augen sah dieses Bündel eher aus wie ein Geschenk als ein Kind. Und das war es wohl auch; ein Geschenk.

Der Junge konnte nicht wissen, wie Recht er hatte. Nach vielen Jahren, in denen das Paar vergeblich versucht hatte, ein Kind zu bekommen, hatten sie die Hoffnung beinahe aufgegeben. Und nun war sie da; dieses Geschenk. Das Wertvollste von allen. Nicht nur für die Eltern, sondern auch für ihn, wie er viele Jahre später herausfinden sollte.

"Würdest du sie gerne einmal halten, Robin?", fragte Lady Fitzwalter. Wie immer, wenn sie mit ihm sprach, hatten ihre Augen diesen warmen, sanften Ausdruck, doch ihre Stimme war müde und schwach.

Robin war zu jung, um von den Strapazen einer Geburt zu wissen. Und er bemerkte auch nicht den besorgten Blick in Sir Edwards Gesicht, der beständig an der Seite seiner Frau stand, ahnend, wenn nicht gar wissend, dass das Leben seiner Tochter ihn teuer zu stehen kommen würde. Und Robin sah auch nicht die Furcht in den Augen seiner Mutter beim Anblick ihrer einst so starken, beherzten Freundin, die nach einer langen, harten Geburt nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Voller kindlicher Begeisterung haftete Robins Blick einzig auf dem kleinen Geschenk im Arm ihrer Mutter.

Robin antwortete auf Lady Kates Frage mit einem eifrigen Kopfnicken. Vorsichtig trat er an das Bett heran und nahm das kleine Bündel entgegen, wiegte es in seinen Armen, sicher und beschützend, und studierte es aufmerksam.

Ihre Haut war hell, das kurze braune Haar rollte sich bereits zu kleinen Locken, und die noch wässrigen blauen Augen begutachteten die Welt um sie herum. Ihre kleine, süße Stupsnase entfachte den eigenartigen Wunsch in ihm, sie anzutippen. Und selbst neben seinen eigenen kleinen Händen sah die ihre winzig und zerbrechlich aus.

Und es war genau dieser Moment, in dem Robin den Entschlus fasste, sie zu beschützen, komme was da wolle.

"Wie wollt ihr sie nennen?", fragte seine Mutter ihre Freundin.

"Marian.", flüsterte Lady Kate und griff nach der Hand ihres Mannes, während sie ihn liebevoll anlächelte. "Ihr Name ist Marian."




Robin seufzte ernst. Trotz seines Versprechens auf sie aufzupassen, schien er sie immer und immer wieder im Stich gelassen zu haben. Alles in allem grenzte es beinahe an ein Wunder, dass sie trotzdem so weit gekommen waren.

Seit frühster Kindheit waren zwei Dinge in seinem Leben sicher gewesen: er würde der nächste Earl of Huntingdon sein, und er würde Marian Fitzwalter heiraten.

Er lachte innerlich bei dem Gedanken, dass er eines Besseren belehrt worden war. Inzwischen wusste er, dass nichts im Leben sicher war.

Damals hatte er das natürlich noch nicht gewusst, doch selbst vor Marians Geburt hatten ihre Eltern sie beide für den Fall, dass es ein Mädchen würde, bereits einander versprochen. Doch davon hatten sie erst viel später erfahren.



Die Nachricht von Lady Fitzwalters Tod hatte Locksley in den frühen Morgenstunden erreicht, nur wenige Tage nachdem Robin Marian das erste Mal gesehen hatte. Und obwohl er damals noch sehr jung gewesen war, konnte er sich noch immer an das Begräbnis erinnern. Es war ein nasskalter Tag Ende Februar gewesen. Das Wetter hatte zu diesem traurigen Ereignis gepasst, und er konnte noch immer den am Boden zerstörten Sir Edward am offenen Grab seiner verstorbenen Frau stehen sehen. Mit versteinertem, ausdruckslosem Gesicht hatte er sich an das kleine, schreiende Bündel geklammert, das eingewickelt in eine Decke in seinem Arm lag.

Edward hatte sie fest an seine Brust gedrückt, als sei sie eine Rettungsleine, an der er sich festhalten wollte. Und selbst viele Jahre später war sie stets diese Rettungsleine für ihn gewesen.

Robin erinnerte sich daran, wie er neben seiner Mutter gestanden hatte, als sie und Sir Edward nach der Beerdigung noch zusammen geredet hatten und ihm angeboten hatte, nach ihr zu sehen, wann immer der Sheriff ihre Hilfe benötigte.

Edward hatte sich bemüht, sich zusammenzureißen und mit seiner Trauer umzugehen. Seit beinahe sieben Jahren war er Sheriff von Nottingham. Ein guter Sheriff, offen, nachsichtig und gerecht in seinen Entscheidungen. Doch es war offensichtlich, dass der Tod seiner geliebten Frau eine tiefe Narbe auf seiner Seele hinterlassen würde; ein Gefühl von Leere, das nur Marian füllen konnte. Er hatte sie stets "seine Welt" genannt, und sie war der einzige Grund für ihn, weiterzumachen. Und plötzlich bemerkte Robin, dass dies vielleicht das einzige in all diesen Jahren gewesen war, dass Edward und er gemein hatten.

In den darauffolgenden Jahren hatte Robin viel Zeit mit Marian verbracht; entweder in Locksley, wo seine Eltern und seine Amme Rosa sich um sie gekümmert hatten, oder in Nottingham, wo sie beide einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit damit verbracht hatten, die Korridore und Kammern der Burg zu erkunden, die ihr Spielplatz gewesen war.

Ein sanftes Lächeln trat auf sein Gesicht, als er an die Zeit zurück dachte. Zurückblickend hatte er nur gute Erinnerungen an seine frühe Kindheit, auch wenn damals nicht alles nur eitler Sonnenschein gewesen war. Er war mit liebenden Eltern gesegnet gewesen... und mit Marian.

Sie war zu der Schwester geworden, die er nie gehabt hatte, nachdem seine Mutter drei Fehlgeburten erlitten hatte, und sein Bruder David nach nur wenigen Monaten gestorben war.

Damals hatte er noch nicht verstanden, was es für sie bedeuten musste, ein Kind nach dem anderen zu verlieren, Jahr für Jahr. Und er hatte auch nicht verstanden, was es bedeuten würde, der einzige Erbe einer hoch angesehenen, wohlhabenden Grafschaft zu sein – trotz der recht bescheidenen Größe von Locksley Manor – mit Ländereien in Locksley, Bolsterstone und natürlich Huntingdon selbst.

Er hatte nie so ganz verstanden, warum seine Eltern es vorzogen, in Locksley zu leben, obwohl der Stammsitz der Familie in Huntingdon lag; nicht gerade ein kleines Anwesen mit einem burgähnlichen Herrenhaus und großen Ländereien. Nur ein einziges Mal hatte er seine Eltern dabei belauscht, als sie darüber sprachen, die Gründe für ihre Landflucht eher angedeutet denn ausgesprochen, und damit mysteriöser denn je...



Locksley, November 1174

Ein Lichtstrahl drang durch den leicht geöffneten Türspalt des Schlafzimmers seiner Eltern und erhellte den oberen Treppenabsatz, als Robin leise von seinem Schlafzimmer zur Treppe schlich. Der Siebenjährige war mitten in der Nacht aus seinem Schlaf erwacht, durstig und viel zu unruhig, um weiterzuschlafen. Doch als er an der großen Kammer vorbei kam und seine Eltern flüstern hörte, hielt er inne, irgendwie ahnend, dass es in ihrem Gespräch um ihn ging.

"...wir sollten uns langsam Gedanken darüber machen, wohin..." Seine Mutter brach den Satz ab und atmete tief und sorgenvoll durch.

"Was?"

"Nun ja..." Sie zögerte erneut. "Wohin wir ihn schicken werden."

"Ihn schicken? An den Hof, meinst du?"

"Ja", bestätigte seine Mutter. "Er ist jetzt sieben Jahre alt, und..."

"Nein!", protestierte sein Vater energisch.

Sie seufzte erneut. "Robert..."

"Ich werde ihn NICHT an den Hof schicken. Und ich werde nicht zulassen, dass mein Sohn einem Mann seinen Eid schwört, der seine Frau so behandelt; der sie unter Hausarrest setzt."

"Ich war ihre Zofe, Robert. Und du weißt, dass ich auf immer loyal zu ihr stehen werde. Aber wir beide wissen auch, dass sie ihrem Mann auch Gründe gegeben hat, sie so zu behandeln."

Robert atmete hörbar aus. "Tut mir leid. Du hast ja Recht. Aber das heißt nicht, dass Henry der Gute in dieser Geschichte ist. Und du weißt das eben WEIL du ihre Kammerzofe warst."

Sie seufzte schwer. "Ich weiß, wie du darüber denkst, mein Schatz. Aber eines Tages wird er der Earl of Huntingdon sein. Er WIRD seinem König irgendwann diesen Eid schwören müssen."

"Nun, ich gedenke länger zu leben als Henry, so dass Robin seinen Eid Henry dem Jüngeren schwören muss. Sicherlich das kleinere Übel, meinst du nicht?"

Sie lächelte liebevoll, schmiegte sich an seine Seite und fuhr mit dem Finger über seine Grübchen besetzte Wange. "Du weißt, dass du albern bist, oder?"

"Ja", gab er kleinlaut zu, ehe er sich beugte. "Er wird ausgebildet werden. Dafür werde ich sorgen," versprach er. "Aber ich werde meinen Sohn nicht fort senden. Ich werde ihn nicht an den Hof schicken, weder an Henrys, noch an irgendeinen anderen. Was, wenn jemand das herausfindet mit... nun ja... uns. Was glaubst du, würden sie mit ihm machen, hm? Du weißt ganz genau, warum wir hier in Locksley bleiben statt nach Huntingdon zurück zu gehen, wo wir in der Reichweite des Königs wären. Ich werde den Jungen nicht dieser Gefahr aussetzen, indem ich ihn in die Höhle des Löwen schicke."

Sie dachte noch einen Moment darüber nach, doch schließlich atmete sie erleichtert durch. "Um die Wahrheit zu sagen, ich bin froh, dass du ihn nicht fortschicken willst. Der Gedanke, dass er uns verlassen würde, bricht mir das Herz."

Robert zog sie fester in seine Arme und hauchte einen zärtlichen Kuss auf ihre Stirn. "Habe ich dir schon einmal gesagt, wie sehr ich dich liebe? Ich hätte mir keine bessere Frau wünschen können."

"Das hast du.", antwortete sie und lächelte ihn einen Moment lang tief gerührt an. Doch dann wurde ihr Gesicht traurig und sie legte den Kopf an seine Brust, um seinem Blick auszuweichen. "Ich wünschte nur, ich hätte Robin Geschwister schenken können."

"Wir werden noch weitere Kinder haben", versicherte Robert sanft und strich durch das lange Haar seiner Frau. "Doch falls nicht, bin ich völlig zufrieden, dich und Robin an meiner Seite zu haben."




Selbst viele Jahre später hatte Robin nie herausgefunden, warum sein Vater es so vehement ablehnte, nach Huntingdon zurückzukehren, oder was es mit seiner Mutter zu tun hatte. Doch was auch immer die Gründe gewesen waren, er war dankbar dafür, dass sie in Nottingham geblieben waren und dafür, dass sein Vater entschieden hatte, ihn nicht fortzuschicken. Denn so konnte er auf eine glückliche Kindheit mit Marian zurückblicken.



Locksley, Sommer 1175

"Würdest du mir zeigen, wie man mit einem Bogen umgeht?"

Marians Frage kam überraschend. Wie fast jeden Tag übte Robin Bogenschießen auf dem Hügel oberhalb von Locksley und zielte auf die Strohzielscheibe, die er extra dafür gemacht hatte, während Marian neben ihm im Gras saß und ihm wie üblich bewundernd zusah. Es war zu so etwas wie ihrem täglichen Ritual geworden. Doch ihre unerwartete Frage erstaunte ihn.

"Nein!", antwortete er und ließ keine Zweifel daran, dass er den bloßen Gedanken lächerlich fand.

"Warum nicht?", fuhr sie hoch, rappelte sich auf und stützte ihre Hände in die Hüften. "Weil ich ein Mädchen bin?"

Robin kicherte. "Na ja... ja, genau!"

Sie runzelte die Stirn und trat ihm kräftig gegen das Schienbein.

"Autsch!", schrie er auf. "Wofür war das denn?"

"Weil du mich unter...unterscherzt weil ich ein Mädchen bin", entgegnete sie wütend.

"Unterschätzt.", berichtigte er sie und rieb sich das Bein.

Sie wurde rot. "Na ja... eben!"

"Aber du BIST ein Mädchen, Dummerchen!" antwortete er sanft aber entschlossen. "Und Mädchen schießen nicht mit Bögen. Sie nähen oder sticken."

Sie trat noch einmal gegen sein Bein.

"Autsch! Wirst du jetzt wohl aufhören, mich zu treten, Marian!", schrie er und hielt sich das schmerzende Bein.

"Wenn ich das Ziel von hier aus treffe, bringst du es mir dann bei?" fragte sie.

Robin dachte einen Moment über ihre Frage nach, ehe er mit den Schultern zuckte. "Na schön. Aber hör endlich auf, mich zu treten."




Robin lächelte sanft bei dem Gedanken. Der Pfeil hatte das Ziel weit verfehlt... aber er hatte ihr trotzdem das Bogenschießen beigebracht.

Sie war ein Wildfang gewesen, sehr zum Leidwesen ihres Vaters. Ihre Hände und Knie waren stets dreckig oder gar aufgekratzt gewesen, ihre braunen Locken zerzaust, und ihr süßes, rundes Gesicht mit den großen blauen Augen blickte mit einem bezaubernden Ausdruck von Verwunderung und Neugier in diese Welt. So lange er denken konnte, hatte sie versucht, mit ihm zu wetteifern. Ein Mädchen, vier Jahre jünger als er, und doch fest entschlossen, sich niemals Angst anmerken zu lassen.



Locksley, Herbst 1175

"Robin?" Marians schwache Stimme drang durch die Dunkelheit seiner Kammer.

"Hm?" raunte er.

"Kann ich zu dir ins Bett kommen?" fragte sie flehend.

Marian wohnte vorübergehend bei ihnen, während ihr Vater geschäftlich nach London musste, und schlief bei der Amme Rosa im Raum nebenan. Doch während Rosa geräuschvoll durch das Gewitter schlief, das draußen tobte, hatte Marian kein Auge zugemacht – und er auch nicht.

Durch das grelle Licht der Blitze, die den nächtlichen Himmel immer wieder erhellten, konnte er ihre kleine Gestalt sehen; hauptsächlich die buschigen Locken, die zitternd ihren Kopf umrahmten.

"Hast du Angst?", wollte er wissen und setzte sich im Bett auf.

"N...nein!", antwortete sie zögerlich, doch die Anspannung in ihrer zitternden Stimme war deutlich zu hören. "Ich... Ich bin nur..."

Robin grinste breit in die Dunkelheit hinein. "Das ist schon in Ordnung, weißt du?", sagte er großspurig. "Du bist ein Mädchen. Mädchen haben nun mal Angst bei Gewitter."

"Ich habe KEINE Angst!", protestierte sie stur und kletterte zu ihm ins Bett, wo sie sich an seine Seite drückte.

Mit einem selbstzufriedenen Grinsen legte er den Arm beschützend um sie... und hoffte dabei innständig, dass er beim nächsten Blitzschlag nicht selber zusammenzucken würde.




Robin zuckte zusammen, als das unerwartete Knarren einer sich öffnenden Tür ihn aus seinen Gedanken riss. Geblendet vom grellen Licht einer Fackel nach scheinbarer Ewigkeit in dieser Finsternis, hob er die Hand schützend vor seine Augen und blinzelte. Erst nach mehrmaligem Blinzeln erkannte er die Umrisse eines großgewachsenen, ledergekleideten Mannes.

"Gisborne!", begrüßte er ihn, sein Ton aufgesetzt fröhlich. "Was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?"

"Das wirst du noch früh genug herausfinden.", hörte er Gisbornes dunkle Stimme sarkastisch grollen, ehe eine Faust in seinem Gesicht landete und die Welt um ihn herum erneut in Dunkelheit versank.




Fortsetzung folgt...
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