Wiederholende Geschichte

von rieke75
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Maid Marian Much Robin Sir Guy of Gisborne Vaisey der Sheriff of Nottingham
14.08.2015
23.10.2015
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Kapitel 1 – Gefangen




Akkon, Heiliges Land, Sommer 1191

Zuerst hatte er nur gelacht. Dieses freche, leicht arrogante Lachen, das seine Feinde vor Wut kochen lies, dabei aber nur seine eigene Unsicherheit verbarg.

Wasser? Sie wollten ihn mit WASSER foltern? Ernsthaft?

Allein der Gedanke amüsierte ihn. Diese Sarazenen hatten ja eigenartige Methoden, um ihre Feinde zu foltern. Was würden sie sich als nächstes ausdenken? Würden sie ihn mit diesen getrockneten Trauben bewerfen?

Zugegeben, er hatte es sich schlimmer ausgemalt. Als sie ihn überwältigt und ihm eins über den Schädel gezogen hatten – nicht fest genug, um ihn das Bewusstsein verlieren zu lassen, aber doch stark genug, um ihn soweit ruhig zu stellen, dass er sich nicht mehr wehren konnte, als sie ihn an den Handgelenken gefesselt an ein Pferd gebunden und ihn mit sich in Richtung Akkon gezogen hatten und als er Much in Panik „Master!“ hatte rufen hören, da hatte er gewusst, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten steckte. Er hatte zu viele seiner Kameraden begraben, die von Sarazenen auf grausamste Art und Weise gefoltert worden waren, um Zweifel an seinem Schicksal zu haben. Man hatte sie inmitten der Wüste an hölzerne Pfähle gekettet, der sengenden Sonne schutzlos ausgesetzt, bis ihre Haut in der unerträglichen Hitze Blasen geworfen hatte, Sandstürme wie tausend scharfe Klingen über ihre Haut gefahren waren und Ameisen und Käfer sie bei lebendigem Leib zerfressen hatten. Dagegen war ihm der Tod durch Verdursten stets wie eine Gnade Gottes vorgekommen.

Er hatte viel von den grausamen und brutalen Methoden der Sarazenen gehört und noch viel mehr gesehen. Daher war er auch so verwundert gewesen, als er bemerkt hatte, dass man ihn nicht, wie die anderen, in der Wüste aussetzen wollte, sondern geradewegs nach Akkon verschleppt hatte, wo sie ihn in ein Verlies geworfen hatten. Eine Sonderbehandlung, die nur ranghohen Offizieren zuteil wurde, vermutete er.

Eine Zeit lang hatte man ihn geschlagen. So lange, bis sein Körper von blauen Flecken übersät war. Sie hatten ihm mindestens eine Rippe und zwei Finger gebrochen und doch hatte er der Folter standgehalten und ihnen nicht erzählt, was sie hatten wissen wollen.

Als sie gemerkt hatten, dass das Zufügen von Schmerz nicht den gewünschten Effekt hatte, hatten sie ihn mit ausgestreckten Armen und Beinen an vier eiserne Ringe am Boden seiner Zelle gebunden und den Kopf mit einem Lederriemen fixiert. Eine kleine Luke in der Decke, sieben oder acht Fuß über ihm, führte hinaus in die Freiheit – doch gefesselt wie er war, war es unmöglich für ihn, sie zu erreichen.

Und nun tropfte Wasser hinunter auf seinen Kopf, Tropfen für Tropfen, genau auf seine Stirn. Und sein grimmig dreinschauender Kerkermeister sah sehr zufrieden aus mit seiner Arbeit.

„Wasser?“, fragte er den Sarazenen mit einem amüsierten Unterton in der Stimme und dieses zur Weißglut treibende Lächeln breitete sich auf sein geschwollenes, mit Blutergüssen übersätes Gesicht aus. Dabei erwartete er jedoch nicht, dass sein Gegenüber ihn verstand.

Nun, dachte er erheitert, verdursten würde er wohl nicht. So viel stand fest.

Langeweile. Das klang schon wahrscheinlicher.

Doch nach einer Weile – Stunden oder Tage, wer vermochte das hier unten schon zu sagen? – begann er zu verstehen, was dieser vermeintlich harmlose Tropfen mit einem Mann anstellen konnte. Ihm wurde bewusst, dass keine andere von Menschen erdachte Foltermethode so brutal und dabei gleichzeitig so simpel hätte sein können. Das Wasser tropfte auf seine Stirn. Alle fünf Sekunden. Alle gottverdammten FÜNF SEKUNDEN!

Es tat nicht weh. Es hinterließ keine Wunden oder Kratzer. Nicht einmal blaue Flecke. Doch ganz langsam, Tropfen für Tropfen, trieb es ihn in den Wahnsinn. Das beinahe unhörbare Geräusch, wenn er auf seine Stirn traf hämmerte durch seinen Kopf wie ohrenbetäubender Donner.

TOCK! – Eins – Zwei – Drei – Vier –

TOCK! – Eins – Zwei – Drei – Vier –

TOCK!

Die Unfähigkeit, dem nächsten Tropfen ausweichen zu können – wenn auch nur ein einziges Mal – machte es nur noch schlimmer. Alles was er tun konnte war darauf zu warten, dass er ihn traf. Und er wusste, es würde passieren. Wie in Zeitlupe sah er den Tropfen auf sich zukommen. Er kam näher und näher, ehe er seine Stirn traf wie der Hammer den Amboss. Der Lärm in seinem Kopf machte es ihm unmöglich, Schlaf zu finden. Er machte es unmöglich, seine Gedanken an diesen friedlichen Ort abdriften zu lassen, den er immer dann als letztes Refugium nutzte, wenn der Tod und das Leid um ihn herum zu groß wurden: zu ihr. Er machte es unmöglich, an irgendetwas anderes zu denken, als an den nächsten gottverdammten Tropfen.

Und dann schlossen sie die Luke über ihm.

Ohne Tageslicht und ohne die Möglichkeit, den Wechsel zwischen Tag und Nacht zu sehen, verlor er vollends den Bezug zur Zeit. Minuten wurden zu Stunden, Stunden zu Tagen. Er wusste nicht mehr, wie lange er schon hier unten war – oder ob er jemals wieder hier rauskommen würde. Alles was er wusste war, dass er mit jedem Tropfen mehr und mehr in den Wahnsinn abdriftete.

Isoliert, ohne Zeitgefühl und in völliger Dunkelheit, übermüdet und irgendwo zwischen Realität und Wahnsinn wurden seine Gedanken seine letzte Zufluchtsstätte – und auch sein schlimmster Alptraum. Die eigenen Gedanken, voller unerfüllter Träume und Hoffnungen und längst vergessen geglaubte Erinnerungen konnten zur schlimmsten Folter von allen werden.

TOCK! – Eins – Zwei – Drei – Vier –

TOCK! – Eins – Zwei – Drei – Vier –

TOCK!




Mit einem Ruck fuhr Robin aus dem Schlaf auf, geweckt von seinem eigenen Schrei, aus einem Alptraum, der ihn in der Vergangenheit schon so oft heimgesucht hatte und den er einfach nicht vergessen konnte. Er zitterte am ganzen Leib – und der einzige Laut, den er hörte, ließ ihn erschaudern.

TOCK! Eins – Zwei – Drei – Vier –

TOCK! Eins – Zwei – Drei – Vier –

TOCK!

Mit weit aufgerissenen Augen sah er sich um. Doch er war umgeben von Finsternis. Er atmete in kurzen, hektischen Atemzügen, unsicher, ob er sich noch immer in seinem Alptraum befand oder ob sein Alptraum Wirklichkeit geworden war. Mit seinen Händen tastete er über den Boden.

Stroh!

Erleichtert atmete er aus.

Gott sei Dank! Es war nicht dieser gottverdammte Wüstensand. Wo auch immer er war, er war nicht im Heiligen Land; er war nicht in seinem Alptraum.

Aber... wo war er? Und... was war passiert?

Der pochende Schmerz in seiner rechten Seite drang in sein Bewusstsein und ein leises Zischen verließ seine Lippen.

Was zum Teufel...?

Vorsichtig tastete er mit der Hand die schmerzende Stelle unterhalb seiner Rippen ab und fand eine klaffende Wunde.

„Schhh!“ Die Berührung jagte einen erneuten brennenden Ruck durch seinen Körper und ließ seine Hand zurückschrecken. Das warme, feuchte, leicht klebrige Gefühl auf seinen Fingern verriet, dass die Wunde noch immer blutete.

‚Das ist nicht gut,’ dachte er und fragte sich, wie er an diese Wunde gekommen war. In seinem Kopf taten sich große Lücken auf, wenn es darum ging, wie er überhaupt in diese Lage geraten war. Doch ihm war klar, dass das nichts an seiner Situation ändern würde, solange er nicht wusste, wo er überhaupt war. Also beschloss er, genau dort anzufangen, wo sein Gedächtnis ihn im Stich ließ.

‚Denk nach, Robin!’ ermahnte er sich, ‚Denk nach!’

Das letzte, woran er sich erinnern konnte war, dass es ein ruhiger, ereignisloser Tag gewesen war. Keine wohlhabenden Reisenden, niemand, der seine Hilfe gebraucht hätte, als plötzlich...



Camp der Outlaws, Sherwood Forest, Oktober 1193

Robins Herz hüpfte, als er den vertrauten Pfiff hörte, der durch den Wald hallte, und ein sanftes Lächeln trat auf sein Gesicht. Achtlos schmiss er den Pfeil zur Seite, dessen Spitze er bis gerade bearbeitet hatte und sprang von seiner Schlafstätte auf.

„Much...“

„Ich hab’s gehört“, unterbrach sein ehemaliger Diener ihn mit einem ungehaltenen Seufzer, während er den Blick nicht von dem Hasen abwandte, den er gerade zubereitete. „Wir haben einen Gast zum Mittagessen.“ Wie immer, wenn er von ihr sprach, lag ein Hauch von Abneigung in seiner Stimme. Doch Robin wusste, dass nicht SIE der Grund dafür war, sondern die Angst, er – Robin – könne ihn vernachlässigen, dass er mehr Zeit mit IHR verbringen würde, dass er seine Gedanken mit IHR teilen würde. Und obwohl Muchs Eifersucht ihn stets irritierte, musste Robin sich eingestehen, dass Much damit sogar ein Stück weit Recht hatte.

„Eigentlich wollte ich sagen, dass du nicht auf mich warten sollst, aber...“

„Oh Master, also wirklich!“, protestierte Much, wie üblich darum bemüht, wann immer es ging etwas zu Essen in seinen Herrn hinein zu bekommen.

„Später, Much. Ich verspreche es.“ Robin zwinkerte ihm aufmunternd zu und verschwand in die Richtung, aus der der Pfiff gekommen war.



Wie immer, wenn er sie sah, spürte Robin sein Herz bei ihrem Anblick schneller schlagen.

Halb stehend, halb gegen einen umgestürzten Baum gelehnt, hatte sie die Hände in ihrem Nacken verschränkt und ihre Augen geschlossen das Gesicht den warmen Sonnenstrahlen entgegen gestreckt, die sich den Weg durch die lichterwerdende, goldene Laubdecke der mächtigen Eichen des Sherwood Forest bahnten.

Sehr zu seiner Überraschung trug sie ihr Nightwatchman Kostüm. Der Umhang hing über einem der Äste des Baumes und die Maske steckte im Bund ihrer Hose. Er wunderte sich jedoch nur kurz, ehe er sich leise und mit einem breiten Grinsen an sie heran pirschte.

„Man sollte meinen, der legendäre Robin Hood könne sich... na sagen wir unauffälliger heranschleichen.“, neckte sie ihn, ohne die Augen zu öffnen, lange bevor er auch nur annähernd in ihre Nähe kam und dieses selbstgefällige Lächeln, welches normalerweise eher ihm zuzuschreiben war, umspielte ihre Lippen.

„Und man sollte ebenfalls meinen, der Nightwatchman würde erst des nachts auftauchen.“, neckte er zurück.

Mit einem Lächeln, das ihn immer wieder aufs Neue berauschte, öffnete sie die Augen und streckte eine Hand nach ihm aus. Als er sich zu ihr hinunter beugte, zog sie ihn in ihre Arme und ihre Lippen trafen sich in einem zärtlichen Kuss.

„Ich habe dich vermisst.“, nuschelte er gegen ihren Mund, ein breites Grinsen im Gesicht, legte seine Stirn an ihre und blickte tief in ihre blauen Augen. Liebevoll strich er mit seinem Daumen über ihre Wange. „Was machst du hier?“ Seine Hand fuhr durch ihr braunes Haar, das – wie er vorhin bemerkt hatte – in der tief stehenden Herbstsonne einen rötlichen Schimmer bekam.

„Ich wollte dich sehen“, antwortete sie zärtlich auf seine Frage und als ihre Finger mit den gelockten Haarsträhnen in seinem Nacken spielten, durchlief ihn ein wohliger Schauer.

Sein Grinsen wurde noch breiter und er gab ihr einen weiteren Kuss. „In voller Montur?“, fragte er argwöhnisch.

„Ich habe Vorräte aus der Burgküche gestohlen, um sie nach Knighton zu bringen.“, gestand sie, wissend, dass ihre Ehrlichkeit seinen Protest nach sich ziehen würde. Doch gleichzeitig war sie fest entschlossen, sich all den guten Gründen die er anführen würde, warum sie ihre Nightwatchman Ambitionen ein für alle Mal an den Nagel hängen sollte, entgegen zu stellen.

„Marian...“, begann er wie erwartet, doch sein Protest wurde sogleich von ihren Lippen im Keim erstickt. Für einen Moment gab er sich dem Kuss hin, vertiefte ihn mit einer gesunden Portion Leidenschaft und dem innigen Wunsch, ihr nahe zu sein. Doch dann löste er sich und trat einen Schritt zurück, um wieder etwas Distanz zwischen ihre Körper, und etwas Blut zurück in seinen Kopf zu bringen und die Kraft zu finden, ihr mit der Entschlossenheit entgegen zu treten, die der Situation angemessen war.

Gott! Was war es nur, dass ihn stets den Verstand verlieren ließ, sobald sie in seiner Nähe war?

„Deine Argumente sind... ziemlich unfair, weißt du das?“, murmelte er beinahe schmollend, seine Stimme weit entfernt davon, entschlossen zu klingen und seine Augen noch immer voller Verlangen.

Verdammt! Er war Robin Hood, Herrgott noch mal! Er war ein Earl, ein Anführer, und ein kampferprobter Soldat obendrein. So lange, wie er sich zurück erinnern konnte, hatten die Menschen um ihn herum das getan, was er von ihnen verlangte. Er hatte ganze Armeen angeführt und es gab Zeiten im Heiligen Land, da der König von England auf IHN gehört hatte, nicht umgekehrt. Und trotzdem war er nicht fähig, die Frau, die er liebte – und die ihm glaubhaft versichert hatte ihn zu lieben – dazu zu bringen, sich selbst nicht immer und immer wieder in Gefahr zu bringen. Schlimmer noch, er konnte ihr nicht einmal böse sein.

Ihr Oberkörper blieb auf dem Baum liegen, als sie ihre Hand nach ihm ausstreckte und zärtlich seine Wange berührte. Ihr Daumen fuhr über seine Lippen und er schloss die Augen, seine Haut wie elektrisiert von ihrer Berührung und küsste ihn leicht.

„Robin?“

„Hm?“, nuschelte er abwesend und hauchte ein paar Küsse auf die Innenseite ihrer Hand.

Verdammt! Seit dieser unglaublichen Nacht vor einigen Wochen konnte er seine Finger kaum von ihr lassen. Ob sie jemals begreifen würde, was ihre bloße Berührung mit ihm anstellte?

Statt die Frage zu beenden, die sie begonnen hatte, zog Marian ihn einfach nur an seinem Tag zu sich heran, schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn. Anfangs unsicher, doch als sie merkte, dass selbst das letzte bisschen Widerstand in ihm wich, vertiefte sie den Kuss voller Leidenschaft.

„Nimm mich, Robin!“, flüsterte sie atemlos gegen seinen Mund. „Jetzt!“

Alarmiert löste Robin sich von ihr und blickte sie mit einem erstaunten Ausdruck im Gesicht an, unsicher, ob er sie richtig verstanden hatte – und falls ja, ob sie wirklich meinte, was sie da sagte. Er jedenfalls würde nicht viel länger fähig sein, ihr zu widerstehen, auch wenn er wusste, dass es besser für sie beide war, wenn er es tat.

Verunsichert öffnete sie die Augen, als er sich so unerwartet von ihr zurückzog. Trotz allem, was in den vergangenen Wochen zwischen ihnen passiert war, konnte er noch immer den nervösen Ausdruck in ihren Augen erkennen, besorgt darüber, wo sie standen. Als ob sie etwas gesagt oder getan hatte, dass für eine Lady ihres Standes unangemessen war, als ob sie fürchtete, dieser gewagte Vorstoß mit ihm schlafen zu wollen, könne ihn abstoßen. Dabei musste sie inzwischen doch wissen, dass nichts was sie sagte oder tat ihn je würde abstoßen können.

Endlich schien sie den Ausdruck in seinem Gesicht richtig zu deuten, denn sie entspannte sich sichtlich und lächelte zu ihm auf, ihre Liebe für ihn sichtbar in ihren Augen.

Als seine Lippen die ihren trafen, schlug sein Herz so schnell und heftig, dass er sicher war, sie müsse es ebenfalls spüren können, als sein Oberkörper auf dem ihren lag. Seine leicht zitternden Finger glitten zögerlich unter ihre Weste und verharrten dort einen Moment. Er spürte die verunstaltete, runzlige Haut, dort, wo Gisbornes Dolch sie ihm beinahe genommen hatte. Jedes Mal, wenn er diese Narbe sah, jedes Mal wenn er sie berührte, wurde er daran erinnert, wie nahe er dran gewesen war, sie für immer zu verlieren. Aber auch daran, wie intensiv und natürlich, stark und instinktiv der Wunsch in ihm brannte, sie zu beschützen.

Langsam ließ Marian ihre Hand von seiner Schulter hinunter auf seine Brust gleiten und wob ihre Finger in den Bändern seines Hemdes. „Zieh das aus.“, forderte sie flüsternd und für einen Moment huschte ein freches Grinsen über sein Gesicht.

Ohne weiteres Zögern richtete er sich auf und tat, was sie verlangte, warf das Hemd achtlos auf den Teppich aus gold-braunem Laub und beugte sich wieder über sie. Ein wohliger Schauer durchfuhr ihn, als ihre Hand sich unter sein Unterhemd arbeitete und langsam an seinem Rückgrat hinauf glitt.

Robin verdrehte die Augen und stieß einen wohligen Seufzer aus.

Oh, sie wusste genau, wie sie ihn vor lauter Verlangen den Verstand verlieren lassen konnte.

Mit einem leisen Stöhnen barg er sein Gesicht an ihrem Haar, atmete den blumigen Duft von Rosenblüten ein und küsste zärtlich ihre Halsbeuge, während sein Körper vor freudiger Erwartung zu zittern begann.

Oh Gott, wie um Himmels Willen sollte er je...

„Robin? ROBIN!“ Die Stimme kam aus Richtung des Camps.

Erschrocken fuhren die beiden auseinander und sahen sich mit verwirrten Gesichtern an.

„Das ist Will!“ Robin kannte den Tonfall seines Kameraden gut genug um zu wissen, dass sie keine Zeit verlieren durften, ganz egal wie berauschend der Moment hier mit ihr auch war. „Komm!“ Schnell hob er sein Hemd vom Boden auf und zog Marian auf die Füße, ehe sie Hand in Hand zurück zum Camp liefen, ihre Finger noch immer miteinander verflochten.



„Will?“ Robins Stimme klang erregt, als er den jungen Zimmermann in der Mitte des Camps stehen sah, umringt von seinen Kameraden, die Hände auf die Knie gestützt und mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht schnell und ungleichmäßig nach Luft japsend.

„Gisborne“, keuchte er. „Er kommt!“

„Was meinst du mit ‚er kommt’?“, wollte Much wissen und sah sich in der Runde um.

„Das Camp... er weiß... wo es ist!“

„Argh!“ Wütend ließ Robin Marians Hand los und lief im Camp auf und ab, längst mit der Entwicklung eines Planes beschäftigt.

Wie hatte Gisborne nur von dem Camp erfahren? – Doch die Antwort konnte er sich längst denken.

„Allan!“ sprach Much aus, was alle dachten. Alle außer Marian.

„Nein. Ich kann das einfach nicht glauben! Allan würde Guy nie verraten, wo das Camp ist“, verteidigte sie den ehemaligen Outlaw. „Er weiß ganz genau was passiert, wenn er Robin noch einmal verrät.“

„Und er weiß auch was passieren wird, wenn er Gisborne verrät-“, erwiderte Robin. Er hasste die Art, wie seine Stimme unkontrolliert in die Höhe schnellte, wann immer sie Gisborne ‚Guy’ nannte und diesen hohen Tonfall erzeugte, der seine Eifersucht verriet, die der Name dieses Mannes in ihm weckte.

„Er kommt mit Männern...“, keuchte Will atemlos. „Jede Menge... Und Hunde...“

„Ahhh, nicht schon wieder diese Hunde!“, beschwerte Much sich und runzelte die Nase voller Abscheu. „Ich hasse Hunde!“

„Die Hunde, Much, sind im Moment nicht unsere größte Sorge“, entgegnete Robin ernst, die Stirn in Falten gelegt, und begann, an der Seite seines Zeigefingers herum zu knabbern ¬– wie immer, wenn er einen Plan ausarbeitete... oder einen Halbplan. „In Ordnung, Jungs. Ich denke es ist Zeit zu verschwinden“, trieb er seine Männer an und zog sein Kapuzenhemd wieder über, das er seit dem kurzen Intermezzo mit Marian in der Hand hielt. „Wenn Allan Gisborne von dem Camp erzählt hat, dann ist hier nichts mehr sicher. Nehmt, was ihr dringend braucht und lasst den Rest zurück.“ Er ging zu seiner Schlafkoje und schob den Stein zur Seite, der eine Spalte in der felsigen Rückwand seiner Koje verschloss. Schnell zog er eine hölzerne Kiste hervor und nahm die darin liegende Pergamentrolle heraus, stopfte sie in den Bund seiner Hose und zog sein Hemd darüber. Dann schnallte er sich seinen Waffengürtel um, griff nach seinem Bogen und Köcher und nahm so viele Pfeile, wie er finden konnte, ehe er sich wieder seinen Freunden zuwandte.

„Wir werden uns tiefer in den Wald schlagen, Richtung Fluss. Wir können die Hunde nur loswerden, wenn sie unsere Fährte im Wasser verlieren.“ Er wandte sich zu Marian um. „Und DU wirst zurück nach Nottingham reiten.“

„Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass ich dich jetzt verlassen werde,“ antwortete sie fest entschlossen und zog ihre Maske an.

„Marian!“

„Nein, Robin!“, unterbrach sie ihn rigoros. „Ich werde NICHT weglaufen, während ihr euch Guy und seinem Männern stellen müsst. Und du musst zugeben, dass ihr einen weiteren Mitstreiter sehr gut gebrauchen könnt. Eher würde ich an deiner Seite sterben, als dich noch einmal im Stich zu lassen. Nicht jetzt. Ich werde mit dir kommen.“

Argh!

Robin fluchte innerlich. Warum musste sie nur so verdammt stur sein? Er hatte keine Zeit, sich mit ihr zu streiten. Also griff er nach ihrem Handgelenk – gröber, als er es vorgehabt hatte – und zog sie hinaus aus dem Camp, weit genug weg, um außer Hörweite der anderen zu sein.

„Marian, hör mir zu. Bitte sei jetzt nicht stur, okay? Nur dieses eine Mal. Du musst hier verschwinden, verstehst du? Wenn du mit Allan Recht hast – und das hoffe ich wirklich – dann weiß Gisborne nichts von uns beiden. Und es ist von größter Wichtigkeit, dass es so bleibt, oder dein Leben...“ Er zögerte, als ein plötzliches Gefühl der Übelkeit ihn bei dem Gedanken an das was passieren könnte zu überwältigen drohte. Er atmete tief durch und konzentrierte sich auf das, was er zu sagen hatte. „...oder dein Leben wird nie mehr sicher sein!“, beendete er den Satz und seine Stimme drohte zu versagen. „Wenn du jetzt gehst, hast du eine gute Chance, den Wald ungesehen zu verlassen.“

„Nein!“

„Marian, bitte!“

„Robin, wir werden das zusammen durchstehen.“, erwiderte sie bockig, blickte ihm fest in die Augen und nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände. „Und wenn wir sterben, dann sei’s drum. Aber wenigstens sterben wir dann zusammen. Würdest du mich verlassen, wenn die Lage andersherum wäre?“ Ihr Blick durchbohrte ihn regelrecht als sie auf seine Antwort wartete. „Sag es mir, Robin. Würdest du?“

„Das ist nicht fair!“ protestierte er hilflos und sah sie flehend an.

„Fair oder nicht. Was würdest du tun?“

„Na schön. Dann ja!“, sagte er barsch. „Ja, ich würde dich zurücklassen.“

Verblüfft wich sie zurück. „Du würdest mich zurücklassen?“ fragte sie, erstaunt über seine unerwartete Antwort, und ihre Augen waren zu schmalen  Schlitzen zusammengezogen, als sie ihn prüfend ansah.

„Nun...“ Robin wand sich unbehaglich unter ihrem strengen Blick.

Argh! Warum war es nur so schwierig, sie anzulügen? „Ja, würde ich!“, wiederholte er und merkte, wie fremd und unaufrichtig seine Stimme klang, als er die Worte sprach, die er nicht meinte. Wenn sie doch nur gehen würde! „Wenn es der einzige Weg wäre zu überleben, dann würde ich dich zurücklassen. Das ist nicht romantisch, ich weiß, aber wenigstens ist es auch nicht dumm.“

„Aber ist es nicht besser, zusammen zu sterben, als alleine weiterzuleben?“ Sie nahm seine Hand und zog ihn mit in Richtung Camp.

„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“ schrie er sie verärgert an, hielt inne und entzog sich ihrem Griff. „ICH WÜRDE DICH VERLASSEN!“

„Das sagtest du.“, entgegnete sie ruhig. „Aber du bist ein lausiger Lügner, Robin of Locksley.“

Er starrte sie entgeistert an, sein Gesicht noch immer verärgert, doch sein Herz quoll über vor Liebe für diese Frau, die sich so eigensinnig weigerte, im Angesicht der drohenden Gefahr von seiner Seite zu weichen – nicht einmal, um ihre eigene Haut zu retten.

Ohne Vorwarnung zog er sie in seine Arme und presste in einer Mischung aus Liebe und Verzweiflung einen Kuss auf ihre Stirn. Er hielt sie fest an sich gedrückt, während sein Herz wie verrückt in seiner Brust schlug; ängstlich, aber auch voller Hoffnung.

Dies war genau der Grund, warum sie einfach überleben musste; weil sie sein Leben erst lebenswert machte; weil sie in dieser Welt des Terrors seine einzige Hoffnung war; weil sie ihn daran glauben ließ, dass – egal wie wild und verrückt und verpfuscht sein Leben war – sie gemeinsam einen Weg finden würden. Aber das würden sie nur, wenn SIE überlebte. Er MUSSTE sie einfach beschützen. Ein Gefühl, das so selbstverständlich war wie atmen, aber gleichzeitig so aussichtslos, denn ironischerweise machte SIE es unmöglich; jedes Mal, wenn sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzte.

„Marian“, begann er erneut, dieses Mal merklich ruhiger und mit einem ungewöhnlich flehenden Ton in der Stimme. „Nur dieses eine Mal, tu’ was ich dir sage. Bitte geh!“

„Warum?“, fragte sie, enttäuscht und verletzt. „Weil ich eine Frau bin?“

„Nein!“, antwortete er sanft, liebkoste ihre Wange mit seinem Daumen und sah sie entschlossen an. „Weil du MEINE Frau bist. Dich an meiner Seite zu haben, würde mich ablenken, Marian. Ich würde mich um dich sorgen, um deine Sicherheit und dein Wohlergehen.“ Er atmete tief durch und sah ihr in ihre großen blauen Augen. „Wir kommen da schon durch, mein Liebling. Wir werden Gisborne und seine Hunde abschütteln und einen neuen Platz für unser Camp finden. Aber ich kann das einfach nicht, wenn meine Gedanken ständig bei dir sind, verstehst du das nicht? Ich muss an meine Jungs denken. Sie verlassen sich auf mich, auf meine Fähigkeit, die richtige Entscheidung zu treffen. Und genau das kann ich nicht garantieren wenn dir etwas zustoßen würde.“

Marian zögerte für einen Moment. Doch dann nickte sie in stummem Einverständnis und ihre Augen füllten sich unter ihre Maske mit Tränen. Sie beugte sich zu ihm hinüber und presste ihre Lippen auf die seinen, küsste ihn verzweifelt, als sei es das letzte Mal. Dann legte sie ihre Stirn an seine und für einen kurzen, wertvollen Augenblick verharrten sie so, die Augen geschlossen und genossen den Moment ein letztes Mal, ehe ihre zierliche Hand über seine Wange strich.

„Sei vorsichtig!“, flüsterte sie und lächelte ihn schmerzerfüllt an.

„Du auch!“

Sie riss sich von ihm los und rannte zu ihrem Pferd, das noch immer beim Baum auf sie wartete.

Er blickte ihr nach, wie sie in Richtung Nottingham davon ritt, den Pfad meidend, um Gisborne nicht in die Arme zu laufen. Erst, als er sie zwischen den Bäumen und Sträuchern nicht mehr sehen konnte, wandte er sich um und lief zurück zu seinen Jungs, die schon ungeduldig auf ihn warteten.



Anders als sonst, wo sie sich auf ihrer Flucht in Pärchen aufteilten, bestand Robin darauf, dass sie dieses Mal zusammen blieben. Wenn es sich bei ihren Verfolgern einfach nur um Hunde und ihre Führer gehandelt hätte, wäre es sicher von Vorteil gewesen, sich zu teilen und die Hunde zu verwirren. Doch Gisbornes Männer waren das Problem. Selbst wenn die Gang zusammen blieb, würden sie gegen Gisbornes Armee kaum eine Chance haben. Ihre Schlagkraft weiter zu dezimieren, wäre also ein tödlicher Fehler. Alleine wäre jeder einzelne von ihnen so gut wie tot, wenn die Soldaten sie in die Finger bekämen.

Das Bellen der Hunde war leiser geworden, seit sie den Fluss überquert hatten; ein Zeichen, dass zumindest dieser Teil von Robins Plan aufzugehen schien. Aber inzwischen waren die Outlaws am Ende ihrer Kräfte. Sie liefen nun schon seit einer ganzen Weile durch den Wald, hatten Hügel erklommen, nur um sie auf der anderen Seite wieder hinunter zu stolpern. Ihre Lungen brannten, die Muskeln schmerzten, und sie japsten nach Luft.

„Wir schaffen es... einfach nicht... sie abzuschütteln... Master.“, keuchte Much hektisch und warf einen Blick über seine Schulter, wo er die Hufe der näherkommenden Pferde hörte, während er sich bemühte, den anderen zu folgen. Doch ohne seine Augen auf den unebenen Waldboden zu richten, stolperte er über eine Wurzel und schlug unsanft auf dem Waldboden auf. „Autsch!“

Robin blieb stehen und sah sich nach ihm um. „Komm schon, Much!“, rief der Anführer seinem Freund zu. Doch als er sah, dass Much nicht wieder vom Boden aufstand, lief er zu ihm hinüber. „Bist du verletzt?“

„Nein, geht schon.“, antwortete Much und hielt sich seinen Knöchel fest, während er über den Boden rollte. „Lauft weiter, Master. Nun geht schon.“

„Much, du weißt ganz genau, dass ich dich  hier nicht zurücklassen werde.“, erwiderte Robin und zog seinen Freund wieder auf die Beine.

„Ich werde euch nur aufhalten.“, protestierte Much und verzog das Gesicht vor Schmerz.

„Much!“ mahnte Robin mit eindringlicher Stimme und beschwörendem Blick, als er die Schultern seines Freundes ergriff. „Ich werde dich hier NICHT  zurücklassen. Verstanden? Also komm jetzt, wenn du nicht willst, dass ich dich trage.“

Much nickte und humpelte – von Robin gestützt – so schnell er konnte hinter den anderen her.



Robin und Much hatten die Kuppe des Hügels beinahe erreicht, als sie sahen, wie John, Djaq und Will plötzlich erstarrten und auf etwas auf der anderen Seite der Kuppe blickten. Doch erst, als er und Much ebenfalls oben angekommen waren, sah er, was seine Männer hatte erstarren lassen; direkt vor ihnen wartete ein Dutzend berittener Soldaten, die in ihren gelb-schwarz gestreiften Uniformen aussahen wie übergroße Hornissen zu Pferd. Und mittendrin saß ein großgewachsener Mann in schwarzem Leder, dessen Gesicht ein selbstgefälliges, heimtückisches Lächeln zierte.

„Gisborne!“, ächzte Robin.

„Hab dich, Hood!“, grollte die tiefe, bedrohliche Stimme, während Gisbornes Lippen sich zu einem breiten Grinsen verzogen.

Robin sah zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, nur um ein weiteres Dutzend Hornissen vorzufinden, die ihnen den Rückweg abschnitten. Sie saßen in der Falle. Und es schien geradezu unmöglich, lebend aus dieser Sache heraus zu kommen.

Mit einem niedergeschlagenen Seufzer sah Robin zu Boden und schloss die Augen. „Es tut mir leid, Freunde!“, hauchte er mit Bedauern in der Stimme und hob den Kopf wieder an. Seine Kameraden starrten ihn ungläubig an.

Robin wollte einfach so aufgeben?

Doch dann sahen sie den entschlossenen Ausdruck im Gesicht ihres Anführers als seine Hand zu seinem Schwert griff. „Ich schätze, heute ist ein guter Tag zum Sterben!“ Er zog seinen Scimitar aus der Scheide und in stummen Einverständnis taten seine Männer es ihm gleich, zogen ihre Waffen und stellten sich furchtlos der Übermacht, die ihnen gegenüber stand.

Für einen kurzen Moment war es totenstill als Soldaten und Outlaws sich anstarrten. Beide Seiten wussten, dass dieser Kampf nicht leicht werden würde. Er würde Leben kosten.

Dann gab Gisborne das Signal zum Angriff. Der Kampf begann.



Es war einer dieser Kämpfe, in dem die Outlaws mit dem Rücken zur Wand ums bloße Überleben kämpften. Und doch war es einer dieser Kämpfe, der Robin stolz auf seine Waffenbrüder machte. Beherzt und mutig stellten sie sich dem überlegenen Gegner, zahlenmäßig unterlegen entgegen und waren noch lange nicht in die Knie gezwungen. Dies war ihr Revier. Sie waren die Herren über Sherwood und sie wussten, wie sie das Terrain zu ihrem Vorteil nutzen konnten. In der Gewissheit nichts mehr  verlieren zu können, schien ihre Kraft ins schier unermessliche zu wachsen und überraschte sie alle.

Ganz egal, wie dieser Kampf heute ausgehen würde, Robin wusste, dass jeder einzelne von ihnen sein Bestes gegeben hatte, um einander zu verteidigen. Am Ende würden sie es Gisbornes Männern wenigstens nicht leicht gemacht haben.

Robin kämpfte Rücken an Rücken mit Much, wie schon so oft im Heiligen Land. Er wusste, dass Much mit seinem verletzten Knöchel das schwächste Glied der Kette war, auch wenn er unter normalen Umständen ein ausgezeichneter und erfahrener Kämpfer war. Er musste ihm den Rücken freihalten, so wie Much ihm in Akkon schon so oft den Rücken freigehalten hatte. Sie bewegten sich kaum von der Stelle, um Muchs Knöchel möglichst wenig zu belasten, doch die Gegner kamen von allen Seiten. Robins leichter Scimitar war gegen die schweren englischen Schwerte, die Gisbornes Männer nutzten klar im Vorteil, doch der Druck, den die Soldaten auf sie ausübten, wurde von Minute zu Minute stärker.

Der Klang von Metall auf Metall schallte durch den Wald und mischte sich mit schmerzverzerrten Schreien und lautem Stöhnen. Doch soweit Robin die Lage überblicken konnte, waren seine Männer von ernsteren Verletzungen verschont geblieben. Anders als sechs von Gisbornes Männern, die verstreut auf dem Waldboden lagen, verletzt oder bewusstlos.

Much geriet zunehmend unter Druck und Robin versuchte, die Gegner auf beiden Seiten abzuwehren; ein fataler Fehler, wie sich bald herausstellte, denn er ließ seinen Rücken einen Moment lang ungeschützt. Als er sich wieder umwandte, hatte sein Angreifer bereits das Schwert erhoben und setzte zum tödlichen Schlag an. Doch der junge Soldat schien bei dem Gedanken,  dass ausgerechnet ER es sein würde, der den legendären Robin Hood zu Fall bringen würde, einen Moment zu zögern Ein Fehler, wie sich erwies.

Der rettende Pfeil kam aus dem Nichts, traf den Soldaten in den Arm und zwang ihn, das Schwert fallen zu lassen.

Überrascht sah Robin sich um und suchte den Wald nach dem Bogenschützen ab, unsicher, woher der Pfeil so plötzlich gekommen war. Und dann sah er sie. Marian!

Mit gespanntem Bogen galoppierte sie durch den Wald, schoßss auf einen zweiten Soldaten und ritt an ihnen vorbei.

Robin spürte, wie sein Herz schneller schlug. Doch dieses Mal mischte sich die Angst mit einem eigenartigen Gefühl von Stolz, welches ihn unwillkürlich schmunzeln ließ, überrascht über sich selbst.

Sie war verrückt. Sie handelte gedankenlos und unvernünftig. Sie war...

Er stieß ein kurzes Lachen aus.

Gott, sie war einfach wundervoll! Er wünschte noch immer, sie hätte auf ihn gehört und wäre nach Nottingham zurück geritten, statt sich in diesen schier aussichtslosen Kampf zu stürzen. Doch er konnte einfach nicht anders, als sie für ihren Mut und verdammt noch mal auch ihre Verwegenheit zu bewundern.

Das dort... das war SEIN Mädchen!

„Der Nightwatchman!“, bellte Gisborne wütend und sein Blick folgte der davon reitenden Gestalt. „Ihr da!“, fügte er hinzu und deutete auf eine Gruppe von Soldaten. „Folgt ihm!“

Die vier Männer bestiegen ihre Pferde und folgten dem Nightwatchman tiefer in den Wald.

Ohne diese vier und die zehn Soldaten, welche die Outlaws und Marian bereits ausgeschaltet hatten, blieben den Outlaws noch weitere zehn, die es zu besiegen galt; zehn Soldaten gegen fünf Outlaws. Doch nun, da Marian sich in den Kampf eingemischt hatte, war genau das passiert, was er hatte verhindern wollen: er konnte nur noch an sie denken, wie sie vier Männer vom Kampfplatz fortgelockt hatte und sich damit selber in große Gefahr gebracht hatte. Sie würde unmöglich alleine mit den Soldaten fertig werden.

„Argh! Genau das sollte nicht passieren.“, knurrte er, wütend auf sich selber, da er sich nicht länger auf den Kampf und die Sicherheit seiner Männer konzentrieren konnte. „Much...!“, rief er zu seinem Freund hinüber, der noch immer direkt hinter ihm kämpfte.

„Ich komme schon zurecht, Master.“, antwortete der, genau wissend, was Robin von ihm wollte. „Geht schon und helft ih... ihm.“

„Bist du sicher?“, rief Robin zurück.

„Ja!“, bestätigte Much und schlug einen Soldaten nieder, ganz so, als ob er seiner Aussage noch einmal Nachdruck verleihen wollte.

Robin nickte und kämpfte sich seinen Weg durch Gisbornes Männer zu einem der herumstehenden Pferde, zog sich hinauf in den Sattel und drückte dem Tier die Hacken in die Flanken.



Das laute ‚Kling’ von Metall und ein Stöhnen aus der Ferne wiesen Robin den Weg zum Ort des Geschehens. Er galoppierte an einem der Soldaten vorbei, der bewusstlos auf dem Boden lag. Die anderen drei attackierten Marian auf der naheliegenden Lichtung und setzten sie massiv unter Druck.

Ohne die Geschwindigkeit herauszunehmen, ließ Robin die Zügel los, nahm seinen Bogen von der Schulter und schoss zwei Pfeile schnell hintereinander ab. Der erste Pfeil traf die Schulter des einen Soldaten, der zweite den Arm des Anderen. Doch den dritten Pfeil im vollen Galopp abzufeuern war zu riskant, selbst für einen Schützen wie ihn. Der Soldat stand zu nah bei Marian; er würde mit dem Schuss ihr Leben aufs Spiel setzen und das konnte er nicht riskieren.

Er biss die Zähne zusammen und senkte den Bogen, während er verfolgte, wie sie den Soldaten abwehrte. Zu spät merkte er daher, dass auch er verfolgt wurde und bevor er wusste wie ihm geschah, stieß einer von Gisbornes Männern ihn vom Pferd und er landete unsanft auf dem Boden. Als er aufsah, erblickte er Gisborne und zwei seiner Männer  über ihm zu Pferd und er sprang auf und zog seinen Scimitar.

„Kümmert euch um Hood!“, brüllte Gisborne an seine Männer gewandt, ohne die Augen von Robin abzuwenden. „Ich werde mich um den Nightwatchman kümmern.“ Seine Oberlippe rollte sich zu einem hämischen Lächeln und Robin erkannte einen kleinen, gebogenen Dolch in der Hand des Mannes in Leder.

Robins Herz setzte beim Anblick eben der Waffe, die sie einst beinahe getötet hätte für einen Moment aus . „Gisborne!“, versuchte er, den Adjutanten des Sheriffs von seinem Plan abzulenken. Doch Gisborne kümmerte sich nicht um ihn, sondern gab seinem pechschwarzen Hengst die Sporen und steuerte auf Marian zu, die noch immer in einen Kampf verwickelt war.

Die beiden Soldaten, die bei Robin geblieben waren, stiegen von ihren Pferden und kamen auf Robin zu, der nicht lange auf den ersten Schwerthieb warten mußte. Er konnte den Luftzug spüren, als die Klinge nur Zentimeter über seinen Kopf hinweg sauste, als er sich gerade noch rechzeitig duckte. Er parierte einige Schläge und versuchte gleichzeitig, Marian irgendwie im Auge zu behalten, die sich ihrerseits bemühte, ihre Angreifer auf Distanz zu halten. Sie war so abgelenkt von dem Kampf, dass sie Gisborne überhaupt nicht bemerkte, der schnell auf sie zuritt.

„Ma–Nightwatchman, paß auf!“ schrie Robin voller Panik, und Marian, die sich gerade erst ihres letzten verbleibenden Gegners entledigt hatte, schnellte herum, überrascht seine Stimme zu hören. Gerade rechtzeitig, um Gisbornes tödlichem Hieb auszuweichen. Sie schlug einen Purzelbaum, kam sogleich wieder auf die Beine und lief auf Robin zu, wissend, dass sie eine bessere Chance haben würden, wenn sie Seite an Seite kämpften.

Die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen blickte Robin von ihr zu Gisborne, der sein Pferd gewendet hatte und nun auf dem Weg zurück zu ihr war. Doch Robins Gegner hielten ihn davon ab, ihr zur Hilfe zu eilen. Er konnte nicht zulassen, dass Gisborne noch einmal diesen Dolch in ihre Seite rammte.

Für einen kurzen Moment sahen sie einander in die Augen... ehe ihr Blick von ihm fort auf einen Punkt hinter ihm wanderte. Und obwohl sie eine Maske trug, sah er, wie ihre Augen sich vor Schreck weiteten.

„Robiiiin!“

Er fühlte, wie sich das Schwert durch seine Seite schlitzte. Die Wucht, mit der die Klinge ihn traf, warf ihn zu Boden. Doch er konnte nur noch an sie denken: Marian. Er konnte sehen, wie der Ausdruck auf Gisbornes Gesicht sich verfinsterte, als Marian seinen Namen rief und damit ihre Identität unwiderruflich preisgab.

Ein überwältigendes Gefühl von Angst und Panik erfüllte Robin bei dem Gedanken, dass Marians Leben nun nicht mehr sicher sein würde, egal wie dieser Kampf enden mochte. Und ER würde nicht mehr fähig sein, sie zu beschützen.

Der Griff eines Schwertes schlug hart auf seinem Hinterkopf auf, und mit einem Mal schien die Welt um ihn herum zu verschwimmen, ehe es schwarz vor seinen Augen wurde.




Fortsetzung folgt...
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