[Projekt: Masken] Maskierter Tanz

KurzgeschichteAbenteuer, Humor / P12
12.08.2015
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Hallo zusammen,

dieser OS war bis vor kurzem Teil meines Projektes "Masken". Da ich mich dazu entschieden habe, die Kurzgeschichten neu hochzuladen und einzeln zu veröffentlichen, findet ihr sie jetzt hier. Die Sammlung habe ich gelöscht.

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Aufruf starten: Wenn euch irgendetwas einfällt, was man zum Thema "Masken" schreiben kann - oder es etwas gibt, was ihr zu dem Thema gerne lesen würdet, sei es adaptiert aus Büchern, Filmen oder der eigenen Fantasie entsprungen - könnt ihr mir das gerne mitteilen. Ich sammel Ideen, die ich umsetzen kann.
Vielleicht fällt euch ja etwas ein.

Gewünscht hat sich diesen OS Theresa Potter, deswegen ist er auch ihr gewidmet. Vielen Dank für deine Freundschaft und die langen Gespräche, die wir über wirklich alles führen können.

Disclaimer: Den Charakter habe ich mir von DreamWorks ausgeliehen, die Handlung entsprang meiner Fantasie und ist daher mein geistiges Eigentum.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!


Maskierter Tanz
~Der gestiefelte Kater~


Kommt näher, Kinder. Kommt, setzt euch zu mir ans Feuer. Die Novembernächte sind schon sehr kalt, und ihr sollt nicht frieren. Ihr habt mich gebeten, euch eine Geschichte zu erzählen, und dem komme ich gerne nach. Ihr wisst, ich habe in meinem Leben schon viele Abenteuer erlebt, und mehr als einmal bin ich nur knapp dem Tod entwischt.
Aber zu einer solchen Gesichte haben eure Eltern euch heute Abend nicht hierher gebracht. Ich will euch nicht zusätzlich zum schlechten Wetter mit Begegnungen meiner zalhreichen Antagonisten ängstigen; dazu seid ihr auch noch zu jung. In ein paar Jahren vielleicht...

Aber bevor ich beginne – Kleiner, lauf und hol mir ein Schüsselchen Milch. Ich habe Durst, und mit einem warmen Getränk vor der Schnauze kommen die Erinnerungen schneller und lebendiger zurück.
Hmm, es gibt nichts Schöneres als eine Schüssel warmer, frischer Milch, einem gemütlichen Sessel am Kaminfeuer und einem so aufmerksamen und lebendigem Publikum, wie ihr es seid! Katzenkinder sind ohne Frage die besten Zuhörer, die ich mir wünschen kann. Rückt noch ein Stück näher, damit ihr auch alles hört...
Nun, meine kleinen Fellknäuel, was wollt ihr hören? Welches Abenteuer meinerseits lässt eure Herzen höher schlagen? Soll Gold darin vorkommen? Drachen oder andere schreckliche Kreaturen? List, Heldenmut, Tapferkeit?

Masken? Ah, ihr wart heute auf dem Marktplatz, nicht wahr? Ja, ich habe die Gaukler auch gesehen. Eine bunte und lustige Truppe. Ihr wollt also, dass ich euch eine Geschichte mit Masken erzähle. Lasst mich kurz überlegen, meine Kinder... Ich glaube, es gab einmal einen Vorfall – ja, jetzt weiß ich es wieder. Also, macht es euch bequem – möchtet ihr auch ein Schüsselchen warme Milch? - und lauscht meiner einzigen Niederlage...

Denn ja, das war das einzige Mal, dass ich, der gestiefelte Kater, gefürchtet von allen Schurken und geliebt von allen Frauen, der Casanova unter den Katzen, eine Niederlage erlebt habe.

Wo meine Geschichte spielt, möchtest du wissen? Natürlich in der Stadt, in der das Tragen von Masken keine Besonderheit darstellt: Venedig.

Ihr seid zu jung, um schon einmal in der Stadt des Wassers gewesen zu sein, aber vielleicht bekommt ihr in eurem Leben ja einmal die Gelegenheit, nach Italien zu reisen und euch die schimmernden Kanäle, engen Gassen und weiten, wunderschönen Plätze anzusehen. Ein wahres Paradies für Katzen – wenn das ganze Wasser nicht wäre...

Ich war also in Venedig, wanderte abends im Schein der untergehenden Sonne umher und erfreute mich an dem Treiben um mich herum, als ich an einer Hauswand ein farbenfrohes Plakat erblickte, das sofort meine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Große verschlungene, verspielt wirkende Buchstaben kündigten ein Fest der Masken für die bevorstehende Nacht an. Natürlich war für mich auf der Stelle klar, dass ich mir das unter keinen Umständen entgehen lassen durfte.
An eine Maske kam ich sehr schnell, sie wurden in vielen Geschäften angeboten. Passend zu meinem gelb-rötlichem Fell und den hellgrünen Augen suchte ich eine schwarze Halbmaske mit silbernen Verzierungen aus, die sich wie dünne Äste einer jungen Weide um die Augenpartie rankten. Dazu kleidete ich mich in ein schwarzes langes Cape, das eine weite Kapuze besaß und hervorragend zu meinen schwarzen Stiefeln passte.

Den Palazzo, in dem die Feierlichkeiten stattfanden, musste ich am nächsten Abend nicht lange suchen. Aus allen Richtungen strömten Menschen und Katzen auf ein weitläufiges, halboffenes dreistöckiges Gebäude zu, das, am Rand eines Kanals gelegen, nach Osten und Süden von diesem begrenzt wurde. Alle Fenster und Türen waren weit geöffnet, warmes Licht fiel auf den Kanal und die Straßen, und von überall drangen Lachen und laute, fröhliche Stimmen an mein Ohr.
Ein solches Fest würde euch gewiss gefallen, meine kleinen Fellknäuel. Musiker spielten auf, und überall wurde geredet, gespeist – das Essen, ah, ein wahrer Gaumenschmaus! - und getanzt. Ich amüsierte mich köstlich. Aber am Außergewöhnlichsten waren die Masken. Es gab sie in allen Farben und Formen: Menschen und Katzen gleichermaßen trugen sie, und alle schienen ein wenig damit zu spielen, von niemandem erkannt zu werden.

Natürlich war ich neugierig auf den Gastgeber, der dieses Fest veranstaltete. Zu meinem Erstaunen war dieser jedoch nirgends zu sehen, und ich bekam erst nach einigen Stunden intensiven Fragens heraus, was es damit auf sich hatte. Den Informationen zufolge, die mir ein älterer Kater an der Mäusebar gab – ein Paradies, Kinder! Eigentlich war es keine Bar, sonder ein abgetrennter Raum von den übrigen Feierlichkeiten, in denen wir Katzen unseren Snack selbst fangen mussten! Was für ein Spaß! -, ließ sich die Katzendame, der der Palazzo gehörte und die in regelmäßigen Abständen Feste, Basare und Wohltätigkeitsveranstaltungen für Asylheime gab, selbst niemals sehen. Butler, kastrierte Kater in Frack (die Ärmsten würden niemals in den Genuss kommen, mit einer schönen Mieze... Oh, ja... Dafür seid ihr wirklich noch zu jung...) repräsentierten ihn, waren jedoch, was Auskünfte anging, ziemlich wortkarg. Insgesamt war mir recht bald klar, dass diesen Gastgeber ein Geheimnis umgab.
Und was wäre ich, der gestiefelte Kater, für ein Vertreter meiner Gattung, wenn mich nicht augenblicklich der Ehrgeiz gepackt hätte, die Identität der fremden Katze zu enthüllen? (Ich nahm an, dass es eine Katze sein musste: Die schmuckvolle Einrichtung des Palazzo, die Mäusebar, nicht zu vergessen die armen Butler, sprachen eindeutig dafür.) Also passte ich einen günstigen Augenblick ab und verschwand über eine breite, leicht geschwungene Treppe in das zweite Obergeschoß.

Wieso in das Zweite? Ah, ich vergaß, dass ihr noch nie in Venedig wart. Ihr kennt die besondere Architektur nicht... Lasst es mich schnell erklären. Jedes Jahr wird die Stadt mehrmals von einer Flut heimgesucht. Die unmittelbare Nähe zum Meer und die offenen Kanäle machten es also notwendig, die Häuser entlang der Wasserstraßen auf Stelzen zu errichten. Stellt euch vor, man erreicht jedes Haus von zwei Seiten, vom Land- und vom Wasserweg! Ihr rümpt eure Stupsnasen, zu recht: Wasser war noch nie ein Freund von uns Katzen, nicht wahr? Nun, die Menschen benutzen lange, schmal gezogene Boote, so genannte Gondeln, um von einem Haus zum anderen zu gelangen. Deswegen hat jedes Haus auch einen eigenen kleinen Anlegesteg...
Aber ja, die Stockwerke. Wie gesagt, wenn die Flut kam, war es nicht selten, dass das Wasser so hoch stieg, dass die Erdgeschosse überflutet wurden. Aus diesem Grund spielt sich das Leben in einem venezianischen Haus erst ab dem ersten Stock ab: Im Erdgeschoß befindet sich lediglich eine große, leere Eingangshalle mit Verbindungen nach oben, die im Fall einer Flut wasserdicht verschlossen werden können, damit das Wasser nicht die Einrichtung der oberen Räume zerstört.

Während das Maskenfest sich nun im ersten Stock des Palazzo abspielte, schlich ich mich in den zweiten, um, wie ihr wisst, nach dem Gastgeber zu suchen. Ich sage schlich, denn ich war mir sicher, dass die Butler mich nicht nach oben gelassen hätten. Dazu behielten sie sämtliche Aufgänge zu gut im Auge. Doch was für jeden anderen nun unmöglich schien, war für den gestiefelten Kater ein Kinderspiel.

Der zweite Stock war, ungleich den Räumlichkeiten unter mir, in mehrere Räume unterteilt, die alle durch einen breiten Flur mit heller Tapete verbunden waren. Nachdem ich an allen Türen gelauscht hatte, war ich mir ziemlich sicher, den Aufenthaltsort des Gastgebers herausgefunden zu haben. Wie ich in das Zimmer gekommen bin? Durch die Tür, mein Kleiner; auch als Casanova sollte man ab und zu den konventionellen Weg nehmen.
Die Einrichtung bestätigte mich darin, dass der Gastgeber eine Persönlichkeit meiner Gattung sein musste: Über den weichen Teppichboden verteilt lagen Kissen verschiedener Größe, auf einem Beistelltisch nahe der hohen Fenster, von denen man auf das offene Meer sah, stand eine große Schale mit Milch, und auch diverse andere Dinge gerieten kurz ins Visier meiner Aufmerksamkeit. Doch ein leises Geräusch – für jedes Geschöpf außer einer Katze nicht vernehmbar – lenkte meine Augen ruckartig auf die hintere rechte Ecke des Raumes, in der die Schatten sich zu bewegen schienen. Denn, meine Kleinen, einzig der Mond schickte einige seiner silbernen Strahlen durch die Fenster hinein, und das Zimmer war in ein unterteiltes Muster aus Licht und Schatten getaucht. Aus diesen Schatten entstieg eine weiße Katze.

Ihr müsst mir glauben, meine aufmerksamen kleinen Zuhörer: Ein solch strahlend weißes Fell sieht man an einer Katze nur einmal in seinem Leben. Denn eine Katze war es, die mir gegenüber stand; hoch gewachsen und schlank, mit funkelnden hellgrünen Augen, die mich geradewegs ansahen. Der Rest ihres Gesichts blieb mir verborgen, denn wie ihre Gäste im unteren Teil des Palazos trug sie eine Maske. Während die Wahl der meisten Besucher jedoch, wie bei mir, auf eine Halbmaske gefallen war, bedeckte der weiße Stoff bei ihr die gesamte Gesichtspartie.

Ich weiß nicht, wer von uns beiden anfing; gleich, wie oft ich mir die folgenden Minuten in mein Gedächtnis zurückrufe, bleibt mir unerklärlich, wie es dazu kam. Doch mit einem Mal bewegten sich meine Füße auf sie zu, gefangen in einem Takt der spanischen Tänze, die ihr bestimmt schon einmal gesehen habt. Ich wollte sie fassen, sie herumwirbeln, doch sie wich mir aus. Ihre Bewegungen waren anmutig, geschmeidig. Einer Königin würdig, denn so erschien sie mir.
Ich weiß nicht, wie lange wir tanzten. Immer wieder sprang ich auf sie zu, wollte sie packen und mit mir ziehen. Sie faszinierte mich; ihre Unnahbarkeit bestärkte mich darin, ihr Gesicht sehen zu wollen. Sie war eine Schönheit; wieso versteckte sie ihre Züge?

Ihr glaubt mir nicht, dass ich tanzen kann? Oh, meine Kleinen, da kennt ihr mich aber schlecht! Ich werde euch morgen auf den Marktplatz begleiten und zeigen, dass ich – für mein Alter – noch sehr gut das Tanzbein schwingen kann... Ich behaupte sogar, dass ihr von mir noch eine Menge lernen könnt...
Aber zurück... Ihr sollt auch das Ende meiner Geschichte hören.

Dass ich sie schließlich doch zu fassen bekam, war Glück. Ja, ihr hört ganz richtig: Glück. Nicht meinem Geschick oder meiner Gewandheit verdanke ich es, dass sie mit einem Mal in meinen Armen lag. Das kam so: Während unseres Tanzes war ich immer weiter in Richtung der Fenster getreten, um mein Gegenüber in eine Ecke zu drängen. Sie jedoch schien viel zu schlau, um sich fangen zu lassen, und wirbelte unentwegt um mich herum. Dabei war ihr Blick unentwegt auf mich gerichtet, sodass ich gar keine Chance hatte, sie unvorbereitet zu treffen. Aber mit einem Mal stolperte sie über eines der am Boden liegenden Kissen – und fiel direkt in meine Arme.
Nun, als Casanova, der ich nun einmal bin, wollte ich das Gesicht meiner Eroberung sehen, bevor ich sie mit meinem Charme eroberte. Während ich sie also mit meinem linken Arm hielt, griff meine rechte Pfote nach oben und zog die weiße Maske fort.

Kinder, Kinder! Das war das erste und einzige Mal in meinem Leben – das schwöre ich euch! - dass ich meine Countenance verlor. Vor Schreck ließ ich die Katzenlady fallen, die sich, äußerst elegant, wie ich zugeben muss, mit den Pfoten abstützte und wieder zu mir nach oben federte. Einen Moment, der sich zu Stunden zu dehnen schien, sahen wir uns einfach an.

Ach, meine kleinen Freunde! Ihr wollt wissen, was mich dazu gebracht hat, sie fallen zu lassen, wo ich doch selbst immer wieder von mir behaupte, ich sei ein Gentleman unter den Katzen? Ich kann dazu nur sagen, ich habe mich so sehr erschreckt, dass sie meinen Armen entglitt... Denn so schön sie auch von Gestalt und Fellfarbe war, so hell und geheimnisvoll ihre Augen auch im Mondlicht funkelten – ihr Gesicht war hässlich wie die Nacht. Nein, das nehme ich zurück: Die Nacht kann ein sehr schöner Anblick sein, wenn der Mond und Millionen Sterne ihr helles Licht auf alles werfen. Aber dieses Gesicht...

Wie ich schon sagte, meine aufmerksamen Katzenkinder, ich war vollkommen geschockt. Aus der Bahn geworfen. Paralysiert. Ich war darauf eingerichtet gewesen, eine Schönheit vorzufinden, die meinem Charme erliegen und... Nun, wie auch immer... Ich kann euch sagen, Kinder, ich war vollkommen überrumpelt.
Aus diesem Grund tat ich das einzig Richtige für mich in dieser Situation. Ich zog mir die eigene Maske vom Gesicht und bedeckte ihr Antlitz damit; dann sprang ich aus dem Fenster in die Gasse hinab und verschwand in der Nacht.

Ja, ihr lacht. Und das zu recht. Ich muss selbst schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke. Ich, der gestiefelte Kater, der Eroberer so vieler Frauen, der Held so vieler Kinder, floh vor einer wunderschönen Katze, weil mich ihr Gesicht erschreckt hat.
Das werdet ihr euren eigenen Kindern erzählen? Bitte, bitte: Lasst es alle wissen. Ich schäme mich meiner Taten nicht, bin ich doch in der Lage, auch meinen Stolz einmal herunterzuschlucken.

Aber eines gibt es, was ich euch mit auf den Weg geben möchte, Kinder. Urteilt niemals nach dem Äußeren! Die inneren Werte eines jeden Wesens sind genauso wichtig wie die Gestalt. So, und jetzt lauft rasch nach Hause. Es ist schon dunkel draußen; bleibt zusammen und säumt nicht. Wir sehen uns gewiss morgen auf dem Marktplatz.
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