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[Projekt: Masken] Der letzte Ritt

KurzgeschichteFamilie / P12 / Gen
Don Diego De La Vega
12.08.2015
12.08.2015
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Hallo zusammen,

dieser OS war bis vor kurzem Teil meines Projektes "Masken". Da ich mich dazu entschieden habe, die Kurzgeschichten neu hochzuladen und einzeln zu veröffentlichen, findet ihr sie jetzt hier. Die Sammlung habe ich gelöscht.

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Aufruf starten: Wenn euch irgendetwas einfällt, was man zum Thema "Masken" schreiben kann - oder es etwas gibt, was ihr zu dem Thema gerne lesen würdet, sei es adaptiert aus Büchern, Filmen oder der eigenen Fantasie entsprungen - könnt ihr mir das gerne mitteilen. Ich sammel Ideen, die ich umsetzen kann.
Vielleicht fällt euch ja etwas ein.

Disclaimer: Die Charaktere habe ich mir von Isabel Allende ausgeliehen, die Handlung entsprang meiner Fantasie und ist daher mein geistiges Eigentum.

Ich widme diesen OS Miyui, denn sie hat mir die Idee gegeben. Ich hoffe, er gefällt dir.

Liedtipp: "I want to spend my lifetime loving you" aus dem Soundtrack "The Mask of Zorro"



Der letzte Ritt
~Diego de la Vega~


Das Schnauben eines Pferdes durchbrach die Stille der spanischen Nacht. Hufgetrappel, das durch den weichen Sand des Rondels vor der Hacienda fast vollständig gedämpft wurde, störte den Frieden. Doch die Einzige, die von der Ankunft etwas mitbekam, war eine große Eule, die in den hoch gelegenen Ästen der riesigen Eiche saß, die in der Mitte des Rondells stand und den Platz dominierte. Der Nachtvogel drehte den Kopf und beobachtete den schwarzen Rappen, der soeben in ein hölzernes flaches Gebäude ein Stück abseits geführte wurde.

Im größten Raum des ersten Stocks war das Schlafzimmer untergebracht. Die Wände waren in einem sandfarbenen Ton gehalten, der Boden wies verschiedene Brauntöne auf, die sich zu einem verschlungenen mystischen Muster verbanden. Helle Möbel rundeten das Ambiente stilvoll ab: Ein hoher Schrank, mehrere Truhen mit runden, eisenbeschlagenen Deckeln, ein großes Doppelbett mit weißen Kissen und Laken und seidenzarten gelben Vorhängen, die halb aufgezogen zwischen den vier schlanken Pfosten an den Ecken des Bettes hingen.
Gegenüber der Tür, in Richtung Osten, befand sich ein großes Doppelfenster, das morgens die ersten Sonnenstrahlen einfing, bevor die Läden den Tag über geschlossen wurden, um die größte Hitze abzuhalten. Jetzt waren diese weit geöffnet, und ein seichter Windhauch spielte mit den weißen Vorhängen, die sich in den Raum blähten, als wollten sie das Bett erreichen.

Geräuschlos wurde die schwere Holztür geöffnet, und ein Schatten schlüpfte in den Raum. Hände in schwarzen Handschuhen ließen das Schloss leise klicken, dann wandte sich ein Kopf mit schulterlangen Haaren langsam, lauschend, von einer Seite zur anderen. Alles, was er vernahm, waren ruhige, tiefe Atemzüge.
Die schweren Stiefel machten kein Geräusch, so gezielt setzte der Schatten sie auf, als er sich dem Bett näherte. Auf der ihm näheren Seite – der linken – angekommen, hob er die rechte Hand und strich über die Vorhänge, schob sie zur Seite. Dunkle Augen fixierten die Schlafende.

Esperanza de la Vega lag auf der Seite, das Gesicht ihm zugewandt. Langes, schwarz schimmerndes Haar floss über ihre Schultern und bedeckte einen Teil ihres Gesichts. Eine Hand lag auf dem Laken, die Finger in das neben ihr liegende Kissen vergraben. Die Bettdecke war ihr bis zur Taille gerutscht und enthüllte das cremefarbene Nachthemd, das sich an Schultern und den Ansätzen ihrer Brüste um ihre Haut schmiegte.
Einige Minuten stand der Eindringling einfach nur da und sah die schlafende Frau an. Doch auf einmal, als habe ein ein fernes Geräuch vernommen, zuckte er zusammen. Seine rechte Hand, die bisher um den hölzernen runden Bettpfosten gelegen hatte, griff an den Gürtel, den er um die Hüften trug, und zog in einer fließenden Bewegung einen langen Degen hervor. Die Spitze war drohend auf Esperanza gerichtet.

Diego de la Vega betrachtete die Waffe eine Sekunde lang, dann ließ er sie sinken. Schnellen Schrittes durchmaß er sein Schlafzimmer und hob den Deckel einer der Truhen an. Sachte, um möglichst kein Geräusch zu machen, legte er Degen und Gehänge hinein und holte zwei längliche Pistolen nebst Schießpulver und einem kleinen Säckchen mit Kugeln heraus. Dann jedoch überlegte er es sich anders und band sich den Gürtel wieder um. Er würde den Degen noch brauchen. Wenn ihm die Kugeln ausgingen, war er seine letzte Verteidigungsmöglichkeit.

Als nächstes öffnete er den Schrank und nahm ein schwarzes Hemd und einen ebenfalls schwarzen Reiseumhang aus festem, robusten Stoff heraus. Der Mantel, den er trug, fiel schwer zu Boden; ein langer, feiner Riss zog sich der Länge nach hindurch. Somit war er für die spanischen Nächte ungeeignet – was jedoch nicht der Grund für Diego war, ihn zurückzulassen.

Im matten Schein der Glut, die in dem breiten Kamin mit dem hohen Sims linker Hand des Bettes glomm, betrachtete de la Vega seine rechte Seite. Nur einen Moment war er zu langsam gewesen, die Dauer weniger Sekunden. Seinem Gegner hatte es gereicht. Aus dem Schnitt, obwohl schmal, sickerte eine Menge hellrotes Blut. Bei jeder Bewegung zuckten Schmerzen durch seinen Oberkörper.
Diego wusste aus seiner langjährigen Fechterfahrung, dass diese Wunde sofort gereinigt und verbunden werden musste. Verlor er in diesem Tempo weiter Blut, würde er sehr schnell schwächer werden.

Doch er hatte keine Zeit.

Das Hemd, das er am Körper trug, zog er aus und band es sich um den Bauch. Er hoffte, dass der kostbare Stoff die Wunde wenigstens vorübergehend verschließen würde. Nachdem er das neue Hemd über seinen Kopf gezogen und die versilberte Brosche des Mantels verschlossen hatte, fuhr er sich mit beiden Händen durch das bereits ergraute Haar – und erstarrte.

Beinahe hätte er das Wichtigste vergessen.

Sanft lösten seine Finger den Knoten, und ein schmales schwarzes Band fiel von seinen Augen ab in seine Hände. Einen Augenblick betrachtete Diego die Maske voller Wehmut. Er war in die Rolle des Gerechten geschlüpft, um Mexiko von der Herrschaft Spaniens zu befreien. Er war dort erschienen, wo Unrecht durch die ernannten Gouverneure der mexikanischen Provinzen verübt worden war. Er hatte den Menschen Hoffnung zurückgegeben - und den Mut, sich gegen das harte und grausame Regime zu wehren.
Sehr schnell hatte das mexikanische Volk einen Namen für ihn: Zorro. Denn wie ein schlauer Fuchs war er den Häschern immer durch die Maschen geschlüpft, und niemals war Don Diego de la Vega, Träger des Namens einer eingesessenen und uralten Familie, unter Verdacht geraten, der in Schwarz gekleidete Kämpfer zu sein, der Gefangene befreite und die spanischen Eroberer mit seinen Fechtkünsten in ihre Schranken verwies.

Bis heute.

Auf dem Weg zum Kamin hielt Diego sich die Seite und verzog schmerzhaft das Gesicht. Er war zu alt, um gegen zehn Männer in ihren besten Jahren zu kämpfen. Die heutige Nacht hatte sich als fatal erwiesen: Zwar war es ihm gelungen, die Familie zu befreien, die in eine Zelle gesperrt worden war, weil der Mann aus Hunger zwei Schafe und eine Ziege gestohlen hatte, aber durch seine Verletzung hatte er fliehen müssen.

Er wusste, dass der Gouverneur ihm mit seinen besten Fechtern gefolgt war. Es war töricht von ihm gewesen, hierher zu kommen. Doch er hatte nicht fliehen können. Nicht, ohne sich von Esperanza und ihrer gemeinsamen Tochter zu verabschieden.

Befriedigt sah er zu, wie der schwarze Stoff Feuer fing. Es würde keine Beweise geben. Seine Familie würde in Sicherheit sein.

Neben dem Bett stand eine von Diego eigenhändig hergestellte Wiege. Er hatte begonnen, sie zu bauen, als Esperanza ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte. Er erinnerte sich daran, als er sich nach vorne beugte und den kleinen Kopf seiner schlafenden Tochter sanft streichelte, ihr durch das kurze schwarze Haar fuhr. Sie war erst wenige Wochen alt; es schmerzte ihren Vater zutiefst, sie verlassen zu müssen. Sie würde niemals erfahren, weshalb ihr Vater ohne ein Wort des Abschieds verschwunden war.

Obwohl Esperanza einen leichten Schlaf hatte, erwachte sie nicht, als Diego sich auf die Bettkante setzte. Einerseits war er darüber erleichtert: Wie auch hätte er ihr erklären sollen, warum er seine Familie verlassen musste, um sie zu schützen? Er wusste ja nicht einmal, ob er sie jemals wiedersehen würde... Andererseits wollte er, dass sie erwachte. Dass sie ihn in ihre Arme schloss, um ihn nie wieder loszulassen.

Ihre Ehe war von ihren Eltern arrangiert worden, die dadurch beide ihr Ansehen verstärkt hatten. Auch Esperanza stammte aus einer wohlhabenden Familie, aus dem südlichen Teil Mexikos. Vor ihrer Hochzeit waren Diego und seine Zukünftige absichtlich nicht ein einziger Mal zusammengeführt worden.
Wehmütig erinnerte de la Vega sich an den Tag der Hochzeit zurück, wo er seine Braut das erste Mal gesehen hatte. Esperanza war wunderschön gewesen, in ein langes, weißes Kleid gehüllt und mit einem Schleier, der ihre Gesichtszüge nur erahnen ließ. Schon damals war ihr schwarzes Haar lang und seidig gewesen, ihr Gang fließend wie Wasser.

Niemand, nicht einmal sein Vater, hatte es für nötig befunden, Diego zu sagen, dass seine zukünftige Frau sechszehn Jahre jünger war als er selbst.

Anders jedoch als erwartet, war dieser Unterschied niemals zu einem Problem geworden. Diego, der gewusst hatte, wie arrangierte Ehen das Glück junger Frauen zerstören konnten, hatte versucht, Esperanza alle Freiheiten zu gewähren, die einer Sechszehnjährigen seiner Meinung nach zustanden. Niemals hätte er zu träumen gewagt, dass seine junge Frau, nach einigen Monaten des Kennenlernens und der anfänglichen Scheu, anfangen würde, ihn zu umwerben. Aus der Zweckheirat wurde eine tiefe gegenseitige Liebe, die nur durch einen einzigen Makel getrübt wurde.

Zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis Esperanza ein Kind empfangen hatte.

Diego streckte seine Hand aus, hielt jedoch kurz vor dem schwarzen Haar inne. Er wagte es nicht; er hatte keine Erklärung, wachte sie auf. Stattdessen beugte er sich über sie und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn.

Seit vierunddreißig Jahren kämpfte er als Zorro für die Gerechtigkeit, und heute Nacht würde sie ihm seine Familie entreißen.

„Ich liebe dich“, murmelte er, dann stand er auf und bewegte sich auf die Tür zu. Doch anstatt sie zu öffnen, erstarrte Diego de la Vega, die Hand am Knauf.
Auf der anderen Seite waren schnelle, entschlossene Schritte zu hören, die sich rasch näherten.
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