FOREVER - Etwas Ganz Besonderes

von Sejabonga
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P6
11.08.2015
11.08.2015
1
2473
6
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Zeitliche Einordnung: irgendwo während der ersten Folgen (?); hätte ich eine DVD, dann würde mir die Einordnung leichter fallen
Spoiler: nichts, was man nicht auch so im Internet findet
Disclaimer: Forever gehört nicht mir, aber ich würde es gerne weiterschreiben! Matt Miller FTW!!

##*##

Hallo zusammen,

wie ihr vielleicht mitbekommen habt, wurde die Serie Forever in den USA nach nur einer Staffel abgesetzt. Derzeit laufen Verhandlungen mit diversen Sendern bzw. Filmgesellschaften, die Serie evtl. doch noch fortzusetzen. Matt Miller, der Erfinder der Serie, ist dabei federführend. Ich hoffe, es ist in Ordnung, für eine seiner Petitionen zu werben: https://www.change.org/p/abc-s-forever-to-continue-for-another-season
Und nun viel Spaß beim Lesen!

Ciao, eure Sejabonga


##*##


Etwas Ganz Besonderes

Es ist eine Minute vor Mitternacht.
Abe sitzt in der Dunkelheit in Henrys Lieblingssessel und starrt die Tür an. Er sollte schon längst hier sein.
An jedem anderen Tag wäre sein Vater schon vor mindestens zwei Stunden nach Hause gekommen.
Aber heute nicht.
Abe weiß, dass Henry heute nicht zu ihm kommen wird. Er wird vergeblich auf ihn warten.
Und doch tut er es jedes Jahr wieder, in der Hoffnung, irgendwann nicht mehr warten zu müssen.
Er atmet tief aus und nimmt einen Schluck aus seinem Weinglas. Eines Tages wird das ein Ende haben. Henry wird die Nacht hier verbringen, zuhause.
Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.
Abe kann es ihm nicht verübeln. Er versteht ihn.
Henry hat nie davon erzählt, was er in dieser einen Nacht des Jahres macht. Aber dennoch kann er es verstehen.
Die alte Standuhr bringt ihr mechanisches Uhrwerk in Schwung und die hellen Glockenschläge erfüllen den ganzen Raum.
Heute ist der 19. September 2015.
Und Henry wird heute Nacht nicht nach Hause kommen.

##

Detective Jo Martinez hasst Nachtschichten.
Es ist gruselig, die Verrückten kommen immer gegen Abend aus ihren Verstecken gekrochen und die Zahl der Betrunkenen steigt exponentiell an.
Sie ist wirklich froh, dass sie keinen Streifendienst mehr machen muss.
Eigentlich sollte sie auch schon seit vier Stunden nicht mehr hier sein. Ihr Dienst ist längst vorbei.
Aber sie wollte diesen einen Fall unbedingt noch abschließen und ihn endgültig zu den Akten legen.
Wie immer war ihr Henry Morgan eine große Hilfe. Der Mann ist ein Mysterium.
Das schwierigste Sudoku, das ihr je begegnet ist. Ein Puzzle in einem Rätsel in einer Trickkiste.
Bereitwillig stellt er ihr sich und seine Fähigkeiten zur Verfügung. Er geht mit ihr auf Verbrecherjagd, stellt sich jedem von ihnen furchtlos in den Weg. Manchmal etwas zu furchtlos für Jos Geschmack.
Sie betrachtet den Bildschirm ihres Computers und dreht sich auf ihrem Stuhl langsam hin und her.
Das Symbol ihrer bevorzugten Suchmaschine erhellt die Dunkelheit des Raumes um sie herum. Sie ist allein, alle anderen sind schon gegangen.
Mit den Zähnen kaut sie auf ihrem Zeigefinger herum. Soll sie es tun?
Ach, was kann es schon schaden? Heutzutage kann jeder Chef seinen Untergebenen im Internet recherchieren.
Was macht es schon, wenn sie versucht, etwas über Henry herauszufinden?
Sie lässt von ihrem Finger ab und lehnt sich vor.
Zuerst gibt sie einfach nur „Henry Morgan“ ein.
Die Suchmaschine spuckt über 100 Millionen Ergebnisse aus, schon die ersten zehn davon ausschließlich zu Sir Henry Morgan, dem legendären Freibeuter, der im Dienste der Royal Navy stand.
Also fügt sie ihren Suchbegriffen ein Wort mehr hinzu. Unter „Dr. Henry Morgan“ gibt es nicht mehr so viele Einträge.
Ein paar Artikel in der Online-Ausgabe der New York Times, die das gerichtsmedizinische Institut der Stadt New York loben.
Keine Fotos, nur die ein oder andere Erwähnung am Ende des Textes. Als hätte Henry versucht, sich aus den Schlagzeilen herauszuhalten.
Jo beißt sich auf die Unterlippe. Sollte sie noch tiefer graben?
Strafregister, Geburtsurkunden, Geburts- und Sterbeurkunden der Eltern und Großeltern...
Bestimmt gäbe es eine Menge. Aber will sie das?
Eigentlich möchte sie mit ihm reden, ihn so besser kennen lernen.
Sie weiß eigentlich nicht einmal genau, warum sie ihn kennen lernen will. Am Anfang war Henry nur ein seltsamer, verrückter, unheimlicher Kauz.
Mit der Zeit hat sie gelernt, dass sich hinter dieser Fassade etwas Anderes verbirgt.
Ein wenig... Verrücktheit, ein wenig kindlicher Spieltrieb, ein wenig überbordende Neugier, ein wenig Gentleman und ein wenig...
Na ja, ein klein wenig von einer Sache, die sie nicht ganz zuordnen kann. Etwas Unheimliches, Uraltes, Beunruhigendes.
Manchmal sagt er Dinge, hinter denen mehr zu stecken scheint.
Jo wüsste einfach zu gerne, was dieses verheißungsvolle Etwas ist.
Was das ist, das ihn um so vieles weiser macht.

##

Keuchend schrickt Henry aus seinem Schlaf.
Für einen Moment fürchtet er, wieder im Hudson zu sein. Doch nach zweimaligem Blinzeln erkennt er sein Büro in der Gerichtsmedizin.
Er atmet tief aus und lässt sich in den Sessel zurücksinken. Es ist nachts, die Räume sind leer und er ist allein. Sein Gehirn bemüht sich, den Grund für das alles herauszufinden.
Aus reiner Gewohnheit greift er in seine Westentasche und holt die Taschenuhr hervor. Das Ziffernblatt zeigt 00:15 Uhr.
Eine Viertelstunde nach Mitternacht.
Stimmt ja. Heute ist dieser verdammte Tag.
Seufzend legt er die Uhr auf die Tischplatte und streicht sich mit den Händen über das Gesicht. Er hasst diesen Traum.
Erstochen, erschossen, vom Dach gefallen, vom Dach gestoßen, angefahren, überfahren, erdrosselt, erstickt, ertrunken, zu Tode gefoltert...
Henry fallen inzwischen keine Todesarten mehr ein, die er nicht schon durch hat.
Eine schrecklicher als die andere.
Und natürlich muss er in regelmäßigen Abständen davon träumen.
Bei sich nennt er es Glück, dass er ab und an auch von den schönen Momenten seines Lebens träumt.
Noch größeres Glück allerdings ist es, wenn er einfach nur schlafen kann. Kein Traum, keine Gedanken, keine Erinnerungen.
Einfach nur ein großes, traumloses, schwarzes Nichts.
Er stützt sich auf die Tischplatte und muss an Abe denken. Bestimmt wartet er auf ihn.
So wie jedes Jahr.
Aber Henry kann nicht. Für ihn ist es ein trauriger Tag und einer, den er allein zu verbringen gedenkt. Zumindest die ersten Stunden.
Zunächst hat er sie noch in Gesellschaft verbracht. Bei Gott, er hatte jede Menge Gesellschaft.
Und es war immer irgendwie... lustig. Soweit er sich erinnern und das beurteilen kann.
Doch mit der Zeit wurde er immer einsamer.
Und als Abby starb...
Abwesend klopft er eine Klaviermelodie auf seiner Schreibtischunterlage.
Nein, er ist einfach nur müde. Er hatte gehofft, dass er diesen Tag nicht mehr erleben müsste.
Nicht immer wieder aufs Neue.
Mit einem weiteren Seufzen faltet Henry die Arme auf der Tischplatte und lässt seinen Kopf darauf sinken.
Es hat keinen Sinn.
Die nächsten Stunden kann er genauso gut verschlafen...

„Henry!“

War die Stimme zuerst da?
Oder das Geräusch der sich öffnenden Tür?
Henry weiß es nicht, aber er zuckt zusammen und sein Kopf schießt augenblicklich hoch.
Perplex starrt er Jo an.

„Detective!“

Mit einer Hand reibt er sich den Schlaf aus den Augen.
Er würde das Gähnen gerne unterdrücken, aber es gelingt ihm nicht.

„Ich wusste nicht, dass sie noch hier sind.“

Jo sieht ihn unschuldig an und wäre er etwas wacher, dann würde ihm vielleicht auffallen, dass ihr naives Verhalten nur gespielt ist.

„Oh, ich... Ich hatte noch zu tun und... bin wohl eingenickt.“

Lächelnd betrachtet er seinen Schreibtisch, auf dem natürlich keine Spur von irgendwelchen Akten zu finden ist. Kein Wunder, er hat gestern alles abgearbeitet.
Jo geht darüber hinweg, dass er gerade glatt gelogen hat, und präsentiert ihm stattdessen selbst eine.

„Ja. Ich auch. War ein langer Tag heute... gestern.“

Schnell verbessert sie sich. Und auf einmal erinnert sich Henry auch wieder daran, warum er hier in seinem Büro schläft.
Dieses Mal kann er das herzhafte Gähnen unterdrücken und überspielt es mit einem Husten.

„Ja. Ich äh... Benötigen sie irgendetwas?“

Sein Gehirn braucht einen Moment, aber letztendlich springt es an.
Jo würde nicht einfach so vorbeischauen. Es ist ein gutes Stück Weg von ihrem Schreibtisch zur Gerichtsmedizin.
Von außen kann sie das Licht auch nicht gesehen haben.
Also... hat sie unter einem Vorwand hier reingeschaut.

„Nein, ich... habe nur auf mein Glück vertraut.“

Irritiert runzelt er die Stirn. Langsam wird es doch etwas merkwürdig.
Er sollte sich wohl besser auf den Weg machen. Nicht nach Hause, sondern wohin auch immer.
Ihm fällt auf, dass sie eine Hand in ihrer Jackentasche versteckt.
Die Autoschlüssel?
Ihr Dienstausweis?
Ihr Handy.
Noch viel interessanter ist aber ihre andere Hand, die geheimnisvoll hinter ihrem Rücken verborgen bleibt.

„Ich denke, den Rest kann ich auch morgen machen.“

Henry steht lächelnd auf und greift nach seiner Jacke.
Gerade als er sich den Schal um den Hals bindet und die Jacke anziehen will, macht Jo einen Schritt vor und stellt etwas auf den Tisch.
Eine Flasche.
Cognac.
La Fayette XO.

„Henri Mounier. Ein französischer Cognac. Ich bin beeindruckt, Detective.“

XO bedeutet, dass er mindestens 8 Jahre Reifeprozess hatte. Der Cognac war nicht ganz billig.
Jo faltet die Hände vor dem Körper und steht etwas verlegen da, wobei sie wie ein Kleinkind wirkt. Dann umrundet sie kurzentschlossen den Tisch.
Henry glaubt schon, dass sie ihn umarmen will. Automatisch versteift er sich.
Dann aber geht sie auf die Zehenspitzen und drückt ihm einen sanften Kuss auf die Wange.

„Alles Gute zum Geburtstag, Henry.“

##

Abe grunzt uncharmant, als er aus dem Schlaf gerissen wird.
Sein erster Blick geht zur Tür, in der niemand steht. Hat er nicht gerade das Klingeln gehört?
Er schiebt sich im Sessel nach oben und mustert die Straße. Es ist gerade erst hell geworden, das erkennt er an der Art des Tageslichts.
Also ist Henry heute wieder nicht nach Hause gekommen. Natürlich.
Müde kratzt er sich am Kopf und stemmt sich aus dem Sessel hoch. Sein Kreuz erinnert ihn daran, dass er nicht mehr der Jüngste ist und seine Nächte besser im Bett verbringen sollte.
Beim Aufstehen fällt sein Handy aus seinem Schoß und knallt unsanft auf den Boden.
Früher wären diese Dinger nach so einem Sturz jenseits aller Reparaturmöglichkeiten gewesen. Heute sind sie quasi unkaputtbar.
Zum Glück, denn als sich das Display von selbst aktiviert, bemerkt Abe, dass er eine neue Nachricht bekommen hat.
Er bückt sich, um das Handy aufzuheben, und stöhnt auf, als sein Rücken protestiert. Trotz seines Alters gelingt es ihm, seinen Besitz wieder an sich zu bringen.
Richtig, gestern hat er noch Nachrichten mit Detective Martinez ausgetauscht.

>Irgendwelche Ideen für Henrys Geburtstag?<

Es wundert ihn nicht, dass sie es herausgefunden hat. Sie ist Detective, grundsätzlich neugierig und nicht auf den Kopf gefallen. Irgendwann musste sie darüber stolpern.
Seine Antwort war denkbar einfach.

>55. West Ecke Broadway. Klopfen sie an der Hintertür und sagen sie, dass sie etwas für Henry abholen.<

Die Cognac Brasserie hat zwar nicht 24 Stunden am Tag geöffnet, aber für den guten Henry Morgan, der zu ihren besten Kunden zählt, galt schon immer eine spezielle Regelung.
Genauer gesagt für Abe, den Chef der Brasserie und den Wachmann.
Dass Abe Henry den Cognac zum Geburtstag schenken wollte, muss er Jo ja nicht verraten.

>Danke!<

Und eine gute Weile später...

>Sind noch 56. West Ecke 8. Avenue. Bringe ihn dann nach Hause!<

Abe dachte, dass er von einer neuen Nachricht wach geworden wäre. Aber die letzte hat sein Handy gegen halb zwei empfangen.
Stattdessen zeigt ihm sein Handy nun, dass der Akku leer wird.
56. West Ecke 8. Avenue. Wenn er sich richtig erinnert, ist das ein McDonald’s.
Bei dem Gedanken, dass sein 236 Jahre alter Vater in einem Fast Food-Restaurant sitzt, muss Abe laut lachen.
Er steigt die Treppe zur Wohnung hinauf, um sich in der Küche einen Kaffee zu machen.
Und dann wird ihm bewusst, dass er wohl doch nicht von seinem Handy aufgewacht ist.
Detective Jo Martinez sieht ihn ertappt an.
Sie beißt sich auf die Lippen, zieht die Schultern hoch und lacht unterdrückt.
Dann endlich legt sie die Decke über Henrys Schultern, während dieser seelenruhig und tief und fest auf dem Sofa schläft.
Beide sind angezogen, also ist wohl nichts „vorgefallen“. Abe seufzt innerlich.
Schade eigentlich...
Die Polizistin schleicht auf Zehenspitzen zu ihm und flüstert tonlos.

„Wir waren noch in ein paar Bars und... na ja... Henry ist ziemlich trinkfest.“

Abe betrachtet sie mit hochgezogener Augenbraue. Dass sie offenbar noch trinkfester ist, verkneift er sich.
Stattdessen legt er einen Arm um sie und drückt sie kurz und knapp.

„Danke.“

Jo lächelt ihn offen an und sie ergreift seine Hand, um den Druck zu erwidern.
Dann schleicht sie weiter und verschwindet vollends aus dem Haus.
Abe mustert seinen Vater, der in all den Jahren noch nie so friedlich an seinem Geburtstag geschlafen hat.
Es war eine gute Nacht, dessen ist er sich sicher. Zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit hat Henry die ersten Stunden seines Geburtstags wieder in Gesellschaft verbracht.
Für Henry mag das ewige Leben ein Fluch sein.
Aber in Momenten wie diesen lernt er von den Normalsterblichen, wie man es ordentlich krachen lässt.
Abe schließt sein Handy an das Ladegerät an und wischt noch einmal durch die Fotos. Eines davon, das letzte, gefällt ihm am besten.
Er grinst, während er es als Hintergrundbild einstellt.
Es zeigt Henry und Jo.
In einer Bar.
Um vier Uhr morgens.
Den guten La Fayette XO vor ihnen auf dem Tisch, zwei Cognacgläser in der Hand und ein breites Grinsen auf den Gesichtern.
Zufrieden legt Abe das Handy zur Seite. Sein Vater muss an der guten Jo einen Narren gefressen haben.
Denn niemals würde Henry Morgan einen La Fayette XO, dessen Haus auch noch mit denselben Initialien gesegnet ist wie er selbst, mit irgendeinem Menschen teilen.
Henry hat da diesen Spruch...

>Besondere Gelegenheiten erfordern besondere Getränke für besondere Menschen.

Und an dieser Nacht heute war wohl alles ein klein wenig besonders.
Review schreiben