Stille Angst

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16
09.08.2015
09.08.2015
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Hier ist mein Beitrag zum Wettbewerb - Legend of the Seeker/Das Schwert der Wahrheit
Es ist nicht ganz so geworden wie ich es mir vorgestellt habe, aber na ja...
Viel Spaß damit
Daisy♥


~ ~ ~


Emma stand am Fenster und starrte in ihre Gedanken versunken in den funkelnden Sternenhimmel. Der Mond war beinahe voll und verlieh der Welt einen silbrig schimmernden Glanz.
Sie wollte so gerne schlafen, wie ihre Kinder es nun schon seit einigen Stunden taten, aber ihre Gedanken wollten einfach nicht zur Ruhe kommen. Die ganze Zeit drehte sich alles in ihrem Kopf um die Frage: „Wo ist Chase?“
Eigentlich kam es ziemlich oft vor, dass ihr Ehemann einfach so verschwand und aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen tagelang im Wald blieb. Das kam so oft vor, dass es eigentlich schon zu einer Normalität geworden war.
Normalerweise hätte sich  Emma auch nicht so große Sorgen gemacht, aber dieses Mal war es nicht wie sonst auch, denn dieses Mal hatte er gar nicht in den Wald gehen wollen, um irgendwelche Kreaturen zu jagen. Gars, wie sie seitdem die Barriere offen war, haufenweise nach Westland geströmt kamen. Ein eiskalter Schauer lief der Frau über den Rücken, als sie daran dachte, wie ihre Tochter von einem dieser Biester verfolgt worden war. Es hätte sie sicher getötet, wenn Richard Cypher dem Monster nicht mit seinem Schwert, dem Schwert der Wahrheit den Kopf abgeschlagen hätte. Ohne ihn wäre Laura nun bei den Toten und Emma war so furchtbar dankbar dafür, dass sie sie immer noch in die Arme schleißen konnte.
Heute Morgen hatte Chase mit einigen Männern zur Öffnung in der Barriere gehen wollen, um zu sehen wie man sie verschließen konnte. Beim Frühstück hatte er ihr gesagt, dass es nicht lange dauern würde, aber er war nicht wieder nach Hause gekommen.
Vielleicht stand sie deshalb seit Stunden zitternd am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Sie wartete vergeblich darauf, dass ihr geliebter Ehemann endlich wiederkam als wäre alles in Ordnung, sie in den Arm nahm und ihr sagte wie unbegründet ihre Angst war.
Das war alles, worauf sie wartete.
Gerüchten zufolge waren er und seine Truppe an der Barriere von Soldaten aus den Midlands angegriffen worden, aber niemand wusste Genaueres und so konnte ihr auch niemand sagen, was mit Chase geschehen war.
In ihrem Kopf kreisten unablässig etliche mögliche und teilweise auch unmögliche Szenarien umher. Ein weiterer Grund, warum sie in dieser Nacht nicht schlafen konnte.
Chase, wie er von einem Gar zerstückelt auf dem Waldboden lag. Chase, wie er humpelnd und gefesselt hinter einer Gruppe Soldaten hergezogen wird. Chase, wie er in einem dunklen Keller lag und gefoltert wurde. Chase, wie er einsam durch tiefe Tannenwälder irrte. Chase, wie er vor Soldaten flüchtete. Chase, wie er einen langsamen, qualvollen Tod starb. Chase…, Chase…, Chase…
In ihrem Kopf war kein Platz für andere, vernünftigere Gedanken.
Aber am verlockendsten war immer noch die Vorstellung, dass er plötzlich hinter ihr stehen und sie in den Nacken küssen würde…
Still und leise lief Emma eine einzige Träne über das vom Wind kalte Gesicht.
Sie wischte sie nicht fort, ließ aber auch nicht zu, dass noch mehr kamen. Noch war nicht alle Hoffnung verloren und vielleicht versteckte sich ihr Ehemann wirklich nur im Wald bis er gefahrlos nach Hause kommen konnte.
Nach Mut suchend blickte sie hinauf zu den Sternen.
Jeder einzelne unterschied sich auf eine gewisse Art und Weise vom nächsten und doch leuchteten sie als eine Eintracht, die ein einzelner kleiner Stern niemals wirken würde.
Emma beobachtete so lange die funkelnden Sterne, dass sie beinahe das Gefühl hatte, sie würden ihr zuzwinkern. Das gab ihr die Hoffnung, die sie brauchte, um ein kleines Lächeln zustande zu bringen.
Egal wo Chase jetzt war, wenn er den Sternenhimmel sah, sah er dieselben Sterne wie Emma.
Getragen von diesem neuen Hoffnungsschimmer legte sie sich ins Bett und versuchte trotz der kalten Hälfte des Bettes beruhigt zu schlafen.

Als sie erneut erwachte, wusste Emma nicht, wie viel Zeit vergangen war. Es hätten Stunden oder Minuten gewesen sein können. Um sich etwas mehr Klarheit darüber zu verschaffen, blickte sie aus dem Fenster, an dem sie noch vor kurzem auf ihren Mann gewartet hatte.
Der Morgen begann bereits zu dämmern, aber noch war die Sonne nicht zu sehen.
Da hörte sie plötzlich ein Geräusch.
Sie war sich ganz sicher, von draußen das Schnauben von Pferden zu hören. Zuerst machte ihr geschundenes Herz einen Hüpfer. Chase war heimgekehrt, aber dann bemerkte sie, dass es zwei Pferde sein mussten und sie hörte schwere Stiefel auf dem Boden aufkommen. Wenn man aufmerksam lauschte, konnte man das leise Klirren von Kettenhemden hören.
Es bleib kein Moment des Schocks für Emma. So schnell sie konnte sprang sie aus dem Bett und hastete ins Kinderzimmer, wo alle drei, auch Laura, friedlich schiefen.
Unsanft rüttelte sie jeden wach und blickte schließlich in drei verschlafene Gesichter. Emmas Herz pochte, als  würde es bereits um sein Leben rennen, während ihr Verstand überlegte, wie sie ungesehen aus dem Haus fliehen konnten.
„Was ist los, Mutter?“, fragte Laura verwirrt.
„Es sind Männer vor unserem Haus“, antwortete sie ihrer Tochter flüsternd und zog die beiden Kleinen aus dem Bett. „Wir müssen weg hier.“
Doch kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, polterte jemand laut die Treppe hinauf und die Familie zuckte erschrocken zusammen.
Mit einer schnellen Bewegung zog Emma ihre Kinder hinter sich und drängte sie zurück an die Wand. Zum Flüchten war es nun zu spät.
Zitternd hörten sie zu, wie jedes Zimmer durchsucht wurde und die Kleinen begannen leise zu weinen, während Laura sie zu beruhigen versuchte.
Emma wäre am liebsten aus Angst um ihre Kinder ebenfalls in Tränen ausgebrochen, aber sie schaffte es durch Lauras Hand auf ihrem Rücken, sich zusammenzureißen. Tapfer stand sie vor ihren Kindern, bereit, für sie zu sterben, als ein rot uniformierter Soldat die Tür aufstieß.
Zufrieden von diesem Anblick lächelte er und rief laut nach zwei anderen.  
Schon im nächsten Augenblick kam er auf die Familie zu und packte sich Emma, die gegen einen starken, großen Mann vollkommen wehrlos war. Trotzdem versuchte sie sich aus dem Griff dessen zu befreien.
„Was wollt ihr von uns?“, brachte sie atemlos heraus. „Bitte lasst meine Kinder gehen. Macht alles mit mir, aber lasst sie frei…“
Geistesgegenwärtig hatte nun Laura die Rolle ihrer Mutter übernommen, vor ihren Geschwistern zu stehen.
„Mutter…“, wimmerte der Junge.
Schon waren die zwei anderen Soldaten da und packten Laura und die Kinder. „Nein!“, Emmas Schrei wurde von einem Dolch an der Kehle ihrer Tochter gestoppt.
„Noch ein Wort von einem von euch und sie ist tot“, brummte einer der drei.
Daraufhin verstummte jedes Geräusch im Zimmer. Es war kein Wimmern, kein Schluchzen mehr zu hören. Sie  versuchten sogar, weniger zu atmen, um auf keinen Fall einen der Bewaffneten zu verärgern.
Schweigend ließen sie sich die Hände fesseln und erst als niemand mehr weglaufen konnte, ließen sie von der Kleinen ab. Stumme Tränen der Angst liefen ihr über die Wange und sie blickte trostsuchend zu Emma. Diese versuchte ein Lächeln zustande zu bringen, aber sie war sich sicher, es war nur eine Grimmasse, einem Lächeln sehr ähnlich, aber ohne die Reinheit darin.
Vor dem Haus wurden sie alle an den Pferden festgebunden und sie waren gezwungen, mit ihnen Schritt zu halten. Sie liefen nur durch dichte Wälder, um die Bewohner Hartlands nicht zu alarmieren.
Verzweifelt dachte Emma daran, dass Chase immer noch irgendwo dort draußen war und sie, falls er nach Hause kommen sollte, nicht finden würde. Und außer ihm würde niemandem hier die Abwesenheit der Familie auffallen. Niemand würde nach ihnen suchen. Eine Hoffnung auf Rettung gab es nicht.
Kurz schaute sie auf zu den Sternen, doch sie waren dem nahenden Tag gewichen und mit ihnen die letzte Hoffnung.
Lange Zeit wanderten sie so durch die Wälder, bis sie schließlich an der Grenze zwischen Westland und den Midlands kamen. Doch zu Emmas Entsetzen war hier ihre gezwungene Wanderung noch nicht vorüber, nein, sie passierten die Barriere und betraten die Midlands.
Wie sollte Chase sie dort nur finden?
Wieso wurden sie hierhergebracht?
Wie lange würden sie noch gehen müssen?
Was würde mit ihnen gemacht werden?
Wie konnte Emma ihre Kinder beschützen?
Warum waren sie ausgewählt worden, dorthin gebracht zu werden?
All diese Fragen schwirrten in Emmas Kopf herum und auf keine einzige konnte sie die Antwort finden.
Suchend sah sie sich nach ihren Kindern um und blickte in ihre unschuldigen Gesichter, vor Angst verzerrt und von Tränen verschmiert. Es tat der Mutter im Herzen weh, sie so zu sehen, das hatten sie nicht verdient. Sie wollte etwas sagen, etwas Beruhigendes, aber sie hatte Angst, die Männer könnten es hören und würden einen von ihnen daraufhin mit dem Pferd über den mit Wurzeln bedeckten Waldboden schleifen.
Also lächelte sie nur zuversichtlich und versuchte ihren drei Kindern all ihre Liebe über einen Blick zu vermitteln.

Tagelang liefen sie hinter den Pferden her durch die Midlands. Am Tag wurde höchstens zweimal Rast gemacht und das nicht lange. Wenn sie keine Kraft mehr hatte, zu laufen, beschleunigten ihre Entführer die Pferde, sodass sie keine andere Wahl hatten, als mitzulaufen. Nicht einmal mit dem Jüngsten hatten sie Erbarmen.
Emma versuchte beständig, aus den Gesprächen der drei Soldaten herauszuhören, wohin sie sie brachten, aber alles,  was sie verstand, war, dass ein gewisser Lord Rahl im Palast des Volkes warten würde, bis Giller ein Ergebnis vorzuweisen hatte.
Emma verstand nicht, was das heißen sollte, aber sie erinnerte sich, dass Lord Rahl der Mann war, wegen dem Richard in die Midlands gereist war, um ihn zu töten. Aber wie es aussah, hatte er diese Aufgabe bis jetzt noch nicht erfüllt.
Nachdem sie über fünf Tage lang durch die Gegend gelaufen waren, kamen sie schließlich an einem hohen, finster aussehenden Turm an. Ängstlich sah Emma sich um und bemerkte, dass es ihren Kindern genauso ging wie ihr.
Was würden sie an einem solch finsteren Ort mit ihnen machen? Emmas Angst um ihre Kinder wuchs. Was, wenn sie dort gefoltert werden würden?
Sie würde es nicht aushalten zu wissen, dass ihren Kindern schreckliche Dinge angetan wurden. Sie würde lieber sterben, als das mit anzusehen.
Sie wurden von den Pferden losgebunden und bekamen Augenbinden, damit sie nicht sehen konnten, wohin sie gingen. Dann führten die drei Soldaten die Familie in den Turm hinein. Viele Treppen hinunter, um Biegungen, über Steine.
Und als sie dann endlich wieder erlaubt waren, zu sehen, war es stockdunkel um sie herum und man konnte nur noch hören, wie die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel.
Sofort tastete Emma im Dunkeln nach ihren Kindern und schloss sie fest in die Arme. Sie alle weinten im Arm ihrer Mutter. Sie alle hatten Angst, was auf sie zukommen würde. Auch Emma konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und so umarmte sich die Familie bis keine Tränen mehr übrig waren.
Erst dann sahen sie sich um und bemerkten, dass sie nicht alleine in diesem kellerartigen Kerker waren. In den Ecken saßen noch andere Frauen, manche mit, manche ohne Kinder, aber eines hatten sie alle gemeinsam: Allen war die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ins Gesicht geschrieben.
Auch die vier Neuankömmlinge setzten sich dicht aneinander gedrängt in eine Ecke und warteten, wie die anderen, unwissend worauf.
Im Laufe der Tage kamen noch andere Frauen dazu und einige wurden unter Schreien wieder mitgenommen. Emma hoffte, nicht sie oder eines ihrer Kinder müsste dort hinauf, denn es kamen nicht viele Frauen von dort zurück und die, die zurückkamen, waren verstört von dem, was dort mit ihnen gemacht worden war.
Als aber schließlich doch ein Mann den Kerker betrat, um eine weiter mit sich zu nehmen, kam er direkt auf die Brandstones zu und wollte sich Laura packen. Entsetzt sprang Emma mit ihren letzten Kräften auf die Beine und flehte den Mann an, sie statt ihr zu nehmen. Der Soldat zuckte mit den Schultern und sagte nur: „Irgendwann kommt sowieso jeder dran“, und zerrte stattdessen Emma mit sich.
„Macht euch keine Sorgen“, schaffte Emma noch, ihren Kindern zuzuflüstern. „Ich komme wieder. Versprochen.“

Weiter oben im Turm kettete man sie in einem runden Raum mit komischen Gurten auf ein Brett. Der Raum wurde bewacht von brutal aussehenden Frauen in roten Lederanzügen.
Dann kam ein dunkelhaariger Mann in einem weißen Umhang. Er hatte seltsame Geräte bei sich, die aussahen wie Nadeln. Er machte ein paar Dinge mit ihnen und stach sie dann durch ein Loch im Gurt in Emmas Armbeuge.
Die Schmerzen, die sie dabei verspürte waren unbeschreiblich schrecklich. Emma schrie sich die Seele aus dem Leib und dachte, sie müsse sterben. Aber der Mann ließ schon nach kurzer Zeit von ihr ab und verkündete: „Wir kommen der Sache schon näher. Bringt sie wieder nach unten.“
Unten im Kerker fielen ihr ihre Kinder sofort in die Arme und wieder mussten sie alle weinen.
Emma erzählte Laura flüstern, während die anderen beiden schliefen, was man mit ihr gemacht hatte und Laura versuchte ihre Mutter zu trösten.
Von diesem Tag an lebten sie immer in der Angst, sie könnten auch noch Laura nach oben holen.
Aber so weit kam es nicht, denn nur wenige Nächte, nachdem Emma hinauf geholt worden war, kamen zwei Personen in den Keller.
Zuerst dachte Emma, es wären wieder Soldaten und schlang schützend die Arme um die drei.
„Emma? Laura?“, fragte eine Stimme, die ihr sehr bekannt vorkam, sie aber noch nicht zuordnen konnte.
„Wer ist da?“, flüsterte Emma und noch während sie das sagte kam eine Fackel in Sicht und der Mann, der die Fackel trug, auf die Familie zu.
Im Schein der Flammen konnte Emma ein Gesicht erkennen, das sie sich seit ihrer Entführung jedes Mal vor dem Einschlafen vorgestellt hatte. Ein Gesicht, von dem sie gedacht hatte, es nie mehr wieder sehen zu können.
„Chase…“, hauchte sie fassungslos und auch ihr Kinder hatten ihn erkannt. „Vater!“, riefen sie erfreut, dem Glück aber immer noch nicht ganz trauend.
Schnell kam Emma auf die Füße und zog die beiden kleinen mit sich.
Chase lächelte sie überglücklich an und auch sie konnte nicht anders, als zu lächeln. Und dieses Mal war es echt.
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