Neue Hoffnung - Teil 1

GeschichteAllgemein / P12
07.08.2015
09.08.2015
20
19996
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Sie hatten alle Glück gehabt. Vielleicht war es auch einfach das, was man sich verdient hatte, wenn man Jahre, Zeit und noch viel mehr verloren hatte, im Kampf um eine neue Welt. Dieser Traum von einer friedlichen, fairen Welt war sicherlich vielmehr eine Realität mit Kompromissen, mit Verlusten und Partnern, die man sich eigentlich nicht wünschte. Die Welt, in der Bray alles wirklich vollkommen schien war hier, unter den alten Bäumen, in den kleinen Häuschen, die eine Idylle darstellten, die früher auf Werbematerialien für Ferienhäuser zu sehen war. Er seufzte und zog seinen Sohn instinktiv an sich. Der kleine war mit seinen vier Jahren schon ziemlich eigenständig und blickte seinen Daddy eher verwirrt als verzückt an. Er hatte den Blick seiner Mutter, ihren Willen und ihr Lächeln. Widerstrebend löste er sich als er eine Silhouette erkannte, die in der Ferne zu sehen war. Mit schnellen Schritten bewegte sich die Person auf das Dorf zu. Sie riss ihre Arme in die Luft als sie die beiden unter dem alten Baum neben einem zartgelben Haus sah. Die Dorfgemeinschaft der Drifter hatte alle bestehenden Häuser und Scheunen mit Farbe gestrichen, die May auf ihren Handelsfahrten in Delete ergattert hatte. Man wollte manchmal gar nicht wissen, wie sie zu ihren Waren kam, meist erzielte sie mehr, als optimistische Prognosen zu hoffen wagten. Schon damals in der Stadt hatte sie Kontakte und Mittelsmänner, auch das Schiff, dass alle Mallrats damals hier her brachte, hatten sie nur dank May erreicht. Trotzdem war sie eben May, auch wenn sie ihre Methoden nie gegen die Drifter oder die Schanze eingesetzt hätte. Zumindest hofften das alle.

Brays Sohn, der nach langen Namenswirrungen nun ausschließlich Brammy genannt wurde, stapfte mit festen Schritten und wehenden blonden Locken weg von seinem Vater. Diesen durchlief in solchen Situationen immer ein leichter Schauer, er hatte so viele Menschen verlieren und vermissen müssen, hatte sooft in menschliche Abgründe geblickt und wenn einer seiner Lieben ihn verließ – und sei es nur für einen Wimperschlag, für eine Sekunde, einen Augenblick – dann merkte er, dass er ein anderer war als früher. Sie war viel zu lange weg. Es konnte so viel passieren, selbst wenn das Ziel ihrer Reise wirklich so sicher war, wie alle immer gutgläubig wiederholten, so barg das Meer immer Gefahren. In den letzten Jahren waren einige Schiffbrüchige am Strand gefunden worden, einige mussten sie bestatten und andere wurden zu Teilen der Inselgemeinschaft, nach dem sie mit allen Kräften aufgepäppelt wurden.

„Du musst nicht traurig sein, Onkel Bray. Tante Amber ist bald wieder da, sagt Mommy.“ Bradys Worte klangen liebevoll, aber auch etwas altklug. Wann immer sie eine Chance sah, einem anderen ihre Reife und Wissen zu präsentieren, lächelte sie verzückt. Sie wusste wie viel sie ihrem Onkel und ihrer Tante zu verdanken hatte und liebte sie heiß und innig, auch wenn sie das, was beide eben getan hatten noch nicht ganz begriff. Bevor sie das aber zugegeben hätte, hätte sie lieber den Schweinestall von Alice sauber gemacht. Wenn Brady mit ihren fast 7 Jahren ihren Onkel ansah, erinnerte sie Bray wehmütig an seinen Bruder. Er war froh, dass der Welt etwas von Martin übrig geblieben war, und nicht von Zoot. In diesem Moment wusste er, dass alles gut werden würde und drückte der Kleinen ihre Hand. Sie war stolz, ihren Onkel davon überzeugt zu haben. „Da hat deine Mommy recht“, musterte sie und ergänzte: „und du natürlich, meine Große.“ „Brammy glaubt immer, wenn er Cloud sieht, dass Brandon dabei ist. Deshalb rennt er so“, belehrte sie ihren Onkel weiter. Sie war froh, dass beide ihrer Onkel auf der Insel waren, wenn schon nur einer ihrer Daddies da sein konnte. Es war etwas Besonderes, zwei Daddies zu haben, meinte Mommy immer. Mit diesem guten Gefühl lief Brady zurück in das Haus ihrer Mutter und Marty, deren Mann.

„Brammy! Na, begrüßt du mich?“ Clouds dunkle Locken klebten ihr auf der Stirn und fielen auf Brammys Kopf als sie sich zu ihm beugte um ihn zur Begrüßung zu drücken. Der kleine Kerl war nach dem er sie entdeckt hatte auf sie zu gestürmt. Er blickte etwas schüchtern auf den Boden. „Brandon ist nicht dabei. Tut mir leid!“ „Oh“, beschämt blickte er auf den Weg als würde er dort etwas suchen. Cloud wusste wie sehr die beiden Jungs sich mochten und wie es beiden fast immer das Herz zerriss, wenn der eine den anderen verlassen musste. Zwar waren die Wege durch Salmons Pferdezucht  zwischen Schanze und Dorf kürzer geworden, trotzdem waren die Treffen für beide Anführersöhne immer zu kurz. Als Brammys kleine Schwester vor einigen Monaten zur Welt kam, hatte Cloud Brammy eine Weile bei sich wohnen lassen. Das Theater um seine Schwester war für den kleinen Mann wohl nicht allzu verständlich. Cloud glaubte manchmal Trudys eifersüchtige Blicke zu spüren und fühlte sich an die Zeit in der Mall erinnert, als sie noch Danni war. Damals hatte Trudy sie um Bray beneidet, jetzt um seinen Sohn. Auch wenn viel Zeit vergangen war, Menschen blieben doch immer irgendwie dieselben. Brammy war eben ein kleiner Junge, der Abenteuer erleben und mit anderen Kindern durch die Wälder toben wollte. Er hatte Thunder einmal mit knappen Sätzen, so gut er konnte, geschildert, dass Onkel Marty nur malen würde, wenn er bei ihnen sei, und Tante Trudy ihn behandele wie ein Mädchen. Sie hatte vor allem und jedem Angst. Cloud lachte. Dass die „Verehrte Mutter“ der Chosen eines Tages ihre Erfüllung in Hausarbeiten finden sollte, amüsierte sie. Sie waren alle älter geworden und das Leben hier war natürlich ein anderes als damals in den Tagen der rivalisierenden Tribes in der Stadt.

„Danni?“ Bray wirkte ernst. „Du weißt doch, dass ich nicht mehr so genannt werden möchte..“, sagte sie sanft. Aus ihrer ersten großen Liebe war einer ihrer wichtigsten Freunde und Vertrauten geworden. Manchmal, dachte sie, war er fast wie ein Bruder. Wenn er beunruhigt war, nannte er sie oft bei ihrem alten Namen. „Ich weiß, du bist ebenfalls unruhig. Deshalb bin ich hier.“ Brammy saß auf den Schultern seines Vaters und seine kleinen Beinchen baumelten um Brays Hals. Als er seinem Vater die Hände vor die Augen packte und „Blind!“ gluckste, mussten alle lachen. „Du warst in Gedanken. Ich habe dich bei deinem neuen, also naja, bei deinem Namen eben genannt, aber du warst in Gedanken…“, begann er sich zu erklären und wirkte fast, als gebe es etwas, was er rechtfertigen musste. „Aber was gibt es?“ Er erinnerte sich, dass sie erwähnt hatte, dass es einen Grund gab, weshalb sie hier war. Sie trug weder Tauschgüter bei sich noch den kleinen Brandon, auf den Brammy gehofft hatte, also war sie weder offiziell noch auf einen Freundschaftsbesuch hier. „Schläft Jack?“ Cloud musterte ihre staubigen Schuhe und strich sich die Locken aus der Stirn. „Ich versuche ihn, den ganzen Nachmittag per Funk zu erreichen. Wozu habt ihr eins, wenn ihr es nicht gebraucht? Und wozu hat es der Technikchef, wenn er es nicht bedient! Ich meine,…“ „Danni…“ Bray legte seine Hand auf ihren Oberarm. „Cloud!“ „Ja, gut, dann eben Cloud. Du weißt, wie es ist mit einem Kleinkind. Einem schreienden Baby. Ich bin froh, dass ich die Kleine momentan zu Trudy bringen kann…“ Cloud senkte den Kopf. Trotzig wollte sie etwas antworten, schluckte dann aber. „Ich finde es ja auch toll, dass er es auch ohne Ellie, alleine schaffen möchte. Aber wenn er deshalb nicht zuverlässig ist? Stell dir vor, ich würde dir jetzt nicht erzählen, dass Mays Schiff heute Abend noch einlaufen wird, sondern dass wir angegriffen werden…?“  „Amber kommt nach Hause?“ Bray umklammerte Danni freudestrahlend. „Ja, und Thunder und der Rest ebenfalls.“