Von der Zerbrechlichkeit des Glücks

von - Leela -
GeschichteAllgemein / P12
Jake
07.08.2015
07.08.2015
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Dies is die dritte Geschichte für den phantastischen Wettbewerb »Die Vorgabensammer« von Wortzauberin.

Ich wünsche euch allen ein gemütliches Lesevergnügen.


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Von der Zerbrechlichkeit des Glücks

Sachte schloß Jake die Tür zum Zimmer seiner Tochter.
      Danessa hatte sich bereits in ihrem Schlafanzug auf dem Bett postiert und sah ihren Vater erwartungsvoll an. Obwohl sie mittlerweile selbst sehr gerne ihre Zeit mit ihren Büchern verbrachte, genoß sie die Abende, an denen er ihr eine Geschichte vorlas. Es war doch etwas anderes, als die Bücher selbst zu lesen. Es war etwas besonderes, und eine schöne Gelegenheit, zu der sie ihre Zeit mit ihm verbringen konnte. Sie liebte es, den Geschichten zu lauschen, wenn er sie mit seiner sanften Stimme vorlas. „Was für eine Geschichte liest du heute?“ fragte die Kleine neugierig.
      Jake nahm das neue Märchenbuch zur Hand, welches er von Madame Why für Danessa geschenkt bekommen hatte. Es hieß »Geschichten von Durham Castle«. Er setzte sich zu dem blonden Mädchen auf das Bett und blätterte im Inhaltsverzeichnis. Als er sich eine Geschichte ausgesucht hatte, schlug er die entsprechende Seite auf. „Die Geschichte heißt: »Die Scherbensonne«.“
      Das Mädchen rückte näher und schmiegte sich in die Arme ihres Vaters, um mit in das Buch sehen zu können. Auf einer Seite war ein schönes Bild von dem Schloß Durham, dessen weiße Türme in einen schillernden Regenbogen hineinragten.
      Jake legte den Arm um seine Tochter und begann zu lesen: „An einem weit entfernten Ort, jenseits des Regenbogens im Märchenland, liegt das Schloß Durham auf einem Berg. Majestätisch erheben sich die Türme in den Himmel und heißen wohlgesonnene Besucher willkommen. Am Hofe des Schlosses leben neben dem König und der Königin natürlich auch viele andere Leute. Und zu ihnen gehören auch Beatrice, das Küchenmädchen, und Felix, der Stalljunge. Und von diesen beiden handelt die folgende Geschichte…

      Es war ein wunderschöner Nachmittag, als Felix und Beatrice nach ein paar freien Stunden aus dem Wald zum Schloß zurückkehrten. Sie kannten sich bereits, seit sie Kinder waren, und waren seit je her unzertrennliche Freunde. Jeder im Schloß wußte um ihre tiefe Verbundenheit, auch jetzt noch, nach so vielen Jahren, als sie längst keine Kinder mehr waren. Und sie waren sich sicher, nichts und niemand konnte ihre Freundschaft jemals zerstören.
      Sie verbrachten jede Minute zusammen, mal im Dorf auf dem Markt, mal in den Wäldern oder am See, zu Fuß oder zu Pferde – je nachdem, wo es sie in der wenigen freien Zeit, die sie am Hofe zwischen ihrer Arbeit fanden, hinzog. Sie lachten miteinander, teilten Freude und Leid und waren stets füreinander da, und es gab nichts, worüber sie nicht miteinander reden konnten.
      Heute hatte es als Gesprächsthema nichts anderes gegeben als das Fest, das am Sonntag im Schloß stattfinden sollte. Königin Gwendolin und König Delwin feierten Hochzeitstag, und es waren viele adlige Herrschaften aus den umliegenden Königreichen eingeladen.
      „Diesmal hat sich die Königin etwas besonderes überlegt!“ erzählte Beatrice. „Es wird Glückskekse für jeden geben, mit einer schönen Botschaft darin.“
      „Und darfst du sie backen?“ erkundigte sich der junge Mann neugierig.
      Beatrice lachte. „Nein, das macht unser Bäckermeister. Aber vielleicht darf ich sie austeilen, mal sehen.“
      „Na, sicher wirst du das!“ war Felix sich sicher. „Dein Name bedeutet doch »Glücksbringer«!“
      „Ich glaube nicht, daß unser Küchenchef es daran festmachen wird.“ widersprach die junge Frau.
      „Naja, und wenn schon. Dann bringst du das Glück eben in Form von Braten, Gemüse und Sauce.“ frotzelte ihr Kamerad und brachte sie erneut zum lachen.
      Eine Weile sagte keiner ein Wort, jeder war in seine Gedanken versunken.
      „Zu schade, daß wir nichts von dem Fest haben werden.“ seufzte Beatrice, als sie langsam den Weg zum Schloß hochgingen. „Wir dürfen nur wieder arbeiten.“
      „Naja, du bist wenigstens im Schloß, und kannst die Herrschaften in ihren schönen Kleidern bewundern.“ setzte Felix dagegen. „Ich werde wohl gar nichts von dem Fest haben, wenn ich den Stalldienst mache.“
      Beatrice warf ihm einen Seitenblick zu. „Ich lasse mir etwas einfallen, damit du nicht ganz leer ausgehst. Versprochen.“
      „Das brauchst du nicht.“ besänftigte er sie. „Ich bin gerne bei den Pferden. Es macht mir nichts aus. Und immerhin darf ich die edlen Pferde versorgen!“
      Vor den Ställen angekommen blieben sie einen Moment stehen und verabschiedeten sich. Kurz darauf kehrte Beatrice in das Schloß und zu ihrer Arbeit in der Küche zurück, und Felix ging in den Stall, um seine Aufgaben zu verrichten. Bevor er jedoch mit seinem Werk begann, galt seine Aufmerksamkeit einem braunen Pferd in einer der hinteren Boxen.
      „Hattet ihr einen schönen Tag?“ fragte das Roß, als der junge Mann kameradschaftlich auf dessen Hals klopfte.
      „Na, sicher, Arias!“ erwiderte der Stallbursche.
      „Ihr paßt gut zusammen!“ war sich der Braune sicher.
      Felix stockte einen kurzen Moment. „Meinst du…?“
      „Du etwa nicht?“ Das Pferd lächelte gewinnend.
      Sein Kamerad warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. „Du machst mir Angst, wenn du mich so ansiehst.“ frotzelte er und begann mit seiner Arbeit.
      „Mich wundert es, daß ihr noch immer nur Freunde seid!“ erwähnte Arias. „Man sieht dir an, daß sie dir gefällt! Und so viel Zeit, wie ihr miteinander verbringt…“
      „Wenn ich dir eine Mohrrübe gebe, hältst du dann den Mund?“
      „Notgedrungenermaßen!“ gab Arias zu und ließ schon ein wenig durchblicken, daß die Mohrrübe eine etwas höhere Priorität genoß als seine Philosophien über das Liebesleben seines Freundes.

      Felix lächelte verschlagen und holte eine Mohrrübe aus der Tasche. Der Trick funktionierte immer!“
      Danessa lachte herzlich, während Jake eine Seite weiterschlug. „Ein sprechendes Pferd. Das ist cool!“
      „Ja, im Märchen ist alles möglich!“ Auf der nächsten Seite war auf einem kleineren Bild eine festlich gedeckte Tafel zu sehen, und Jake las weiter vor: „Schon bald war der große Tag gekommen, und alle im Schloß waren in heller Aufregung. Das Küchenpersonal hatte keine freie Minute, die Königsfamilie kam kaum nach, alle Gäste zu begrüßen und die Bediensteten huschten durch das ganze Schloß, um den Tag perfekt zu machen. Jeder war eingespannt und Teil des Trubels, jeder – außer Felix.

      Der junge Mann hatte seine Arbeit im Stall bereits verrichtet. Die Pferde der Gäste waren alle versorgt, und nicht einmal um die Kutschen brauchte er sich zu kümmern, da dies bereits der Stallmeister übernommen hatte. Gelangweilt hatte er sich auf eine der Kisten gesetzt. „Na, wunderbar, Arias. Was machen wir jetzt?“
      „Ich weiß nicht. Hast du ein Kartenspiel dabei?“ erkundigte sich das Pferd.
      Felix sah erstaunt auf. „Du kannst Karten spielen?“
      „Ich weiß nicht! Ich habe es ja noch nie probiert!“
      Der Brünette verdrehte die Augen und sparte sich darauf die Antwort. Er beschloß, noch ein bißchen aufzuräumen. So hatte er zumindest etwas zu tun, denn zum faulenzen war er viel zu aufgedreht. Als er sich zu dem Balken umwandte, der gerne als Ablagefläche für diverse Dinge genutzt wurde, stutzte er plötzlich. Verwundert nahm er das kleine, festlich zusammengebundene Tuch, das er vorher noch nie gesehen hatte, und öffnete es neugierig. Darin fand er einen Keks. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Beatrice hatte es nicht unterlassen können.
      Hinter ihm versuchte Arias, dem er gerade den Rücken zukehrte, einen Blick auf das zu erhaschen, was die Aufmerksamkeit seines Freundes erregte. „Was hast du da, Felix?“
      Sein Kamerad antwortete nicht, so war er in seine eigenen Gedanken versunken. Er brach den Keks entzwei und fand darin einen kleinen Zettel. Gedankenverloren las er die wenigen Worte: »Das Glück ist mit denen, die es nicht herausfordern.« Während er genüßlich den Keks kaute, steckte er den Zettel ein; zu mehr kam er jedoch nicht, als unvermittelt die Tür aufflog, und eine Wache des Schosses mit ernster Miene im Rahmen stand.
      Ihre Blicke trafen sich, dann fiel der Blick des Älteren auf das Tuch und die zweite Kekshälfte, die Felix noch immer in Händen hielt, und es schien, als würde sich die Luft im Stall merklich abkühlen. „Du warst es also!“
      „Was?“ entfuhr es Felix, noch mit vollem Mund. „Aber…“
      Eine Hand packte ihn fest an der Schulter. „Die Kekse waren abgezählt! Dank dir hat Prinz Kolja keinen bekommen!“
      „Aber, ich war es nicht! Ich wußte nicht…“ stammelte der Stallbursche verzweifelt.
      „Das kannst du dem König, und der Königin erzählen!“ Unsanft schob der Wächter ihn aus dem Stall heraus.
      Arias sah seinem unglücklichen Kameraden nach, seufzte tief und senkte den Kopf.
      Unterdessen ballte sich Wut in Felix zusammen. Beatrice mußte gewußt haben, daß die Kekse abgezählt gewesen waren! Und nun bekam er wegen ihr den ganzen Ärger! Nie war ihm etwas so unangenehm gewesen. Schon der Weg zum großen Saal war eine Qual, doch kein Vergleich mit dem, was ihn dort erwartete. Die ganze hohe Gesellschaft wandte ihre Aufmerksamkeit dem Jungen zu, als dieser in den Saal gestoßen wurde, und sein Blick traf den von Königin Gwendolin. Er hätte im Erdboden versinken mögen.
      „Wir haben den Schuldigen gefunden!“ erstattete die Wache Bericht. „Dieser Stallbursche war es, der den Keks entwendet hat!“
      Eine unangenehme Stille senkte sich herab, Blicke wurden unter den Gästen getauscht. Ein junger Prinz mit blondem Haar und in einem edlen roten Gewand räusperte sich und meldete sich zu Wort: „Bitte, mir ist der Keks nicht so wichtig. Erlaßt ihm die Strafe…“
      Von der Seite her zischte eine ältere Frau, die vermutlich seine Mutter war: „Schweig! Hier geht es um’s Prinzip! Schau es dir an und lerne!“
      Unangenehm berührt schwieg der Prinz und mied den Blick der anderen Anwesenden.
      „Sag‘, aus welchem Grund hast du den Keks genommen?“ fragte Gwendolin den Stallburschen sanft.
      „Ich habe ihn nicht genommen.“ erklärte Felix verzweifelt. „Ich komme doch nicht einmal in die Nähe der Küche! Wie hätte ich ihn nehmen sollen?“
      „Aber wie bist du dann in seinen Besitz gelangt?“
      Felix sah trotzig zu Boden. „Beatrice hat ihn für mich genommen, ohne daß ich davon wußte. Ich wußte wirklich nicht, daß sie es nicht durfte.“
      „Die Geschichte klingt glaubwürdig.“ ließ sich König Delwin mit ernster Miene vernehmen. „Die beiden verbindet eine enge Freundschaft, und Beatrice hat uneingeschränkten Zugang zur Küche.“
      „Dann ist es vielleicht an der Zeit, ihren Zugang ein wenig einzuschränken.“ überlegte Gwendolin. Sie konnte nicht verbergen, daß ihr die Entscheidung schwerfiel, denn eigentlich war sie eine sanftmütige Königin; doch sie wußte, daß sie um eine Maßregelung nicht herumkam – nicht unter diesen Voraussetzungen. „Bringt Beatrice zu uns, bitte.“
      Als das Küchenmädchen wenig später ahnungslos den Saal betrat, schaute Felix zu Boden und ignorierte ihre überraschte Miene.
      Die Königin atmete schwer durch, und so übernahm König Delwin die unschöne Aufgabe. „Beatrice, uns ist zu Ohren gekommen, daß du einen der Glückskekse entwendet hast.“
      Das Mädchen sah den König groß an. „Was? Ich habe keinen Keks genommen! Ganz sicher nicht, es wären doch gar nicht genug dagewesen!“
      „Das genau ist der Punkt!“ Der strenge Blick des Königs ließ das Küchenmädchen schaudern. „Prinz Kolja ging leer aus. Und wir haben den Keks gefunden. Felix hier hat uns bereits erzählt, wie der Keks zu ihm gelangt sein muß. Also, wenn du etwas dazu zu sagen hast, dann tu es jetzt.“
      Der Blick des Mädchens schnellte zu ihrem Freund, und der Ausdruck in ihren dunklen Augen hätte einen gestandenen Mann niederstrecken können. Sie straffte ihre Gestalt und erwiderte den Blick des Königs strikt. „Eure Hoheit, ich habe den Keks nicht genommen! Ich weiß nicht, wie er in den Besitz dieses… Stalljungen gelangt ist, aber es war nicht durch meine Hand!“
      „Gib es doch einfach zu.“ sagte Felix, ohne sie anzusehen. „Du sagtest, du willst etwas für mich tun, um mich an dem Fest teilhaben zu lassen. Und jetzt das. Es tut mir leid, Beatrice, aber ich möchte keine Freundin haben, die stiehlt.“
      Die junge Frau mit dem langen schwarzen Zopf stand wie paralysiert, und konnte die Tränen nicht aufhalten, die ihr in die Augen stiegen. Sie war unfähig etwas zu sagen.
      Felix blickte starr geradeaus. Er war viel zu entzaubert, um ihr jetzt noch in’s Gesicht sehen zu können. „Ich denke, du kannst jetzt gehen.“ sagte der Wächter hinter ihm.

      Und so zog sich Felix enttäuscht in den Stall zurück.“ Jake machte eine kleine stilistische Pause, als der nächste Absatz kam.
      Danessa nutzte die Gelegenheit, ihrem Frust Platz zu machen. „Mann, so viel Aufhebens wegen einem kleinen Keks!“
      „Naja, es geht hier um’s Prinzip.“ erklärte Jake. „Auch wenn es nur ein kleiner Keks war, es ist Diebstahl, wenn ihn einfach jemand nimmt, dem er nicht gehört. Und hier ist dadurch ja auch jemand leer ausgegangen.“
      „Ja, aber der Prinz hat doch selbst gesagt, daß es ihm nicht so wichtig ist! Muß deswegen so ein Theater gemacht werden? Okay, es war vielleicht nicht richtig, aber es hätte doch auch gereicht, wenn sie später bestraft wird, anstatt vor der ganzen Gesellschaft!“
      Jake konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „So ist das nun mal im Märchen, und vor allem im Schloß. – Schauen wir mal, wie es weitergeht!“ Er suchte den Anschluß und las weiter: „In Felix brodelte es, als er in den Stall zurückkam. Dies blieb auch Arias nicht verborgen, und so erzählte der junge Stallbursche, was sich im Schloß zugetragen hatte.

      „Nicht einmal zugeben konnte sie es, als man sie damit konfrontiert hat!“ Felix ballte die Hände zu Fäusten und wirkte, als suche er nach etwas, wo er gegentreten konnte.
      „Ähm…“ Arias räusperte sich. „Ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hat, aber… Den Keks hat vorhin der Stallmeister hier auf den Balken gelegt.“
      Felix erstarrte in der Bewegung und sah das Pferd entgeistert an. „Was? Aber… Wieso?“
      „Das weiß ich nicht! Ich unterhalte mich ja nicht mit jedem!“ erwiderte Arias trocken. „Er kam nur gut gelaunt pfeifend hier herein und legte das Tuchbündel dort auf den Balken.“
      „Und das sagst du mir erst jetzt?“ fuhr Felix auf.
      „Wann hätte ich es denn sonst tun sollen? Ich konnte ja nicht ahnen, daß du dich damit gleich in Schwierigkeiten bringen würdest, und als du es gefunden hast, war es auch schon zu spät!“ verteidigte sich der Braune.
      „Ich muß herausfinden, was es damit auf sich hat!“ Mit diesen Worten lief Felix aus dem Stall und sah sich auf dem Hof um. Er fand den Stallmeister mit einigen anderen Arbeitern vom Hof bei einem Glas Wein in einem der Schuppen, wo sie sich angeregt unterhalten.
      Als der Stallbursche in der Tür stand, sah der Ältere automatisch auf. „Was kann ich für dich tun, mein Junge?“
      Felix schluckte. „Wißt Ihr etwas über einen Glückskeks, der im Stall auf dem Balken lag?“
      „Oh, ja, den habe ich vorhin dort hingelegt. Er ist der Magd aus dem Korb gefallen, als sie die Kekse von der Küche zum Saal getragen hat. Ich muß ihn noch zurückbringen.“ Der Mann mit der Halbglatze stand schwerfällig auf. „Das mache ich lieber gleich, bevor er noch vermißt wird.“
      Felix senkte den Blick. „Das ist jetzt nicht mehr nötig. Beatrice hat schon ihre Strafe dafür erhalten.“
      Der Stallmeister hielt in der Bewegung inne, und auch wenn es vorher den Anschein gehabt hatte, daß er seine Sinne dank des Weins nicht mehr ganz beisammen hatte, so war er nun mit einem Schlag nüchtern. „Was sagst du da, mein Junge?“
      Und so erzählte Felix ein zweites Mal an diesem Tag die Geschichte, die sich im Schloß ereignet hatte.
      Der alte Mann fackelte nicht lange und machte sich sofort auf den Weg in’s Schloß.
      Felix sah ihm nach, und trat seinerseits den Rückweg zu seinem besten Freund an. Wenigstens eines beruhigte ihn; er wußte, daß das Personal am Schloß immer füreinander einstand, so daß sich diese Geschichte bald schon aufgeklärt haben, und Beatrice von ihrer Schuld befreit sein würde. Nun mußte er nur noch einen Weg finden, um sich bei ihr zu entschuldigen.
      „Da hat wohl jemand einen ziemlichen Schnellschuß hingelegt!“ kommentierte Arias, als Felix vor seiner Box auf und ablief.
      Der breitete verzweifelt die Arme aus. „Wie hätte ich das denn ahnen können?“
      „Du hättest es zumindest in Erwägung ziehen können! Es gab keine Beweise für Beatrices Schuld!“
      „Es ist jetzt zu spät, um über verschüttete Milch zu diskutieren. Wichtig ist nur, daß ich die Sache wieder geradeziehe.“ proklamierte der junge Mann. „Ich muß mir etwas so besonderes ausdenken, so daß sie gar nicht anders kann, als mir zu verzeihen!“ Er lehnte sich an die Stallwand und dachte angestrengt nach. „Wenn ich nur noch einmal so einen Keks bekommen könnte…“
      „Kekse backen kann doch jeder Bäcker im Ort!“ meinte Arias ungerührt.
      „Witzbold!“ schnappte Felix, doch dann hielt er inne. „Ja, das ist genial! Arias, das ist es! Ich danke dir mein Freund! – Jetzt muß ich aber los!“ Und damit war er schon aus dem Stall verschwunden.
      Arias sah ihm verwundert nach. „Was habe ich denn gesagt…?“ wunderte sich das Pferd.

      Es legte den Kopf schief und beschloß, abzuwarten. Vermutlich würde es bald erfahren, was seinen besten Freund umtrieb.“ Jake ließ eine Pause, in der die beiden das Bild von dem Pferd in seiner Box bewundern konnten, das seinen Kopf gedankenvoll zur Seite geneigt hatte.
      „Also, eins verstehe ich nicht!“ bemerkte Danessa, die aufmerksam der Geschichte lauschte.
      „Was denn?“ erkundigte sich Jake, und stellte sich schon auf eine Grundsatzdiskussion über die Bedeutung von Keksen ein.
      „Warum heißt die Geschichte »Die Scherbensonne«? Bislang kommen weder Scherben vor, noch eine Sonne! Die Geschichte müßte eher… »Das Glückskeksdesaster« heißen, oder so!“
      Jake lachte herzlich. „Die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende! Irgend einen Sinn wird der Titel schon machen!“
      Danessa hob die nächste Seite etwas an und lugte darunter. „So viel kommt aber gar nicht mehr!“
      „Na, dann schauen wir doch mal, wie die Geschichte ausgeht!“ schlug Jake vor. „Also: Felix hatte alles vorbereitet. Zu seiner Erleichterung hatte er tatsächlich einen Bäcker im Ort gefunden, der ihm einen kleinen Auftrag ausgeführt hatte. Er hatte alles ausgeschöpft, was er mit seinem wenigen Geld und in der knappen Zeit hatte möglich machen können. Nun hieß es, Beatrice in den Stall zu bekommen, wo sie eine Überraschung erwartete. Auch hierzu hatte er die Hilfe des Stallmeisters in Anspruch genommen, der das Küchenmädchen unter einem Vorwand in den Stall schickte.

      Als Beatrice den Stall betrat, fand sie in der Mitte einen kleinen, schön gedeckten Tisch vor. Auf ihm stand ein einzelner Teller, auf dem ein Keks lag. Sie ignorierte den Tisch und ging weiter, um das Halfter, das der Stallmeister ihr gegeben hatte, an seinen Platz zu hängen.
      Als sie auf dem Rückweg war, bemerkte sie die Worte, die auf die Tischdecke gemalt waren. Sie waren rund um den Teller geschrieben und mit Pfeilen in die Mitte direkt zu dem Keks versehen, und sie sagten: »Iß mich, Beatrice!« Sie wußte, von wem diese Aktion kam. Gerade wollte sie wieder an dem Tisch vorbei nach draußen gehen, als sich ihr Felix vor dem Eingang in den Weg stellte. „Geh‘ noch nicht, Bea. Da wartet ein Keks auf dich!“
      „Ich habe zu tun!“ erwiderte sie kurz angebunden und ohne jedes Lächeln.
      „Aber einen Augenblick wirst du doch sicher Zeit haben. Nur für einen Keks, bitte!“ flehte Felix sie an. „Vorher lasse ich dich nicht raus!“
      Beatrice überlegte. Sie wußte, daß sie ihm nichts entgegenzusetzen hatte, und so versuchte sie es mit Diplomatie anstatt um Hilfe zu schreien, sollte er seine Ankündigung ernst werden lassen. Wortlos ging sie zum Tisch zurück und nahm den Keks. Sie brach ihn entzwei, und wie sie es bereits vermutet hatte, war eine Nachricht eingebacken. Sie nahm den Zettel in die Hand und las: „Meine liebste Beatrice, es tut mir unendlich leid, was vorgefallen ist. Ich habe einen großen Fehler gemacht. Bitte verzeih mir. Du bist meine Sonne, und nichts darf uns mehr trennen. In Liebe, dein Felix.“ Noch während sie las, ließ der Stalljunge eine große, wunderschöne Sonne aus Glas an einer Schnur, welche über einen Balken geworfen war, über dem Tisch herab.
      Sie sah auf, doch anstatt Freude in ihren Augen zu sehen, war ihr Blick kalt. „Soll das ein Witz sein?“
      „Was?“ fragte der Stalljunge erschrocken.
      „Du hast mich des Stehlens beschuldigt!“ brachte sie es auf den Punkt.
      Felix spürte, wie ihm die Farbe aus den Wangen wich. „Aber… Der Stallmeister hat doch alles aufgeklärt, oder nicht?“
      „Was ändert das an den Tatsachen?“ Ihre Stimme war schneidend wie ein gut geschärftes Küchenmesser.
      „Bea, ich weiß, daß ich einen Fehler gemacht habe!“ wandte ihr Freund ein. „Drum stehe ich hier und entschuldige mich!“
      „Du hast mich des Stehlens beschuldigt!“ wiederholte Beatrice und betonte jedes Wort. „Vor der gesamten königlichen Familie und ihren Gästen, ohne mich auch nur einmal anzuhören oder mir zu vertrauen! Dieser Eindruck wird noch lange im Schloß währen, egal, ob die Sache richtiggestellt wurde oder nicht. Und das ist nicht einmal das schlimmste. Daß du mir das zutraust, schmerzt mehr, als hättest du mein Herz mit einem Schwert durchbohrt. – Du sagtest wortwörtlich: Du möchtest keine Freundin haben, die stiehlt. Ich sage: Ich möchte keinen Freund, der mir so etwas unterstellt!“
      Felix spürte, wie er zitterte. „Bea, ich habe meine Lehre daraus gezogen! Es war voreilig und sicher nicht richtig, aber in der Situation… Ich habe einfach nicht nachgedacht! So etwas wird mir nicht noch einmal passieren, das verspreche ich!“
      „Gut!“ Beatrice nickte, doch ehe der Stalljunge seiner Erleichterung freien Lauf lassen konnte, fügte sie an: „Dann kannst du es bei deiner nächsten Freundin erproben!“ Damit riß sie die Sonne aus ihrer Verankerung und zerschmiß sie auf dem Stallboden. „Und jetzt laß mich vorbei, bevor du dich noch wegen Freiheitsberaubung verantworten darfst!“
      Der junge Mann war so perplex, daß er nicht einmal reagieren konnte, als das Küchenmädchen an ihm vorbei den Stall verließ. Unter Schock stand er da und sah auf das, was von seiner Freundschaft mit Beatrice geblieben war. Er ging an die Stelle, wo die Sonne in tausende von Teilen zersprungen war. Wie in einer Trance kniete er sich über die Glassonne und hob eine große Scherbe davon auf. „Aber… Ich wollte es doch wieder gutmachen…“
      Arias, der die Szene aus seiner Box beobachtet hatte, sah seinen Freund mitleidig an. „Auch eine Entschuldigung kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Du hast sie tief verletzt. Und nicht immer kann man hinterher mit einem ‚Es tut mir leid‘ die Dinge wieder richten. Wichtiger ist es, sich vorher genau zu überlegen, was man tut.“
      Felix ließ die Scherbe sinken, den Tränen nah. Wenn er eine Lektion heute gelernt hatte, dann diese.

      Am Boden zerstört ließ sich der junge Mann auf einem Strohballen nieder und vergrub das Gesicht in den Händen. Eigentlich bedeutete auch sein Name »der Glückliche«, doch er hatte sich nie unglücklicher gefühlt als heute. Als er so dasaß, fiel ihm plötzlich der Zettel aus dem Glückskeks in die Hände, der auf so unsägliche Weise in seinen Besitz gekommen war. »Das Glück ist mit denen, die es nicht herausfordern.« Hätte er doch nur Zeit gehabt, diesen Rat auch zu beherzigen.“
      Eine Weile schauten Jake und Danessa auf das Bild am Ende der Geschichte, wo der junge Mann decouragiert auf dem Stallboden vor der Box seines Pferdes kniete, die Scherbe der Glassonne in der Hand. Dann schlug Jake das Buch zu.
      „Das ist aber ein ungewöhnliches Ende für ein Märchen.“ meinte Danessa betroffen.
      „Nicht alle Geschichten gehen immer gut aus.“ sagte Jake. „Es ist, wie Arias sagte: Man sollte sich immer gut überlegen, was man sagt, oder was man tut, besonders, bevor man jemand anderen verletzt, denn eine Entschuldigung ist nicht automatisch ein Heilmittel für alle Vergehen.“
      „Ja, gut, aber es war doch das erste Mal, das so etwas passiert ist.“ sinnierte das blonde Mädchen. „Hätte es da nicht ein Happy End geben können?“
      „Es kommt nicht darauf an, wie oft sich jemand etwas zu schulden kommen läßt.“ erklärte Jake sanft. „Es kommt darauf an, wie tief es den anderen trifft. Ich vermute mal, das ist es, was uns diese Geschichte lehren will: Niemand kann voraussetzen, daß mit einer Entschuldigung alles wieder gut wird, deswegen sollte man von vorneherein sorgsam miteinander umgehen.“ Der große Schlanke musterte seine Tochter genau, und er hatte das Gefühl, daß sie sich die Lehre tatsählich sehr zu Herzen nahm. Vielleicht war die Geschichte sogar weise gewählt gewesen, auch wenn er sie selbst noch nicht gekannt hatte.
      „Aber warum heißt die Geschichte »Die Scherbensonne«, und nicht »Das Glückskeksdesaster?“ beharrte Danessa.
      „Weil es in der Geschichte nicht um den Glückskeks geht, sondern um die Freundschaft, die zerbrochen ist. Die Sonne kommt zwar erst zum Schluß, aber sie ist ein Symbol für die Freundschaft, und das, was daraus hätte werden können, wenn die Dinge anders gelaufen wären.“
      Danessa sah nachdenklich drein, schien die Argumentation aber zu verstehen. „Meinst du, Beatrice kann Felix jemals verzeihen?“
      „Gib ihr Zeit!“ riet Jake. „Vielleicht schafft sie es, irgendwann. Wer weiß, vielleicht finden wir es in den nächsten Geschichten noch heraus!“
      Sein aufmunterndes Lächeln steckte auch Danessa an. Dann war Schlafenszeit, und während Jake das Buch in das Regal zurückstellte, machte das Mädchen es sich unter der Bettdecke gemütlich.
      Der hochgewachsene Blonde setzte sich zu ihr an den Bettrand und gab ihr einen Kuß. „Schlaf gut, Kleines!“
      „Du auch, Daddy!“ Sie wartete, bis ihr Vater an der Tür stand und das Licht löschte, dann kuschelte sie sich nachdenklich in ihr Kissen.
      Sachte schloß Jake die Tür zum Zimmer seiner Tochter.


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Die Vorgaben:

Allgemein:

● Ein sprechendes Tier muss in eurem Beitrag vorkommen und eine Erkenntnis für einen eurer Charaktere mit sich bringen. ✔
● Die Beziehung zwischen zwei Charakteren muss in die Brüche gehen. Dabei dürft ihr frei wählen, um welche Beziehung es sich handelt. Ob freundschaftlich, geschäftlich, eine Partnerschaft etc. ist euch überlassen. ✔
● Euer Beitrag muss mit exakt dem gleichen Satz enden, mit dem er angefangen hat und dieser Satz muss genau neun Wörter haben. Zitate, Songtexte, etc. sind nicht erlaubt.  ✔

Meine gesammelten Vorgaben:

Bei Nummer 1 muss einer eurer Charaktere einem anderen eine Geschichte erzählen. In dieser Geschichte muss es um eines der folgenden Themen gehen. Euch ist selbst überlassen, wie ihr das Thema interpretiert und wie ausführlich die Geschichte wird. Es muss aber erkennbar sein, dass es sich um eine Geschichte handelt. → »Die Scherbensonne«  ✔
Bei Nummer 2 muss eines der folgenden Dinge eine bedeutende Rolle in eurem Beitrag spielen. → »Glückskeks« ✔
Bei Nummer 3 muss einem eurer Charaktere eine der beschriebenen Situationen widerfahren. → »Der Charakter beschuldigt fälschlicherweise eine Person für etwas, das sie nicht getan hat und versucht sich später auf unkonventionelle Art zu entschuldigen. Die andere Person darf seine Entschuldigung nicht annehmen.« ✔
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