Millionen kleine Scherben

KurzgeschichteDrama, Angst / P6
Michael "Mick" Brisgau Tanja Haffner
06.08.2015
06.08.2015
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06.08.2015 1.083
 
Titel:  Millionen kleine Scherben
Autor: Cat
Timeline: Staffel 4
Kategorie: Tanja POV
Disclaimer: Mick Brisgau und Co. gehören mir nicht. Ich leihe sie mir nur mal kurz für ein bisschen Spaß aus und gebe sie ohne finanziellen Nutzen für mich wieder zurück. Versprochen!
Feedback: Give it to me, Baby!

Millionen kleine Scherben

So fühlt es sich also an, wenn ein Herz bricht.
Ich halte inne, höre tief in mich hinein, doch anstelle eines berstenden Geräuschs ist da nichts. Nur gespenstische, Angst einflößende Stille. Je angestrengter ich lausche, desto lauter rauscht das Blut durch meine Adern.  Unaufhörlich schlägt mein verräterisches Herz und pumpt Sauerstoff in die anderen Organe -  ungeachtet der erlittenen Zerstörung. Eine Kunst und ein Fluch zugleich. Vielleicht ist mein Herz wie ich und flüchtet sich ebenfalls  in die trügerische Illusion der Verdrängung.
<Das geschieht dir recht!>, zischte eine boshafte, innere Stimme. Eine Stimme, die ich viel zu lange ignoriert habe und jetzt nicht mehr mundtot machen kann. Ein gebrochenes Herz macht noch lange keinen gebrochenen Menschen, zumindest rede ich mir das vehement ein.
Es ist immer schwer, mit der ungeschönten Wahrheit konfrontiert zu werden, erst recht, wenn die Wahrheit derart schmerzlich ist. Alles in mir schreit nach Flucht und der Wunsch, einfach meine Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, ist übermächtig. Doch ich bleibe stehen, stumm, hilflos und bewegungsunfähig. So müssen sich Rehe fühlen, die sich in der nächtlichen Dunkelheit auf eine Fahrbahn verirrt haben und vor denen die grellen Lichter heranrasender Autoscheinwerfer auftauchen.  Doch es ist kein Licht, das mich blendet, sondern die Erkenntnis, dass mein eigenes Verhalten maßgeblich zu dieser Situation beigetragen hat. Und die Konsequenz daraus ist hart wie ein Aufprall und trifft mich mit einer Wucht, die mich taumeln lässt. Und genau wie das Reh verliere ich mich in meinem Tunnelblick, ohne Aussicht auf eine mögliche Rettung.
Die beiden geben ein schönes Paar ab, gestehe ich mir ein, und die Stimme stichelt: <Sie passt so viel besser zu ihm, schau sie dir nur an! Das hast du nun davon, warum musstest du sie auch in seine Arme treiben!?> Habe ich das? Zumindest habe ich sie nicht entmutigt.  Hätte ich das tun sollen? Und wenn ja, hätte es einen Unterschied gemacht? Dem Impuls, ihr meinen psychologischen Ratschlag zu verweigern oder sie schlicht anzulügen, habe ich nie nachgegeben und jetzt frage ich mich, ob das ein Fehler gewesen ist. Ein weiterer, der sich hinter eine lange und unüberschaubare Masse an Fehlern einreiht, die mir am Ende das Genick gebrochen haben.
Jetzt lächelt er sie an. Auf eine sanft verträumte Art, die beinahe physische Schmerzen bei mir auslöst. Wann hat er mich das letzte Mal so angelächelt? Hat er es je getan? Mein verkrüppeltes Herz zieht sich qualvoll zusammen und abermals bricht etwas tief in mir drin, zerspringt in Millionen kleine Scherben. Dann trifft sein Blick plötzlich den meinen und unzählige elektrische Geschosse entladen sich kribbelnd auf meiner Haut. Ein eiskalter Schauer jagt über meinen Rücken und ich muss abermals gegen den Drang ankämpfen, mein Heil in der Flucht zu suchen. Seine strahlend blauen Augen durchbohren mich förmlich und die Ausdrucksfülle dieses Blickkontakts lässt meine Beine butterweich werden. Die schiere Intensität macht mich schwindelig.
Würde ich ihn nicht so gut kennen, läge die Vermutung nahe, dass er mich provozieren will. Doch das ist nicht seine Intention. Sobald dieser Mann einer Sache seine Aufmerksamkeit schenkt, liegt sein gesamter, ungeteilter Fokus auf ihr. Und gerade, so fürchte ich, bin ich es, die in seinen Fokus gerückt ist. Ist es nicht das, was ich mir die letzten Monate gewünscht habe – seine Aufmerksamkeit zu erregen, mich wieder bemerkbar machen, zurück in sein Sichtfeld rücken? Manchmal werden Wünsche wahr, doch dieses Mal mit einem denkbar ungünstigen Ausgang.
Habe ich das Schicksal zu oft heraus gefordert? Bis zum heutigen Tag war tief in mir vergraben immer diese falsche Sicherheit gewesen, dass am Ende alles gut gehen würde. Und egal, wie oft es entweder für ihn oder für mich der falsche Zeitpunkt gewesen war, so habe ich im Grunde meines Herzens immer geglaubt, dass dieser Mann letztendlich mein Schicksal sein würde. Die innere Stimme bricht bei diesem Gedanken in hysterisches Gelächter aus. Mir ist eher nach Heulen zumute.
Als ich drohe, unter der Last seines Blickes zusammen zu brechen, wendet er sich ab. Und obwohl ich es mehr wie eine Erleichterung empfinden sollte, bohrt sich abermals ein schmerzhafter Stachel tief in mein Herz. Mir ist, als hätte ich ihn schon wieder verloren. Ein weiteres Mal – einmal zu viel.  Die Leidensfähigkeit eines Menschen ist enorm, doch in diesem Moment spüre ich, dass ich das Maximum erreicht habe.
Feuchtigkeit beginnt sich in meinen Augenwinkeln zu sammeln und ich beeile mich, diese hinfort zu blinzeln. Ich werde nicht weinen. Weder hier, noch jetzt! Mit stoischer Würde trete ich den Rückzug an, befehle mir nahezu, endlich von Mick und Stefanie Averdunk abzulassen, sie aus meinen Gedanken zu verbannen. Äußerlich ruhig und gelassen drehe ich mich auf dem Absatz um, während es innerlich nur so in mir zischt und brodelt, und renne geradewegs in Andreas Gringge hinein. Der junge Kommissar sieht mich überrascht an. Ein mit Mineralwasser gefüllte Glas entgleitet dabei seinen Händen und zerspringt laut klirrend zwischen uns auf dem Boden.
Erschrocken starre ich in die scherbengetränkte Lache unter uns. Gläserne Splitter haben sich überall verteilt und als ich einen vorsichtigen Schritt nach vorne mache, knirscht es leise protestierend unter meinen Schuhsolen.
„Oh Andreas, das tut mir leid“, entschuldige ich mich, schaffe es aber nicht, meinen Blick von den Scherben abzuwenden und Andreas stattdessen anzusehen. Ich komme nicht umhin, die Symbolik dieser Situation zu erkennen und dies auf mein schmerzendes und gebrochenes Herz zu übertragen.
„Halb so wild“, wiegelt Micks Partner ab. „Tanja, alles okay mit dir?“ Seine Stimme klingt besorgt. Halbherzig schüttele ich meinen Kopf und weiß nicht einmal, ob ich damit ja oder nein meine.
Nichts ist in Ordnung und die Angst, dass es für immer so bleiben wird, legt sich mit einem eisigen Würgegriff um mich. Wie ferngesteuert sinke ich auf die Knie und beginne, schweigend und mit bloßen Fingern die größten Scheiben einzusammeln. Fast schon warte ich auf den stechenden Schmerz eines Schnittes, doch meine Finger bleiben unverletzt.
„Ähm, ich hole besser einen Handfeger“, sagt Andreas und läuft in Richtung Küche davon.
Ich harr in meiner knienden Position aus und starre auf die scharfkantigen Scherben in meinen Händen und die feinen Splitter auf dem Boden.
Unwiederbringlich zerstört.
Zerbrochen in Millionen kleine Scherben. Wie mein Herz.

The End
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