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Odyssee eines Terminkalenders

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Alexy Armin Kim Lysander Viola
06.08.2015
12.11.2015
15
36.717
7
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.10.2015 2.930
 
Ich hoffe, ihr habt alle den Cliffhanger vom letzten Mal gut überstanden, und wünsche euch viel Spaß mit Kapitel 12!


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Kapitel 12: Die Wüste lebt


Ein wenig errötete Viola immer noch, wenn sie in die Schule kam. Obwohl es nun schon eine Woche her war, dass sie Platon geküsst hatte, waren die Erinnerungen immer noch sehr präsent. Seine nackte Haut unter ihren Fingern, seine weichen Lippen, die Wärme, die ihren Körper flutete, und seine verstörte, hochrote Miene, als sie ihn endlich losgelassen hatte. "I-ich hab's ja eben g-gesagt: Stille Wasser sind tief", hatte er gestammelt, plötzlich in der Defensive, völlig überwältigt und ausgeliefert. Viola hingegen ... Das Blatt hatte sich gewendet - oder eher: Sie hatte das Blatt gewendet. Sie hatte es getan, und nun war es Platon, der errötete, während seine Fassade bröckelte und vielleicht zum ersten Mal seit Jahren sein wahres Gesicht zeigte. Und sie - sie hatte es getan, sie hatte ihn zum Erröten gebracht, er war in ihren Händen dahingeschmolzen wie heißes Wachs.

Dieses sonderbare Hochgefühl hatte sie bis ins Klassenzimmer und bis Unterrichtsschluss begleitet. Platon hatte nach seinem kurzen Gestammel gar nichts mehr gesagt und die Röte aus seinem Gesicht kaum verbannen können. Ein Wunder, dass niemand in der Klasse Verdacht geschöpft hatte - auch nicht, als sie als Erklärung fürs Schwänzen tapfer vorlog, sie habe ihr Portemonnaie verloren und Platon habe ihr bei der Suche geholfen. Napoleone, Kim und Alexy hatten sich alle nur mit einem wohlwollenden Zwinkern begnügt, es aber wohl nur als eine kleine Annäherung von vielen abgetan, denn immerhin war es nicht das erste Mal gewesen, dass Viola alleine Zeit mit Platon verbrachte. Doch so harmlos der Schultag auch weitergegangen war, waren sie und Platon später, nach der Schule, - sie hatte nie herausgefunden, wie genau - knutschend auf einer Bank gelandet, gierig aneinandergeklebt bis hin zum Abend.

Und dann, genauso plötzlich und unerklärlich, die Wende zur Mehr-oder-weniger-Normalität: Die Frage von ihrem besorgten Vater, warum sie so spät nach Hause kam, die Erkenntnis, dass sie sich offenbar einen Freund angelacht hatte, und ein darauffolgendes Erröten samt gestammelter Ausrede, sie hätte noch spontan etwas für die Garten-AG gemacht, und einer panischen Flucht auf ihr Zimmer.

Als sie am nächsten Morgen Platon begegnete, hatten sich beide stumm angestarrt, als wüssten sie nicht, was sie miteinander anfangen sollten, und dabei sogar vergessen, sich zu grüßen. Alles sehr merkwürdig insgesamt. Wo war ihr Selbstvertrauen vom Tag zuvor geblieben? Und wo war es überhaupt hergekommen? Wieso? Hatte auch sie ihr wahres Gesicht gezeigt? Ein bisschen ungewohnt war es ja schon ... Und doch ... War es nicht ihr gutes Recht, auch mal ... Sie wollte ... Ja, was wollte sie eigentlich?

"Tjaah, was heißt das jetzt?", hatte Platon mit ungewohnt zittriger Stimme in der Pause gefragt.

"Was heißt was?", hatte sie erwidert, wohl wissend, was er gemeint hatte.

"Na das mit uns. Du weißt schon."

"Keine Ahnung."

"Hm ... Also ... Du hast mich schon ziemlich überrascht."

"Ich weiß."

"Und das ist deine einzige Antwort?!"

Sie hatte ihn fragend angeblickt.

"Also ein bisschen zynisch klingt das schon ..."

"Findest du? Tut mir leid. Ich bin wohl etwas ... verwirrt."

"Dito."

Stille.

"Sind wir also nun ein Paar oder sind wir es nicht?", hatte der dann etwas verkrampft, aber doch entschieden herausgepresst.

"Äääääääääääääääh ..."

"Na sag' schon."

"O-okay."

"Äh, gut. Dann - dann hätten wir das ... geklärt."

Ja, sie hatte sich einen Freund angelacht, und obwohl ihr Verstand sich weigerte, es wirklich zu begreifen, waren sie und Platon nach der Schule wieder auf besagter Bank gelandet, gierig aneinandergeklebt bis hin zum Abend.

Am nächsten Morgen ein zögerlicher Gruß voller Röte im Gesicht, eine etwas sonderbare Angst ihn anzufassen und trotzdem wieder wilde Knutscherei nach der Schule.

Wochenende. Ein paar kurze SMS, sehr viel Erröten und Grübeln, aber auch ein Gefühl, sich allmählich mit der neuen Situation abzufinden. Eigentlich hatte sie sich ein Zusammenkommen mit ihrem ersten Freund etwas anders vorgestellt. Weniger ... schizophren jedenfalls.

Vielleicht kam das Ganze ja daher, dass alles so schnell und unerwartet passiert war, überlegte sie. Plötzlich hatte sie einen Freund, den sie erst seit Kurzem kannte und der neuerdings die Fähigkeit besaß, eine völlig andere Viola aus ihr hervorzuholen, eine ziemlich ausgehungerte und ja, auch sehr ... eine, die wusste, was sie wollte.

Als sie nun am Montag durch das Schultor trat, hatte sie längst beschlossen, nicht mehr so zu erstarren, wenn sie ihm begegnete. Und vielleicht ihren Freundinnen davon erzählen, da es vielleicht helfen könnte, die neue Situation wirklich zu begreifen, wenn andere darüber redeten ... Oh, Napoleone würde im siebten Himmel schweben!

Sie war noch schwer damit beschäftigt zu überlegen, wie sie Napoleone, Kim und den anderen ihre Beziehung mit Platon am besten verkünden sollte, als die Entscheidung ihr prompt abgenommen wurde:

"Soweit ich weiß, ist das zwischen uns kein Geheimnis, oder?", sagte Platon, der sich plötzlich auf mysteriöse Weise vor ihr materialisiert hatte.

"Äh, nein, eigentlich nicht", quiekte sie leicht erschrocken.

"Dann sollten wir aufhören, uns wie kleine Kiddies aufzuführen", erklärte er bestimmt. "Guten Morgen, liebste Vio."

Und dann nahm er ihr Gesicht in die Hände und küsste sie mitten auf dem Schulhof.

"V-Vio?!", flüsterte sie, während sie gegen die Röte und das Wissen, dass sie vermutlich gerade von der halben Schule angestarrt wurden, ankämpfte.

"Wäre es dir lieber, wenn ich dich Busimusimausihasibärchen nennen würde?"

"Äh, nein."

"Dann sind wir uns ja einig."

Viola erwiderte sein Grinsen und wollte gerade erzählen, dass sie sich ebenfalls vorgenommen hatte, nicht mehr so schüchtern auf die Beziehung zu reagieren, als sie jäh von einem Tornado umgefegt wurde.

"Wie lange schon?!", brüllte Napoleone, als sie ihre Finger in Violas Kleid krallte und aussah, als wäre sie eben aus der Geschlossenen ausgebrochen.

Da Violas Stimme sich vor Schreck in den Untiefen ihrer Kehle verkrochen hatte, bewegte sie nur stumm den Mund.

"Seit letztem Mittwoch", antwortete Platon an ihrer Stelle. Er sah ein wenig blass aus, aber immerhin konnte er noch sprechen.

"Mittwoch?! Warum wusste ich nichts?"

"Tut - tut mir leid, Napoleone", fand Viola endlich ihre Sprache wieder. "Ich dachte, dass du ... Also nach der Sache mit dem Lehrerzimmer ... Dass du es mir überlassen hättest und ..."

"Nichts da! Ich will doch wissen, wenn meine süße, liebe Viola ihren ersten Freund hat! Und du!" Mit einem Mal ließ sie Viola los und fuchtelte mit ihrem Finger vor Platons Nase herum. "Du hast zwar meinen Segen, aber wenn du meine süße Viola enttäuschst, dann gibt's Tote!"

Platons linkes Auge war ungewohnt rund. Offenbar hatte er nichts von den geheimnisvollen Kräften geahnt, die in Napoleone frei wurden, wenn es um Viola ging.

"Also ich bin mir ja nicht sicher, ob Lysander mit dir durch Gitterstäbe kommunizieren möchte", erwiderte er mit einem nervösen Lächeln.

"Lysander? Wie kommst du auf Lysander?"

"Heißt das, ihr beiden seid nicht zusammen? Ich dachte ja nur, weil man euch so oft zusammen sieht ..."

Mit einem Schlag verwandelte sich Napoleone in ihr eigentliches Ich zurück und errötete. "Ich - äh - wir -"

"Ihr lasst euch wirklich viel Zeit!", stellte eine vierte, weißhaarige Person fest, die breit grinsend zu Napoleone getreten war.

"Wir -"

"Also wirklich, Napoleone!", schnaubte Rosalia. "Nimm dir mal ein Beispiel an Viola!"

"Ich ..."

Obwohl Napoleone eine enge Freundin war, konnte Viola einem Anflug von Schadenfreude nicht widerstehen. Ein Blick zu Platon verriet ihr, dass auch er über Rosalias Einmischung sehr erleichtert war. - Auch wenn die Situation ihm offenbar immer noch nicht ganz geheuer war.

"Ich lasse euch Mädels lieber alleine", raunte er ihr ins Ohr. "Ich habe zufällig noch eine Verlobung aufzulösen."

Als sie das Wort "Verlobung" hörte, machte ihr Magen erst einen Salto, doch dann begriff sie, was er meinte: Gerade kam Platons liebster Erzfeind Castiel durch das Schultor und musste natürlich gebührend empfangen werden. Mit einem Seufzen und Augenverdrehen wandte sie sich wieder den beiden Mädchen zu, die jetzt aus irgendeinem Grund über Unterwäsche redeten.

---

Die Pause begann, und kurze Zeit später war Platon wieder in sein Geheimversteck verschwunden. Obwohl ihre Beziehung nun allgemein bekannt war, verbrachten sie die Pause nicht zusammen, sondern Viola war allein den Blicken der ganzen Schule ausgeliefert. Die meisten schauten verdattert bis neugierig, andere beneidend und wiederum andere ein wenig mitleidvoll. Schließlich war Platons Geschichte immer noch ein großes Geheimnis ...

"... Und wenn du nun mit ihm zusammen bist, hast du bestimmt auch alles herausgefunden, oder?"

Plötzlich bemerkte sie, dass Napoleone schon seit Längerem in ihr Ohr quasselte, während Alexy daneben stand und die Ohren spitzte.

"Armin hat jedenfalls noch keinen guten Moment gefunden, um ihn auszufragen", fuhr Napoleone aufgeregt fort. "Deswegen erzähl. Warum hat er den anderen Jungen zusammengeschlagen?"

Einige Augenblicke lang starrte Viola sie an, als würde sie nicht verstehen, was ihre Freundin sagte, doch dann murmelte sie: "Wie ich schon damals vermutet habe: Der andere Junge hat ihm sehr wehgetan. Er hat versucht, sich selbst zu schützen."

Napoleone runzelte die Stirn und legte ihren Kopf auf die Seite. "Aha ... Und weiter? Was hat der andere Junge getan?"

"Ich glaube, Platon möchte nicht, dass ich darüber rede", erwiderte Viola.

"Das ist gemein!", grunze Napoleone und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Ich denke, gegen den Willen einer verliebten Viola kommst du nicht an, Kleine", grinste Kim, die eben hinzugetreten war und etwas müde aussah. Den Grund dafür erfuhren ihre Freunde, als sie prompt das Thema wechselte: "Peggy sucht dich, Viola. Sie hofft, jetzt endlich ein Interview zu bekommen. Wenigstens mit dir. Platon kann sie nämlich nicht finden."

"Du hast sie doch nicht mitgebracht?!", rief Viola errötend.

Kim lachte. "Natürlich nicht! Ich habe sie überredet zu warten, bis ich dir Bescheid gesagt habe. Du solltest selbst entscheiden, ob du ihr das Interview gibst. Aber uns wirst du doch bestimmt eins geben?"

"Wie meinst du das?"

"Na, wir wollen doch alle wissen, wie du mit Platon zusammengekommen bist!"

"Ich - äh ..." Viola musste sich zwar gestehen, dass sie sich bei all ihrer Schüchternheit in den letzten Wochen ein wenig verändert hatte, doch die Vorstellung, ganz ausführlich ihren ersten Kuss zu beschreiben, wollte ihr trotzdem nicht gefallen. Mit einem tiefen Ein- und Ausatmen schluckte sie ihren Stotteranfall herunter und sagte bestimmt: "Ich muss ihm immer noch seinen Kalender wiedergeben."

Diese Ausrede war elegant genug, um ihren viel zu neugierigen Freunden zu entkommen, doch sie stellte sie vor das Problem, dass sie wohl nun tatsächlich nach Platon suchen musste. Wenn sie hiernach zu ihren Freunden zurückkehrte und sich herausstellte, dass sie Platon den Kalender immer noch nicht wiedergegeben hatte, wäre es endgültig der Gipfel der Peinlichkeit. Also seufzte sie und verpasste ihrem Hirn einen imaginären Tritt in den Hintern, damit es endlich herausfand, wo Platon sich in jeder Pause versteckte. Da es nicht erlaubt war, die Schule vor Schulschluss zu verlassen, war er wahrscheinlich irgendwo auf dem Gelände. Gleichzeitig musste es ein Ort mit Steckdose sein, da er jede freie Minute an seinem Notebook verbrachte und sein Akku bestimmt keine Endloslaufzeit hatte. Er war also irgendwo im Gebäude, zumal man draußen auf dem Bildschirm meistens auch herzlich wenig erkennen konnte. Da niemand wusste, wo er sich versteckte, musste es ein Ort sein, den Schüler nur selten aufsuchten. Und wenn man das alles bedachte, dann konnte er nur an einem Ort sein: Schon selbst fast erstaunt über ihre Detektivleistung bog sie in Richtung Treppenhaus ab und öffnete sie Tür zum Keller.

Der Anblick, der sich ihren Augen bot, war irgendwo zwischen verstörend und putzig anzusiedeln: Inmitten der Kartons, Bretter, Eimer und was es im Keller nicht sonst noch gab stand ein alter Tisch, davor ein alter Stuhl und darauf wiederum saß Platon, der, betäubt durch ein Paar Kopfhörer, mehr oder weniger rhythmisch mit seiner linken Hand wedelte und einen eher unkomplizierten, zu seiner komplett abwesenden Gesangsqualität aber sehr unpassenden Refrain trällerte:

"Now I see the times they change
Leaving doesn't seem so strange
I am hoping I can find
Where to leave my hurt behind
All the shit I seem to take
All alone I seem to break
I have lived the best I can
Does this make me not a man?"

Während sein schiefer Gesang in ihren Gehörgängen herumsäbelte, überlegte sie, ob sie warten sollte, bis er sie bemerkte, oder zu ihm hingehen und seine Schulter antippen. Schüchternheit hin oder her - er war ihr Freund, und sie hatte sich vorgenommen, sich nicht mehr so zurückzuhalten; also entschied sie sich für das Letztere.

Kaum hatte ihr Finger seine Schulter berührt, schoss er hoch, sodass der Stecker der Kopfhörer aus seiner Büchse herausgerissen wurde und das Lied laut durch den Keller hallte.

"Du bist das?!", keuchte Platon, während er sie mit einem weit aufgerissenen Auge anstarrte und eine Hand auf seine Brust drückte. "Hast du mich erschreckt! Tu das nie wieder, hörst du? Sonst kriege ich noch einen Herzinfarkt ..."

"T-tut mir leid ...", errötete Viola, stammelte jedoch entschieden weiter: "Ich - ähm - ich wollte ..."

Seine Miene entspannte sich und er lächelte: "Ich weiß schon. Du wolltest mich nicht erschrecken. Ist aber auch irgendwie meine eigene Schuld. Ich war wohl zu sehr mit dem Forumskram beschäftigt."

Es war irgendwie nicht das erste Mal, dass Platon so beschäftigt mit etwas war, dass er nicht mehr wahrnahm, was um ihn herum passierte. Dieser Eigenschaft verdankten sie schließlich auch ihr Kennenlernen - damals, vor scheinbar so langer Zeit, als sie auf dem Flur zusammengestoßen waren.

"Das meinte ich nicht", sagte Viola, deren Wangen immer noch rosig waren, doch aus irgendeinem Grund wechselte sie prompt das Thema: "Forumskram?"

Platon stutzte. "Habe ich dir das noch nicht erzählt? Ich war die letzten Wochen doch deswegen so beschäftigt, weil ich für die Webseite und das Fanforum von der Band meiner Freunde verantwortlich bin und wir eben einen Serverumzug, Layoutänderung und überhaupt eine komplette Umstrukturierung gemacht haben. Mittlerweile sind auch die meisten Bugs behoben, und sobald die letzten Idioten kapiert haben, dass man zum Ändern seines Profils - dreimal darfst du raten - 'Profil' anklicken muss, kann ich endlich mein Versprechen einlösen und dich auf ein Eis ausführen. Das wird allmählich wirklich peinlich von meiner Seite ..."

"Ich ähm ..." Nun war auch das Hintertürchen mit dem Forumskram weg. Also holte sie tief Luft und ... "Mir ist auch etwas peinlich. Ich ... muss dir immer noch deinen Kalender wiedergeben."

"Meinen ..?", murmelte Platon, doch seine Miene hellte sich sofort auf, als sie ihm das Büchlein reichte. "Du hast ihn gefunden? Ich dachte, der wäre jetzt endgültig weg! Danke!"

Viola schluckte. "Also ... eigentlich hatte ich ihn von Anfang an ..." Obwohl sie nicht vorgehabt hatte, die ganze Wahrheit zu sagen, sah sich von seinem verwirrten Blick quasi gezwungen: "Damals, als wir zusammengestoßen sind. Du hast ihn auf dem Boden liegen gelassen, und ich habe mich nicht getraut, am Lehrerzimmer zu klopfen und ihn dir gleich wiederzugeben. Am nächsten Tag und am Tag danach und ... Ich habe mich einfach nicht getraut. Und dann wurde es mir peinlich, dass ich es nicht schaffte, und ich traute mich noch weniger ..." Ihr Herz pochte, sie errötete wieder und machte sich auf das Schlimmste gefasst. "Ziemlich blöd, nicht wahr?"

Abgesehen von dem Mund, der sich leicht öffnete, blieb Platons Gesicht reglos, und so starrte er sie eine quälende Ewigkeit lang an, bis er plötzlich mit einer schwungvollen Handbewegung seinen Laptop zuklappte und laut verkündete: "Scheiß' aufs Forum!"

Wie gebannt sah Viola zu, wie er den Laptop mitsamt Zubehör in seiner Tasche vertraute, sich vor ihr aufrichtete und sie abschätzend musterte. Würde jetzt die Strafe kommen?

Ja, die Strafe. Sie kam, als Platon sich bückte und ihre Füße sich im nächsten Moment vom Boden lösten; als Platon ihren spitzen Schrei ignorierte, mit dem Fuß die Kellertür aufstieß und Viola, die wie ein Mehlsack über seiner rechten Schulter hing, durch den Flur schleppte, die Hand sehr unziemlich auf ihrem Hintern.

"Sag mal, ernährst du dich richtig? Du bist leichter als ich dachte ...", kommentierte er, während sich unzählige Blicke auf ihn und Viola richteten.

"Platon, bitte lass mich ..." Ihre Stimme versagte. Das war dann doch zu viel ... Erst hatten alle sie beim Küssen gesehen, und nun das hier! Zum Glück ... Ja, vielleicht war es diesmal ihr Glück, dass eine ganz gewisse Freundin in der Nähe war.

"Napoleone!", presste sie verzweifelt hervor und streckte ihre Hand aus.

Doch von Napoleone kam nur eine sehr verstörte Reaktion: "P-Platon! Was tust du da?"

"Ich entführe Viola, sieht man das nicht?", gluckste dieser.

Zu Violas Entsetzen trat statt dem erwarteten Beschützerinstinkt etwas Diabolisches in Napoleones Gesicht.

"Ja! Los! Und kommt nicht allzu bald wieder!", rief sie.

Neben Napoleone standen ihre anderen Freunde und winkten ihr vergnügt zu. Als Platon nun auch die Tür des Schulgebäudes aufstieß, entwich Viola ein letzter, schwacher Hilferuf: "Napoleone! Kim! Alexyyyyy!"


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Fortsetzung folgt ...

Hinweis: Das Lied, das Platon in diesem Kapitel singt (oder es zumindest versucht), ist Alone I Break von KoЯn (vom Album Untouchables).
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