Michelle und Tony

KurzgeschichteRomanze, Thriller / P18
04.08.2015
04.08.2015
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Hallo und vielen Dank, dass ihr euch hier auf die Seite meiner Geschichte verirrt habt.

Zuallererst möchte ich noch einmal betonen, dass ich mit dieser Fanfiktion natürlich kein Geld verdiene und  dass die Basis dieser Geschichte, die Idee und die Storyline von den Produzenten und allen Mitwirkenden der amerikanischen Serie 24 stammt und ich nur aus Spaß ein bisschen daran herum gebastelt habe.

Die Charaktere, sowie die Schauspieler, welche diese Charaktere ins Leben bringen, gehören natürlich ebenso sich selbst.



Noch kurz: Die Story basiert auf der dritten Staffel. Es geht hauptsächlich um Michelle, deren Testergebnis, bezüglich des Virus, in der Serie ja bekanntlich negativ war. In dieser Kurzgeschichte spielt sich das etwas anders ab und Michelle ist infiziert.



Also vielen Dank fürs Lesen jetzt schon mal und viel Spaß…







   24- Season  Three: Michelle Dessler- Almaider

Alternative Ending



Die Angst, die Michelle durchströmte, war nicht mit bloßen Worten zu beschreiben, ebenso die Ungewissheit, die sie Dinge wahrnehmen und falsch interpretieren ließ. Andauernd prüfte sie, ob sich  das Blut bereits in ihrer Nase sammelte und jedes Staubkörnchen, welches eben diese zum Kitzeln brachte, löste eine eigene kleine Panikattacke aus. Ihre zitternde Hand fuhr innerhalb schnellen Zeitabschnitten hinauf und immer wieder durfte sie vor Erleichterung aufatmen. Aber wie lange noch?

Die zaghafte und doch so starke Hoffnung auf eine Überlebenschance war wie ein hauchdünner Strohhalm, an den sie sich klammerte, um nicht in ihren Emotionen und der Endgültigkeit sterben zu müssen, zu ertrinken.

Sie wusste, dass es so gut wie sicher war, dass auch ihr Körper das Virus annahm und sie einen schrecklich qualvollen Tod sterben musste, obwohl sie so jung war. Ebenso wusste sie, dass es ihr von Anfang an klar gewesen sein hätte müssen, als sie anfing als Bundesagentin für die USA zu arbeiten, um den Tod ihrer Familie zu rächen, welche durch die Hand von Terroristen ihr Leben gewaltsam verloren hatten. Und nun stand sie hier und würde mit größter Wahrscheinlichkeit ebenso an einem Terroranschlag sterben. Die Ironie dieser Situation war geradezu lächerlich. Damals war sie voller Hass gewesen und so darauf aus ihre Familie zu rächen.
Sie hatte sich in die Arbeit gestürzt, ermittelt, getötet, Todesängste ausgestanden und triumphiert, bis sie Tony kennenlernte.

Tony.

Michelles Augen brannten, als hätte sie eine scharfe Substanz hineinbekommen. Sie hätte seine Befehle abwarten müssen, dann könnte sie jetzt gesund in seinen Armen liegen und seine warmen Küsse genießen.

Wieso musste sie ausgerechnet heute die Heldin spielen? Wieso waren ihre Kollegen mitgekommen und würden wahrscheinlich ebenso sterben? Wieso war Daiell, ihr treuer bester Freund, der erste gewesen, der Stunden extremen Blutungen und Schmerzen ausgesetzt war, bis er endlich erlöst wurde, während zu Hause seine Frau und drei Kinder freudig auf ihren Mann und Daddy warteten? Wieso war das Virus so schnell ausgebrochen? Wieso war sie nicht eine Sekunde früher in das Hotel gestürmt? Die wertvolle Sekunde, die allen Menschen hier vielleicht das Leben hätte retten können.

`Weil sie Angst hatte`, flüsterte eine leise und doch so laute Stimme in ihr, `weil die Angst sie hatte zögern lassen`.

Michelles Gedanken wirbelten herum, ohne dass sie zu einem bestimmten Ergebnis kam und ständig überprüfte sie ihre Nase oder hielt panisch nach anderen ersten Symptomen Ausschau.

Bald müsste ohnehin der Test kommen und sie wusste nicht was sie schlimmer finden sollte: Die Ungewissheit, welche sich mit einem mickrigen Rest an Hoffnung mischte oder das Wissen zu sterben.

Die Schreie der infizierten Gäste in diesem Hotel, welche stark aus Mund und Nase bluteten, sich weigerten zu glauben, dass die ersten Symptome den sicheren Tod bedeuteten, die Kinder, die erschrocken ihr Blut oder das ihrer Eltern betrachteten oder die Menschen, die ihr Schicksal akzeptiert hatten und mit den Selbstmordkapseln für Agenten in einen süßen und endgültigen Schlaf glitten, zerrten an Michelles Nerven und sendeten kleine Stromwellen durch sie.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Sunny Miller, von der Gesundheitsbehörde kam mit Schutzanzug und dem Umschlag ihres Testergebnises in das Zimmer. Michelles Herz setzte aus. Wie sehr wünschte sie sich Tony herbei, der sie beschützen würde, der sie halten und ihr Kraft geben könnte.

Aber er war nicht da und er würde auch nicht kommen können.

Sunny erhob ihre Stimme, während Michelles Augen starr auf den Brief gerichtet waren.

„Michelle, wir kennen uns jetzt seit acht Jahren. Ich möchte dir dein Testergebnis gerne persönlich sagen.“

Michelle schluckte, ihr Herz klopfte wie ein lautes Uhrwerk und die Angst ließ sie erzittern, aber sie nickte, sie wollte es endlich hinter sich haben, endlich Gewissheit besitzen.

„Es tut mir leid, Liebes. Du bist infiziert!“

Du. Bist. Infiziert.

Die Wörter bildeten sich in Michelles Gedanken und lösten sich wieder auf, verpufften wie Seifenblasen im Wind. Die Hoffnung, die trotz Zweifel zu groß für sie gewesen war, stürzte wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Michelle presste sich die Hand auf den Mund, um ein hysterisches Aufkeuchen zu unterdrücken. Vergebens.

Das war es also, ihr Ende.

Früher, kurz nach dem unbezahlbaren Verlust  ihrer Familie, hatte sie sich oft gewünscht zu sterben, ihren Eltern und ihrem Bruder zu folgen und den Schmerz zu vergessen, doch zu diesem Zeitpunkt gab es Tony noch nicht. Michelles schweres Keuchen verwandelte sich in ein verzweifeltes Schluchzen, obwohl sie sich zusammenreißen wollte, obwohl sie stark bleiben wollte, wie sie es sich am Grab ihrer Familie geschworen hatte.

Sie fühlte sich, als hätte man sie zu lange in eiskaltes Wasser getaucht, panisch schnappte sie nach Luft, während sie die Wand herab rutschte und sich ihre Hände in ihren wilden Locken vergruben. Sie spürte Sunnys Fingerspitzen, die ihr beruhigend über den Rücken strichen und hörte die Worte, die sie sagte, die sich durch den Schutzanzug seltsam verzerrt anhörten und die sie nicht auffassen konnte, egal wie sehr sie sich bemühte.

Michelle wusste, dass jeder Einsatz den Tod bringen konnte, doch tausendmal lieber hätte sie sich erschießen lassen, als zu wissen, dass der Tod bald, langsam und brutal qualvoll kommen würde.

Dennoch entschlossen wischte sie sich über die Augen und räusperte sich. Es wurde Zeit, dass die starke Michelle, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, die mit Würde und Stolz in den Tod gehen würde, wieder ans Licht trat. Sie wich Sunnys mitleidigem Blick aus und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer, die sie im Traum aufsagen hätte können. Mit zitternden Händen. Mal wieder.

„Michelle?“, hektisch erklang Tonys Stimme an ihrem Ohr. „Ist der Test da?“

Michelle öffnete ihren Mund, fuhr sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen, räusperte sich, wollte ihm alles erzählen, all die Sorgen, Zweifel und ihre wahnsinnige Angst. Bei ihm musste sie nicht die Starke spielen, bei ihm konnte sie die zerbrochene Michelle sein, die durch ihn wieder zu leben anfangen hatte können.

„Michelle?“; Tonys Stimme hörte sich unsicher an und sie konnte seine Angst heraushören.

„Tony.“ Mehr kam nicht über ihre Lippen. In diesem kleinen Wort lag ihre ganze Liebe zu ihm und ihr Schicksal.

„Nein. Nein!“, heiser flüsterte Tony dieses so aussagekräftige Wort, welches jedes Kleinkind beherrschte. Sie konnte seinen Schmerz spüren, es zerriss ihr Herz in tausend kleine Fetzen, die alle brannten und stachen, als wären sie in Feuer getränkt.

„Es tut mir leid.“, Michelle spürte wie ihre Augen erneut anfingen zu brennen und  biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmecken konnte.

„Nein, bitte nicht. Sie haben deinen Bluttest vertauscht, ganz sicher. Du hast doch noch keine Symptome, oder? Vielleicht ist das alles ein großes Missverständnis! Bitte Michelle, das kannst du mir nicht antun. Du bist alles was ich habe, mein Herz, mein Leben, du kannst nicht einfach so gehen. Verdammt, Michelle!“, die Verzweiflung brach über ihn herein und seine tränenerstickte Stimme jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken. Tony hatte viel gesehen, viel durchgemacht, er war schließlich nicht umsonst Special Agent und Leiter der Antiterrorbehörde Los Angeles, aber noch nie hatte er derart die Fassung verloren, oder sogar geweint.

„Ich…es…Tony, was soll ich machen?“, Michelle hasste sich für ihre hilflose Frage, sie musste jetzt ihn unterstützen und nicht selbst schon wieder zusammenbrechen. Aber auch Tony hatte sich gefasst.

„Michelle? Ich komme so schnell ich kann, bitte halte durch.“

Eine Welle der Erleichterung floss durch ihren Körper, er würde sie in den Armen halten, wenn auch nur im Schutzanzug und sie beschützen. Aber es war auch klar, dass es ein Abschied sein würde. Ein Abschied für immer.

Zittrig holte sie Luft.

„Beeil dich, es kann jeden Moment losgehen!“



Trotz des Wissens, dass sie den heutigen Tag nicht mehr überleben würde, stürzte sich Michelle in die Arbeit, die sie von dem konterminierten Hotel aus erledigen konnte und verweigerte jeglichen negativen Gedanken. Alles würde sie daran setzen diese durchgedrehten Terroristen, die ganz Amerika mit einem tödlichen Virus verseuchen wollten, zu finden.

Michelle arbeitete, telefonierte und tat alles um irgendwie beschäftigt zu sein. Aber es war als wäre es nur ihr Körper der handelte, ihr Inneres war wie festgefroren. Nichts bewegte sich, kein Gefühl kam in ihrem Herzen an und kein Lächeln, welches sie schenkte, war echt. Es war, als wäre sie vollkommen leer, als wäre ihre Seele bereits gestorben. Sie tat als bemerke sie die mitfühlenden Blicke von Sunny nicht, die diese immer wieder auf sie warf, aber in Wahrheit konnte sie sie  spüren, wie Nadelstiche, die sich in ihre Haut bohrten. Und eine plötzliche, heiße Wut durchfuhr die Leere ihres Körpers. Sie wollte kein Mitleid von Sunny und von den sorgenvollen Blicken wurde ihr schlecht.

Erschrocken über sich selbst und die plötzliche Wut, riss sie sich schnell zusammen und sperrte all ihre Gefühle wieder in ihr Innerstes, in welches nur eine Person vordringen konnte.

„Mrs. Almeider, Ihr Mann ist soeben eingetroffen. Sunny Miller meinte, ich solle Sie in einen separaten Raum führen, in welchem Sie völlig ungestört sind.“, ein kleiner, beleibter Mann sah sie nervös durch die Sichtmöglichkeit in dem Schutzanzug an. Dankend nickte sie ihm zu, erhob sich wackeligen Schrittes von ihrem Platz und folgte dem Mann starr und langsam.

Es war als würde sich alles drehen. Der Mann, den sie mehr als alles andere auf der Welt liebte, war gekommen um sie zu sehen. Ein letztes Mal.

Als würde sie neben einer offenen Feuerstelle stehen, fühlte Michelle die plötzliche Hitze in sich aufsteigen, sie spürte die zarten Schweißperlen, die ihr, wie aus dem Nichts aufgetaucht, die Stirn und Wangen hinab rollten und konnte die Flammen, die in ihrem infizierten Körper tobten, beinahe sehen. Verwirrt schüttelte sie den Kopf, nur um sich schwindelnd an der Wand abzustützen, da die ganze Welt angefangen hatte sich zu drehen und zu schwanken, wie in einem Kettenkarusell, welches sie früher heiß und innig geliebt hatte. Noch einmal sehnte sie sich nach weit oben, über den Köpfen der Menschen ihre Runden zu drehen, begleitet von der typischen Jahrmarktsmusik und dieser unendliche Freiheit und Unabhängigkeit, die man dort oben in der Luft, fern von Gewalt und Leid, verspürte.

„Mrs? Ist Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt holen?“, die Stimme, des Mannes, der sie zum letzten Mal zu Tony führen sollte, holte sie zurück in das `Hier und Jetzt` und sie starrte ihn überfordert und mit glasigen Blick an. Das waren sie also, die ersten Symptome eines erzwungenen Kampfes, den sie  nicht gewinnen konnte.

„Ich…ja natürlich, alles in Ordnung. Lassen Sie uns gehen.“, so schnell der Schwindel und die aufsteigende Hitze gekommen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden und Michelle atmete erleichtert auf. Sie wollte keinesfalls, dass Tony sie so zu Gesicht bekam.

Nach etwa hundert Metern, kamen Michelle und ihr Begleiter an eine, etwas abseits gelegene Türe. Sie hielt den Atem an. Dort drinnen würde er sein und sie würde ihn das letzte Mal sehen, spüren und mit ihm sprechen können. Wie in Trance starrte sie das edle Holz  der Hoteltüre an, welche nach dreimaligem Klopfen, leise quietschend aufschwang und wurde nach einem erstickten Ruf ihres Namens, erneut in die Realität gerissen.

Sie konnte nicht so schnell schauen, da lag sie in den Armen ihrer wahrhaftigen und einzigartig großen Liebe und wieder einmal drängten sich mehrere Schluchzer ihre Kehle empor. Sie spürte seine warme und feste Umarmung, die sie immer wieder, über viele Jahre hinweg ermutigt hatte nicht aufzugeben, weiter zu kämpfen, für die Zukunft zu leben.

Doch nach heute würde es keine Zukunft mehr geben!

Erst nach und nach realisierte sie, dass auch er in einem durchdringend weißen Schutzanzug steckte und sie nirgendwo mit seiner bloßen Haut berührte. Obwohl ihr Ein und Alles hinter diesem weißen Ungeheuer steckte, kam es Michelle vor, als wäre es eine undurchdringbare Mauer oder ein Fenster mit nicht zu öffnenden Gittern, das dort zwischen ihnen verankert war.

Sie schämte sich für ihren egoistischen Wunsch ihn auf den Mund zu küssen, seine weiche Haut ein letztes Mal auf ihrer zu spüren und kam nicht umher den Schutzanzug, der eine unsichtbare Linie zwischen ihnen zog, zu verfluchen. Im gleichen Atemzug wandte sich ihre Wut gegen sich selber. Wie konnte sie so etwas denken?!? Er war in Sicherheit und gesund, das war alles was zählte.

„Mrs. und Mr. Almeider, es tut mir leid das sagen zu müssen, aber sobald erste schlimmere Anzeichen der Infizierung auftreten, habe ich die Anweisung, Michelle Almeider umgehend zu Sunny Miller und einer anwesenden Ärztin zu bringen.“, eiskalt lief es Michelle den Nacken hinab. Noch immer hatte sie sich nicht an den Gedanken gewöhnt, dass es jederzeit losgehen konnte.

Ihr Blick fiel auf Tony, der mit fest zusammengepressten Kiefer und wütend, verzweifelnd funkelnden Augen den Mann anstarrte und zum Protestieren ansetzte. Doch sie unterbrach sein Vorhaben, indem sie ihrem Begleiter verstehend zunickte und Tony in die Augen sah.

Sie hatte es live und in Farbe mitbekommen, was für unglaubliche Schmerzen die Opfer des Terroranschlages hatten und welche Bilder des Horrors sie, aus Nase und Mund blutend, abgaben. Unter keinen Umständen würde sie zulassen, dass Tony sie so sah. Ihr Tod würde ihn ohnehin zerstören.

„Tony, wir haben nicht viel Zeit. Ich möchte, dass du weißt, dass die letzten Jahre mit dir, die schönsten meines Lebens waren und ich  möchte, dass du mich immer in deinem Herzen weiter trägst. Trauere um mich, das ist in Ordnung, aber bitte fange wieder an zu leben. Ganz egal was du machst, bitte stell nichts Dummes an, setz nicht auch noch dein Leben aufs Spiel, wenn ich meines schon verloren habe und vergiss mich nicht. Ich schwöre dir, auch wenn ich weg bin, werde ich immer bei dir sein, auch wenn du mich nicht siehst. Ich werde für immer hier bleiben.“, sie nahm seine, vom Stoff des Schutzanzug überzogene, Hand und platzierte sie zusammen mit der Ihren auf der Stelle seines Herzens.

Ein dicker Tränenschleier verdeckte ihr die Sicht und doch konnte sie die Tränen von Tony erblicken, die unter seinem Blickfenster herabkullerten.

„Michelle, ich liebe dich. Mehr als alles andere auf dieser Welt. Und ich werde diesen Wahnsinnigen finden, der dir das angetan hat und er wird dafür bezahlen!“

Schluchzend presste Michelle ihr Gesicht in seine Schulter. Wieder war ihr schwindelig und sie wusste, dass ihre Zeit ablief, aber sie wollte nicht weg von ihm und hatte das unbändige Verlangen sich an ihn zu klammern und zu weinen, wie ein Kleinkind, welches beim ersten Kindergartentag von seinen Eltern getrennt wurde.

„Ich liebe dich auch. Für immer. Und ich werde auf dich warten. Auf der anderen Seite.“

„ Ich werde nachkommen. Versprochen.“

Und plötzlich spürte sie, wie Tony sich versteifte und mit entsetzten Blick auf ihr Gesicht sah. Unentwegt sah sie ihm in die Augen und konnte seine Angst und Verzweiflung förmlich sehen. Im selben Moment spürte sie etwas Warmes ihre Nase hinunterlaufen und fasste panisch zu eben jener Stelle.

Langsam und wie in Zeitlupe ließ sie die Hand sinken und schon bevor sie einen Blick darauf erhaschte, wusste sie was sie zu sehen bekommen sollte. Blut. Harmlos und funkelnd rot glitzerte es auf ihrer Hand und es war ihr, als verspottete es sie.

Ihr Herz machte einen schwerfälligen Satz und sie hob den Blick noch einmal, während mehr Blut ihre Nase heraus strömte, versuchte sich jedes Detail seines Gesichtes einzuprägen. Von der geschwungenen Nase, zu seinem wuschelig schwarzen Haar, seiner bräunlichen Haut, von der sie wusste, dass sie samtweich war, hinab zu seinen roten Lippen, bis hin zu seinen wunderbaren schokoladenbraunen Augen, aus welchen unentwegt kleine, salzige Tränen liefen.

„Leb wohl! Ich liebe dich!“, heiser brachte Michelle diese Wörter über ihre Lippen, bis sie sich, mit beiden Händen auf ihrer blutenden Nase, umwandte und die Tür geöffnet bekam. Mit beklommenen und angstvollen Blick wurde sie empfangen und am Ellbogen gefasst, um ihr etwas Halt zu geben. Ohne sich noch einmal umzusehen, schritt sie voran, während Blut aus ihr heraus sprudelte, der Schwindel schlimmer als zuvor zurückgekehrt war und ein hässlicher Schmerz in ihrem Oberkörper zu pochen begann. Sie hörte Tony verzweifelt ihren Namen schreien und als sie schließlich doch einen Blick über ihre Schulter wagte, sah sie Sicherheitspersonal, das ihn schwerfällig in Schach hielt und ihn daran hinderte, ihr hinterher zu laufen.

Die Schmerzen in ihrem Körper wurden immer schlimmer, es fühlte sich an, als würde sie von innen nach außen verbrennen, während man ihr noch gefühlte hundert spitze Messer in den Körper stach. Stöhnend versuchte sie den Blutfluss irgendwie zu stoppen , bekam keine Luft, hustete, spuckte Blut, spürte ihre Füße nicht mehr, sah die Welt vorbeirauschen.

Erst nach ein paar Minuten nahm sie Sunny wahr, die mit schreckensgeweiteten Augen vor ihr stand, sie stützte und ihr Blut und Schweiß abwischen zu versuchte.

„Hier.“, mit panischem Blick sah Michelle auf die kleine Giftkapsel in Sunnys Händen, von der sie schon viel gehört hatte, aber selbst nicht im Traum daran gedacht hätte, darüber nachzudenken, sie selbst zu benutzen.

„Nimm sie, Michelle. Dein Zustand wird sich noch drastisch verschlechtern und die Schmerzen werden ins Unermessliche steigen. Ich möchte nicht, dass du so sehr leidest!“

Entschlossen, von Hustenkrämpfen und Zitteranfällen geschüttelt, nahm Michelle die kleine Kapsel, die als verschwommener Punkt vor ihren Augen tanzte und führte sie mit letzter Kraft zu ihren Lippen, in ihren Mund.

Verschreckt, wie ein kleines Rehkitz sah sie in Sunnys tränende Augen und spürte einen erneuten Hustenkrampf aufkommen. Sie würgte, hustete Blut in einen Eimer und zitterte erschöpft vor Kälte.

Doch plötzlich wurde es ruhiger, es wurde friedlich, der Schmerz entfernte sich und sie spürte nur noch das Blut, welches unaufhörlich weiter tropfte. Unfähig sich zu wehren, ließ sie sich auf eine Liege legen und schloss die Augen. Selbst in dieser kurzen Zeit war der Schmerz das Schlimmste gewesen, das sie je verspürt hatte und eine Pause von ihm tat gut. Auch ihre Angst war weg, alles war gut und warm und geborgen.

Ein bestimmtes Gesicht schob sich vor ihre erschöpften Augenlieder und sie lächelte kraftlos. Ja, sie würde ihn wieder sehen. In Kombination mit dem lachenden, fröhlichen Tony vor ihren Augen, lauschte sie ihrem schwächer werdenden Herzschlag, der sich wie ein zarter Flügelschlag eines Schmetterlings anhörte.

Es war so leicht wie einschlafen.

Und dann war alles schwarz.

Während das Chaos in der Welt der Lebenden erst richtig begann.
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