Turpins versuchter Mord

KurzgeschichteAllgemein / P12
Benjamin Barker Johanna Barker Mrs. Lovett Richter Turpin
30.07.2015
30.07.2015
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Er hörte den Richter die Stufen hinaufsteigen. Seine Schritte auf der Treppe. Doch es waren nicht nur seine allein. Er musste Beadle Bamford mitgebracht haben.
Benjamin zog seine Jacke über und wartete. Bis die Tür aufging. „Warte unten, falls sie kommt“, hörte er den Richter flüstern. Sie? Er trug seinen einfachen Mantel und doch sah er beängstigend mordlustig aus. So musste er wohl stets schauen, wenn er jemand Unschuldigen in seinem ungerechten Gericht zum Tode verurteilte.
„Guten Tag.“ Benjamin drückte dem Richter die Hand und setzte sein freundlichstes Lächeln auf. Noch nie zuvor wollte er jemanden so gerne töten. Am liebsten hätte er ihm das Messer an die Kehle gesetzt und einfach geschnitten.
Der Richter schloss die Tür hinter sich. Benjamin beobachtete jeden seiner Handgriffe und sein Blick fiel auf seine Taschen. Er trug etwas Längliches in der rechten. Ein Messer?
Plötzlich hörte er von der Treppe her einen erstickten Schrei der niemand geringerem herrührte, als Mrs. Lovett. Und dann kam jemand strauchelnd die Treppe hinaufgestolpert und die Tür wurde aufgestoßen. „Hören Sie auf damit!“, rief sie. Hinter ihr kroch der Beadle die Stufen hinauf. Er kniete sich neben sie, rammte ihr sein Taschenmesser in den rechten Fuß und brach die Spitze ab. Mrs. Lovett schrie auf und fiel auf die Knie vor Schmerz. Der Beadle griff ihr in das rot gelockte Haar, riss ihren Kopf nach oben und hielt ihr den Rest des Messers an die Kehle.
Benjamin starrte den Richter ungläubig an. „Sie ist schon ein kluges Mädchen“, sagte der und zog nun auch sein Messer. Benjamin zog seines aus der Tasche und ließ es unauffällig aufschnappen. „Sie ist gekommen, um Sie zu warnen“, sagte Turpin und sah zu der sich windenden Mrs. Lovett im Griff des Beadle Bamford. Er hatte sichtliche Schwierigkeiten sie festzuhalten. „Stell sie ab“, sagte der Richter und wandte sich wieder Benjamin zu. „Nein!“, schrie er und holte mit seinem Messer aus. Er erwischte den Richter an der Schulter, Beadle Bamford hielt kurz inne und Mrs. Lovett befreite sich ruckartig aus seinem Griff, indem sie ihm in die Magengegend schlug.
Sie stand auf, lag jedoch sofort in den Armen des Richters, bevor sie überhaupt etwas anders hätte tun können. Richter Turpin grinste und zog die sich windende Bäckerin zu sich heran, um ihr seine Lippen auf die ihren zu drücken. Benjamin krümmte fragend die Brauen.
Es sah aus, als würde der Richter ihr die Luft nehmen, so sehr währte sie sich dagegen. Bis er ihr das Messer in die  Seite stieß und sie zu Boden ging.
Benjamins Hand schwitzte um den Messergriff. „Was soll das?“, fragte er. Der Richter wischte Mrs. Lovetts Blut von seinem Messer, indem er es ein paar Mal über ein weißes Taschentuch strich. „Es war alles mein Plan, Benjamin. Um dich loszuwerden. Deine Frau ist am Leben. Sie ist eine Bettlerin, unten, in der Gosse. Mrs. Lovett weiß das. Sie hat dich angelogen, um dich zur Verzweiflung und damit vielleicht in den Selbstmord zu treiben, doch du hast angefangen unschuldige Menschen aufzuschlitzen. Sie liebt dich nicht, Benjamin. Sie liebt einen anderen. Und es macht mich traurig, dass ich es nicht bin. Ich könnte es sein, denn der, den sie liebt, ist tot. Doch da gibt es noch diesen Jungen, der ihr ans Herz gewachsen ist. Wusstest du, dass sie mit ihm verwandt ist.“ Mrs. Lovett hustete. Benjamin spürte fast so etwas wie Erleichterung darüber, dass sie kein Blut spuckte. Doch es quoll aus der Wunde an ihrer Seite und färbte ihre Hände rot.
Der Richter holte plötzlich unverhofft aus und stach ihm in die Schulter. Der Schmerz durchfuhr seinen gesamten Körper wie ein Stromschlag und er schlug unverzüglich die Hand auf die Wunde. „Hören Sie auf damit!“ Mrs. Lovett warf sich vor Schmerz auf die Seite. Sie weinte. Der Beadle nahm sich ihrer an und begann mit seinem Stock nach ihr zu schlagen und mit seinen Schnallenschuhen in ihre Seite zu treten. Benjamins Rücken erreichte seinen Spiegeltisch und der Richter hielt das Taschenmesser hoch erhoben, an dem bereits sein Blut klebte.
Als der Beadle plötzlich hinter ihm zu Boden ging. Toby stand hinter ihm. Mit einer Bratpfanne in der Hand. „Lassen Sie ihn in Ruhe!“, befahl er. Der Richter lachte auf. „Und du willst mich daran hindern ihm etwas zu tun?“, fragte er spottend. Benjamin nutzte den Moment und schlug dem Richter das Messer aus der Hand. Er zog ihn herum und legte ihm seines an den Hals. „Womit haben Sie sie gezwungen mir das vorzuspielen? Sie wussten also von Anfang an, dass ich wieder in London war? Was haben Sie meiner Frau und meiner Tochter angetan? Sie nichtsnutziger Bastard!“ Es stachelte ihn nur noch mehr an, dass der Richter lachte und er grub ihm die Messerklinge so tief in den Hals, dass er aufhören musste und nach Luft rang. „Sie haben mein Leben ruiniert“, flüsterte Benjamin ihm ins Ohr. „Und offensichtlich auch das Mrs. Lovetts. Das meiner Frau und meiner Tochter. Sie haben so vielen Menschen das Leben gekostet. Es wäre nur gerecht, wenn ich sie umbrächte.“ „Warte“, keuchte Mrs. Lovett vom Fußboden.
Sie zog sich an seinem Barbiersessel hinauf und lehnte sich dagegen, um sicher vor dem Richter zu stehen. Sie sah ihm so fest in die Augen, dass er ihren Blick erwidern musste. Benjamin sah, dass sie etwas Metallenes in der Hand hielt. „Du hast ihn umgebracht“, flüstere sie mit schmerzverzerrten Lippen. „Nur wegen dir ist er gestorben! Wie kann ein Mensch nur so, nur so grausam sein?“ Mehr sagte sie nicht und der Richter kam auch nicht zu einer Antwort, denn sie schlug ihm so fest mit der zu Faust geballten Hand ins Gesicht, dass es Benjamin beinahe von den Beinen riss. Der Richter fiel ohnmächtig aus seinen Armen und Mrs. Lovett landete neben ihm. Sie hatte den Messergriff in der Hand gehabt, um sich nicht die Knöchel zu brechen. Beinahe hätte sie sich die Spitze in ihre Schulter gebohrt, als sie versuchte sich kläglich abzufangen. Toby ließ die Bratpfanne fallen und kniete sofort neben ihr. Er zog sie am Oberarm nach oben und half ihr, sich in den Barbiersessel zu setzen.
In diesem Moment kam Anthony in den Laden gestürmt, Joanna hinter sich. „Mr. T.“, hatte er angesetzt, bis er aufgrund der zwei Ohnmächtigen auf dem Boden innehielt. „Anthony, du kommst gerade richtig! Fessel die beiden und schließ sie unten im Keller ein.“ Er starrte Benjamin an, als hätte er ihm befohlen aus dem Fenster zu springen und ja keine Angst zu haben. Doch sein Blick fixierte das Blut an seiner Schulter. „Mach was er sagt“, stimmte Mrs. Lovett ihm murmelnd zu. Anthony konnte nur schwer von Benjamins Schulter ablassen, begann jedoch schließlich den Beadle die Treppe hinunter zu ziehen. Joanna sah ihm nach, die Hände ineinandergelegt. Dann wandte sie sich Benjamin zu. Sie sah genauso aus, wie er sie sich vorgestellt hatte. So bildschön, auch wenn sie Jungenkleider trug. „Ihr seid Barbier“, sagte sie und wich Benjamins starrendem Blick aus. Er wollte sie im Arm halten, sie einfach nur festhalten.
„Mr. Todd!“ Toby hielt die Hand Mrs. Lovetts umklammert. Sie hatte die Augen geschlossen. „Oh nein.“ Benjamin hastete um den Stuhl herum und kniete vor ihm nieder. Mit fahrigen Fingern zog er den Schuh und den Strumpf von ihrem Fuß. Die Messerspitze stak zu tief in ihrem Fleisch, um sie herausziehen zu können und das Blut lief ihr über ihre Zehen. Toby zog sein Hemd aus und riss es in lange Streifen. „Damit können Sie den Stich an der Hüfte abschnüren“, sagte er und reichte Benjamin den Stoff. „Mrs. Lovett!“, sagte er laut zu ihr. Sie regte sich, doch ihre Augen blieben geschlossen. „Hören Sie, Sie müssen wach bleiben! Sie dürfen auf keinen Fall ohnmächtig werden!“ Aus dem Augenwinkel sah er, wie Anthony zurück in den Barbiersalon kam und sich am Richter zu schaffen machte. Joanna begann ihm zu helfen.
„Erinnern Sie sich an Albert? Erzählen Sie mir von ihm!“ Er knotete den Stoff fest um ihre Hüfte. „Er war mein Ehemann“, flüsterte Mrs. Lovett kaum hörbar. „Ja! Ganz genau. Wie war er?“ „Ein wenig wie Sie. Mit einem Hang zum Dramatischen.“ Er begann ihren Fuß provisorisch zu verbinden. „Und weiter?“ „Seine Augen waren dunkel.“ Die Worte waren nur noch ein Flüstern, kaum hörbar. „Bleiben Sie wach! Ich flehe Sie an!“ Er zog sie am Kinn zu sich heran und küsste sie. Mitten auf den Mund. Sie war so kalt, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte, doch er hatte sich einen Kuss Mrs. Lovetts wesentlich schlimmer vorgestellt. Jedoch konnte man das hier auch nicht als Kuss bezeichnen. Mrs. Lovett konnte ihn schließlich nicht erwidern. Aber wenigstens öffnete sie die Augen, wenn auch nur leicht.
„Das dürfen Sie nicht“, murmelte sie. „Es war notwendig“, erklärte Benjamin und sah wie immer mehr Blut ihr Korsett und den provisorischen Verband färbte. „Toby, renn los und hol den Arzt, Mr. Travers! Los, beeil dich, Junge!“ Er war sofort aus der Tür und wäre beinah die Treppe hinuntergestürzt so schnell rannte er.
„Lucy liebt Sie immer noch“, flüsterte Mrs. Lovett und Benjamin sah Anthony und Joanna in der Tür stehen. „Sie wartet auf Sie. Am besten Sie gehen gleich und suchen nach ihr. Ich bin sicher, dass Sie-“ „Nein.“ Benjamin legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Ich werde hier bleiben. Wenn Sie sterben und ich nicht hier bin, dann könnte ich mir das nie verzeihen. Auch wenn ich sicher bin, dass es nicht so weit kommen wird.“ Sie lächelte. Dann fiel ihr Blick auf seine Schulter. Der weiße Stoff seines Hemdes war blutdurchtränkt. „Es tut mir so leid.“ Ihre Worte hörten sich ehrlich an. So ehrlich, wie er sie noch nie sprechen gehört hatte. „Benjamin, es tut mir so unendlich leid.“ Ihre Augen füllten sich mit neuen Tränen und sie rannen ihre noch feuchten Wangen hinunter. „Es war nicht Ihre Schuld.“ Benjamin legte ihr eine Hand auf die Schulter. Dann hörten sie Schritte auf der Treppe und kurz darauf zog Toby den verwirrten, hochgewachsenen Mann in den niedrigen Barbiersalon.
Mr. Travers musste erst einmal seine Brille zurechtrücken, bevor er erkannte wer vor ihm stand. „Sie müssen ihr helfen“, sagte Benjamin und deutete auf Mrs. Lovett. „In ihrem Fuß steckt eine Messerspitze und ihr wurde tief in die Seite gestochen.“ Der Arzt schien kurz etwas überfordert. Nach ein paar Sekunden kniete er sich entschlossen neben den Stuhl und löste die Fetzen, die einst Tobys Hemd gewesen waren, von Mrs. Lovetts Hüfte. Ihr weißes Unterkleid war durchtränkt von ihrem Blut und er knöpfte es unter ihrer Brust auf, um sie nicht gänzlich zu entblößen. Mit einem der Fetzen reinigte er die Wunde etwas. „Haben Sie Alkohol im Haus?“, fragte er und drehte sich zu Benjamin um. Doch es war Toby, der daraufhin aus der Tür rannte. Joanna und Anthony standen immer noch etwas teilnahmslos wirkend im Raum und starrten nun auf Mrs. Lovett, die beinahe vollkommen in ihrem eigenen Blut schwamm.
„Sie hat sehr viel Blut verloren“, sagte Mr. Travers, als wäre es nicht offensichtlich und öffnete seine Tasche. Er nahm eine Rolle Verband heraus. Toby kam mit einer Grünglasflasche zurück in den Salon und reichte sie dem Arzt. Dieser entkorkte sie und schüttete eine Menge davon auf ein Taschentuch. Dann begann er die Wunde zu desinfizieren und obwohl Mrs. Lovett der Ohnmacht erneut sehr nah war wand sie sich vor Schmerz.
Nachdem der Arzt die Wunde gereinigt hatte nahm er Nadel und Faden aus der Tasche. „Ich kann sie nicht betäuben“, erklärte er. „Wir können nicht riskieren, dass sie in Ohnmacht fällt und einschläft. Doch angesichts ihres Zustandes wird sie nicht einmal die Hälfte des eigentlichen Schmerzes spüren. Darf ich Sie trotzdem bitten ihre Arme fixiert zu halten. Ich könnte danebenstechen, wenn sie sich zu sehr bewegt.“ Benjamin nickte, ging um den Stuhl herum und fasste Mrs. Lovett bei den Handgelenken. Mr. Travers zögerte nicht lang und begann sofort den Stich zu nähen. Mrs. Lovett schrie auf vor Schmerz und Benjamin hatte die größte Mühe sie festzuhalten. Es waren gerade drei Stiche, mehr brauchte Mr. Travers nicht.
Und als Benjamin ihre Handgelenke losließ sah er erst, wie sehr sie zitterten. Mrs. Lovett hatte sich auf die Lippe gebissen.
Kommentar- und ausdruckslos verband Mr. Travers die Wunde, knöpfte das blutgetränkte Unterkleid zu und zurrte das Korsett so fest um Mrs. Lovetts Oberkörper, dass sie aufstöhnte. Dann widmete er sich ihrem Fuß. Auch diesen reinigte er mit etwas Alkohol. Benjamin ertrug es fast nicht das Gesicht seiner Komplizin so schmerzverzerrt zu sehen. „Die Spitze steckt sehr tief in ihrem Fuß“, stellte Mr. Travers fest und nahm eine Pinzette aus seiner Tasche. „Es wird nicht einfach sein sie herauszuziehen. Könnten Sie-“ Benjamin hatte bereits Mrs. Lovetts Knöchel umklammert. „Warten Sie“, stöhnte sie tonlos. „Sie können das auch einfach lassen. Ich bin sicher, dass ich es kaum bemerken werde.“ Mr. Travers lächelte kurz. „Da bin ich mir nicht ganz so sicher, Madam.“
Ihr Schmerzensschrei, als er die Pinzette in die Wunde schob, war so laut, dass ihn sicher auch die Nachbarschaft mitbekommen hatte. „Oh Gott“, wimmerte sie und klammerte sich an den Lehnen des Barbierstuhles fest. Ihre Finger krallten sich in das Leder und ihre Augen waren fest geschlossen. Sie verbiss sich den Schmerz so gut es ging, doch Benjamin spürte wie stark ihr Fuß zuckte.
Mr. Travers hatte die Messerspitze erst nach mehreren Anläufen erfolgreich in der Pinzette und legte sie beiseite. Dann verband er Mrs. Lovetts Fuß. „Ich bin mir sehr sicher, dass Sie das überleben werden. Offensichtlich hat der Stich in die Seite den Blinddarm verfehlt, sonst wären Sie schon längst nicht mehr unter uns. Sie sollten zu ruckartige Bewegungen vermeiden. Genauso wie husten oder lachen. Am besten sie liegen sehr viel und belasten den Fuß auf keinen Fall. Der Verband muss jeden Tag gewechselt werden. Ich lasse Ihnen etwas hier. Säubern Sie die Wunde stets mit etwas Alkohol.“ Mrs. Lovett seufzte. Toby griff nach ihrer Hand. „Ich bin so froh, dass Sie noch leben, Madam“, sagte er. Mrs. Lovett lächelte.
„Was würdest du davon halten mich Mom zu nennen. Es ist nicht einmal eine Lüge.“ Sie lächelte und strich ihm über die Wange. Er starrte sie fassungslos an. Ebenso Benjamin. Mrs. Lovett belächelte ihre erstarrten Gesichter. „Was gafft ihr denn so. Ich bin sicher dass er nach mir kommt.“ Toby hatte sich zuerst wieder gefasst. „Sie sind wirklich meine Mutter!“, rief er. „Das ist ja absolut unglaublich! Aber sicher werde ich Sie Mom nennen! Immer!“ Benjamin lächelte. „Jetzt suchen Sie schon Ihre Frau.“ Mrs. Lovett nickte schwach zur Tür. „Erst trage ich Sie die Treppe hinunter“, versprach er.
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