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Privileg - Jeder Mensch macht mal Ausnahmen

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Kasamatsu Yukio OC (Own Character)
29.07.2015
20.04.2017
38
125.388
11
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17.08.2015 1.231
 
Erleichtert endlich die schwere Reisetasche nicht mehr tragen zu müssen ließ sich Kiyoshi gegenüber von Koji und ihrem gemeinsamen Klassenkameraden Yoshitaka Moriyama auf der Zweierbank nieder. Schwerfällig ließ sie die apfelgrüne Tasche auf dem Boden vor dem Sitz am Fenster fallen und sank selbst zusammen mit ihrer Schultasche auf dem Sitz am Gang nieder.
Die fragenden Blicke ihrer Freunde, die zwischen ihr und der Reisetasche hin und her gingen, begegnete Kiyoshi mit einem Achselzucken und einem „Keine Ahnung warum, aber ich bin rausgeschmissen worden“. Was sollte sie auch anderes zu der unausgesprochenen Frage sagen. Sie verstand selbst immer noch nicht, was ihre Mutter dazu bewogen hatte, ihr die Tasche zu backen und sie hinauszuschmeißen. Wie sollte sie es da ihren Freunden erklären?
Glücklicherweise harkten weder Koji noch Moriyama nach, sondern beschlossen lieber mit ihr über die neueste Hausaufgabe in Hauswirtschaft zu sprechen. Dankbar ging Kiyoshi auf den Themenwechsel ein, wobei sie mehr zuhörte, als dass sich wirklich etwas dem Gespräch hinzufügte.

Mit der Zeit war das Gespräch über die Schule zu Basketball gewandert. Hierbei konnte  Kiyoshi so gar nichts Produktives beitragen. Sie besuchte zwar, wenn es ging die offiziellen Spiele der Basketballmannschaft, um ihre Freunde anzufeuern und zu unterstützen, doch selbst nach Jahrelanger Freundschaft mit Koji wusste sie immer noch nicht die Grundregeln von Basketball. Es war eine Schande, dass sie zwar mit Basketballspielern befreundet war, aber keine Ahnung von deren Sportart hatte. Wahrscheinlich konnte man von Glück reden, dass sie wusste, dass der orange Ball von jeder  Mannschaft in einen der Körbe geworfen werden musste. Doch wer welchen Korb hatte und wann es einen Anstoß oder einen Einwurf gab, kapierte Kiyoshi nicht. Aber ihre Freunde kapierten dafür ja auch nicht ihre Sportart. Für sie war es wenn überhaupt mal eine Freizeitaktion im Winter. Aber keine Sportart, die man mit Herzblut und Leidenschaft betreiben konnte. Geschweige denn dass sie die unterschiedlichen Sprünge erkennen konnten. Doch trotz dieser verschiedenen Ansichten über ihre Sportarten stritten Kiyoshi, Koji, Moriyama und Kasamatsu Yukio nie deswegen. Sie akzeptierten eben die verschiedenen Vorlieben des jeweils anderen in Sachen Sport.
Während Moriyama und Koji sich über irgendwelche Erstklässler aus ihrem Club unterhielten, die Kiyoshi unbekannt waren, schloss sie ihre Augen und versuchte zu verstehen weshalb ihre Mutter sie kurzentschlossen vor die Tür gesetzt hatte. Sie passierte gedanklich die letzten Tage noch ein Mal, um herauszufinden, ob sie vielleicht doch etwas so Gravierendes angestellt hatte, dass ihrer Mutter die Hutschnurr geplatzt war. Aber so sehr sie auch darüber grübelte, was der Anlass für den Rauswurf war, sie kam einfach nicht drauf.

Sanft wurde Kiyoshi an der Schulter berührt und somit aus ihren unerfreulichen Gedanken gerissen. Fragend öffnete sie ihre Augen und sah zu der Person hoch, die sie berührt hatte. Von oben blickte ihr das auf seine eigene Art und Weise attraktive Gesicht von Kasamatsu Yukio entgegen.
Ohne dass er noch etwas sagen musste rutschte Kiyoshi, dank der Reisetasche etwas umständlich, auf den Sitz am Fenster, während sich Kasamatsu mit fragendem Blick neben ihr niederließ.
Seufzend erwiderte sie seinen Blick. Sie war es zwar mittlerweile schon gewohnt das ihr der Kapitän des Basketballteams Kaijo’s gegenüber schweigsam war, doch konnte er nicht wenigstens einmal etwas mit Worten statt mit Blicken fragen? Es wäre mal eine nette Abwechslung. Vor allem an diesem Tag der schon so scheiße begonnen hatte. Natürlich wusste Kiyoshi auch, dass sie eigentlich von Glück reden konnte dass Kasamatsu sich überhaupt neben sie gesetzt hatte oder sie ansehen konnte ohne dass er krebsrot wurde, so wie es bei anderen Mädchen der Fall war. Dennoch wäre eine normale Unterhaltung auch mal recht nett. Dann müsste sie wenigstens sich nicht auch noch Gedanken darüber machen, was er wissen wollte oder was er mit seinen Gesten und Blicken meinte, sondern könnte sich einzig und alleine auf ihr noch immer ungelöstes Problem konzentrieren. Es war schließlich so, dass sie abgesehen davon dass sie die Aktion ihrer Mutter nicht nachvollziehen konnte, nicht wusste wohin sie mit ihren Sachen gehen sollte, sollten die Worte Minami’s der Wahrheit entsprochen haben. Sie konnte sich nicht ein Hotel, sei es auch nur für eine Nacht, leisten. Und bis auf Koji, bei dem sie als kleines Mädchen schon öfters übernachtet hatte, hatte Kiyoshi eigentlich niemanden, bei dem sie vielleicht unterkommen könnte. Vielleicht sollte sie ihn mal fragen.
Gerade als ihr dieser Gedanke kam, wurde sie auch von Koji angesprochen, der Ähnliches gedacht zu haben schien: „Sag mal, Kiyoshi-chan, da deine Okasan dich rausgeworfen hat… hast du jemanden, bei dem du vorrübergehend übernachten könntest?“
Diese Frage war wie ein Schlag in die Magengrube und zerstörte Kiyoshi’s heimliche Hoffnung. Er wollte nicht, dass sie sei es auch nur für kurze Zeit bei ihm wohnte. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass Mitschüler falsche Schlüsse daraus zogen, dass sie bei ihm so gesehen einzog. Diese konnte Kiyoshi irgendwie verstehen. Schließlich würde es seine Chance auf eine Beziehung reduzieren, wenn die anderen Mädchen in der Schule glauben würden, dass sie seine feste Freundin vielleicht sogar Verlobte wäre, sollte sie vorrübergehend in den Haushalt Kobori einziehen.  Schon jetzt glaubten viele ihrer Klassenkameradinnen, dass zwischen Koji und Kiyoshi etwas lief, da sie so vertraut miteinander waren. Doch trotz allen Verständnisses bedrückte Koji‘s Frage Kiyoshi sehr. Daran, dass der größere Basketballspieler es vielleicht auch anders meinen könnte, als sie annahm, dacht Kiyoshi natürlich nicht. Sie verstand schließlich Dinge im ersten Moment öfters falsch.
Für eine Sekunde legte sich ein trauriger Gesichtsausdruck über ihr Gesicht, den sie schnell verdrängte und einer optisch fast schon gleichmütigen Miene wichen ließ.
Mit gespielter Zuversicht antwortete Kiyoshi: „Ich glaub das wird nicht nötig sein. Meine Mama wird sich bestimmt schon wieder eingekriegt haben und mich in meinem Zimmer schlafen lassen. Und wenn nicht, kann ich bestimmt bei jemandem aus meinem Club unterkommen.“
Insgeheim wusste sie es aber besser. Da konnte sie noch so viel hoffen, ihre Mutter meinte ihre Worte ernst und würde dazu stehen. Minami Tane stand schließlich immer zu ihrem Wort, ihren Versprechungen und ihren Drohungen. Das hatte Kiyoshi in ihrem Leben schon recht früh gelernt. Also warum sollte es dieses Mal anders sein?
Bei keinem Mitglied des Eiskunstlaufclubs würde Kiyoshi unterkommen. So gut befreundet waren sie untereinander alle nicht. Jedoch wusste Koji das ja nicht, also ließ sie ihn lieber in dem Glauben, dass sie schon zurecht kommen würde und jemand anderen hätte der sich ihrer annähme. Auch wenn sie sich selbst mit der Lüge schadete, so fühlte es sich für Kiyoshi besser an, als Koji wahrscheinlich in eine unangenehme Situation gebracht zu haben. Es war ein so typischer verworrener Gedanke von Kiyoshi. Lieber nahm sie Leid auf sich, als dass ihren Freunden etwas zustieß.
Ihr charmantestes Lächeln aufsetzend sah sie noch einen Moment Koji an, bevor sie ihren Blick aus dem Fenster wandern ließ. Erleichtert stellte sie fest, dass sie die Haltestation vor der Kaijo High erreicht hatten. Es fiel ihr immerhin momentan unheimlich schwer nicht in Tränen auszubrechen. Genügend Gründe dafür hatte sie bislang ja schon gesammelt. Doch vor ihren Freunden wollte sie nicht weinen. Sie wollte nicht schwach und zerbrechlich vor ihnen wirken. Sie wollte nicht ihr wahres Ich anderen zeigen. Andere Menschen sollten sie als stark und durchsetzungsfähig sehen. Eigenschaften die Kiyoshi irgendwo in ihrem Innern zwar besaß, die aber seit geraumer Zeit in den Untiefen ihrer Gefühle verschwunden waren. Trauer, Wut und Erschöpfung waren leider dafür weiter an die Oberfläche gekommen, als es gesund war.
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