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Privileg - Jeder Mensch macht mal Ausnahmen

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18
Kasamatsu Yukio OC (Own Character)
29.07.2015
20.04.2017
38
125.388
11
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29.07.2015 1.541
 
Mit vor Wut, Enttäuschung und Traurigkeit geballten Fäusten ging Kiyoshi Tane den Flur der Wohnung entlang, in der sie zusammen mit ihrer Mutter lebte. Noch immer hörte sie hinter sich ihre Mutter sie wüst aus ihrem eigenen Zimmer beschimpfen und als komplette Fehlentscheidung betiteln.
Kiyoshi musste schwer an sich halten keine Widerworte zu geben, wenn sie pünktlich zum Training kommen wollte. Damit das klappen konnte musste sie spätestens in fünf Minuten die Wohnung verlassen haben, um den 6:35 Uhr Zug zu erreichen, um mit diesem nach relativ kurzer Fahrt um 7:00 Uhr an der Kaijō High anzukommen. Doch damit ihre morgendliche Routine nicht wie so häufig in letzter Zeit aus der Bahn geriet durfte sie nicht auf die Bemerkungen ihrer schlecht gelaunten Mutter eingehen. Dies würde nur zu einem längeren Streit führen, aus dem Kiyoshi im Endeeffekt weinend fliehen würde.
Auch wenn viele der momentan geäußerten Bemerkungen ihrer Mutter vielleicht nicht gerechtfertigt waren, so wusste Kiyoshi, dass der Auslöser dieser Situation ihre Schuld war. Wieso hatte sie auch gestern Abend vergessen die Spülmaschine auszuräumen und war stattdessen noch eine Runde Schlittschuhlaufen in der Eishalle gegangen. Sie wusste schließlich, dass es ihre Mutter wie die Pest hasste, wenn sie früh morgens von der Arbeit kam und als erstes die Spülmaschine ausräumen musste, statt sich ins Bett legen zu können und ihren wohlverdienten Schlaf zu bekommen. Die Wut darüber konnte Kiyoshi ja noch nachvollziehen, aber dass ihre Mutter ihre Leidenschaft das Schlittschuhlaufen als unnötige und viel zu teure Zeitverschwendung bezeichnete, verstand die junge Frau nicht wirklich.
Bevor Kiyoshi ihre Straßenschuhe anzog warf sie nochmals einen Blick in ihre rostrote Schultasche, um zu überprüfen, ob sie auch wirklich alles für den heutigen Tag eingepackt hatte. Block, Schulbücher, Federmäppchen, Sportkleidung und ihre geliebten grauen Schlittschuhe. Während Kiyoshi letzter genanntes liebevoll betrachtete strich sie sich eine dunkelbraune Haarsträhne, die sie im Gesicht gekitzelt hatte zurück hinters Ohr. Dann griff sie nach einem ihrer Schlittschuhe, um diesen genauer zu betrachten. Wie immer waren sie im tadellosen Zustand. Dabei fuhr sie mit ihnen schon seit Anfang der High School und hatte sie schon gebraucht für wenig Geld ersteigert. Bis auf ein Paar neue Schnürsenkel hatte Kiyoshi in den letzten drei Jahren nichts an den ledernen Schuhen erneuern müssen. Die Behauptung ihrer Mutter, dass allein diese „Nichtsnutzigen Dinger“ schon so teuer gewesen waren stimmte also nicht. Selbst die zur Pflege benötigte, günstig eingekaufte Ledermilch reichte bei Kiyoshi manchmal sogar ein halbes Jahr, aber mindestens 5 Monate, trotz fast täglichen Gebrauchs. Außerdem musste Kiyoshi noch nicht mal einen Yen für das Schleifen der Kufen zahlen, da sich freundlicherweise der Vater von Jou Tanimura, Kiyoshis Vizekapitän des Eiskunstlaufclubs, dazu bereiterklärt hatte die Schlittschuhe jeden Teammitgliedes, dass bei ihm seine Schuhe gekauft hatte, kostenlos zu schleifen. Glücklicherweise hatte Kiyoshi die ihren auf dem Winterflohmarkt bei Tanimura’s Winterwonders erworben. Zudem wurden die Kostüme für die Küren von der Schule gegen einen kleinen Betrag von 682 Yen geliehen. (Diese Summe entspricht ca. 5 Euro) Also musste Kiyoshis Mutter keine Unmengen für verschiedene Kostüme ausgeben, so wie es andere Mütter und Väter taten, deren Kinder noch neben der Schule Eiskunstlaufen als privates Hobby hatten.
Seufzend steckte Kiyoshi den Schlittschuh zurück in ihre Tasche und verschloss diese gründliche. Noch in der Hocke schnappte sie sich die schwarzen Sneakers und tauschte diese flink gegen ihre Hausschuhe aus.
In dem Moment als sie aufstand und den grauen Rock der Schuluniform vorne und hinten glatt strich, kam ihre Mutter auf den Flur. Bei sich trug Minami Tane eine große apfelgrüne Reisetasche, die Kiyoshi nur allzu gut kannte. Die Tasche nahm sie normalerweise her, wenn sie zu einem Trainingscamp fuhr.
Wieso trug ihre Mutter diese bei sich? Anscheinend auch noch vollgepackt.
Schwer seufzend streckte Minami ihrer Tochter die Tasche entgegen. Instinktiv nahm die ein Stückchen kleinere Frau die Tasche entgegen und sah ihre Mutter verständnislos an.
„Was soll ich hier mit, Mama?“, erkundigte sich Kiyoshi zaghaft.
„Mir egal. Hauptsache ich muss dich die nächsten drei Monate nicht sehen. Und jetzt verschwinde!“, antwortete Minami ihrer Tochter hart.
Fassungslos taumelte Kiyoshi einen Schritt nach hinten, um ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren und vor ihrer Mutter sich auf den Hosenboden zu setzen. Die Worte Minamis hatten sie zutiefst getroffen. Sofort fragte sich die Schülerin, was sie so sehr falsch gemacht hatte, dass ihre Mutter sie scheinbar nicht mehr sehen wollte. Die Spülmasche alleine konnte doch wohl nicht der Grund dafür sein, dass sie rausgeschmissen wurde. Da musste doch noch mehr dahinter stecken.
Zaghaft öffnete Kioyshi ihren Mund, um ihre Mutter genau dies zu fragen, als Minami ihr sofort über die unausgesprochenen Worte drüber fuhr: „Hab ich mich vielleicht unklar ausgedrückt?! Du sollst verschwinden! Hau ab! Na los!“
Gebieterisch schubste Minami ihre 1,58 m große Tochter Richtung Tür. Öffnete diese, sobald das Kind mit dem Rücken gegen das Metall stieß, und schob ihre Kioyshi unsanft aus der Wohnung. Direkt vor der Nase ihrer erstarrten Tochter schlug sie die Tür zu, nur um diese einen Augenblick später wieder zu öffnen und die rostrote Schultasche entgegen zuschleudern. Während die ältere Frau nun an der Tür innerhalb der Wohnung hinab rutschte und stumm Tränen zu vergießen begann, sah es bei Tochter nicht viel anderes aus. Von dem Aussetzer ihrer Mutter bekam sie nichts mit.
Fest krallte Kiyoshi ihre Finger in den Stoff der Schultasche, während sie wie betäubt das silbrig schimmernde Material vor sich anstarrte. Fassungslos fragte sie sich, was gerade geschehen war. Sie und ihre Mutter hatten sich zwar schon oft gestritten, aber noch niemals war sie mit Sack und Pack vor die Tür gesetzt worden.  Richtig realisieren, dass sie jetzt ohne Heim da stand und außer ihren Sachen in der Hand und am Körper nichts mehr besaß, tat sie nicht.
Vermutlich hätte die Kiyoshi noch lange die Haustür angestarrt, hätte sich ihr Handy in ihrer Rocktasche nicht bemerkbar gemacht. Leise erklang auf einmal die Melodie von Chopin‘s Nocturne im Treppenhaus und zerfetzte die gespenstische Stille.
Der Klang der Melodie riss Kiyoshi aus ihrer Starre. Eilig ließ sie ihre Schultasche samt der apfelgrünen Reisetasche vor sich auf den Boden sinken und griff mit fahrigen Fingern in die Tasche des Schulrocks. Mit zitternder Hand holte sie das weiße Mobiltelefon hervor und klappte es auf.
„Hallo?“, fragte sie zögerlich.
„Kiyoshi-chan? Bist du das?“, erklang die tiefe Stimme ihres besten Freundes aus Kindergartenzeiten.
„Ja, Koji“, antwortet besagtes Mädchen.
„Kiyoshi-chan, ich versteh dich nicht. Du bist so leise. Ist alles in Ordnung bei dir?“, erkundigte sich Koji Kobori. Seine Stimme hatte einen besorgten Ton angenommen.
Kurz räusperte sich Kiyoshi und hoffte, dass wenn sie ihm jetzt antworten würde er nichts von ihrer Stimmung mitbekäme. „Ja… denke schon. Hab nur mal wieder Streit mit meiner Mama“, sagte sie und schlug dabei einen eher unbekümmerten Tonfall an. „Aber was gibt es denn, dass du mich schon so früh am Morgen anrufst?“
„Hast du mal auf die Uhr gesehen? Wir haben schon fünf nach halb sieben. Normalerweise hättest du den Zug verpasst…“
„VERDAMMT!!!“, rief Kiyoshi laut, schnappte sich eiligst ihre beiden Taschen und lief mit dem Handy am Ohr die Treppen hinab. Den letzten Satz bevor sie ihren besten Freund unterbrochen hatte, hatte sie natürlich nicht mitbekommen. Zu sehr hatte es sie bestürzt, dass sie vermeintlich ihren Zug verpasst hatte. Es ärgerte sie sehr, dass sie zu spät zum Training kommen würde. Vor allem sie als Kapitänin des Eiskunstlaufclubs wollte immer mit gutem Beispiel voran gehen und mit Pünktlichkeit, Perfektion und Verlässlichkeit glänzen. Zumindest musste für Kiyoshi ein Kapitän genau dies besitzen und was von Natur aus nicht saß, musste halt antrainiert werden. Nicht umsonst trainierte sie auch doppelt so viel wie die anderen Clubmitglieder. Wenn sie schon Kapitän war, dann wollte sie der Rolle auch gerecht werden.
„Weißt du wann der nächste Zug fährt?“, fragte Kiyoshi Koji, während sie immer zwei Stufen auf einmal nehmend zu Haustüre lief. Nicht wirklich auf ihren Gesprächspartner achtend sondern vielmehr auf ihre Schritte, rannte sie weiter. Riss unten angekommen schwungvoll die schwere Eingangstür auf und eilte dann mit den beiden schweren Taschen auf dem Rücken zur U-Bahn-Station.
„Kiyoshi! Hörst du mir eigentlich zu?!“, brüllte sie Koji durchs Telefon entnervt an.
Erschrocken blieb die junge Frau stehen und hielt das weiße Gerät von ihrem Ohr entfernt. Sie wartete einen Augenblick, um sicherzugehen, dass ihr bester Freund sie nicht noch ein weiteres Mal anbrüllen würde, bevor sie das Handy wieder ans Ohr hielt.
„Tut mir leid, Koji. Könntest du es mir vielleicht noch mal sagen“, fragte sie besonders höflich, da sie weiteren Ärger mit dem jungen Mann vermeiden wollte. Zügigen Schrittes ging sie weiter, während sie auf seine Antwort wartete. Sie konnte am anderen Ende der Leitung ihren besten Freund schwer seufzen hören, bevor er ihr sagte: „Der Zug, indem wir sonst immer morgens zur Schule fahren, hat heute allgemein 5 Minuten Verspätung. Bei dir müsste er also um zwanzig vor sieben an der Haltestelle sein. Hast du mich verstanden?“
„Ja, hab ich. Ich danke dir mein Freund und tut mir leid, dass ich dir beim ersten Mals nicht zugehört habe. Bis nachher“, erwiderte Kiyoshi und wartet darauf, das Koji sich bei ihr verabschiedete, bevor sie ihr Handy zuklappte und es in ihrer Rocktasche wieder verschwinden ließ.
Zügigen Schrittes ging sie ihres Weges weiter zur U-Bahn-Station.
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