Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Augustus` Geschichte

von minnicat3
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12
Augustus Waters Hazel Grace Lancester Isaac
27.07.2015
27.07.2015
1
823
 
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
27.07.2015 823
 
Es gibt Dinge, an denen man eingeht, wenn man sie nicht mit einem gewissen Maß an Humor nimmt. So geht es mir mit dem Krebs. Als ich fünfzehn Jahre alt war wurde bei mir ein bösartiger Knotenpunkt festgestellt, ein osteogenes Sarkom. Knochenkrebs. Am Anfang war es für mich als würde die Welt eben untergehen. Doch, so absurd es klingt, man gewöhnt sich dran. Jetzt, eineinhalb Jahre später, hatte ich etliche Therapien hinter mir und eine sehr sarkastische Einstellung zu diesem Thema entwickelt. Aus Selbstschutz. Ich weiß nicht, ob ich es sonst ertragen hätte. Der Krebs hatte sich immer weiter ausgebreitet, bis schließlich als einzige Möglichkeit blieb, mein Bein zu amputieren. Das rechte. An dessen Stelle saß jetzt eine Protese aus Holz. Ich hatte mich damit abgefunden, nicht ewig zu leben. Ich stellte mich da darauf ein, früher oder später vom Krebs vollkommen verschlungen zu werden. Ich wusste, irgendwann würde es so weit kommen. Aber bis dahin werde ich versuchen, mich von nichts und niemanden davon abhalten zu lassen, meine vielleicht schon letzten Jahre, oder Monate, oder Wochen, oder gar Tage zu genießen und so zu leben, wie ich es wollte. Der Tod konnte schneller kommen als alle dachten. Er konnte hinter jeder Ecke lauern. Bei Krebs konnte alles jederzeit eine Wendung nehmen. Jeden Tag. Ob ich deshalb Angst habe? Nein. Früher schon, ja. Aber nicht mehr. Ich hatte keine Angst vor dem Sterben selber. Aber wovor ich Angst hatte war das Vergessen werden. Dass es nichts geben wird, was es Wert ist, die Menschheit an mich zu erinnern. Dass es nichts geben wird, das es Wert ist, dafür gelebt zu haben.
Ich war ein Einzelgänger geworden.

Ich erinnere mich noch genau, wie Isaac mich anrief. Wir kannten uns von verschiedenen Krankenhausaufenthalten. Isaac hatte den Tumor in den Augen. Eigentlich nur noch in einem der Augen. Mit seinem anderen Auge war es so verfahren wie mit meinem rechten Bein. Obwohl wir in der gleichen Stadt wohnten hatten wir uns schon längere Zeit nicht gesehen. Er fragte, ob ich mal wieder Lust hätte, mich mit ihm zu treffen und da ich mich recht gut mit ihm verstand und meine Eltern schon seit längerem drängten, ich sollte mich mal wieder mit andern Jugendlichen treffen, sagte ich ihm zu. Von da an treffen wir uns regelmäßig. Bei einem dieser Treffen erzählte er mir, dass nun auch sein anderes Auge rausgekommen werden sollte und er dann blind sein würde. An diesem Abend redeten wir viel über alles und nichts, Krankheit im Allgemeinen und Krebs im Besonderen, Leben und Sterben. Am Ende bat er mich, am darauffolgenden Tag mit ihm zu einer Selbsthilfegruppe für Krebskinder zu gehen. Er hoffte, ich könnte ein wenig Schwung in diese langweilige Veranstaltung bringen oder ihm zumindest dort Gesellschaft leisten. Ich sagte zu. Also fuhr ich an nächsten Tag zu der Adresse, die der Freund mir gegeben hatte. Es war eine kleine Kirche, auf deren Vorplatz Isaac wie versprochen auf mich wartete. Ich parkte mein Auto und ging zu ihm. Wir begrüßen und und tragen durch das schwere Tor in den kühlen Vorraum der Kirche.
“Wir müssen nach unten, in den Keller“, erklärte Isaac. Auf der rechten Seite führten eine Treppe und ein Fahrstuhl nach unten. Ich steuerte letzteren an, doch Isaac zog mich am arm in Richtung Treppe.
“Warum nicht den Fahrstuhl?“, fragte ich.
“Wirst du wahrscheinlich nicht verstehen. Erst kommen sie mit der Treppe, irgendwann mit dem Fahrstuhl und schließlich gar nicht mehr. Wer den Fahrstuhl nimmt, wird hier als wandelnde Leiche angesehen. Solang man noch kann, nimmt man die Treppe.“
Ich verstand. Als wir die Treppe hinunter kamen viel mein Blick als erstes auf einen Tisch mit Keksen und Getränken.
“Das einzig Gute hier“, flüstert raunte Isaac mir zu. In der Mitte des Raumes war ein Stuhlkreis aufgebaut. Es waren etwas mehr als zehn weiße Plastikstühle. Auf zwei von ihnen saßen andere Jugendliche, auf einem weiteren ein Mann, auf den Isaac nun zuging. Ich folgte ihm.
“Das ist Patrick, der Leiter dieser Veranstaltung hier. Du wirst nachher die Ehre bekommen, dir die total spannende und mega ermutigende Geschichte anhören zu dürfen, wie ihm als Kind beide Eier genommen wurden vom Krebs.“
Obwohl er flüsterte konnte man die Ironie in seiner Stimme nicht überhören. Laut sagte er:
“Hey, Patrick. Das hier ist Augustus Waters. Er wollte heute mal mitkommen.“
Patrick stand auf und hielt mir seine verschwitzte Hand entgegen.
“Freut mich, ich bin Patrick. Ich bin hier um euch Mut zu machen, euch nie aufzugeben.“
So konnte man es auch nennen. Ich schüttelte die mir dargebotene Hand.
“Freut mich auch. Isaac hat mich überredet, ein Mal mitzukommen.“
“Prima. Du bist hier jederzeit herzlich willkommen. Was genau hast du denn für Krebs?“
“Knochenkrebs“ antwortete ich und zog mein rechtes Hosenbein ein Stück weit hoch, um ihm die Protese zu zeigen.
“Ah, ich sehe schon. Du kannst und nachher wenn alle da sind gerne deine Geschichte erzählen, wenn du willst.“
Ich wollte nicht.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast