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Im Fadenkreuz

von B-Duncan
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteThriller, Fantasy / P16 / Gen
26.07.2015
02.04.2022
2
3.455
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26.07.2015 1.511
 
John packte Daniel an seiner Koppel und zog ihn mit sich. Er stieß ihn in den Eingang eines zweistöckigen Hauses – nun es war wohl eher die Ruine eines Hauses – und trat direkt hinter ihm ein. »Geh weiter!«, wies er ihn an, während er sich bereits unter dem Kugelhagel eines Scharfschützenkarabiners wegduckte. Der weiße Putz platzte von der Wand, wo die Projektile einschlugen.
    John gab sein Jagdgewehr an Daniel weiter. »Geh.« Dann ging er, direkt hinter der ersten Ecke, in die Hocke und zog seine 45er Pistole. Die Sonne schien von draußen rein. Er würde es in jedem Fall sehen, wenn jemand das Haus betrat. Nicht dass das nötig wäre.
    Ein Legionär kam polternd den Flur entlang gerannt. Als er um die Ecke sah, drückte John ab. Der Schaldämpfer machte seinen Schuss zu einem Flüstern. Die Kugel drang in die Stirn ein und riss dem Kerl ein Loch in den Schädel. Blut und Hirn spritzten an die Wand und der Kerl fiel um. Was hatte der Kerl denn vor? Der Bursche war nur mit einer Machete bewaffnet gewesen und hatte zwei gut bewaffnete und ausgebildete Scharfschützen verfolgt. Auf der anderen Seite waren alle Soldaten, die nach Locktown gekommen waren, gut ausgebildet gewesen und nun waren sie alle tot oder verschwunden. Nur Daniel, sein junger Späher, und er waren noch da. Der Kerl war eigentlich schon zweiundzwanzig. John war mit seinen siebenundvierzig jedoch alt genug, um ihn jung zu nennen.
    John stand auf und ging seinem Partner hinterher. Er wollte nicht, dass noch mehr durchgedrehte Legionäre die Chance hatten, ihm den Arsch aufzuschlitzen. Er bog den Flur nach rechts und entdeckte Daniel, der mit eingezogenem Kopf auf ihn zielte. »Ich war nicht sicher.«, meinte er.
    »Wobei? Ob du meinen Kopf triffst? Gib her!« John flüsterte. Er wollte niemanden auf sie aufmerksam machen.
    »Nein, ich wusste nicht, ob ich hoch soll oder nach hinten raus.«, erklärte Daniel.
    John nickte. Er musste auch kurz überlegen. Er hatte von draußen schon gesehen, dass das Gebäude durchaus seine Reize hatte, wenn man als Scharfschütze unerkannt bleiben wollte. Jedoch war bereits ein Legionär ihnen auf den Fersen gewesen. Ein weiterer hatte auf sie geschossen, das hieß dass sie wussten, dass mindestens zwei RNK-Soldaten in dem Schuppen waren. Zudem waren sie beide zu schlecht bewaffnet, um einen richtigen Häuserkampf zu riskieren. Sie trugen beide rotbraune Uniformen, wie man sie gerne im Ödland verwand und darüber die Koppeln, an denen sie ihre Munition und die Feldflaschen hängen hatten.
    John ging an der Rückseite des Hauses, zu einem stark beschlagenem Fenster und spähte nach draußen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein altes Kirchengebäude. Die Spitze war abgebrochen und es war allgemein in einem eher schlechten Zustand aber das war halb so wild. Von dort oben hätte er zweifellos einen guten Ausblick. Auf der anderen Seite jedoch, war dieser Ort zu offensichtlich. Er würde den ersten Schuss abgeben und sämtliche Legionäre in der Gegend würden zu ihnen strömen. Und dann sind wir im Arsch. Er suchte weiter die Straße ab. Nur einen Steinwurf weiter westlich der Kirche war ein sehr ähnliches Gebäude, wie das in dem sie waren.
    Er packte Daniel und zog ihn zu sich. »Auf elf Uhr steht ein weiteres noch intaktes Haus. Du gehst vor. Geh zum Hintereingang. Wenn er offen ist warte drinnen, ansonsten warte bis ich komme.«
    »Was ist mit ihnen, Sir?«
    »Ich geb dir Deckung. Ich komm jedoch gleich nach, wenn du um die Ecke bist.«
    Die beiden gingen in Stellung. Daniel packte seine Flinte. Es war ein gutes zweiläufiges Gewehr, das dort, wo es hinschoss, nur ein Loch zurückließ. Dann ging er vor dem Hintereingang in die Hocke. John packte den Türgriff, bereit die Tür mit einem Schwung aufzuziehen. Das würde auf dem dreckigen Boden weniger Krach machen.
    Sie nickten sich noch einmal zu, dann öffnete John die Tür und Daniel rannte los. Kaum war der Bursche aus der Tür, ging John im Türrahmen in die Hocke und legte sein Gewehr an. Er beobachtete Daniel nur kurz, dann suchte er die Seiten ab, ob sich irgendwo etwas rührte. Er würde keine Sekunde zögern alles und jeden über den Haufen zu knallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Verbündete handelte, war ohnehin mehr als gering. Der Hinterhalt der Legion war einfach zu krass gewesen. Er fragte sich, ob sie gewusst hatten, dass ihre Einheit die Stadt durchqueren wollte oder ob es einfach nur ein blöder Zufall gewesen war. Er schüttelte den Gedanken beiseite.
    Daniel erreichte das Haus und verschwand um die Ecke. John zählte bis fünf. Er hörte keinen Schuss. Das konnte bedeuten, dass alles in Ordnung war oder dass Daniel einer Machete oder einer Lanze zum Opfer gefallen war. Er stand auf und lief los. Er beeilte sich. Seine Bauchmuskeln zogen sich gewaltig zusammen, als er darauf wartete, dass ein Schuss fiel und er von einem Projektil zu Boden gerissen wurde. Aber das geschah nicht.
    John ging um die Fassade herum. Daniel hatte die Tür bereits aufgestoßen, wartete aber trotzdem draußen. Macht nichts. Hauptsache der Bursche war nicht irgendwo eigenmächtig hingerannt. John nutze die Lederschlaufe an seinem Gewehr, um es sich umzuhängen. Dann zog er wieder seine Pistole und signalisierte mit seinem Zeigefinger, dass Daniel still sein sollte. Er ging vor, Daniel hielt ihm den Rücken frei. Systematisch suchten sie einen Raum nach dem anderen ab, wobei John immer weiter nach rechts lief. So würde er zwangsläufig jedes Zimmer betreten, ohne Gefahr zu laufen, sich zu verirren. Jedes der fünf Zimmer sah den anderen sehr ähnlich. Sie waren über und über mit Müll und Dreck gefüllt. Die Möbel, die sich noch im Innern befanden, waren zerstört und unbrauchbar.
    Als sie ihre Runde beendet hatten, ging John zu einer Treppe, die nach oben führte. Er bemühte sich leise zu sein und trotzdem knarrten zwei Stufen unter seinen Stiefeln. Der zweite Stock sah nicht anders aus, als das Erdgeschoss. Überall Schrott und Unrat. Das erste Schlafzimmer roch zwar arg muffig, jedoch sah die Matratze noch einiger Maßen gut aus. Beim zweiten fehlte ein Teil der Außenwand. Hier würde John sein Nest aufschlagen.
    »Hör zu. Ich werde hier in Stellung gehen.«, flüsterte er Daniel zu. »Deine Aufgabe ist es die Treppe im Auge zu behalten. Ich möchte, dass du dich hinter dem Geländer versteckst und sofort schießt, wenn du auch nur einen Fetzen rot siehst. Verstanden?« Daniel nickte. »Gut. Dann mach mir das nach.«
    John nahm sein rotes Barett ab und legte es neben den Türrahmen, dann nahm er seine Feldflasche zur Hand. Er kratzte etwas braunen Dreck vom Boden und ließ ein bisschen Wasser darauf träufeln, um eine matschige Masse daraus zu gewinnen. Dann verrieb er das Zeug in den Händen und schmierte sich damit das Gesicht und auch seine Glatze ein. »Das ist die beste Art sich zu tarnen.«
    Als auch Daniel sich entsprechend getarnt war – er hatte seine Haare natürlich nicht beschmiert – und Stellung bezogen hatte, machte John sich bereit. Er hatte nur noch dreizehn Schuss und wollte keinen verschenken. Er legte sich bereits im Flur auf den Boden und robbte langsam zu dem Loch. Er legte sein Gewehr an und sah durch das Fernrohr. Lange Zeit zeigte sich niemand vor dem Fadenkreuz aber dann glaubte John, dass jemand ein böses Spiel mit ihm trieb.
    In seinem ganzen Leben hatte er nie so viele Legionäre auf einem Fleck gesehen. Alle zogen sie die Straße herunter. Es mussten zweihundert sein. Er konnte es kaum glauben. Selbst wenn er nun einen erschoss, konnte er unmöglich alle umbringen.
    Plötzlich wurde Johns Mund trocken. Dort kam eine von Sklaven getragene Sänfte um die Ecke. Es war eigentlich nur ein Sessel, der auf Stäben getragen wurde. Aber was wirklich einem Schock gleich kam, war der weißhaarige Kerl, der auf dem Sessel hockte. John kannte ihn nur aus Erzählungen aber er war sicher, dass es sich nur um Cesar halten konnte. Das gibt es doch einfach nicht! Er würde diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen! Sie würden vermutlich sowieso sterben aber so würden sie die gesamte Legion mitnehmen. Jeder wusste, dass dieser Haufen nicht zusammen bleiben konnte, wenn Cesar erstmal fort war.
    John drückte mit seiner linken Hand das Gewehr etwas höher. Er zielte. Auf die Distanz zielte er dem Mann auf die Stirn. Es war windstill. Er wurde ihn auf jeden Fall treffen. Er spannte seinen Finger an. Plötzlich sah er nichts mehr. Er schreckte auf, als etwas auf seinem Gewehr landete. Es war sein Barett. Er nahm das rote Stück und drehte sich zu Daniel um, der seine Flinte auf ihn richtete.
    »Was soll…« John wurde von einer doppelten Schrotladung regelrecht zerfetzt.
    »Das letzte was du nicht siehst.«, zitierte Daniel. Dann nahm er sowohl die 45er, als auch das Jagdgewehr und zog ab. Johns letzter Gedanke drehte sich darum, dass er dem Kerl gesagt hatte, er solle jeden erschießen, der rot trägt.
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