[13]

von ama
KurzgeschichteAllgemein / P12
21.07.2015
21.07.2015
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[1]

Du sitzt nach vorne gebeugt in einem Golf II mit beschlagenen Scheiben und wartest auf Hilfe. Der Anschnallgurt drückt hart gegen deine Brust, aber du machst keine Anstalten, ihn zu öffnen. Später, als die Rettungskräfte dich finden, trittst du mit lange getrockneten Wangen hinaus in die laue Septemberluft und wirst von mehreren Sanitätern mit Decken empfangen. Der Arzt im Krankenhaus fragt dich, warum du dich nicht eher gerührt hast. Du meidest seine Augen, unmöglich in der Lage, zuzugeben, dass du es einfach nicht besser wusstest. Ein Feigling bist, warst. Bist.

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Du wirst sterben, denkst du. Diesmal wirklich. Du bleibst aufrecht sitzen. Musikstunde bei Frau Haffner, sie erklärt gerade D-Dur. Kein großartiger Zeitpunkt für so was, aber für dich reicht’s allemal. Da ist er wieder, der bekannte Druck im Brustkorb. Du hältst die Luft an, zählst gedanklich von zehn runter, und denkst schon, jetzt ist es passiert. Aber da ist kein Licht, keine Mami oder Papi, die irgendwo in der Stille hinter deinen Augenlidern vielleicht auf dich warten. Nur eine Explosion in deinem Kopf, ein Geräusch wie ein Bersten aus deinem eigenen Mund und dann alle Augen der Klasse auf dir und du auf dem Boden. Du willst schreien und dich winden und ein paar Bruchteilsekunden später tust du es auch. 

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Draußen vor dem Fenster peitscht der Wind und deine Oma summt beim Abwasch dumpf einen Schlager von Nino de Angelo vor sich hin. Das tut sie immer, wenn ihr gerade nach Heulen zumute ist. Über dein Matheheft gebeugt, rollst du genervt mit den Augen und wie zur Strafe fällt dein nächster Bruchstrich krakeliger aus als beabsichtigt. Vor dir steht ein unangetasteter Teller mit selbstgebackenem Bienenstich. Fast noch warm. Der Duft wabert in regelmäßigen Abständen eklig-süß zu dir hinüber. Du rümpfst die Nase. Es ist dein vierzehnter Geburtstag. In einer Viertelstunde beendest du deine Hausaufgaben, der volle Kuchenteller nach wie vor an seinem Platz.

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Alles geht weiter. Unaufhaltsam. Sie schleppen dich zu einem Kinderpsychologen, dabei könntest du dich nicht weniger wie eines fühlen. Du kaust einen Kaugummi im pamphletübersäten Wartezimmer, um unnahbar zu wirken, und das gütige Weißzahnlächeln deines Gegenübers bleibt über neunzig Minuten dasselbe. Als sie dir zum Abschluss die Hand reicht, hebst du unbeeindruckt eine Augenbraue und machst dann auf Drängen deines Großvaters und mit einer Menge Wut im Bauch doch den nächsten Termin. Wie soll man über etwas reden, für das man keine Worte hat. Alles macht weiter und du musst mitmachen. Du schweigst beharrlich in den Folgesitzungen und begegnest der Enddiagnose “Schizoide Persönlichkeitsstörung” mit all der Häme, die sie verdient. Andere scheinen fröhlicher, endlich ein Label für dich zu haben.

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Die Fliesen sind kalt gegen deinen nackten Rücken. Du hältst dir deine blutige Nase und lachst rau in dich hinein. Bloß kein Blut auf den Badezimmerläufer. Das Lachen kommt stärker, als du merkst, dass einer deiner Schneidezähne wackelt, wenn du ihn mit der Zunge berührst. Du widerstehst dem Drang, weiterzumachen. Am nächsten Morgen besteht deine schuldig dreinbkickende Großmutter auf einen Zahnarztbesuch, der Arzt wiederum auf eine Schiene. Wider Erwarten verlierst du den Zahn nicht, fühlst dich aber ein kleines bisschen weniger ganz und das allein macht schon den notwendigen Unterschied. Bei deiner nächsten Keilerei schlägst du zurück, mit Wonne.

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Du lädtst die mit den langen Beinen aus der Parallelklasse zum Abiball ein. Sie hat ihre Augen nun schon länger auf dir. Ein Detail, das dich erst dann interessiert hast, als du sahst, wie formvollendet sie sich in der hohlen Hand eine Zigarette anzündete. Sie zu küssen kommt einer weiteren Nahtoderfahrung gleich und lässt deinen Puls in unerwartete Höhen schnellen. Ihre Hand in deinem Haar, deine unter ihrem Rock, dann genüsslich fade to black. Es ist doch sowieso immer nur das Gleiche. Als sie dir am Ende des Abends ihre Gefühle gesteht, lachst du ihr dreckig ins Gesicht. Danach rufst du sie nie wieder an. Dein Asthma dankt es dir.

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Neben dem Studium kommst du als Buchhalter in einem mittelständischen Münsteraner Elektrobetrieb unter. Sie bezahlen dich so, als wenn sie dich eigentlich nicht bräuchten. Was den Tatsachen entspricht. Der Bruder eines Freundes eines Freundes hat dich empfohlen. Whatever. Dich interessiert das alles nicht. Du machst deinen Job, hältst den Mund und nebenbei die Ohren offen. Als sie dich nach knapp einem halben Jahr bitten, ihre Zahlen zu polieren, siehst du deine Chance. Bald werden sie dich brauchen. Oh, wie sie dich brauchen werden.

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Du machst deinen Führerschein mit einundzwanzig Jahren. Dein schlaksiger Prüfer witzelt darüber, wie fest du das Lenkrad umklammerst. Nicht zum ersten Mal denkst du, dass das Leben mit einer Knarre wesentlich leichter wäre und drückst gleich mehmals gedanklich den Abzug. Erst acht Monate später wirst du wieder auf der Fahrerseite eines Wagens einsteigen, deinen ersten Revolver besorgst du dir in den nächsten fünf Wochen. Immer noch weniger ganz, aber dafür sehr viel sicherer.

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Aus Freunden werden Informanten. Langsam, aber stetig. Du entsorgst die Gesichter aus deinem Leben gegen Kärtchen mit peinlich-kryptischen Pseudonymen. Selbstsicher bleibst du anfänglich bei deinem eigenen Namen und nutzt Anspielungen auf große deutsche Denker nur dann, wenn du jemanden beeindrucken willst. Du lernst das Schießen über sieben Monate in einem Club, der sich nach außen hin als Bordell maskiert. Alle Schaltjahre schickst du deiner Verwandtschaft dieselbe vorgedruckte Weihnachtskarte. Ihre Anrufe an deinem Geburtstag ignorierst du geflissentlich weiter und irgendwann stoppen sie ganz von alleine.

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Das erste Mal, als du auf einen Menschen zielst, kannst du nicht abdrücken. Später brichst du dir in einem Wutanfall beinahe die Nase an deinem Lenkrad, aber es fühlt sich gut an. Du lächelst auf der Fahrt nach Hause breit über den Schmerz hinweg, und schwörst dir, aus deinen Fehlern zu lernen. Beim zweiten Mal klappt es: Du zielst, drückst ab und triffst. Er bleibt liegen. Dein Rücken ist schweißnass und du fühlst dich wie neugeboren, nimmst einen unnatürlich freien Atemzug. Dass so etwas nicht zur Gewohnheit werden kann, ist dir dabei nur zu schmerzlich bewusst. Das wäre ja auch einfach. Und was ist schon einfach in dieser Welt.

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Notgedrungen wechselst du die Szenerie. An einem deiner ersten Abende in Dortmund tanzt du eng mit einer Blondine, die deine Mutter sein könnte. Wenn deine Mutter nicht... du weißt schon. Das hält dich nicht davon ab, nachher mit ihr auf der Unisex-Toilette zu verschwinden. Am nächsten Tag besichtigst du mehrere Kanzleien. In ihren Unterlagen tauchst du fortan pro forma als treuer Mitarbeiter auf, so wie über die Jahre hinweg auch noch in einigen anderen Betrieben, in die du nie einen Fuß gesetzt hast. Schatten-Connections sei Dank. Man nennt dich nicht umsonst “Trojaner” und die Kunden lieben es.

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Du perfektionierst dein Dasein als Chamäleon. Deine Pistole ist mittlerweile mehr Attrappe als alles andere, aber sie ist nach wie vor dein Glücksbringer. Wenn deine Hand mal wieder zuckt, reicht oft schon ein gezielter, kurzer Blick zum Handschuhfach. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit. Die Albträume nehmen stetig zu und öfter als gesund sein solle hat dich bereits dein eigener Schrei geweckt. In diesen Momenten siehst du dich immer in einem Golf II sitzen, leise vor dich hin zählen, damit sich die Stille zwischen dir und deinen toten Eltern auch ja nicht zu weit ausdehnt: “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf─”

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Eine Frau räuspert sich am anderen Ende der Leitung. Ihr Name ist Jennifer Steinkamp.

ENDE
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