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Damenbesuch

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
21.07.2015
21.07.2015
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Anmerkung des Authors: Dieser Text ist in gewisser Art und Weise eine Fortsetzung zu Lektion Nummer Zwei. da aber Schreibstil und genereller Aufbau vollkommen anders sind und der Text sich auch sehr gut alleine betrachten lässt, wird er als gesonderter Text hochgeladen.
Mein Dank geht wieder an meinen Lichtleser Black Tulip, die den Text gebetat hat.

Disclaimer: Die Charaktere gehören, bis auf die Dame nicht mir, ich habe aber die erlaubnis mit ihnen zu spielen.


Damenbesuch

Sie näherte sich langsam. Unauffällig.
Die Sonne brannte über Desperado und die Straßen waren wie leergefegt. Im Keller des Krustenbratenladens saß Herr Block, in der Hand einen Zettel, dessen Botschaft ihm Probleme bereitete. Herr Anders stand unverwüstlich wie eh und je in der Ausgabe des Kartoffelstandes. Er war der erste, der die Kutsche erblickte.
Sie wurde von sechs braunen Pferden durch den Sand gezogen, bis sie schließlich vor dem Krustenbratenladen zum Stehen kam. Der Kutscher sprang ab, eilte zur Tür, öffnete diese und half einer Dame beim Aussteigen.
Sie war recht klein, doch von üppiger Statur. In ihrer rechten Hand hielt sie einen geöffneten, schwarzen Sonnenschirm. Sie trug ein imposantes, schwarzes Kleid und auf ihrem Kopf einen schwarzen Hut, der einem Schleier als Befestigung diente.
Herr Anders erreichte die Theke des Krustenbratenladens in dem Moment, in dem die Dame den Laden betrat und ihren Sonnenschirm schloss. Sie lief zielstrebig zu den Tischen auf der rechten Seite, setzte sich und löste die Brosche, die den Schleier am Hut befestigte. Nun lag dieser, wie ein Schal, um ihren Hals und Herr Anders, der herbeigeeilt gekommen war, konnte problemlos in ihr leicht faltiges, müdes Gesicht sehen, sowie einige Strähnen ihres dunklen Haares, unter die sich bereits einige Weiße gemischt hatten.
Noch bevor Herr Anders auf irgendeine Art und Weise gestikulieren konnte, dass er gerne ihre Bestellung aufnehmen würde, erhob sie die Stimme: „Ich nehme einen Krustenbraten und eine Trinkschokolade!“
Herr Anders nickte eifrig, brachte schnell den Kakao und lief dann in die Küche, um den Krustenbraten servierfertig zu machen.
Sie aß nicht viel von ihrer Bestellung und ihren Kakao hatte sie noch nicht einmal angerührt, als sie Herrn Anders wieder zu sich rief: „Haben sie den gekocht?“
„Hhhm“, nickte er eifrig.
„Und wer hat ihnen das beigebracht?“
Herr Anders sah sie kurz verzweifelt an, verbeugt sich dann mit einem entschuldigenden „Hhhm“ und eilte los, um Herrn Block zu holen. Dieser hatte nur wenig Lust, sich um einen Gast zu kümmern, doch da sein Koch und Aushilfskellner anscheinend sehr verzweifelt war, machte er sich schweren Herzens auf den Weg.
„Verzeihen sie. Unser Koch, Herr Anders, kann nicht sprechen. Ich bin der Besitzer dieses Ladens. Was kann ich für sie tun?“, fragte er unmotiviert.
„Ich wünsche zu erfahren, wer ihrem Koch, die Zubereitung von Krustenbraten lehrte.“
„Das war mein verstorbener Partner, Herr Nest.“
„Dann führen sie mich doch bitte zu seinem Grab.“

Sie schwiegen auf dem Weg zum Friedhof und auch, als sie vor dem Grab standen, wagte es lange keiner zu reden, bis die Dame leise die Stille brach: „Es ist das einzige Grab, das gepflegt wird, aber das Geburtsdatum auf dem Stein fehlt.“
„Er ist der einzige Tote, den die Leute kennen, aber bisher kam niemand, der uns sagen konnte, wann er geboren wurde.“
„Und sie, als sein Partner, wissen das nicht?“
„Er hat es mir einmal gesagt, vor langer Zeit, aber ich konnte es mir nicht merken.“
Sie sahen sich lange an, bis Herr Block den Blick senkte, weil es ihn zu sehr schmerzte in diese Augen zu sehen, die dieselbe Farbe trugen, wie die seines Geliebten.
„Es tut mir Leid, dass ich ihnen ihren Sohn genommen habe.“
„Dafür haben sie ihm ein Grab auf einem Friedhof geschenkt.“
„Aber ich hätte es verhindern können! Wenn ich ihn dazu gezwungen hätte, sich auszuruhen, dann hätte er die Kraft haben können zu überleben.“
„Sie wissen, dass das nicht in ihrer Macht lag?“
„Ja, ich weiß. Er hat es mir gesagt.“
„Immer wenn jemand stirbt, der einem am Herzen liegt, dann fragt man sich, wie man es hätte verhindern können. Und wenn man etwas gefunden hat, dann gibt man sich selbst die Schuld.“
„Würden sie mir von ihm erzählen? Von damals, als ich ihn noch nicht kannte?“
„Hat er ihnen nie von dieser Zeit erzählt?“
„Nein, die Vergangenheit war etwas, worüber wir nie sprachen.“
„Soll ich ihnen etwas Schönes oder Unschönes erzählen?“
„Erzählen sie einfach von dem, was sie erzählen können.“

„Dann fange ich weiter vorne an.
Früher war er immer sehr neugierig. Als er noch recht klein war, da ist er oft abgehauen und durch die Ländereien gezogen. Wenn er wiederkam, hat er jedes Mal Ärger bekommen. Aber was auch immer er während dieser Ausflüge erlebte, es schien ihm die Schläge wert zu sein.
Keines meiner Kinder war so eigensinnig, vielleicht, weil sie gesehen haben, was der Preis dafür ist.
Und dann kam irgendwann der Vorfall mit den Hühnern. Dafür ist er zusammengeschlagen worden und hat dabei das Bewusstsein verloren. Als er wieder zu sich kam, fehlten ihm alle persönlichen Erinnerungen; er hat niemanden wiedererkannt, die Orte waren ihm fremd, jedoch konnte er noch Reden, Lesen, Schreiben. Der Arzt hatte dafür irgendein Wort, aber das habe ich mir nie gemerkt.“
„Es würde mir wahrscheinlich eh nichts sagen.“
„Sein Herr Vater war damals schrecklich. Ich habe nie verstanden, wie man die Anweisungen eines Arztes derart missachten kann und ich habe es auch nicht geschafft, ihn dazu zu bewegen, sie zu befolgen. Aber der Vorfall scheint ihn auch etwas gelehrt zu haben, denn er ist vorsichtiger geworden, wenn er seine Kinder züchtigte.
Es tut immer noch weh, dass ich Florius damals nicht richtig schützen konnte. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis er sich wieder erholt hatte, weil er sich nicht ausruhen durfte. Damals hat er auch angefangen nachts mit den Schweinen zu reden und die Bücher, die er bekam, auf der Ofenbank in der Küche zu lesen.
Sein Gedächtnis scheint er nie wiedererlangt zu haben, genauso wie seinen Glauben an Gott. Als Steppke war er immer so fröhlich. Die Fröhlichkeit schien er verloren zu haben, bis sie zu uns stießen.“
„Ich dachte immer, dass er einfach nur schüchtern ist.“
„War er auch, obwohl es ängstlich mehr trifft. Wenn es nicht nötig war, hat er das Anwesen nicht verlassen. Wenn Gäste kamen, tauchte er nur auf, wenn es Essen gab oder man ihn rief. Er hat sich nicht mehr wirklich weit weg getraut. Das hat er erst wieder getan, als sie kamen. Er hat sich durch sie generell sehr stark verändert. Ich weiß nicht, ob ihnen das bewusst ist, aber sie waren eine sehr starke Stütze für ihn.“
„Verzeihen sie, wenn diese Frage zu persönlich sein sollte, aber, wenn sie eine Sache in ihrer Beziehung mit ihm hätten anders machen dürfen, was hätten sie getan?“
„Ich hätte ihm gerne mehr Liebe geschenkt.
Für sie, der fast ohne Liebe groß wurde, muss es sehr schwer sein, das zu verstehen.“
„Ich bin mit Flohs Liebe aufgewachsen.“
„Dabei sind sie beide noch Kinder.“
„Und er wird nun nie erwachsen werden.“
„Dafür starb er glücklich.“
„Kommen sie mit, ich soll ihnen etwas geben.“

Schweigend liefen sie zurück und Herr Block führte die Dame in den Tunnel. Sie hatte ihre Mühe mit den ganzen Leitern, doch sie folgte ihm trotzdem. Während sie den Tunnel entlangliefen, fragte sie, wo dieser denn hinführe und Herr Block antwortete ihr mit der Wahrheit.
Noch nicht ganz in der Mitte angekommen, blieb er stehen und holte einen lockeren Stein aus der Wand. Dahinter lag ein Brief.
„Der ist für sie. Er meinte, dass sie kommen würden und ich ihnen dies geben soll“, erklärte er.
Sie nahm den Brief und las ihn, während er geduldig wartete. Er fühlte sich ein wenig hilflos und fehl am Platz, denn wäre er in ihrer Situation, so hätte er es bevorzugt allein zu sein. Doch jetzt konnte er sie auch nicht mehr fragen, ob er gehen oder bleiben solle, denn dann würde er sie auf jeden Fall stören.
„Wann hat er ihnen den Brief gegeben?“, fragte sie, nachdem sie zu Ende gelesen hatte und ihre Stimme zitterte ein wenig, da sie offensichtlich den Tränen nahe war.
„Heute Morgen.“
„Aber er ist doch schon seit drei Monaten…“
„Ah, na ja. Er scheint gewusst zu haben, dass er sterben wird, noch bevor er überhaupt krank wurde. Er… er hat mir ein paar Nachrichten hinterlassen und sie in diesem Tunnel versteckt, damit sie niemand außer mir finden kann.
Ich könnte ihnen ein Paar davon zeigen, wenn sie wollen?“
„Sehr gerne. Ich wusste übrigens gar nicht, dass sie lesen und schreiben können.“
„Floh hat es mir beigebracht und ich kann es auch noch nicht so gut, aber ich werde besser. Rechnen ist am schlimmsten. Mit kleinen Zahlen kann ich umgehen, aber wenn sie größer werden, habe ich oft Angst Fehler zu machen; bei der Buchführung, versteht sich.“

Herr Block bedeutete der Dame wieder ihm zu folgen und das Gespräch verebbte erneut.
Dieses Mal gingen sie ins Schlaf- und Wohnzimmer. Er bot ihr den Schreibtischstuhl an, sie dankte und setzte sich. Anschließend holte er einen Stapel Zettel aus einem der Fächer und reichte ihn ihr.
Er hatte sich angewöhnt die Nachrichten zu sortieren. Jene, die definitiv nur er lesen durfte, lagen weiterhin sicher im Tunnel, die anderen verwahrte er hier oben.
Auch dieses Mal blieb er an der Seite der Dame, vor allem, um selbst noch einmal die Texte zu lesen. Die meisten kannte er bereits auswendig:

Ich war heute bei Herr Anders’ Haus. Es ist alles komplett zugestaubt, aber stell dir vor:
Er hat einen Keller und da stehen Bücher drin.
Meinst du, er hat etwas dagegen, wenn ich sie alle lese?

Manchmal vermisse ich meine Heimat. Wie mein Herr Vater wohl auf unser Fortgehen
reagiert hat? Bestimmt war er wütend. Ich hoffe sehr, dass er in seinem Zorn
nicht Mutter geschlagen hat; sie wird auch so bereits sehr verletzt sein.

Irgendwann müssen wir das Angebot des Ladens erweitern. Krustenbraten ist zwar sehr gut,
aber auf Dauer werden die Leute wohl auch etwas anderes Essen wollen.
Vielleicht sollten wir einen weiteren Koch suchen?


„Ich werde über Nacht in dieser Stadt bleiben. Wo kann ich nächtigen?“
Herr Block blinzelte erst verwirrt, weil ihn die Frage unvorbereitet traf, doch dann besann er sich und antwortete: „Die Stadt besitzt ein Gasthaus, aber wenn sie möchten, kann ich ihnen auch das Bett hier oben zurecht machen. Einige der Kühe sind trächtig und eine von ihnen wird wohl heute Nacht eventuell werfen. Deshalb muss ich die Nacht im Stall verbringen.“
„Sie kümmern sich parallel zum Laden auch um die Tiere?“
„Ich habe nicht wirklich eine Wahl. Ein paar andere Stadtbewohner helfen beim Füttern, aber von Tieren versteht hier so gut wie niemand etwas.“

Letztendlich schlief die Dame über dem Krustenbratenladen, während Herr Block eine recht schlaflose Nacht im Stall verbrachte. Das Kälbchen kam erst am frühen Morgen zur Welt und dann musste er ein Frühstück vorbereiten, da er bei seinem Gast einen guten Eindruck hinterlassen wollte.
Es funktionierte nur halbwegs. Sie freute sich zwar, hatte aber an allen Ecken und Enden etwas zu nörgeln.
Nach dem Frühstück dirigierte sie dann alle in die Küche, um Herr Anders noch einmal zu zeigen, wie man einen guten Krustenbraten zubereitete. Herr Block wurde dazu abkommandiert alles, was sie sagte, genauestens aufzuschreiben. Und so saß er dann, todmüde, in der Küche und schrieb mit.
Erlöst wurde er nach dem Mittagessen, als sie beschloss, dass es Zeit wurde, weiterzufahren. Er ging zum Gasthaus, um dem Kutscher Bescheid zu geben, dass dieser alles für die Abfahrt vorbereiten solle.
Als er wieder im Laden ankam, durfte sich Herr Anders gerade noch einmal anhören, was er unbedingt beachten musste, damit der Krustenbraten auch wirklich gelang. Der Arme nickte immer nur und gab bestätigende Laute von sich. Ratlos, was er machen sollte, tat Herr Block so, als würde er die Tische noch einmal abwischen. Ihre Predigt schloss die Dame mit einem Lob für seine Ofenkartoffeln und wandte sich dann zu Herr Block:
„Haben sie eigentlich einen Steinmetz in ihrer Stadt?“
„Nein, wenn wir einen benötigen, reiten wir in den Nachbarort.“
„Gut, da muss ich sowieso hin. Es wird sich dann in der kommenden Woche jemand bei ihnen wegen des Grabsteins melden. Ich habe ihnen das Geburtsdatum zur Sicherheit auch noch einmal aufgeschrieben. Der Zettel liegt dort drüben auf der Theke.
Ah, da kommt ja auch schon meine Kutsche. Machen sie es gut. Ich werde in ein paar Monaten noch einmal vorbeikommen. Und ehe ich es vergesse, hier nehmen sie das.“ Sie griff kurz an den Gürtel, der über ihrer Hüfte das Kleid zierte, das sie trug, und löste einen von zwei Beuteln, die dort unter einem Tuch befestigt waren. „Da ist Geld drin. Verstauen sie es gut und gehen sie zum Schneider. Als Ladenbesitzer können sie doch nicht in Arbeitskleidern auftreten. Wenn ich wieder komme, werde ich in Begleitung sein. Ich erwarte also, dass sie ordentlich gekleidet sind.“
Etwas ungelenk nahm Herr Block das Geld entgegen, noch unsicher, was hier gerade geschah. Auch als sie ihre Hand an seine Wange legte, reagierte er kaum, obwohl ihm die Berührung unangenehm war.
„Er will, dass du glücklich wirst. Wenn ich wiederkomme, wäre es schön, wenn du mir sagen könntest, dass du ihm diesen letzten Wunsch erfüllt hast.
Bis bald, mein Sohn.“
Und sie verschwand nach draußen, wo der Kutscher ihr in die Kutsche half. Alles was danach noch blieb, war Staub.
Entgeistert sah Herr Block die Tür an, bis er sich ruckartig löste und hinunter in den Tunnel rannte. Er brauchte dort eine Weile, um den nächsten Zettel zu finden. Es stand nur ein Satz darauf geschrieben:

Und, kann Herr Anders mittlerweile guten Krustenbraten kochen?


In Herr Blocks Kopf war in diesem Moment nur eine Frage.
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