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Lone Ranger - Das Red's steht auf dem Spiel

GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Danny Reid John Reid / Lone Ranger Rebecca Reid Red Tonto
20.07.2015
29.09.2019
18
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26.02.2017 2.254
 
Red lag wach. Sie konnte kein Auge schließen. Die stechend kalte Luft der nächtlichen Steppe brannte in ihrem Hals und ihr Atem kristallisierte vor ihren Lippen. Die zwei Decken, unter denen sie lag, wärmten sie nicht ausreichend, doch wenn sie an die heißen Tage unter freiem Himmel dachte, dann kam ihr die Luft in der Nacht beinahe angenehm vor.
Seufzend drehte sie sich auf die andere Seite und rieb sich die Stirn. Ihre Fingerspitzen kribbelten und ihr echtes Bein brannte vor Kälte. Sie war nicht für solche Strapazen gemacht. Das war nicht ihre Natur. Sie hatte jahrelang in einem Landgut abseits jeglicher Zivilisation gelebt, im Schatten unzähliger Verandas. Ihre Mutter hatte das Geld ihrer zahlreichen Ehemänner aus jeglichen Fenstern geworfen und sie in Korsagen gesteckt, die eine der vielen Einschränkungen waren, die man ihr aufhalste. Sie war es nicht gewohnt so viel Freiraum zu haben. Das passte einfach nicht zu ihr.
Sie drehte sich auf den Rücken und betrachtete den klaren Sternenhimmel. Sie hatte jahrelang Sternenkarten angefertigt und sich nachts herausgeschlichen, um sie zu überarbeiten und zu vervollständigen. Jetzt schwammen sie vor ihren Augen, als Tränen über ihre Wangen liefen.
Was auch immer Joseph Tonto soeben antat, sie wagte nicht einmal es sich vorzustellen. Vielleicht war er es gewohnt in der Hitze zu leben und ein stundenlanger Marsch hinter den Pferden würde ihm nicht schaden, doch was würde geschehen, wenn es Jonathan auffiel?
Sie presste die Lippen fest aufeinander und fuhr sich über die Augen. Als sie soeben versuchen wollte erneut einzuschlafen spürte sie etwas an ihrem linken Bein. Es fühlte sich an, als würden Finger an ihrer Haut herauffahren. Sie zuckte heftig zusammen und rappelte sich auf. Ihre Augen huschten hektisch hin und her, doch es schien zu dunkel, um etwas zu erkennen. Mit einem Schrei sprang sie auf und ihr rechten Bein blockierte, sodass sie nicht wieder zusammensank. Die Hand schien verschwunden zu sein, doch ihr Herz schlug so heftig, dass sie immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt wurde und hektisch um sich schlug, bis sie plötzlich von jemandem fest in den Arm genommen wurde. Sie schrie auf, doch Johns Stimme ertönte. Er sprach beruhigend auf sie ein und langsam wurde es besser. Ihr Atem ging weiterhin schnell, doch ihr Herz schlug langsamer und sie drückte sich tief in Johns Hemd. Der Stoff roch nach Sand und Staub. Nach seinem Schweiß und seiner Aufopferung.
„Es tut mir leid“, schluchzte sie. John fuhr ihr mit einer Hand über den Rücken, so wie Tonto damals. „Das muss es nicht“, sagte er. „Es ist vorbei. Es war nur Einbildung. Ein Traum. Es ist alles in Ordnung.“
Sie holte tief Atem, um wieder herunterzufahren, als John sagte: „Legt euch wieder schlafen und steckt die Waffen weg. Es ist alles in Ordnung.“ Dann nahm er sie an den Oberarmen und sah ihr in die Augen. „Soll ich bei dir bleiben?“ Sie spürte, dass ihre Unterlippe zu zittern begann und biss darauf. Schließlich nickte sie.

Am Morgen sattelten sie die Pferde und machten sich bereit für die erneute Abreise. Red prüfte gedankenversunken das Kugellager ihrer Handfeuerwaffe, als sie plötzlich von John aus ihren Gedanken gerissen wurde. „Komm, ich helfe dir auf das Pferd.“

Und wieder durchquerten sie die Wüste, diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Es war unverkennbar, dass Joseph zurück zum Red‘s reiten wollte, um es anschließend in der Hoffnung auf Silber auseinanderzunehmen. Er war nun sicherlich davon überzeugt, dass sie ihm folgen würde, weshalb er nicht nach ihr suchen ließ. Im Red’s würde sie wieder auf ihn treffen und er würde sie zwingen das Silber für ihn freizugeben. Er würde ihr versprechen, dass Tonto, Rebecca, Pamod und Danny am Leben bleiben würden, wenn sie ihm half. Und dann würde er sie erschießen.
Sie schluckte und krallte die Finger in Johns Lederjacke. Er war es bereits mehr als gewohnt und schließlich musste er sich eingestehen, dass sie andernfalls von dem Pferderücken rutschen konnte. Nur schwerlich verkniff sie sich ein resigniertes Seufzen.
All diese Männer würden ihr keine große Hilfe sein. In Colby eine Schießerei anzuzetteln wäre nahezu lebensmüde. Und sollten sie die Karawane vorher erreichen würde eine blutige Schlacht ausbrechen, von deren Ausgang nur die Götter etwas wissen konnten. Bedächtig wandte sie den Blick gen Himmel. Sie hatte sich niemals damit abgegeben zu beten, schließlich war sie von allen guten Göttern verlassen worden, doch ihre Mutter hatte immer fest daran geglaubt, dass es eine höhere Macht gab, die stetig auf sie achtete und ihre Handlungen bestimmte. Red glaubte an andere Dinge.
Seit sie von mehreren Stiefvätern geschunden, von fremden Männern genommen und angeschossen und von ihren eigenen Fantasien halb zu Tode erschrecket worden war gab es nichts mehr dort oben, das bereit gewesen wäre ihr zu helfen. Sie musste sich auf die guten Seelen verlassen, die es auf dieser heiligen Erde gab. Und auf Pamod I.

Durch Josephs fahrlässiges Trödeln durch die Foltermethoden, die er sich ausgedacht hatte, war es nicht verwunderlich, dass sie bald einige Reiter am Horizont entdeckten. Sie entschieden sich verdeckt zu bleiben und durchquerten keine Felsschluchten, mit denen John bereits schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Stattdessen entfernten sie sich ein paar Meilen östlich und versuchten die Route zu verfolgen, die die Banditen eingeschlagen hatten.
Als es bereits dämmerte entschied John in der Nacht einen Trupp nach ihnen zu schicken, um ihr Lager auszukundschaften, sollten sie eines aufschlagen.

„Ich will euch begleiten“, rief Red wütend und versuchte mit John Schritt zu halten, der zu den Pferden ging. Er hatte einige Männer ausgewählt. Unter anderem den kleinen Messerwefer, dem Red praktisch das Leben gerettet hatte. Insgesamt waren sie nun zu fünft.
„Das kommt gar nicht in Frage“, protestierte er standhaft und prüfte seinen Sattel. Red stemmte die Hände in die Seiten. „Was soll das?“, fuhr sie ihn an. „Du weißt genau, dass ich auf bestimmte Distanzen einen Kopfschuss perfekt setzen kann.“
John ballte die Fäuste. „Dieser Kerl hat alle Menschen in der Hand, die dir etwas bedeuten. Er könnte dich wieder in die Finger bekommen und dann bist du ihm vollkommen ausgliefert.“
Red presste wütend die Lippen aufeinander und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Das ist nicht fair!“, entgegnete sie voller Ärger. „Ich habe dich niemals darum gebeten dir Sorgen um mich zu machen! Das ist meine Entscheidung. Ich kann mein Leben selbst in die Hand nehmen und ich kann abwiegen wie viel es wert ist! Pamod sitzt in diesem verfluchten Wagen und wird vermutlich von Joseph gefoltert! Ich muss ihn retten und du willst mich einfach hier zurücklassen? Als einzige Frau unter mehr als zwanzig Räubern?“
John hob eine Augenbraue. „Ich denke dagegen kannst du dich sehr gut verteidigen“, meinte er nüchtern und schwang sich auf sein Pferd.
Red verschränkte die Arme vor der Brust und schob das Kinn nach vorn. Mit heftigem Atem sah sie ihm und seinem Trupp nach. Langsam verschwanden sie in der Nacht.
„Scheint, als wären wir jetzt ganz allein“, hörte sie einen der Männer sagen. Sie erkannte ihn an seiner Stimme. Es war der Muskelprotz, der den kleinen Jungen hatte erschießen wollen. Zumindest hatte er es angedeutet. Sofort zog sie ihre Waffe und zielte auf seine Stirn ohne zu ihm aufzusehen. „Rühr mich an und ich jage eine Kugel durch dein bedeutungsloses Hirn, nachdem ich dir den Schwanz abgeschossen habe!“, zischte sie bedrohlich und ging zu den Kisten hinüber, um sich dort niederzulassen.
Niemand rührte sie an.

Tatsächlich musste sie feststellen, dass sie einen gewissen Respekt erlangt hatte, den die Männer ihr entgegenbrachten. Sie sahen immer wieder zu ihr hinüber, näherten sich ihr jedoch nicht auf zehn Fuß. Red konnte ihr Beweggründe gut verstehen. Das Geld, das sie bekommen würden, musste sehr reizvoll sein, wenn sie alle aus diesem Loch stammten.
Dennoch war es schleierhaft, was sie wirklich antrieb hier in einer eiskalten Wüstennacht auf den baldigen Tod oder Dehydrierung zu warten.
Ihre Beweggründe waren ihr jedoch noch weniger sicher. Sie war eine gnadenlose Hure, die mit Männern vögelte, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte und sich nicht einmal etwas daraus machte. Ihre Stiefväter hatten sie geschlagen und ihre eigene Mutter war respektlos mit ihrer Jugend umgegangen. Sie hatte in ihrem Leben niemals etwas Besseres als Wüstensand und Leichen gesehen. Und Nutten, die sich um einen Platz in ihrem Bordell stritten, um dann ebenso von irgendwelchen frustrierten Ehemännern flachgelegt zu werden.
Vielleicht machte es ihr doch etwas aus. Vielleicht litt sie ja darunter. Sie hatte oftmals Schmerzen gehabt. Oder Gewissensbisse. Immer wieder wurde sie von Alpträumen geplagt oder schlief gar nicht erst, weil sie nicht wissen wollte, was sie erwartete.
Als sie mit Tonto geschlafen hatte war das anders gewesen. Auf eine unerklärliche Weise hatte sie ihm eine große Menge Vertrauen entgegengebracht. Sie hatte es genossen mit ihm zu schlafen und nicht einen einzigen Moment an ihren Job oder ihre furchtbaren Erinnerungen gedacht. Dieses übermenschliche Gefühl, das sich zu diesem Zeitpunkt in ihr ausgebreitet hatte, hatte jeden Gedanken unmöglich gemacht.
Und außerdem hatte sie seit mehr als drei Jahren für niemanden mehr die Beine breitgemacht. Sie hatte es vermieden sich nach dem furchtbaren Unfall allzu oft mit jemandem einzulassen und nur für die ganz mutigen ihre Röcke gelüftet.
Es war schwierig richtig zu selektieren. Für sie war es das…

Mitten in der Nacht, sie war soeben eingeschlafen und hatte sich selbst dann nicht wirklich entspannen können, hörte sie das Schlagen von Hufen auf die sandige, ab und zu steinige, Oberfläche. Sofort setzte sie sich auf und verengte die Augen, um trotz der Dunkelheit etwas erkennen zu können. Das Feuer brannte noch immer, doch die Wache war eingeschlafen und langsam wichen stechende Flammen einfacher Glut.
Reds Herz begann schneller zu schlagen. Ihr erster Gedanke war natürlich, dass John zurückkehren und vielleicht Pamod oder gar Tonto bei sich haben würde, doch sofort folgte die Angst vor Joseph und seinen Anhängern. Hatten sie sie vielleicht entdeckt? Normalerweise würde der Wind die Rauchwolken des Feuers forttragen und sowieso trennten sie einige Meilen Felslandschaft, doch Joseph hatte sie schon einmal gefunden. Außerdem war sie jetzt vollkommen wehrlos und allein. Den anderen Männern lag wohl kaum etwas an ihr und der Revolver, den sie umklammert hielt, brachte nichts, würde sie weder etwas sehen noch sich rechtzeitig erheben können.
Die Geräusche näherten sich sehr schnell und sie atmete hastiger ohne wirklich Luft in ihre Lungen zu pumpen. Stattdessen trat Schweiß auf ihre Stirn und ihre Hände begannen zu zittern. Als man im Red’s auf sie geschossen hatte war sie nicht einmal halb so angespannt oder angsterfüllt gewesen und hatte einen der Angreifer sogar tödlich verletzen können, doch Joseph Eltringham brachte sie um ihren Schlaf und war im Begriff die wichtigsten Menschen ihres Lebens zu foltern und zu töten.
Mit ungemeinem Kraftaufwand und mithilfe einer Kiste, die sich unmittelbar neben ihr befand, schaffte sie es in eine stehende Position und versuchte sich nicht sofort als Zielscheibe zu präsentieren. Auch einige der anderen Männer waren mittlerweile aufgesprungen und hatten ihre Waffen gezogen. Red legte den Finger an den Abzug und drehte das Kugellager, um die Ladung zu prüfen. Dann suchte sie die Nacht nach den Angreifern ab, doch auf einmal schien das Geräusch abgeklungen zu sein. Sie hörte nicht einmal mehr das Schnauben der Pferde, doch all das konnte keine Illusion gewesen sein! Die Männer hatten es ebenfalls gehört! Dennoch fiel es ihr schwer sich immer wieder einzureden, sie sei nicht verrückt und stünde nicht an einem weitläufigen Abgrund, dessen Dunkelheit sie nach und nach zu verschlingen drohte.
Schließlich holte sie tief Atem und versuchte sich auf ihr Gehör zu konzentrieren. Als also jemand sprach zuckte sie so heftig zusammen, dass sie den Sinn der gesprochenen Worte nicht verstand, sondern lediglich vor Schreck herumfuhr und beinahe zurück in den Sand stürzte.
Ihr Kopf schien ihr einen Streich zu spielen. Vor ihr stand Tonto, die rechte Seite vom Licht des Feuers beschienen. Einige violette Flecke und etwas Blut zogen sich über seinen Körper. Außerdem saß der Vogel auf seinem Kopf leicht schräg, doch sonst schien er unversehrt zu sein. Wenigstens stand er gerade.
Red war sich ziemlich sicher, dass all das nicht wahr sein konnte. Sie musste träumen oder hatte eine Halluzination, wie letzte Nacht. Oder lagen bereits mehrere Nächte dazwischen?
Ihre Verwirrung hielt lange genug an, um es dem Pseudo-Tonto zu erlauben, näherzutreten und sie mit seinen dunklen Augen warmherzig anzusehen. All das war zu real. Die Geräusche, der Geruch und die kühle Nachtluft, die wie Nadeln in ihre Haut stach. Er lächelte und schließlich streckte er ihr leicht die Arme entgegen. Red war den Tränen nahe. Egal, ob es sich hierbei um eine Illusion oder die Realität handelte, ob sie sich lächerlich machte oder tatsächlich Tonto vor ihr stand – sie konnte nicht länger fassungslos in der Gegend herumstehen.
Mit einem unkontrollierten Schluchzer fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn fest an sich, als wolle sie sichergehen, dass er wirklich er war und nicht irgendein Gespinst. Doch sein Körper war real und schmiegte sich an ihren. Er roch nach Schweiß und Blut, doch ebenso nach Wüstensand und seinem ihr nunmehr so vertrauten Körpergeruch. Sie hatte diesen Geruch immer wieder in sich aufgesogen, wenn sie neben ihm gelegen hatte und selbst als er nicht mehr um sie gewesen war, schien diese Art von Geruch noch immer an ihr zu haften. Sie hatte ihn umso mehr vermisst, je schneller die Erinnerung verflogen war, doch nun konnte sie ihn erneut spüren und seinen Duft in sich aufnehmen.
Ihre Finger krallten sich in seinen Rücken. Sie hatte nicht vor ihn loszulassen. Nie mehr wieder.
Zumindest kamen ihr die nächsten Minuten wie eine süße Ewigkeit vor.
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