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Lone Ranger - Das Red's steht auf dem Spiel

GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Danny Reid John Reid / Lone Ranger Rebecca Reid Red Tonto
20.07.2015
29.09.2019
18
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19.10.2016 2.012
 
Am Nachmittag standen sie zu zweit vor den dreiundzwanzig Männern, die alle hoch zu Ross saßen und darauf warteten, dass Ihnen irgendwelche Anweisungen erteilt wurden. Auch John und Red hatten ein Pferd bezogen. Red klammerte sich notgedrungen an ihm fest.
„Also dann“, rief John, sodass ihn jeder verstehen konnte, „die Schandtäter, die wir verfolgen und niederstrecken wollen reiten in Richtung Osten nach Colby. Sie haben vier Gefangene in einem Wagen bei sich. Eine junge Frau mit braunem Haar, ihren Sohn und einen zweiten, kleinen Jungen und einen Indianer mit einem Vogel auf dem Kopf.“ Ein Raunen durchzog die Menge und hier und da verzogen sich staubige Lippen zu einem Grinsen. Red prägte sich jedes einzelne Gesicht, dass es gewagt hatte sich über Tonto lustig zu machen, ein. Sie würde es ihnen heimzahlen.
John fuhr unbeirrt fort. „Diesen Gefangenen darf nichts getan werden. Den Rest dürft ihr gerne abschlachten wie ihr lustig seid. Den Lohn werdet ihr von Mr. Malinowsky erhalten. Folgt mir!“
Und dann ritt er voraus. Leif hatte ihnen zehn Provianttaschen und für jeden einen Revolver und genügend Munition mitgegeben. Sie waren perfekt gerüstet. Red fühlte sich dennoch unsicher. Sie betete, dass Joseph sie nicht beobachtet hatte und ihnen jetzt schon wieder einen Schritt voraus war. Sie betete zu einem namenlosen Gott, dass sie ihr anderes Bein nicht einbüßen würde. Dass Pamod Jr. ohne verheerende Blessuren aus der Sache herausgehen würde. Dass er sie nicht hassen würde. Sie betete, dass Tonto all das überlebte und dass er sie tatsächlich so sehr liebte, wie sie annahm.
Sie hatte Pamod, ihren ersten Ehemann, wirklich sehr geliebt, doch durch die Ehe hatte sie sich ihm sehr verpflichtet gefühlt und obwohl er schließlich aufgebrochen und aus ihrem Leben verschwunden war hatte sie nicht aufgehört an die Ehe zu glauben. Daran, dass er zurückkommen würde. Tonto hingegen war ein Indianer, der nicht viel auf die Ehe setzte. Doch sie wusste, dass sie ihm vertrauen konnte und diese Art von Verpflichtung war wesentlich leichter zu ertragen. Und sie betete, dass sie ihn nicht verlieren würde.

Am Abend schlugen sie ihr Lager an einem kleinen Süßwassersee auf und zündeten ein Lagerfeuer von der Größe eines Hutes an. Mehr konnten sie sich nicht erlauben, sonst würde man sie vermutlich ausmachen können. Die Männer unterhielten sich angeregt, wenn auch gedämpft. Red saß auf dem Boden, das falsche Bein von sich gestreckt, und aß von dem wenigen Gemüse, dass sie mitgenommen hatten. Sie mussten es schnell essen, da es als erstes verderben würde. Also nagte sie an einer Gurke und beobachtete die Männer. Sie alle waren mindestens so alt wie sie und muskulös, als würden sie tagtäglich Ringkämpf austragen. Viele von ihnen waren tätowiert. An Stellen, die sie niemals für möglich befunden hätte. Sie selbst trug einen kleinen Stern über der Brust und allein das war nicht wirklich eine Genugtuung gewesen. Sich den gesamten Körper zerstechen zu lassen stellte sie sich fürchterlich vor.
Die Motive schienen nicht sehr zahlreich zu sein. Viele trugen Kreuze oder einen Anker – irgendetwas simples, das niemand mit einem Ketzer oder Kopfgeldjäger in Verbindung bringen konnte.
Manche von ihnen spielten mit ihren Revolvern, klappten das Lager aus und ein oder zielten aus Spaß auf einen Baumstumpf oder das Feuer. Red bezweifelte, dass jeder von ihnen so gut schießen konnte, wie er vorgab.

Sie ließ den Blick ein weiteres Mal schweifen, bis sie einen unförmigen Mann entdeckte, der ganz besonders eifrig seinen Revolver nachlud. Er saß am Rand des Lagerfeuers. Seine Haare waren schief gestutzt und er war mit Tätowierungen übersäht. Seine Augen waren dunkel, beinahe schwarz. Es dauerte nicht lange, bis er auf einen etwas schmächtigeren jungen Mann zielte, der nichts ahnend an einem Zwieback herumknabberte. Red kniff die Augen zusammen, während der Muskelprotz die Pistole lud. Sie bat John ihr aufzuhelfen und ging zu einem der Kistenstapel hinüber. Sie hatten mehrere Pferde mit den Kisten voller Munition und Essen beladen und diese nun auf den Boden gestellt, um sie auszuladen. Mit einem vorfreudigen Lächeln platzierte sie ihr falsches Bein darauf und zielte auf den Revolver des tätowierten Idioten. Mit einem einzigen Schuss hatte sie ihm die Waffe aus der Hand geschossen. Erschrocken fuhr er herum.

„Das würde ich lassen, wenn ich du wäre“, sagte sie. Sie wusste, dass sie nun die Aufmerksamkeit von allen auf sich gezogen hatte und der blonde Jüngling, auf den Muskelprotz gezielt hatte schien nun ebenfalls bemerkt zu haben, dass beinahe auf ihn geschossen worden war. Ganz sicher hätte die schiefe Frisur den Abzug ausversehen gefunden.
„Du hättest ihm glatt in die Seite geschossen“, sagte sie. „Vermutlich in seinen linken Lungenflügel. Er wäre kollabiert und der arme Kerl jämmerlich verreckt. Hättest du das gewollt?“ Der tätowierte Idiot zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Scheint ein ganz schönes Mädchen zu sein“, sagte er mit einem Kopfnicken auf den blonden Jungen. Red hob abschätzend die Augenbrauen.
Sie neigte den Kopf. „Wenn ich dir das rechte Bein abschneide, während zu bei vollen Bewusstsein bist und deinen Oberschenkelknochen mit einem Beil durchtrenne, würdest du schreien?“, fragte sie. Der Muskelberg bewegte sich, indem er sich zu ihr umwandte. „Vermutlich“, sagte er. Red zog ihr Bein von der Kiste und kam auf ihn zu. Sie zog ein Messer von ihrem Gürtel. „Dann lass uns anfangen“, sagte sie vorfreudig grinsend. Der Kerl trat einen Schritt zurück und sie blieb stehen. „Siehst du“, sagte sie lächelnd. „Was denkst du, wie ich mein Bein verloren habe?“ Sie legte eine Pause ein. Dann setzte sie nach: „Und ich bin auch ein Mädchen.“
Die umstehenden Männer lachten auf und der tätowierte Muskelprotz lief rot an vor Wut. Dann stürmte er auf Red zu, als wolle er sich mit seinem Gewicht auf sie werfen.
Und obwohl sie durch ihr rechtes Bein stark in ihren Bewegungen behindert wurde wich sie blitzschnell zur Seite aus und verpasste ihrem Angreifer einen nicht sehr tiefen aber langen Schnitt an der linken Seite. Er warf sich herum und landete mit dem Rücken im Staub.
„Mach es nicht schlimmer, als es ohnehin schon ist“, sagte sie und steckte das Messer wieder an ihren Gürtel. Dann ging sie hinüber zu ihrem Platz am Feuer und setzte sich. Die anderen Männer starrten sie an, als würden sie auf einen weiteren Satz oder irgendeine lockere Bemerkung warten.
Red hob eine Augenbraue. „Was starrt ihr denn so? Wollt ihr, dass ich euch auch ein paar nette Schnitzmuster verpasse?“ Sofort senkten sich die Blicke und alle nahmen wieder Platz. John eingenommen. „Das war wirklich beeindruckend“, sagte er. Red seufzte und griff nach ihrer halb gegessenen Gurke. „Sie haben sich über Tonto lustig gemacht“, sagte sie. „Also werde ich einen nach dem anderen blamieren.“
John grinste. „Na dann.“ Er sah sich um und bemerkte, dass der blonde Junge, den sie quasi gerettet hatte, auf sie zukam. „Er will sich bestimmt bedanken“, flüsterte er. Der Junge kam näher und John stand auf, um ihm nicht im Weg zu sein. Er ging zu seinem Pferd hinüber und tat, als würde er den Sattel festziehen.

Der junge Mann ließ sich neben Red auf den Boden sinken und brachte schließlich so etwas wie ein Lächeln zustande. „Danke“, sagte er. Red winkte mit der Hand ab. „Nicht der Rede wert“, sagte sie nur. Sie mochte solche Auseinandersetzungen nicht. Schon einmal hatte sie einem ihrer Mädchen das Leben gerettet und hatte nicht darauf eingehen wollen. Sie war zu bescheiden. Manchmal glaubte sie, man würde es ihr als Nachteil auslegen können, doch es erschien ihr unhöflich mit ihrem Bein oder ihrer Treffsicherheit zu prahlen.
Der Mann sah zu dem Muskelprotz hinüber, der ihn hatte erschießen wollen und der nun den Schnitt an seiner Seite begutachtete.
„Ich habe oft mit solchen Menschen zu tun, aber meistens bin ich darauf vorbereitet“, sagte er. Red lächelte zaghaft. „Ich kann mir vorstellen, dass du Mittel und Wege kennst solche Dilettanten zu umgehen“, sagte sie.
Der junge Mann nickte. „Ja. Ich bin ein hervorragender Messerwerfer. Aber ich verrate es ungern.“ Sie wandte den Kopf, um ihn anzusehen. „Das kann ich verstehen“, sagte sie. Er lehnte sich gegen eine Kiste, an der John zuvor gesessen hatte. Auch Red musste sich anlehnen. Sie musterte ihren Gesprächspartner noch einmal eingehend aus dem Augenwinkel. Er erinnerte sie an Pamod Jr. und auch ein wenig an seinen Vater, obwohl er nicht so braun gebrannt und etwas dünner war. Dieser junge Bursche schien eine Mischung aus ihrem Sohn und ihrem ersten Ehemann zu sein.
„Hat man Ihnen wirklich das Bein abgeschnitten?“, fragte er plötzlich in beeindrucktem Ton und deutete auf die Stelle unter ihrem Rock, unter der sich das Bein befinden musste. Sie nickte, nachdem sie ihre Gedanken abgeschüttelt hatte. „Ja“, sagte sie knapp. Sie plauderte niemals unvorhergesehen aus dem Nähkästchen. Eine hart erlernte Lektion.
„Wer hat es abgeschlagen“, hakte der Junge neugierig nach. Sie presste die Lippen aufeinander. „Ein Mann namens Bucth Cavendish.“ Er nickte langsam. „Ist er einer der Männer, die wir verfolgen?“ Red schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist tot.“
Der junge Mann hob beide Augenbrauen. „Starb er eines natürlichen Todes?“, fragte er sofort. Red lächelte düster. „Nein.“ Er schluckte. „Und die Männer die wir verfolgen … wollen Sie auch jeden von denen töten?“
Sie strich sich eine rote Strähne aus dem Gesicht. „Zumindest der Anführer sollte sterben“, meinte sie nur. „Ah“, entkam es dem Burschen in langatmiger Manier. „Dann ist das alles so eine Art – Racheaktion, hm?“ Red nickte. „Genau das ist es.“
Der Junge zog die Knie an den Leib, um die Arme darum zu legen. „Das mit Ihrem Bein tut mir furchtbar leid“, meinte er dann. „Meinem Großonkel hat man die Hand abgehackt, weil er angeblich Äpfel gestohlen haben soll“, meinte Red belanglos. „Ein paar Wochen später fand man den eigentlichen Täter, aber man hat die Missetat, die man ihm angetan hat, niemals mit Geld oder etwas dergleichen aufgewogen. Er war ziemlich sauer.“ „Das kann ich mir vorstellen“, entgegnete er. „Aber er hat sich damit abgefunden“, ergänzte Red.
Dann schwiegen sie eine ganze Weile, bevor John zurückkehrte und den jungen Mann verscheuchte.

„War er wenigstens höflich?“, fragte er. Red nickte lächelnd. „Natürlich. Er erinnert mich irgendwie an mich selbst. Als ich jünger war hat mir einer meiner Väter das Schießen beigebracht. Er war nicht lange bei meiner Mutter geblieben, aber lange genug, um mir die Feinheiten wenigstens zu erklären. Ich war das einzige Mädchen der Stadt, das mit einem Revolver umgehen konnte. Aber ich habe das nur getan, wenn es wirklich notwendig war. Ich habe niemals damit geprahlt. So etwas sollte man nicht. Denn wenn es darauf ankommt hat man selbst das Ass im Ärmel. Der Kleine hat es verstanden.“
John beobachtete den schlaksigen Jungen eingehend und fragte sich, was wohl so besonders an ihm sein mochte. Er wirkte weder kräftig noch stellte er sich geschickt beim Ausschenken des Weines an. Irgendetwas musste es ja sein, schließlich sprach Red wohl kaum über irgendwelche Zauberkünste.
„Ich kann mir vorstellen, dass du die Jungs damit beeindrucken konntest“, sagte er, bezüglich des Schießens. Red senkte die Lider. „Ich habe niemanden damit beeindruckt“, sagte sie und rieb sich fröstelnd die Arme. „Ich habe sie nur angeschossen.“
John presste die Lippen aufeinander, bevor er aufstand und ihr eine Decke besorgte. „Danke. Was würde ich nur ohne dich tun?“ Ihre blassen Lippen verzogen sich zu seinem herzlichen Lächeln. John lehnte sich wieder gegen die Kiste. „Wie hast du es nur all die Jahre ohne ein zweites Bein ausgehalten?“, fragte er.
Red zuckte mit den Schultern. „Was man nicht verändern kann muss man akzeptieren. Das habe ich schon früh gelernt. Ich kann mir mein Bein nicht erkaufen. Ich kann mir diese Proteste leisten, aber was ich einmal hatte kann ich unmöglich mit etwas Vergleichbarem aufwiegen. Aber ich kann froh sein, dass ich es überhaupt irgendwie kompensieren konnte. Hätte ich das Geld und die Möglichkeiten nicht, würde ich heute Krücken benutzen müssen oder wäre vielleicht sofort an einer Blutvergiftung oder dem bloßen Blutverlust gestorben.“
John schob seinen Hut gerade und streckte die Beine aus. „Man kann nur auf Rache hoffen“, sagte er betrübt. Red verengte die Augen zu Schlitzen und ein diabolisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Da hast du recht. Man kann nur auf Rache hoffen.“
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