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Lone Ranger - Das Red's steht auf dem Spiel

GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Danny Reid John Reid / Lone Ranger Rebecca Reid Red Tonto
20.07.2015
29.09.2019
18
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12.07.2016 2.025
 
Schließlich hatten sie sich mehr oder weniger häuslich in dem ihnen zugeteilten Zimmer niedergelassen und Red ließ sich erschöpft auf die Bettkante sinken. Sie hatte nun genug Wasser getrunken, um fürs Erste über die Runden zu kommen. Doch der Schwindel und die Kopfschmerzen hatten noch nicht vollständig nachgelassen. Langsam ließ sie sich auf das Bett sinken, nachdem sie ihr Bein auf die Matratze gehoben hatte. John setzte sich auf einen kunstvollen Stuhl mit Samtpolster vor einen Spiegeltisch mit interessanten Schnitzereien am Rahmen. „Ein wirklich prunkvolles Zimmer“, sagte er und ein Hauch Ironie lag in seiner Stimme, während er den Blick schweifen ließ.
Es war in der Tat ein sehr protziges Zimmer mit weißen Bordüren an der Mustertapete, einem angrenzenden Badezimmer mit Porzellanmöbeln und einem schmucken Teppich auf dem Fußboden, der ganz offensichtlich mit Parkett ausgelegt war, wie man am Rand des Teppichs erkennen konnte. Über dem breiten Bett hing ein Stillleben, das eine Obstschale zeigte und das große Fenster gegenüber der Tür war mit langen Vorhängen ausstraffiert. Red seufzte leise und John meinte schließlich: „Ich kann es kaum erwarten wieder zu verschwinden. All diesen Prunk ertrage ich nicht, solange Rebecca, Danny, Pamod und Tonto in einem kleinen Wagen vegetieren.“
„Kannst du dir vorstellen ein Leben mit einem solchen Haufen Geld zu verbringen, wie dieser Mann besitzt?“, fragte Red schließlich. „Ich meine“, sie setzte sich mühsam auf und sah John durch den Spiegel hinweg an, „du könntest dir alles kaufen, das du dir immer gewünscht hast und müsstest dir nie mehr um irgendetwas Sorgen machen.“ John neigte den Kopf und spielte mit einem gläsernen Parfumfläschchen auf der Ablage des Spiegelschrankes herum. „Schon, aber ich glaube kaum, dass man Liebe und Geborgenheit mit so etwas wie Geld aufwiegen kann.“ Red verdrehte die Augen und ließ sich zurück in das breite Kissen fallen. „Du bist so schnulzig“, sagte sie.
John lächelte, stand auf und setzte seinen Hut ab. Er legte ihn auf den Tisch neben das Fläschchen und stemmte die Arme in die Seiten. „Vielleicht sollte ich auf dem Fußboden schlafen“, schlug er vor und es klang unheimlich ernstgemeint. Red sah zu ihm auf. „Sei nicht albern“, tadelte sie ihn. „Ich beiße nicht. Und mit dir schlafen werde ich erst recht. Oder hast du Angst, dass ich dich auffresse?“ Sie grinste und John kam nicht umhin ebenfalls zu lachen.
Dann setzte er sich auf die Bettkante. Nach mehreren Minuten Bedenkzeit sagte er: „Das Silber war also die gesamte Zeit über im Red‘s. Der Batzen, den dein Mann dort versteckt hat.“ „Hhm“, machte Red mit geschlossenen Augen. John fuhr sich durch das verschwitzte Haar. „Warum hast du es nie ausgegeben?“, fragte er dann. Red sah mit einem Meinst-du-das-ernst-Blick zu ihm auf. „Weshalb sollte ich? Es war Blutgeld und außerdem wurde ich nicht so erzogen. Es ist immer besser etwas zurückzulegen und mein Leben war nicht schlecht, auch ohne das Silber. Sicher, es wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich es für die Sicherheitsvorkehrungen ausgegeben hätte, die du bei deinem Besuch angekreidet hast, aber ich glaube kaum, dass ich dadurch irgendetwas wettgemacht hätte.“
Der Lone Ranger wiegte den Kopf nachdenklich zu beiden Seiten und streifte seine Weste ab. „Da hast du nicht ganz Unrecht“, sagte er und warf das Kleidungsstück über den Stuhl. Dann ließ er sich ebenfalls auf das Bett sinken. „Mann, ist das bequem“, seufzte er. Red tat es ihm nach. „Mir tut alles weh“, klagte sie. „Was bin ich froh endlich in einem Bett schlafen zu können.“ John warf dem Fenster einen skeptischen Blick zu. „Denkst du, dass sie uns finden?“, fragte er.
Red zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist uns das Schicksal ja mal wohlgesonnen“, sagte sie und manövrierte die Decke unter ihrem Körper hervor, um sie über ihre Beine zu werfen. „Ich glaub ich werd mich morgen umziehen“, murmelte sie. John pflichtete ihr mit einem kaum hörbaren „Ich auch“ bei. Dann waren sie beide eingeschlafen.

Als sie am Morgen die Augen aufschlug war er verschwunden. Sie setzte sich so schnell auf, dass irgendetwas in ihrem Kopf gegen ihre Stirn geschleudert wurde und einen chronischen Schmerz hinterließ. Ihr Rücken schmerzte und ihr noch lebendiges Bein hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Ihr Körper verzehrte sich nach etwas mehr Wasser, etwas mehr Eisen und etwas mehr fürsorglicher Pflege.
Sie hatte vor den hygienischen Bedürfnissen nachzukommen und schlurfte zur Badezimmertür. Abgeschlossen. „Da steckt er also“, murmelte sie.
„Bin gleich fertig“, kam es von der anderen Seite der Tür. Red seufzte und wandte sich um. Sie setzte sich vor den Spiegeltisch und stützte das Kinn auf die rechte Hand. Während sie sich selbst so in die Augen sah musste sie feststellen, dass sie einen gewissen Biss verloren hatte. Damals hatten die Männer vor dem Reds Schlange gestanden, nur um einen Blick auf sie zu werfen. Jetzt ging es nur noch ums Vögeln und das hatte sie irgendwann vollkommen ihren Mädchen überlassen. Es war nicht leicht jeden Tag mehr als fünf Männer zum Orgasmus zu bringen, nebenbei ein Haus der Sünde zu leiten und dabei auch noch gut auszusehen. Seufzend fuhr sie mit dem Zeigefinger die seichten Falten neben ihren Mundwinkeln und den Augen nach. Lachfalten, dachte sie, doch diese Ausrede war schon längst nicht mehr glaubwürdig genug, um sie zufriedenzustellen. Schon vor mehreren Jahren war ihr aufgefallen, dass ihre Haut zu fahl, ihre Kurven zu schlaff und ihre Lippen zu dünn waren. Makel fanden sich schnell.
Die Badtür öffnete sich und John trat ins Zimmer. Red sah auf. Er stand vor ihr, geschniegelt und gebügelt in seinem seltsamen Aufzug. Der Damenhut auf dem Kopf, die Maske über den Augen und den seltsamen Anzug am Körper. Red musste ihn nicht von oben bis unten mustern, um all das als lächerlich abzutun. Doch es machte ihn aus. So wie man sie an ihrem roten Haar erkennen konnte. Red eben.
„Sag mal“, sie schaffte es zu jeder nüchternen Tageszeit betrunken zu klingen, „sehe ich alt aus?“ John hob beide Augenbrauen und nahm seinen Hut ab. Er hatte ihn wohl lediglich für den gelungenen Auftritt aufgesetzt. „Nein“, sagte er dann. Womit hatte sie auch gerechnet. „Mal im Ernst“, sagte sie und kämmte sich das verfilzte Haar aus der Stirn. „Sieht dieses Gesicht wie neunundvierzig aus?“ John ließ sich eindeutig zu viel Zeit mit seiner Antwort. „Aber sicher“, sagte er. Red ließ die Schultern hängen und stieß frustriert Atem aus.
John warf seinen Hut auf das Bett. „Dir wurde ein Bein abgeschnitten, du bist seit mehr als zwei Wochen in sengender Hitze unterwegs und hast ganz sicher einen beachtlichen Eisenmangel. Was hast du erwartet wie du aussiehst?“
Sie sah von unten herab zu ihm auf. „Hart aber herzlich“, murrte sie und stand auf. John wirkte etwas verlegen. „Tut mir leid“, sagte er. Red zuckte mit den Schultern. „Irgendwo hast du ja recht“, meinte sie. „Immerhin habe ich drei vernünftige Ausreden.“ Mit diesen Worten verschwand sie im Badezimmer und ließ sich ein kühles Bad ein. Kaltes Wasser brachte bekanntlich den Kreislauf in Schwung.

Zehn Minuten nachdem sie aus dem Bad getreten und sich erneut auf dem Bett niedergelassen hatte klopfte es an der Tür. John ging, um zu öffnen. Es war Mr. Malinowsky, der ihn seltsam verschwörerisch anlächelte. „Ich habe da jemanden angeheuert, der euch sicher gefallen wird“, sagte er und klang dabei unheimlich intrigant. John warf Red einen knappen, jedoch vielsagenden Blick zu.  

Vor dem Bordell eines Cousins der wohl reichsten Zuhälter in ganz Amerika standen, verteilt auf beide Straßenseiten und viele, schattige Plätze, knapp zwei Dutzend Männer. „Sagtest du nicht zehn?“, fragte Red und sah sich um. Viele der muskulösen Auftragskiller kauten auf irgendwelchen Grashalmen herum. Dumme Angewohnheit.
„Tja“, Leif Malinowsky zuckte mit den Schultern, „sie waren alle so enthusiastisch.“ Als Red sich langsam zu ihm hinüberneigte knarrte das Holz unter ihren Stiefeln. „Versuchst du gerade einen Zuschlag für dich zu verhandeln?“, fragte sie leise und mit unauffälligem Unterton. „Wie kommst du auf so etwas?“, fragte Mr. Malinowsky unschuldig. Red lächelte. „Fünftausendsechshundert. Mehr nicht.“ Leif grinste. „Fünftausendachthundert.“ „Abgemacht.“
John verzehrte es ungemein nach einem Glas Brandy.

Schließlich saßen sie an einem Tisch im Schankraum des Bordells und schlürften teilnahmslos ihre Drinks. Red sah sich vorsichtig um. Ein wirklich prunkvoller Raum. Von der Decke hing ein auffälliger Glaskronleuchter und eine Galerie verschönerte den leeren Raum über der Bar. Alles bestand aus Holz, doch es war gestrichen und es gab Bordüren, wie auch in ihrem Zimmer. Red war nicht eifersüchtig. Dieses Gefühl überkam sie lediglich, wenn sie ihre Mädchen tanzen sah. Doch es erfüllte sie mit einer gewissen Unzufriedenheit, wenn sie daran dachte, dass tausende Männer diesem Schleimer die Tür einrannten, obwohl diese steinreichen Weiber kaum besser vögeln konnten als ihre.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte John und drehte sein Glas in einer Hand. Red sah auf. „Was? Oh ja, sicher. Phantomschmerz“, sagte sie und klopfte auf den falschen Oberschenkel. John trank den Rest aus seinem Glas und stellte es auf dem Tisch.
„Ist Tonto gut?“, fragte er dann und bettete die Frage gekonnt in einen Wie-soll-das-Wetter-nächste-Woche-werden?-Unterton. Red sah zu ihm auf. „Ja“, meinte sie dann schlicht.
„Ist er besser als die anderen?“, fragte der Lone Ranger forschend. Red lächelte. „Klar“, sagte sie. „Ich meine, es ist schon was Anderes, wenn man mit jemandem schläft, der nicht geht, nachdem er seinen Höhepunkt gehabt hat.“ John schluckte. „Bist du dir im Klaren darüber, dass du ihm in einer gewissen Weise verpflichtet bist“, sagte er. Red warf ihm einen spöttischen Blick zu. „Ich bitte dich. Ich war drei Mal verheiratet und verdiene mein Geld mit einem Bordell. Ich glaube nicht an einen Traum in Weiß und tausende gesunde Kinder, die mich im Alter versorgen. Ich habe einen Sohn, den ich seit seiner Geburt nicht mehr gesehen habe.“
John kratzte sich an der Stirn. „Was halten deine Eltern eigentlich davon, dass du ein Bordell hast?“, fragte er. Red schwenkte den Whisky in der Flasche auf dem Tisch. „Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter ist mittlerweile tot, aber als sie davon gehört hat war sie natürlich sauer. Ich meine, sie wollte mich an einen Vorzeigefarmer verheiraten, als ich noch unberührt und periodelos war. Mein Stiefvater war ein verdammtes Schwein und hat es mir voll reingewürgt, als er das erste Mal was vom Red’s gelesen hat. Aber meine Mutter konnte sich zurückhalten. Sie hat mir ‘ne Predigt gehalten, das war alles.“ John leckte sich die Lippen, bevor er sich nachschenkte. „Wie hat dein Stiefvater es dir reingewürgt?“, fragte er. Red versuchte teilnahmslos zu wirken, doch er konnte ihr ansehen, dass sie nicht gern darüber sprach.
Schließlich räusperte sie sich und sagte: „Bill war der vierte Mann meiner Mutter. Er war so ein Schlägertyp mit einer Kneipe. Sein Ego war wesentlich größer als sein Schwanz und in seinen Träumen konnte er wahrscheinlich zwei Ochsen mit seinen Ohren halten. Gas in den Armen aber oben kein Licht. Tja. Armer Kerl. Er kam bei mir vorbei und hat meine Tür eingetreten. Dann ist er auf mich losgegangen, hat mir ein Knie in den Magen gerammt und mir ins Gesicht geschlagen. Er hat mir die Nase gebrochen, kannst du dir das vorstellen? Damals lag ich flach, wegen einer Grippe und ich hab ihm ewig vorgehalten, dass man keine Hand an kranke Frauen anlegt. Ich meine, häusliche Gewalt ist nichts neues, aber eine Frau zu schlagen, der es schlecht geht, das ist egoistisch und krank. Hat ihn nicht gejuckt.“
John biss sich auf die Unterlippe. „Das ist ja furchtbar“, sagte er. Red zuckte mit den Schultern. „Ich war nur froh, dass meine Nase wieder ordentlich aussieht. Ich meine, stell dir mal vor ich hätte einen schiefen Zinken, was würde man dazu sagen. Ich wäre der Krüppel in der Stadt. Ein Bein, schiefe Nase, rote Haare, bleiche Haut und Augenringe. Der Alptraum eines jeden Kerls.“
„Tonto hat dich gern.“ Red senkte den Blick. Das wusste sie. Er hatte sie wirklich gern. Er liebte sie, wenn man es genau nahm. Und zwar nicht nur wegen ihrer Erfahrungen im Bett. Er liebte sie aufrichtig. So wie Pamod I. es ein Leben lang getan hatte. Das musste man achten und behüten.
„Danke“, sagte sie und sah zu John auf. Dieser prostete ihr zu.
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