Lone Ranger - Das Red's steht auf dem Spiel

GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16
Danny Reid John Reid / Lone Ranger Rebecca Reid Red Tonto
20.07.2015
29.09.2019
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Der lauwarme Wind der Wüste verwehte dem Indianer das schwarze Haar und das Klopfen der Pferdehufe auf dem Steppensand klang monoton in seinen Ohren. Seit Tagen ritten sie nun bereits durch die endlose Wüste und hatten eine einzige Oase gefunden, an deren winzigem Teich sie ihre Wasservorräte aufgefüllt hatten. Sie waren auf dem Weg zu Rebecca, dem Schwarm seines Begleiters. John hatte seit dem heutigen Morgen kein Wort mehr gesprochen und bei jeder Rast auf das Bild gestarrt. Die verblasste Aufnahme seiner großen Liebe. Tonto konnte nur schmunzeln, wenn er Johns lächerlich verträumtes Gesicht sah.
Sie hatten Colby vor knapp zwei Jahren verlassen, waren jedoch beinahe jeden vierten Monat zurückgekehrt, um Rebecca und Danny zu besuchen.
Und dann endlich, um die Mittagszeit herum, erreichten sie das kleine Städtchen, wenn man es denn so nennen konnte. Die ersten Häuser tauchten am Horizont auf, als die Sonne den Zenit bereits überschritten hatte und schließlich trafen sie sogar auf Eisenbahnschienen, die zum städtischen Bahnhof führten.
John versuchte seine Freude zu verbergen, doch es entging Tonto nicht, dass er unglaublich glücklich war wieder hier zu sein. Der Indianer hatte keinen Grund zur Freude. Hier kannte er niemanden.
John machte sich sofort auf den Weg zu Rebecca und er folgte ihm, auch wenn er weder die Frau noch den Jungen besonders ins Herz geschlossen hatte.
Müde klappte er seine neue Taschenuhr auf und seufzte aufgrund der heißen Mittagszeit und der Sonne, die auf sie herunter brannte.
Die Pferde kamen in einem Stall unter und tranken das Wasser wie Whisky. Der Indianer beobachtete wie John erst Rebecca und dann den mittlerweile zwölfjährigen Danny in den Arm nahm. Sie hatten sich kaum verändert. Und natürlich erwartete John von Rebecca einen ausführlichen Bericht der letzten Monate, die sie nicht hier gewesen waren.
Und so versammelten sie sich alle um den Holztisch in der Mitte des Raumes und auch Tonto hörte aufmerksam zu, was Johns Flamme zu berichten wusste.
„Der alte Carroll ist gestorben. Und seine Frau ist jetzt verwitwet“, erzählte sie, nachdem jeder von ihnen ein Glas Whisky oder Wasser vor sich stehen hatte. „Im Red’s hat man ein Feuer gelegt.“ Erschrocken sah der Indianer auf. „Mit Absicht?“, fragte er knapp. Rebecca nickte. „Die wollten wohl die Inhaberin umbringen. Red Harrington. Soweit ich weiß.“ „Weshalb?“, fragte John verwirrt. „Ich habe keine Ahnung. Gestern Abend wurde sie dann angeschossen.“ „Hat sie es überlebt?“, fragte John sofort. „Ja. Also, ich weiß nicht wie es jetzt um sie steht. Sie lebt schließlich unheimlich zurückgezogen in ihrem Lusthäuschen.“ „Wir müssen zu ihr“, sagte John sofort und erhob sich. Rebecca sah ihn fragend an. „Weshalb?“ „Sie hat uns geholfen Butch niederzustrecken! Ganz sicher sind seine Anhänger hinter ihr her!“ Auch Tonto hatte sich erhoben. Rebecca warf Danny einen nachdenklichen Blick zu. „In dieses Haus werde ich dich nicht mitnehmen. Bleib hier, Danny.“ Der Junge nickte brav, Tonto hielt ihn sowieso für viel zu scheinheilig, und schließlich machten sie sich auf nach draußen.
Das Red’s hatte sich kaum verändert. Dieselben Mädchen, dieselbe Kulisse. Das Feuer musste auf der Bühne gewütet haben, denn sie war vollkommen niedergebrannt und der kahle Fleck mit Tischen und Stühlen verdeckt worden. Homer stand wie immer vor Red’s Zimmertür. Als er John erkannte streckte er die Hand aus. „Auch du kommst nicht ohne Bezahlung rein“, sagte er. „Arbeitet sie denn?“, fragte John ungläubig. Homer schüttelte den Kopf. „Noch nicht“, sagte er. John drückte ihm ein wenig Geld in die Hand und sie zwängten sich an ihm vorbei und klopften an Red’s Zimmertür. „Herein“, fragte die kräftige, doch etwas lallende Stimme der Inhaberin und John öffnete vorsichtig die Tür.
Red Harrington saß an dem Tisch in der vorderen Hälfte des Zimmers. Auch hier hatte sich nichts der umständlichen Veränderung durch die Eisenbahn gefügt. Red hatte alles so gelassen wie es war. Der Vogelkäfig hing noch in der Ecke, auch das Sofa unter dem Bild stand noch dort. Ebenso der Schrank, aus dem sie das Silber geholt hatte, mit welchem Dan und Collins vor zwei Jahren bezahlt hatten. Sie hatte ein Glas Whisky vor sich stehen, ebenso die Flasche, und schrieb auf ein vergilbtes Pergament. Nun legte sie die Feder neben das Tintenfass und sah auf. Erstaunt über ihre Gäste nahm sie die Brille herunter. „Der Indianer und der Anwalt“, lächelte sie. Tonto grinste. Auch Red hatte sich nicht verändert. Ihre Lippen waren, wie bei ihrem letzten Treffen, tief rot geschminkt, wenn auch etwas verwischt, durch den Whisky. Ihr Haar war zerzaust gebunden und mit ein paar Schleifen gehalten, während ihr Korsett ihre Brüste formte, um sie der Kundschaft passend herzurichten. „Ich hatte nicht erwartet sie beide nochmal hier anzutreffen“, sagte sie immer noch lächelnd.
Sie traten nun vollkommen in das Zimmer und Rebecca schloss die Tür hinter sich. Red lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Vielleicht sollte ich der Höflichkeit halber aufstehen“, sagte sie, fügte jedoch hinzu: „aber man hat mir vor ein paar Tagen ins Bein geschossen, dummerweise in das lebendige.“ Sie lächelte und legte eine Hand auf ihren linken Oberschenkel. „Was, was ist denn mit dem anderen?“, fragte Rebecca etwas entgeistert. „Wer ist denn die Kleine?“, fragte Red interessiert und platzierte dabei das falsche Bein auf einem zweiten Stuhl, um es Rebecca ersichtlich zu machen. „Das ist meine … Frau. Rebecca“, sagte John und griff nach Rebeccas Handgelenk. „Read, nicht wahr?“ Rebecca nickte. „Tja, Miss Read. Das Bein ist aus Elfenbein.“ Sie zog ihren Rocksaum etwas nach oben und klopfte mit den Fingerknöcheln ihrer rechten Hand auf das falsche Bein. Rebecca sah es mit fassungslosem Blick vollkommen gefesselt an. „Das tut mir leid“, sagte sie und hob den Blick, um Red in die Augen zu sehen. „Aber es ist sehr schön“, setzte sie nach und Red nahm das Bein wieder herunter. „Setzt euch doch“, sagte sie und deutete auf die drei übrigen Stühle an dem Tisch. Nach kurzem Zögern nahmen sie alle ihr Angebot an und ließen sich an dem Tisch nieder. Mit schnellen Griffen verschraubte sie das Tintenglas, wischte die Spitze der Feder mit einem Taschentuch ab, faltete das Papier und steckte es in ihren weiten Ausschnitt. „Wären Sie so freundlich das hier auf den Schrank dort zu legen?“, fragte sie und schob John Feder und Glas zu. „Aber sicher“, sagte er, stand auf und trug beides zu dem Schrank hinüber. „Wie kommt es dass Sie nichts von meinem Unglück wissen?“, hörte er Red sagen, während er beides ablegte. In dem Holz des Schrankes fand er ein Bild eines Mannes, der seinem eigenen Vater recht ähnlich sah. Doch er trug keinen Stern an seiner abgetragenen Jacke und trotz der Schlechtheit der Aufnahme sah er, dass besagter Mann einen Goldzahn hatte. Um kein Aufsehen durch seine Neugierde zu erregen ging er zurück zum Tisch und setzte sich.
„Ich habe nichts zu tun mit … Ihrem Geschäft“, gab Rebecca etwas eingeschüchtert zurück. „Natürlich“, sagte Red verständnisvoll und lehnte sich zurück. „Du hast meinen Entenfuß geklaut“, wandte sie sich nun an Tonto. Dieser lächelte nur und rückte den Raben auf seinem Kopf gerade. „Wer ist der Mann auf der Photographie?“, fragte John und deutete auf besagtes Bild an dem Schrank. Red wandte den Kopf, um es zu betrachten, als würde sie nicht wissen, dass es dort hing. „Oh, das ist mein erster Ehemann“, antwortete sie knapp, um dann hastig vom Thema abzulenken. „Wenn ihr was trinken wollt, dort im Schrank ist Whisky und ein bisschen Schnaps. Wenn ihr Glück habt findet ihr auch etwas Wein, für die Scheinheiligen“, sie zwinkerte Rebecca kurz zu, „aber ich wette dass ich ihn bereits ausgetrunken habe. Ich habe eine Schwäche für guten Chardonnay nach einer Runde Whisky.“ Tonto nickte dankend und erhob sich, um zu dem Schrank zu gehen. „Red, ich darf Sie doch Red nennen?“ John lehnte sich etwas nach vorn. „Sie können mich auch Madam nennen. Oder Mrs. Harrington.“ Schmunzelnd senkte sie den Blick. „Ich glaube ich nenne Sie Red. Sie wissen weshalb Sie angeschossen wurden?“ „Aber sicher.“ John nickte langsam. „Und Sie sind sich sicher bewusst, dass dies nicht das letzte Attentat auf Sie gewesen sein wird.“ „Natürlich. Aber diese Kojoten haben mich vier Mal verfehlt, bevor sie getroffen haben. Vermutlich sind die sogar zu dauerbetrunken um einen Apfel zu treffen, wenn er vor Ihnen auf dem Tisch liegt.“ John lächelte, erkannte aber dennoch einen Hauch von Besorgnis in Reds Stimme. „Wir könnten Ihnen helfen für eine Weile unterzutauchen. Sie könnten uns begleiten.“ Red hob eine Augenbraue. „Ich kann doch nicht einmal reiten? Wie soll ich mich da auf eine Reise durch die Prärie begeben. Und nebenbei bemerkt, das hier ist mein Haus. Ich meine, das heißt so wie ich. Ich kann das hier unmöglich alles aufgeben.“ „Haben Sie nicht jemanden, der es eine Zeit lang übernehmen könnte?“ „Vielleicht. Aber wie lang müsste ich denn weg bleiben, um in Vergessenheit zu geraten?“ „Sie müssen nicht in Vergessenheit geraten. Es reicht, wenn wir Ihre Verfolger eine Zeit lang auf eine falsche Fährte locken.“ „Ach, das ist mir alles viel zu anstrengend. Da bleib ich lieber gleich hier und hab den Finger immer am Abzug“, seufzte sie. Tonto setzte sich nun wieder neben sie, ein Glas Whisky in der Hand. Red trank ihres aus, während sie John einen zweifelnden Blick zuwarf. „Red“, meldete sich nun Rebecca, die sie die gesamte Zeit über schweigend beobachtet hatte. „Ich glaube Ihnen gern, dass Sie eine ausgezeichnete Schützin sind, aber als man Sie das erste Mal angegriffen hat, hat man Sie getroffen. Warum sollten diese Männer das nicht ein zweites Mal schaffen? Haben Sie denn keine Angst Ihr Leben zu verlieren?“ Red lehnte sich nach vorn und sah Rebecca so tief in die Augen, dass diese den Blick nicht abwenden konnte. „Natürlich habe ich Angst mein Leben zu verlieren“, flüsterte sie. „Aber ich habe bereits mein Bein und mein Herz verloren. Ich bin eine Hure und ich bin geschieden. Dreifach. Du willst ja gar nicht wissen wie viele Männer schon zwischen diesen Beinen gesessen haben. Es ist vollkommen unmöglich mich aus der Welt zu radieren und irgendwann wieder hineinzusetzen wie einen Zinnsoldaten, der im letzten Spiel gestorben ist. Sollen sie doch treffen!“
Zufrieden über ihre Aussage lehnte sie sich wieder zurück und schenkte sich neuen Whisky ein. Rebecca wollte gerade zu einem Gegenargument ausholen, als es an der Tür klopfte und Homers Kopf zwischen Wand und Türblatt erschien. „Madam, da ist ein Junge.“ Red krümmte die Brauen. „Ein Junge? Was denn für ein Junge?“, fragte sie. „Er ist fast dreizehn und behauptet sein Vater hätte ihn geschickt.“ „Wie heißt er?“, fragte Red und nahm einen Schluck Whisky. Sie schien eine Vorahnung zu haben, wer dort vor ihrer Tür stand. „Er sagt sein Name ist Pamod Jr. Er sagt, dass sein Vater gestorben ist und dass der ihm gesagt hätte er solle sich hierher begeben und nach Ihnen fragen, wenn das passiert.“ Red presste erschrocken die Lippen aufeinander. Das Glas Whisky rutschte aus ihrer Hand und zerbarst auf dem Boden. „Ist er noch da?“, fragte sie ohne den Fauxpas zu beachten. Homer nickte. „Sag ihm er soll warten bis ich, hier fertig bin“, befahl sie ihm etwas unsicher. Homer schloss die Tür und eine seltsame Stille legte sich über das Zimmer und seine Insassen. Reds Blick war starr auf die Tischplatte gerichtet und sie schien ernsthaft über etwas nachzudenken. „Sollten wir vielleicht gehen?“, fragte Rebecca freundlich. Red zuckte erschrocken zusammen. „Ich- Das kommt darauf an was der Junge sagt“, antwortete sie. „Was? Weshalb?“, fragte John und rückte seine Maske zurecht. Er legte sie selbst in Rebeccas Gegenwart nicht ab. „Ich kenne den Jungen. Wenn er sagt, dass sein Vater gefallen ist bedeutet das, dass irgendetwas auch hinter mir her ist. Und vielleicht würde ich meine Meinung dann ändern.“ „Aber es sind doch bereits Menschen hinter Ihnen her“, sagte John. „Aber das sind vermutlich nicht die für die wir sie halten. Sie denken, dass man mich töten will, weil ich zu Butch Cavendishs Tod verholfen habe.“ John und Tonto nickten gleichzeitig. „Aber“, widersprach Red, „ich wette dass diese Männer ein anderes Motiv haben, dass ich jetzt nicht ansprechen werde, weil es Sie nichts angeht.“ John und Tonto warfen sich einen fragenden Blick zu. „Auch eine Hure darf Geheimnisse haben“, sagte Red und stemmte sich mit beiden Armen auf den Tisch gestützt von ihrem Stuhl hoch. „Warten Sie!“ John, ganz der Gentlemen, sprang auf und griff ihr unter den linken Arm. Red musste sich sofort gänzlich auf ihm abstützen, da sie sofort einknickte, nachdem sie das Bein belastet hatte. „Wo ist die Kugel durchgeschossen?“, fragte Rebecca und erhob sich ebenfalls. Red hob ihren Rock an, bis er sich knapp unter ihrem Knie befand. Das Einschussloch fand sich etwa zehn Zentimeter oberhalb des Knöchels und war verbunden, doch der weiße Verband wurde von Reds Blut gefärbt. „Die Kugel ist nicht durchgeschossen“, sagte Red und ließ den Rock wieder fallen. „Ich habe nur noch niemanden bezahlbaren gefunden, der sie mir entfernt.“ Rebecca fuhr sich durchs Haar. „Naja. Ich könnte das machen. Mein Vater war Arzt und ich bin durchaus nicht unerfahren.“ Red hob beide Augenbrauen. „Wie viel würde mich das kosten?“, fragte sie unvermittelt. Rebecca wechselte einen kurzen Blick mit John und sagte schließlich: „Überhaupt nichts. Ich bitte Sie lediglich meinem Mann und Tonto zu folgen. Das ist alles.“ Red starrte sie entgeistert an. „Das, das kann ich doch nicht machen.“ Rebecca verschränkte die Arme. „Ich bestehe darauf.“ „Nein, ich meine, ich kann Sie das nicht unbezahlt machen lassen.“ „Oh doch sicher. Ich mach es sogar gern. Wenn sich die Kugel noch in ihrem Bein befindet muss sie vom Schienbein abgebremst worden sein, das bedeutet, dass der Knochen verletzt ist. Außerdem wird die Wunde eitern, da der Organismus den Fremdkörper wieder herausbefördern will. Er muss also verschwinden, sonst würde das sehr unangenehm für Sie werden.“ Red klopfte einmal hart gegen das Knie ihres falschen Beines, um es gerade zu biegen, und sah dann wieder auf. „Na schön. Aber jetzt muss ich mit dem Jungen reden.“
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