Wiedersehen

GeschichteRomanze / P12
18.07.2015
16.02.2016
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18.07.2015 1.034
 
Das Taxi nach Erfurt hatte den Flughafen gerade verlassen, als auch schon Daphnes Handy klingelte.
„Hi Nils! Na, seid du und Tommy schon aus England zurück?“

Die Erwähnung seines Namens löste ein Kribbeln in meiner Magengegend aus und mein Herz fühlte sich plötzlich so an, als würde es mir in der Brust zerspringen. Ich wandte den Blick ab und sah aus dem Fenster. Versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.

Selbst sechs Wochen Namibia hatten nicht ausgereicht, um Tommy zu vergessen. Immer noch, jeden verdammten Tag, kam es vor, dass ich plötzlich sein Gesicht vor mir sah. Besonders dann, wenn ich es am wenigsten erwartete. Sein verschmitztes Grinsen, bei dem ich jedes Mal weiche Knie bekam, selbst wenn es nur die Erinnerung daran war. Oder – und das war noch schlimmer – sein Gesichtsausdruck, nachdem ich Hubertus geküsst hatte. Geschockt. Verletzt. Enttäuscht.
Warum hatte ich mich bloß darauf eingelassen?
Das Ironische an der ganzen Sache war, dass mir erst danach, als ich auf dem Turm stand und Tommy davonfuhr, bewusst geworden war, was für einen Riesenfehler ich begangen hatte. Und je länger ich darauf gewartet hatte, dass Tommy endlich aufhörte, in meinen Kopf herumzuspuken, desto bewusster war mir geworden, wie sehr ich eigentlich mit ihm zusammen sein wollte.

„Hey, Erde an Constanze!“ Ich fuhr zusammen und wandte den Blick vom Fenster ab. Daphne sah mich fragend an.
„Ich … äh … was? Sorry, ich war mit meinen Gedanken gerade ganz woanders.“
„Tommy und Nils sind seit heute aus England zurück und planen eine Überraschungsparty für die anderen. Er hat gefragt, ob wir dabei sind. Wir treffen uns morgen Abend an der Schlossruine. Ist doch ne super Idee, oder?“
Ich lächelte matt. „Ja. Super.“
„Alles in Ordnung mit dir?“
„Klar. Ich bin nur müde. Der Flug hat mich ganz schön geschlaucht.“

Doch natürlich war gar nichts in Ordnung.

~ * ~

Als ich mit Nils an der Schlossruine ankam, saß sie schon dort.
Constanze.
Ich hatte ja gewusst, dass sie kommen würde. Ich hatte auch versucht, mich darauf einzustellen, doch vergeblich. Meine Knie fühlten sich an wie Gummi.
Eigentlich hatte ich auch gar keine Lust auf diese Überraschungsparty, doch Nils war nicht davon abzubringen gewesen. „Das ist Konfrontationstherapie.“, hatte er gemeint. „Du wirst ihr sowieso nicht die ganze Zeit aus dem Weg gehen können.“ Jetzt klopfte er mir aufmunternd auf die Schulter. „Ich glaube, ich lasse euch zwei mal besser allein.“ Und ehe ich ihn davon abhalten konnte, war er auch schon in Richtung Turm davongegangen.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als auf sie zuzugehen und ein möglichst lockeres „Hi“ herauszubringen.
„Hi Tommy.“ Sie lächelte kurz, fast schüchtern, und wich meinem Blick aus.

Ich setzte mich in einigem Abstand von ihr auf die Steinmauer.
Nach allem was passiert war, selbst jetzt als das Unbehagen zwischen uns beinahe greifbar war, hatte sie immer noch diesen typischen Constanze-Effekt auf mich. Ich bekam weiche Knie, mein Herz raste, und meine Gedanken waren so wirr, als hätte mich jemand in einem Boxkampf k.o. geschlagen.
Und das, obwohl ich mir geschworen hatte, sie endlich zu vergessen. Aber gerade deshalb durfte ich mir ihre Wirkung auf mich auf keinen Fall anmerken lassen.

„Wie wars in Namibia?“, fragte ich betont lässig.
„Gut.“ Sie fuhr sich nervös durchs Haar. Zum Glück ging es ihr nicht viel besser als mir. Zu Recht, sie hatte schließlich auch allen Grund dazu.
„Hat Hubertus dich nicht zu sehr vermisst?“ Diese Frage konnte ich mir einfach nicht verkneifen.
„Wir sind nicht zusammen.“
War ja klar, dass dieser Idiot sie sitzen lassen würde.
Plötzlich stand sie auf und setzte sich neben mich, sah mich eindringlich an. „Und wir waren auch nie zusammen, Tommy.“
„Das sah mir aber nicht danach aus.“ Ich rückte von ihr weg und wich ihrem Blick aus.
„Ich weiß.“ Sie holte tief Luft. „Aber das mit dem Kuss … das war alles nur gespielt.“

Endlich schaffte ich es, aufzusehen, und blickte sie ungläubig an. Ich war nicht einmal zu einer Antwort fähig. Alles hätte ich erwartet, nur das nicht.
Constanze wurde rot, biss sich auf die Unterlippe und sah verlegen zu Boden. „Ich weiß, das klingt total bescheuert, und ich erwarte auch nicht von dir, dass du mir verzeihst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich nie Gefühle für Hubertus hatte. Wir haben uns nur geküsst, damit du nicht meinetwegen hier bleibst. Ich wollte nicht Schuld daran sein, dass du deinen Abschluss versaust.“

In meinem Kopf schien sich alles zu drehen.
„Und deshalb küsst du Hubertus?“, brachte ich schließlich hervor. „Aber...“ Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. Versuchte, all das zu verstehen. Das Ganze schien mir doch ein wenig absurd. Hatte Hubertus sie etwa sitzen gelassen und jetzt versuchte sie, die Geschichte so zu verdrehen, dass ich wieder mit ihr zusammen sein wollte? War ich ihr Trostpflaster?  
„Aber wenn du nicht wolltest, dass ich meinen Abschluss vermassle … warum hast du mir dann nicht einfach beim Lernen geholfen?“
Sie sah verlegen zu Boden.
„Ist doch eine berechtigte Frage, oder?“ Ich konnte den Ärger in meiner Stimme nicht unterdrücken.
„Ja, ich weiß. Aber … ich hatte einfach Angst, dass das mit uns beiden doch nicht funktioniert, und ich dann am Ende doch an allem Schuld bin. Außerdem – glaubst du wirklich, du hättest dich konzentriert, wenn du mit mir zusammen gelernt hättest?“ Sie lächelte leise. „Versteh mich nicht falsch, ich wollte wirklich mit dir zusammen sein, aber … so bin ich nun mal. Ich mache mir eben manchmal zu viele Gedanken.“

Eine Weile lang sagte niemand von uns etwas. Ich konnte immer noch nicht ganz begreifen, was sie getan hatte. Monatelang war ich in der festen Überzeugung gewesen, dass sie mich verarscht hatte. Und jetzt … das?
„Es tut mir wirklich Leid.“
Ich brachte ein schiefes Lächeln zustande. „Ist schon gut.“ Doch noch während ich das sagte, war ich mir nicht sicher, ob es das tatsächlich war.
Ich wollte ihr verzeihen, wirklich. Aber ich hatte das, was sie mir da gerade erzählt hatte, immer noch nicht ganz verdaut. Konnte nicht sagen, wie ich dazu stand, oder was ich fühlte. Ich wollte ihr verzeihen, wollte, das alles wieder so war wie vor der Sache mit Hubertus. Aber insgeheim wusste ich, dass es nicht so war, und wohl auch nie mehr sein würde.
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