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Gib' mir ein kleines bisschen Sicherheit

Kurzbeschreibung
GeschichteTragödie, Liebesgeschichte / P18 / Gen
15.07.2015
17.07.2015
12
17.334
 
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15.07.2015 1.300
 
Michaela stand genervt am Bahnsteig. Sie arbeitete für eine Eventagentur, und war beauftragt worden, den Stargast des heutigen Abends abzuholen. Nur hatte dessen Zug eine geschlagene halbe Stunde Verspätung. Sie rief erst einmal ihren Chef an, um ihm die Verzögerung mitzuteilen. Danach stellte sie sich in den Raucherbereich am Bahnsteig und zündete sich eine Zigarette an. Dieser beschissene Zug würde den Zeitplan komplett durcheinander werfen, dachte sie sich im Stillen. Und überhaupt: Ein Kochevent. Da würden doch nur Damen über 75 einen vermutlich völlig abgehalfterten Koch, der seine besten Jahre schon hinter sich hatte, angeiern. Marc, ihr Chef hatte ihr auch noch die Moderation aufs Auge gedrückt.
Da fuhr auch schon der Zug ein, immerhin pünktlich eine halbe Stunde später als vorgesehen. Sie drückte die Zigarette aus, und griff nach dem Schild, auf dem der Name des Kochs stand. „Nils Egtermeyer“ hieß dieser Vogel. Bestimmt ein versoffener Mittfünfziger, grummelte Michi in sich hinein und bezog Stellung. Sie wusste nicht, wie lange sie da so stand, als ein gutaussehender rotblonder mit strahlend blauen Augen auf sie zu kam. „Sie suchen dann wohl mich?“ fragte er charmant. „Wenn sie Herr Egtermeyer sind, dann schon“, entgegnete Michi. „Der bin ich zwar, aber ich fühle mich so alt, wenn ich gesiezt werde. Also ich bin Nils und du?“ „Michi. Und jetzt komm, wir hinken mit dem Zeitplan tierisch hinterher“, trieb sie ihn an. Nils lachte auf. „Ich wusste nicht, dass Marc mir einen Feldwebel geschickt hat.“ „Feldwebel? Ich bin der General“, gluckste Michi. „Aber wir haben es wirklich eilig. Wir haben noch eine halbe Stunde Fahrt vor uns, und überhaupt“, schimpfte die sonst immer gut gelaunte schwarzhaarige vor sich hin.
Als die beiden an Michis Auto angekommen waren, zögerte Nils. „Was ist denn los? Steig‘ schon ein“, forderte Michi. „In einen Smart? Dein Ernst?“ „Entschuldigt, euer Majestät, dass wir nur Smarts als Firmenwagen haben. Und Marc wollte seinen Lamborghini nicht rausrücken“, giftete Michi. „Also wärst du so gut, und würdest deinen süßen Kochhintern in dieses Auto schwingen?“ Nils stieg murrend ein. „Wenn mich jemand so sieht“, jammerte er. „Hast du etwas gegen Musik einzuwenden?“ fragte Michi, inzwischen deutlich angefressen. „Solange du mich nicht mit Helene Fischer quälst“, gab Nils zurück. Michi rollte nur die Augen und drehte die Anlage auf. Aus der Boxen ertönten nun die Klänge von Marilyn Mansons „This is the new shit“.  Nils strahlte. „Der erste Lichtblick heute.“ „Ah, der Prinz hat Musikgeschmack? Sehr gut“, spöttelte Michi. Der rotblonde war ihr sympathisch, auch wenn er etwas hochnäsig wirkte. Aber vielleicht versteckte er auch nur seine Unsicherheit damit, wer wusste das schon?
Als sie eine halbe Stunde später an der Eventlocation angekommen waren, wurden sie auch schon von Marc bestürmt. „Jetzt aber hurtig, die Leute warten bereits! Michi, umziehen, von Ron verkabeln lassen und Attacke! Herr Egtermeyer, für Sie dasselbe, aber sie haben noch eine Viertelstunde Zeit!“ posaunte er uns auch schon entgegen. Michi verließ geradezu fluchtartig das Auto und stürmte in die Umkleide. Hastig warf sie sich in ein dunkelblaues Kostüm, dazu trug sie dunkelblaue Pumps und eine weiße Bluse. Sie hasste Outfits dieser Art, aber bei Kochshows waren diese Pflicht. Vor drei Wochen war ein Event mit Tim Mälzer gewesen, der sich königlich darüber amüsiert hatte, dass er in Kochuniform und Michi im Sonntagsstaat daherkam. Dieser kleine Witz trug die ganze Veranstaltung, die ein voller Erfolg gewesen war.
Genervt trat Michi zu Ron. „Einmal verkabeln bitte, aber hurtig!“ mömelte sie. Ron lachte. „Marc, hm? Aber du kennst das schon. Ruhig stehenbleiben bitte, und Popo zeigen!“ Michi schob ihr Jackett nach oben, und Ron installierte den Soundkasten, wie Michi ihn zu nennen pflegte. Als das erledigt war, schob sie das Jackett wieder nach unten, und Ron fummelte ein Headset an ihr Ohr.
Michi schloss kurz die Augen, zählte innerlich auf drei, und betrat die große Bühne, auf der alles schon bereit stand. „Sehr geehrte Damen und Herren“, begann sie. „Heute haben wir einen besonderen Stargast für sie in petto. Er ist erst 32 Jahre jung, hat aber mit seinem Restaurant Jellyfish in Hamburg schon viele Auszeichnungen erkocht, und ist das neuste und jüngste Mitglied der RTL2 Kochprofis. Er ist der besonnene Part des Teams, ein kühles Nordlicht mit Herz und Charme. Bitte begrüßen sie mit mir: Nils Egtermeyer!“ Applaus brandete auf, und Nils trat auf die Bühne. „Nach dieser charmanten Einleitung kann es ja direkt losgehen“, flirtete er. „Genau. Was hast du denn für uns vorbereitet?“ Nils ratterte sein Menü herunter, und Michi hatte nach der Hälfte seines Monologes bereits abgeschaltet. „Michi, wärst du so frei, mir zu assistieren?“ fragte der Hamburger. „Aber sicher, was soll ich tun?“ Nils erklärte, dass sie bitte das Gemüse für die Vorspeise blanchieren solle, und Michi machte sich an die Arbeit. Sie hasste Kochshows. Nicht etwa, weil sie nicht kochen konnte, sondern weil jeder Koch es für lustig hielt, sie als seine Assistentin zu wählen. So hatte sie von Cornelia Poletto, über Nelson Müller. Frank Rosin, Mario Kotaska, Steffen Henssler bis hin zu Johann Lafer schon mit sämtlichen Köchen und Köchinnen Deutschlands auf der Bühne gestanden.
Als sie mit dem Gemüse fertig war, richtete Nils bereits an, und verteilte Probierportionen an das Publikum. So ging es zwei Stunden lang weiter, und Michi war irgendwann ziemlich genervt. Sie war müde und wollte nach Hause. Bolle, ihr drei Jahre alter Boxerrüde, würde sie bereits sehnsüchtig erwarten. Er war während ihrer Moderationen immer bei ihrem Bruder untergebracht. Die beiden verstanden sich zwar ausgesprochen gut, aber Bolle war und blieb nun mal Michis Baby. Nils war inzwischen dazu übergegangen sie „Schätzchen“ zu nennen, was in ihr einen Würgereiz auslöste. Schleimer konnte sie auf den Tod nicht leiden. Da klingelte ihr Handy, und sie hob ab. Gott sei Dank war die Show seit fünf Minuten zu Ende. „Ja?“ „Michi, dein über alles geliebter Bruder am Apparat!“ feixte Rainer am anderen Ende. „Schatzi! Was gibt es denn?“ Nils spitzte die Ohren. Dem würde sie sicher nicht auf die Nase binden, dass sie gerade mit ihrem stockschwulen Bruder telefonierte, den sie seit Menschengedenken nur Schatzi nannte. „Dein Riesenbaby hat Sehnsucht nach dir! Er singt lautstark eine Arie!“ „Ich höre es“, lachte die schwarzhaarige. „Mein armes Baby! Aber sag ihm, Mama ist bald daheim“, witzelte sie. „Hast du gehört, Bolle? Mama ist bald daheim“, gurrte Rainer. Doch der große Hund ließ sich davon nicht beeindrucken und jaulte lautstark weiter. „Ich komme ja schon, gib ihm etwas zu futtern, das sollte ihn ablenken“, instruierte Michi ihren Bruder, und machte sich auf den Weg in die Umkleidekabine. „Marc, brauchst du mich heute noch?“ Ihr Chef schüttelte den Kopf. „Nein, aber Nils hatte eine wunderbare Idee. Lass‘ hören“, wandte er sich an den schnöseligen Hamburger. „Wenn du Zeit hast, bist du auf dem nächsten Kochprofi-Dreh herzlich willkommen. Marc meinte, du wärest ein Marketing-Genie. Vielleicht kannst du uns helfen“, erläuterte er. „Und was mach ich mit meinem Prinzen?“ fragte ich Marc- „Den nimmst du dann halt mit, obwohl ich der Meinung bin, dass er auch mal drei Tage ohne Mama kann. Außerdem ist da ja auch noch Rainer.“ Marc verdrehte die Augen. Bolle war zwar sein Kumpel, aber der große, tapsige Hund konnte manchmal gehörig nerven, da er Michi wirklich niemals von der Seite wich, was ihre Moderationen oft genug erschwerte. Nils seufzte ergeben. „Dann bring dein Baby doch einfach mit, irgendwer wird schon darauf aufpassen, wenn der werthe Herr Papa das schon nicht zu Stande bringt.“ „Onkel“, feixte Marc. „Rainer ist der Onkel.“ Michi beugte sich zu ihrem Chef. „Sollten wir ihn nicht aufklären?“flüsterte sie. „Der Schnösel baggert dich schon die ganze Zeit an, Zeit für einen Dämpfer“, raunte Marc zurück. Michi grinste. Sie mochte Nils zwar gut leiden, aber Michis Typ Mann war er definitiv nicht. Sie stand eher auf ältere Semester, und gerne durften diese auch etwas verrückt sein.
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