»Scherbenmeer

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
Banshee / Sean Cassidy Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier
15.07.2015
15.07.2015
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Charles Xavier hatte keine Angst. Sein Papa sagte immer, dass er der mutigste kleine Junge war, der ihm jemals untergekommen war. Er traute sich mit wenigen Jahren schon ganz alleine bis hoch auf die Rutsche und wenn größere Kinder ihn ärgern wollten, dann stellte er sich mit seinen kleinen, dicken Beinen besonders breit dahin und bot ihnen die Stirn. Egal, ob sie stärker waren, oder nicht.

„Wirst du immer so mutig sein, Charly?“, fragte er ihn manchmal, nur um diesen herrlich entrüsteten Blick seines Sohnes zu bekommen. Rosige Wangen, Augen voller Leben, voller Liebe, die er frei an seine Umwelt verschenkte.

„Natürlich!“

„Versprochen?“

„Geschworen.“, antwortete Charles immer mit dem Brustton der Überzeugung.

Nein, Charles Xavier kannte keine Angst und ein Mal hatte sein Papa aus Spaß gesagt, das Charles der Typ Junge war, der die Sonne im Sommer bekämpfen würde, weil ihm zu warm war. (Würde Charles tatsächlich. Verdammte Sonne, der würde er es noch zeigen). Und egal, was passierte, sein Vater war immer stolz auf ihn.

Auf den kleinen, immer lächelnden Charles, der keine Angst hatte.

Jeden Abend betete er, dass Charles niemals anfangen müsste das Wort Angst zu kennen.





Aber Dinge laufen nie wie wir sie uns wünschen. Charles war sechs Jahre alt, als er das Wort Angst zum ersten Mal richtig greifen lernte. Sein Papa kam jeden Tag um genau 17.30 Uhr durch die Türe. Müde von der Arbeit, aber ein Lächeln auf den Lippen, dass die Sonne neidisch machte. Er nahm Charles immer hoch und wirbelte ihn durch die Luft, bis der kleine Junge vor Freude aufschrie und lachte. Einen Kuss auf die Nase von seinem Vater pflanzte. Im Gegenzug bekam er immer einen Kuss auf die Stirn.

Angst war Charles fremd, bis zu dem Moment, in dem nicht sein Vater durch die Türe kam, sondern das Telefon hoch und laut durch das ganze Haus schrillte. Er zuckte zusammen, sah von seinem Buch auf, als seine Mutter den Hörer ergriff und verwirrt fragte, wer denn am anderen Ende sei...

Charles beschloss, dass sie interessanter war, als seine Geschichte von Dickens. Er hatte das Gefühl, als würde er ihre Sorge beinahe schon spüren, je länger das Gespräch dauerte. Ja, beinahe tropfte schon jedes Bisschen Farbe aus ihrem Gesicht, je länger sie zuhörte. Nur knappe Rückmeldungen gab, das sie noch dran war. Ansonsten schwieg sie. Die Sorge kroch in Charles Kopf, festigte sich dort mit einer beinahe schon grausamen Sicherheit und er schluckte schwer, legte das Buch zur Seite.

„Mama?“ Seine Stimme zitterte leicht, als sie auflegte und einige Sekunden wie eine Statue einfach nur da stand. Ja, sie schien nicht ein Mal zu atmen, ihre Augen dunkel und mit Schatten unterlegt. Wo waren sie hergekommen? Charles erinnerte sich nicht daran, dass sie vorher da gewesen waren...

Ein Ruck ging durch ihren Körper und ohne ihren Sohn anzusehen ging sie zur Bar, goss sich etwas von dem ekelhaften Getränk an, das Charles ein Mal bei ihr probiert hatte. Es war scharf und bitter und Charles verstand nicht, wie sein Papa und seine Mama es manchmal Abends trinken konnten, während sie sich in den Armen lagen. Aber Charles verstand viele Dinge nicht.

„Mama? Ist etwas mit Papa?“

Er hatte so ein Gefühl. Das kam öfter in der letzten Zeit vor, dass er Dinge richtig riet... Vielleicht war er auch einfach nur verdammt begnadet... Der kleine Junge beobachtete, wie seine Mutter das Glas mit Alkohol in einem Schluck stürzte. „Nicht jetzt, Charles.“, murmelte sie nur leise.

Das war Antwort genug.

Die Angst, was mit seinem Papa war, wurde beinahe greifbar in seinem Herzchen und er biss sich auf die rote Unterlippe. Er wollte keine Angst haben, aber hier war er...  Spürte zum ersten Mal in seinem Leben, wie sie sich durch die Eingeweide bohrte und einfach alles lahm legte.

Wie er ein Versprechen brach.

Einen Schwur.





Um 18.40 Uhr kamen Männer. Charles erkannte einen von ihnen als einen Kollegen von seinem Papa. Er mochte den Mann nicht, von ihm ging immer so viel Böses aus. Kurt. Sein Name war Kurt, genau. Er sah seine Mama immer so an, als wäre sie ein Stück Fleisch... Charles mochte es nicht und er wollte sich vor sie stellen, damit er nicht zu nahe an sie heran kam, aber...

Er wurde zur Seite geschoben.

„Es tut mir so leid, Sharon.“, sagte Kurt. Seine Stimme drückte vielleicht Trauer aus, aber Charles spürte sie nicht von ihm ausgehen. Er log. Es tat ihm nicht leid und Charles wollte dazwischen rufen, wollte ihn anschreien, dass er von seiner Mama zurück treten sollte, aber dann fügte er noch einen Satz an, der Charles sämtliche Luft aus den Lungen riss. „Er hat es nicht lebend aus dem Feuer geschafft.“

Was folgte, hatte Charles nur noch wie fremdgesteuert wahr genommen. Sharon schluchzte und irgendjemand murmelte, dass man den Jungen hier wegbekommen sollte. Charles wurde gepackt, von wem wusste er nicht mehr und raus getragen, stumpf und leblos wie eine Puppe. Er verstand die Worte, aber sie machten keinen Sinn.

Sein Papa kam aus allem wieder lebendig heraus, er hatte ein Mal eine Spinne gefangen, die größer als Charles Hand gewesen war... Er... Er... Charles spürte stumme Tränen über seine Wangen laufen, während er die Treppe – Stufe um Stufe – hinaufgetragen wurde. Er krallte sich an fremden Schultern fest, als er von unten aus dem Wohnzimmer den wütenden Schrei seiner Mutter hörte und wie sie ein Glas gegen die Wand warf.

Das Klirren schnitt selbst in Charles Ohren.





Das seine Mama so schnell wieder heiratete gefiel Charles nicht. Schon gar nicht, dass sie Kurt heiratete. Aber Charles war nur ein kleiner Junge und konnte dagegen nicht viel unternehmen, als nur gefrustet zu beobachten, die Arme leicht vor der mageren Brust verschränkt.

Er war mittlerweile sieben Jahre alt und meinte immer öfter die Gefühle und Gedanken von anderen Personen zu spüren. Er war Kurt im großen Stil egal, aber sein neuer Stiefbruder hasste Charles mehr, als der Junge es jemals für möglich gehalten hatte. Er wusste, dass diese Gefühle echt waren, auch wenn er nicht so genau wusste, wieso.

Aber vielleicht gehörte das zum Erwachsen werden dazu?

Charles wusste es nicht, alles was er wusste war, dass er es hatte kommen gesehen. Er hatte es kommen gesehen, das Cain ihm auflauern würde, er hatte e kommen gesehen, dass er ihn hart am Kragen seines weichen Pullovers packen würde. Oh Gott, er hatte es alles kommen gesehen und doch konnte er seinen kleinen, schwachen Körper nicht dazu bringen sich zu wehren.

Er wurde gegen den Geschirrschrank beinahe schon geworfen. Eine Art Strafe dafür, dass Kurt seine Mutter geheiratet hatte, nahm Charles an. Oder Cain hasste einfach nur ihn selbst, er wusste es nicht, aber es war ihm auch egal, als sein Kopf die Schrankwand hart traf und es hinter ihm Scherben regnete.

Das Geräusch machte ihm mehr Angst, als er es zugeben wollte und er zuckte bei jedem Krachen noch mehr zusammen, als er es ohnehin schon tun würde.





Als er zehn Jahre alt wurde, da meinte Charles, dass er wahnsinnig werden würde. Er hörte tatsächlich die Gedanken von Anderen und wenn er sich besonders anstrengte, dann konnte er auch ihre Erinnerungen sehen. Kleine Bewegungen beeinflussen. Er wusste, dass es unheimlich war und wenn er Nachts sich in den Schlaf weinte, weil er all die grausamen Gedanken von den Menschen im Haus hörte, da wünschte er sich nichts lieber, als das er seinen Kopf austauschen könnte.

Aber diese Art der Telepathie machte viele Dinge auch einfacher.

Er musste zum Beispiel nicht so oft das Klirren von Tellern hören, wenn seine Mutter und Kurt sich wieder stritten. Dann war es beinahe einfach sich in den Sturm aus Emotionen zu flüchten und sie wie einen dichten Kokon um sich selbst zu winden.

Das war seine Zuflucht.

Seine geheime, seltsame Zuflucht, die Fluch und Segen gleichzeitig war.





Ein kleiner Lichtblick war Raven. Er hatte seine Familie manipuliert, damit sie bleiben durfte und... sie half ihm das Chaos zu ignorieren, zu vergessen, während er selbst versuchte sie so gut wie er konnte zu beschützen.

Wenn er sonst nichts konnte.





Charles hasste es, wenn Kurt und seine Mutter sich stritten. Er hasste es zu hören, wie Gläser, Vasen und Teller an Wände geworfen wurden, weil er genau wusste, dass niemand es sauber machen würde, bis die Putzfrau kam. Er hasste es, wenn Kurt – sobald seine Mutter wieder ein Mal in irgendeinen Club gefahren war, vor ihm flüchtete – dann zu ihm kam und ihn windelweich prügelte.

Er hasste es, dass er sich im Sommer nicht traute nach draußen zu gehen, damit niemand die blauen Flecken auf seiner blassen Haut sah.

Er hasste es zu wissen, dass das alles seiner eigenen Mutter vollkommen egal war.





Die Jahre gingen schneller vorbei, als angenommen, wenngleich sie immer gleich waren. Immer die selben Schreie, immer der selbe Scheiß.

Der heutige Streit war besonders schlimm gewesen und Charles wusste, dass er so tun sollte, als hätte er es nicht gehört, als Kurt nach ihm schrie. Aus vollster Kehle, die Stimme schlingerte etwas, offensichtlich betrunken. Oh ja, Charles wusste, dass er die Türe absperren sollte, aber er hatte Angst, dass er sie eintreten würde. Oder in den Ostflügel gehen würde und Raven weh tun würde...

Ja, Charles könnte ihn mental aufhalten...

Aber was, wenn er es merkte?

Wenn er ihn als Freak outete und man Charles jagen würde? Töten würde? Nein. Das konnte er nicht tun, dafür war er noch zu unsicher, dafür war er noch nicht Herr über seine eigene Gabe. Dafür hatte er noch mehr Angst vor dem, was er konnte und nicht konnte, als vor Kurt. Dinge, die sich in wenigen Minuten ändern würden.

Charles ging nach unten, fand Kurt vor, den Gürtel schon aus der Hose gezogen, Augen wild und beinahe manisch. Dunkel vor Wut. Er würde ihn wieder mit dem Gürtel schlagen?, dachte Charles, als er über die Scherben hinweg stieg, Blick nach unten gerichtet. Oh Gott, das tat immer besonders weh, er wollte es nicht, er wollte ihn nicht, er wollte, dass einfach alles endete.

„Du siehst aus wie deine Schlampe von Mutter.“, knurrte Kurt und kam auf Charles zu. Er schmeckte den Alkohol beinahe schon in der Luft und er würgte trocken. „Aber deine Lippen sind schöner. Und dein Körper ist straffer. Sie lässt nach. Der Alkohol macht ihren Körper ganz...“ Er gab ein Geräusch von sich, als würde er kotzen und Charles trat einen Schritt zurück, zitterte.

Er konnte seine Absichten vor sich sehen, aber... Charles wollte nicht glauben, dass er dazu in der Lage war. Kurt war ein grausamer Mensch, aber...

Charles sah wenige Minuten später ein, dass Kurt wohl so ein Mensch war, als er den Jungen in die Scherben gegen seinen Willen fickte. Charles schrie nicht, weinte nur, weinte mehr Tränen, als damals, als sein Papa nicht nach Hause gekommen war.

Er wusste, dass er nicht hier bleiben konnte. Nicht nach dem hier, nicht nachdem Kurt in ihm kam. Er sein Sperma spüren konnte. Er musste weg von hier und er hatte keine Angst mehr seine Telepathie dafür anzuwenden, wenn er musste.





Charles verlor sich in Arbeit. Lernen, weiter Lernen und schließlich neue Ziele. Wurde Professor. War beliebt. Niemand wusste, dass das Geräusch von Scherben ihm den Atem raubte.

Er war Charles Xavier.

Und Charles Xavier hatte keine Narben.





Charles hatte nie gedacht, dass sie so weit kommen würden. Er war Professor, arbeitete mit der CIA zusammen, mit Erik. Sie waren wieder in der alten Villa, von der Charles eigentlich angenommen hatte, dass sie noch jede einzelne Scherbe in sich bergen würde. Aber nichts. Nur ein wenig Staub und zu viele dunkle Ecken, als das er sie zählen könnte. Aber Erik war da...

Erik, dem er näher gekommen war, als je einem Menschen zuvor, während sie durch Amerika gefahren waren, auf der Suche nach Mutanten. Erik, der ihn so gut und sicher im Arm halten konnte, das Charles meinte, dass er dafür geboren worden war.

Erik, der ihm half die Kinder zu trainieren. Ebenso begeistert war, ebenso ein Feuer in den Augen hatte, das sie alle antrieb. Selbst Charles brachte er dazu seine Gabe weiter auf die Spitze zu treiben. Alles war gut, alles war absolut gut.

Auch wenn Charles meinte beinahe aus dem Bett zu fallen, als er eines Morgens hörte, wie Alex aus Versehen eine Tasse viel zu heißen Tee fallen ließ.

Sein Herzschlag war schneller auf 180, als es gesund war und der Schweiß trat auf seine Stirn. Ohne es zu merken schloss Charles die Decke enger um sich selbst und starrte mit weiten Augen in das Nichts seines Zimmers. Warmes Sonnenlicht flutete es, als wollte es gegen die Kälte ankommen, die sich in ihm ausgebreitet hatte.

Aber...

Selbst sie konnte das unangenehme, grausame Gefühl, dass bei zerbrechenden Geschirr in ihm wuchs nicht bekämpfen. Wenigstens war er alleine hier... Wenigstens waren das nur seine eigenen Dämonen.





Der Teller rutschte Erik beim Spülen aus der Hand. Charles stand neben ihm, nahm all die rutschigen Teile an und trocknete sie ab, aber da... Ihre Hände hatten sich nicht richtig koordiniert und er rutschte einfach so zwischen seinen Fingern Richtung Boden und zerschellte dort in unendlich viele kleine Scherben.

Ähnlich, wie Charles Fassung. Er sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, während Erik leise fluchte. Es war, als wäre sein gesamtes Inneres in Eis verwandelt wurden. Stechendes, scharfkantiges Eis, dass ihn von innen heraus erfror und aufschnitt.

Charles zitterte.

Er hasste das Geräusch.

Er hasste es mehr als alles andere, während seine Finger sich in das Handtuch verkrallten. Er wollte brechen, würgen, irgendwas, während sein Körper sich anfühlte, als würde er auseinander gezogen werden. Ja, beinahe als würde er nur noch an hauchdünnen Fäden gehalten, die jederzeit auseinander reißen konnte.

Das Blut rauschte in seinen Ohren und er bekam nicht mit, wie Erik seinen Namen sagte. Nicht beim ersten Mal, nicht beim zweiten Mal, erst als er viel zu sanft, viel zu weich in eine Umarmung gezogen wurde, löste die Starre sich und er holte rasselnd, panisch Luft, kniff die Augen zusammen. Konnte nicht verhindern, dass Tränen über seine Wangen liefen.

Was ist los, Charles? Eriks Stimme in seinem Kopf war wie ein Anker in stürmischer See, der ihn langsam, aber sicher daran hinderte zu weit wegzutreiben. Charles spürte, wie die eigenen Fingernägel sich zu tief in die Handballen bohrten, war sich sicher, dass sie seine Haut zum Aufplatzen brachten. Er holte nur rasselnd Luft, ließ sich an Erik ziehen, ließ sich halten.

Ich... mag das Geräusch nicht... Es macht mir Angst.

Charles würde es nie jemanden sagen. Nie jemand anderen als Erik, denn Erik wusste es besser, als nachzufragen. Er wusste es besser, als Erklärungen zu verlangen, denn er kannte solche Situationen. Er kannte Ängste, die die eigenen Geheimnisse waren und er respektierte das. War nur für Charles da, seine Finger dicht in den braunen Locken verwoben und ihn sanft hin und her wiegend.

Warm und weich.

Besser als jeder Schutz den Charles sich je aufgebaut hatte. Erik war sein Ruhepol, mit ihm konnten die Scherben ihm nichts mehr anhaben.





Charles war absolut betrunken und ohne seine Telepathie. Wie lange er schon nicht mehr Duschen gewesen war, dass wusste er nicht mehr, er wusste nicht ein Mal welcher Tag heute war, aber es kümmerte ihn auch nicht, als er die leere Weinflasche zwischen den Fingern drehte, vor sich das alte Spiel von Erik und ihm.

Er war dabei gewesen zu gewinnen, das Schachspiel.

Erik hatte öfter gewonnen als Charles... Seine Strategien waren nie aus Lehrbüchern gewesen und von einer Finesse, die Charles immer wieder und wieder bewundert hatte... Wie lange das alte Holzbrett schon Staub ansetzte, dass wusste er nicht, aber es machte ihn Tag um Tag wütender.

Nicht eine Entschuldigung von Erik.

Nicht ein Besuch von Raven.

Er hatte alles für sie gegeben und was hatte er bekommen? Ein staubiges Schachbrett.

„Fickt euch.“, knurrte er heiser und holte mit der Flasche aus, warf sie auf das Brett und zerstörte die Partie, deren Bild sich unauslöschlich in sein Gehirn gebrannt hatte. Wie ein Zeichen aus Feuer hatte Erik auch dort sein Mal hinterlassen.

Als das Glas der Flasche zu Boden fiel, einfach von dem zerstörten Brett rollte, und zersprang, da wusste Charles nicht, ob er weinen, oder lachen sollte. Aber vielleicht war das auch nicht wichtig, während er sich eng in seinem Morgenmantel zusammenrollte, den beinahe schon blutigen Tränen ihren Lauf ließ.

Viele Dinge waren nicht mehr wichtig.





Erik aus dem Pentagon zu holen war eine Sache. Unter Beschuss zu stehen war eine Sache, aber zu sehen, wie das gesamte Geschirr sich in die Luft erhob, das war etwas vollkommen anderes. Er zuckte nicht zusammen, weil die Kugeln nur wenige Zentimeter von ihm entfernt in die Wand hinter ihm einschlugen. Er zuckte nicht zusammen, weil auf ein Mal Körper wie von unsichtbarer Hand – Peter war ein Segen! - durch die Gegend geworfen wurden...

Nein.

Er zuckte zusammen, als alles auf dem Boden aufschlug.

Ein Lärm, der in seinen Ohren widerhallte und ihn beinahe auseinander riss. Er vergaß zu atmen, er vergaß an wen er sich gerade klammerte, vergaß an wessen Schulter er gerade sein Gesicht drückte in der blinden, wütenden Hoffnung, dass es ihn beschützen konnte.

Er schrie nicht.

Noch mehr Lärm machte es meistens Schlimmer. Aber sein ganzer Körper versteifte sich, die Finger verloren Kontrolle, hielten sich einfach nur noch fest, während er ein, zwei hastige Atemzüge machte. Es war, als würde das Geräusch ihn von innen heraus zerreißen und auch wenn es nur wenige Sekunden gewesen waren, so war es ihm länger als ein Leben vorgekommen.

Er spürte, wie Erik sich neben ihm bewegte, er spürte, wie er die Hand nach Charles Schulter ausstrecken wollte, ihn vielleicht beruhigen wollte.

Wie damals in der Küche. Vielleicht war es nur ein alter Reflex, aber Charles konnte das nicht zulassen, durfte es nicht wieder zulassen. Er gab ein unterdrücktes Schluchzen von sich, bevor er sich von ihm wegstieß, ihn nicht mehr ansah und durch den immer weiter gehenden Regen aus der Anlage von ihm wegtrat. Er fühlte sich schwach, die Scherben auf dem Boden schnitten beinahe schon in seine Augäpfel und er meinte sie wieder unter seinem Rücken zu spüren.

Wie sie ihn mit jedem harten Stoß aufschnitten...

Charles Knie waren weich und er spürte seine Galle im Mund, aber er drehte ich nicht wieder zu Erik um. Er brauchte ihn nicht.





Charles Xavier kannte Angst mehr als genug.

Und jeden Tag bereute er es mehr und mehr, dass er das Versprechen seinem Papa gegenüber hatte brechen müssen.





Charles hatte keine Übersicht mit über die Jahre. Die Schule nahm alles an Energie auf, die er hatte. Aber er liebte es. Er liebte es den Kindern in diesem Haus, in dem er selbst nie glücklich gewesen war, ein Leben zu geben. Er liebte es ihr Lachen zu sehen, er liebte es... ihr Glück zu spüren.

Es beruhigte ihn.

Selbst jetzt in seinem relativ hohen Alter war diese Schule immer noch beruhigend für ihn. Genau wie die Tasse Tee, die er ich jeden Abend gönnte. Scott sagte immer, dass der Professor härter war, als sie alle zusammen, weil er selbst im höchsten Sommer nicht von seinem Tee abzubringen war. Mittlerweile existierte sogar ein Witz unter den Schülern, dass immer wenn jemand angab, wie fantastisch und stark er doch sei, alle sagten, dass der Professor im Rollstuhl warmen Tee im Sommer trank.

Er belächelte es nur und fühlte sich ein wenig, ein klein wenig geehrt.

Etwas.

Er grinste leicht und sortierte sein Papier wieder ein, achtete nicht vollkommen auf seine Bewegung und stieß mit dem Ellbogen die Tasse vom Tisch. Er sah es nicht, aber er spürte es. Nach all den Jahren hatte er immer noch Angst vor dem Aufprall auf dem Boden, nach all den Jahren fürchtete er noch, was dann kommen würde.

Man sollte meinen, dass ein Mann wie Charles seine Ängste unter Kontrolle hatte, aber in jedem Menschen steckten Schatten, auch in ihm... Aber das Splittern von dünnen Porzellan auf Parkett blieb aus. Einzig das Geräusch von Wasser, das auf den Boden prasselte war zu hören und Charles stieß die Luft zwischen den Zähnen wieder aus. Die angespannten Schultern entspannten sich langsam wieder und verwirrt drehte er sich zur Seite, sah wie sich sein Löffel um die Tasse gewickelt hatte und sie langsam – sogar mit dem meisten Inhalt – wieder nach oben trug und auf dem Tisch abstellte.

Ein Lächeln, warm und weich legte sich auf seine Züge, bevor er sich zur Türe drehte und niemand anderen als Erik dort stehen sah. Das selbe Lächeln voller lieber in seinem alten, aber immer noch schönen Gesicht.

„Du solltet vorsichtiger sein.“, murmelte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die es immer noch schaffte Charles einen Schauer über den Rücken zu jagen, während er mit langsamen Schritten näher kam. Er stand hinter ihm, legte sanft seine Hände auf Charles Schultern und beugte sich nach unten, einen Kuss auf die Glatze hauchend.

Danke, mein Freund., schickte Charles ihm telepathisch und legte eine Hand auf die von Erik. Ihre beiden Eheringe klickten dabei leicht aneinander und ein kleiner Schauer lief über seinen Rücken. Das Erik seinen Weg wieder zu ihm gefunden hatte, nach all den Jahren, war immer noch ein Wunder.

Ein Glück.

Aber Charles war jeden Moment dankbarer dafür, als zuvor.

„Nicht dafür.“ Eriks Stimme war wie eine warme Decke, die sich um seinen Verstand legte, bevor er ihn wieder küsste. „Oh, nicht dafür.“





Charles hatte manchmal Angst.

Aber er war stark genug, als das er sie aushalten konnte, denn er wusste, dass er damit nicht alleine war. Er wusste, dass Erik da war und auch wenn es lange gedauert hatte... Er hatte kein schlechtes Gewissen mehr.

Es war in Ordnung Angst zu haben.

So lange man jemanden hatte, der einen fangen konnte. Und Gott, Erik war gut im fangen.





(〃・ω・〃)

Ein kurzer Oneshot, der nach diesem Gif vom Rogue Cut einfach geschrieben werden musste:
Ich hoffe sehr, dass es euch gefallen hat und wünsche eine schöne Woche :)
Hochachtungsvoll,

Wir

P.S. Happy End wurde hinzugefügt.
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