What about me?

von Hotdogzz
KurzgeschichteDrama / P16
Ben Jacob John Locke
14.07.2015
14.07.2015
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„Du wirst ihn für mich töten, Ben.“
Es waren so viele gewesen.
Immer.
'Du wirst alles tun, was Locke verlangt.'
Ich hatte aufgehört zu zählen, aber die vielen Gesichter blieben.
„Du wirst ihn für mich töten.“
Hunderte. Vielleicht Tausende.
Ich hatte so viele Menschen in meinem Leben ausgenutzt, missbraucht und hintergangen, bewegt wie Figuren auf dem Schachbrett, vor, zurück, eins gegen eins, lächeln, souverän bleiben, beeinflussen.
Ich hatte sie alle beherrscht, so lange Zeit. Und jetzt stand ich da, mit einem Messer in der Hand und einem Auftrag, der eigennütziger nicht hätte sein können – nur nutzte er nicht mir.

Locke lächelte sogar jetzt. Inzwischen wusste ich, dass das seine Grimasse war. Er lächelte immer. Und ich hasste ihn dafür, dass er ihn das immer weiter gebracht hatte, als mich.
Locke.
'Du wirst ihn für mich töten, Ben.'
Das hatte er gesagt und dabei gelächelt und gewusst, dass ich nichts tun konnte. Er hatte mich in der Hand. Ich war zu seinem Läufer geworden und gegen den Zug, den er plante, war ich machtlos.
„Du hast die Wahl, Ben. Denk daran.“
Jacob. Plötzlich hatte er ein Gesicht, ein wahrhaftiges Gesicht und einen Körper, nur für Locke. Und auch jetzt sprach er mit John, nicht mit mir.
Sie waren die Schachspieler – ich die Figur.
Es war zwecklos so zu tun, als hätte ich noch einen Plan. Es war vorbei.
Aber auch Soldaten hatten Waffen, und so ließ ich das Messer nicht los, als ich begann, zu sprechen, im Gegenteil: ich fasste es fester.
„Wieso er?“, fragte ich leise.
Jacob stand so kurz vor mir, ich konnte ihn atmen hören. Nur ein Mensch, am Ende? Vielleicht hatte ich mir gewünscht, dass nur ich ihn sehen könnte. Vielleicht hätte es das einfacher gemacht. Aber dem war nicht so. Er stand vor mir, lebte, atmete und entfachte in mir einen verzweifelten Hass, der so gefährlich war, dass ich Angst bekam.
„Wieso John?“, wiederholte ich meine Frage. „Ich habe alles getan.“
Alles.
Es waren zu viele von ihnen gewesen. Unzählige Leben für einen Mann, der mir ins Gesicht sah und schwieg, selbst jetzt noch, nach all der Zeit.
„35 Jahre“, versuchte ich, den brüllenden Sturm in mir mit Worten Ausdruck zu verleihen, „35 Jahre lang habe ich alles getan, was von mir verlangt wurde...“
Ich wünschte so sehr, dass er tot war.
„Und immer... immer, wenn ich danach verlangt habe, den Mann zu sehen, der mir all das befohlen hat, wurde mir gesagt 'Hab Geduld'. Und ich hatte die Geduld, ich...“
Es war so gut gelaufen, all die Zeit.
Jacob. Ein Synonym für etwas Größeres, ein Ideal, ein Symbol für eine Idee, der ich glaubte, zu dienen, aber dann war Alex gestorben und plötzlich waren da nur noch Zweifel gewesen. Zweifel an mir. Zweifel an ihm. Ihm, der da stand und niemals von alldem gehört hatte. Weil es ihn nicht interessierte. Nichts als eine unwichtige Nebenfigur, ein Bauer, höchstens ein Turm.
Ich war ersetzbar.
Aber Alex war es nicht gewesen.
„Ich habe gewartet“, rief ich verzweifelter als ich wollte. „All die Zeit. Ich habe getan, was mir gesagt wurde und gewartet.“
Alles in mir zog sich zusammen und plötzlich war wieder Sommer und Alex saß auf ihrer Schaukel und rief das selbe, immer und immer wieder.
„Höher Daddy, höher!“
Und ich stieß sie an, immer kräftiger und stärker, bis ihr Lachen so laut war, dass es mir Tränen in die Augen trieb.
„Auf einmal war John da“, fuhr ich fort. „Und er darf sofort alles. Ein paar Tage, ein... ein paar Tage...“
Alex hätte noch Jahre gehabt. Ich hatte sie so geliebt. Und ich hatte es ihr viel zu selten gesagt. Und jetzt war es zu spät. Jacob war ein Mensch und er war ein Nichts.
„Auf einmal darf er hier hereinspazieren und wird empfangen wie Moses... warum er? Was hat er anders gemacht? Was unterscheidet ihn? Was...?“
Ich wünschte mir so sehr, dass es einen triftigen Grund gab, für all das. Einen läppischen, unwichtigen Grund, der es leichter machte, mich selbst weniger zu hassen.
„Was ist mit mir?“, fragte ich also, mit klopfendem Herzen und brennender Lunge, mit einem Messer in der Hand und einem, das drohte, meine Brust zu durchbohren.
Gib mir einen Grund.
Irgendetwas.
Jacob sah auf.
Da stand er also.
Das Ziel meines Lebens. Es war immer Alex gewesen, nicht er.
Zu spät, Ben. Viel zu spät.
Ich wollte wichtig sein. Wenigstens für eine Sekunde. Etwas bedeuten, irgendetwas ausmachen, in der Welt.
Bitte Jacob.
Er musterte mich, für ein paar schreckliche Sekunden. In seinen Augen regte sich nichts.
„Was soll mit dir sein?“, fragte er dann.
In mir zerriss etwas. Vielleicht war mein letzter Griff nach Halt.
Was soll mit dir sein?
Für zwei Sekunden herrschte Todesstille und die Leere, die sich in mir auftat, war so groß und unberechenbar, dass ich schreien wollte.
Dann brach der Sturm aus.
Ich spürte kaum, wie ich ausholte und das Messer in Jacobs Brust versenkte, zweimal, oder wie das Blut an meinen Händen herunter lief als ich die Klinge fallen ließ.
Doch ich spürte seinen Herzschlag, als er in meinen Armen zusammen brach und um den Atem kämpfte, den ich ihm genommen hatte.
Er starb.
Er hatte Angst.
Sein Puls raste und seine Finger verkrallten sich blutig in meinem Hemd; er spürte. Ich ließ ihn etwas fühlen.
„Bin ich jetzt wichtig?!“, wollte ich ihm ins Gesicht schreien. „Habe ich jetzt etwas verändert?!“
Aber ich war wie gelähmt.
Nicht einmal jetzt kümmerten sie sich um mich. Jacob starb und Locke hörte ihm dabei zu. Und ich? Ich stand da und versuchte, zu atmen.
'Was soll mit dir sein?'
Nicht einmal das war ich ihm wert gewesen. Er hatte sich nicht um mich gekümmert, nicht eine Sekunde meines Daseins, das ich ihm voll und ganz verschrieben hatte.
Als Locke ihn ins Feuer trat spürte ich nichts, durch die Taubheit, die sich in meiner Brust breit machte und mir tosende Wellen aus Blut ins Ohr pflanzte.
Bin ich jetzt besonders?
Es war keiner mehr übrig, der mir das hätte sagen können.
Zähle ich jetzt?
Sie waren alles fort.
Benjamin Linus.
Ich war allein.
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