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Das Herz der sieben Schwestern

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Asuna Kirito Leafa Sinon Yui
11.07.2015
25.03.2018
20
47.580
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04.10.2016 1.816
 
Blinzelnd schlug sie ihre Augen auf, wusste aber nicht recht, wo sie sich in diesem Augenblick überhaupt befand. Unscharfe Umrisse reihten sich vor ihr aneinander und erst nach und nach klärte sich ihre Sicht langsam auf. Ein Wald… Ein Wald?!
Hektisch wollte sie sich umdrehen und sich nach Kirito umschauen, merkte aber schnell, dass sie jemand mit einem dicken Tau an den hinter ihr stehenden Baum gefesselt hatte.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag ins Gesicht.
Ihre Abreise aus Balian, der Angriff auf die Kutsche, ihre Flucht und… Wehmütig kniff sie die Augen zusammen. Kiritos Tod. Sie hätte gleich wissen müssen, wie gefährlich dieses Abenteuer wird und dass sie diese Last allein tragen muss. Niemals hätte sie ihn damit belasten dürfen.
Den kurzen Moment der Trauer herunterschluckend, kehrte sie mit ihren Gedanken in die Gegenwart zurück und musterte angestrengt das Seil, das sich unterhalb ihrer Brust um ihren Körper schlang.
Wie war sie hier hingeraten?
Ah, genau! Sie wurde von diesem komischen Typen überrascht, der sie anscheinend ausgeknockt und hergebracht hatte. Aber wozu? Woher wusste auf einmal jeder, dass sie die Prinzessin war?
Wahrscheinlich steckte Oberon dahinter, der sie mit aller Macht in die Finger kriegen wollte. So ein Widerling.

„Äh…“
Überrascht blinzelte Asuna und zuckte gleichzeitig vor Schreck zusammen, als sie die Person vor sich bemerkte. Klein, dicklich… Welcher Rasse er angehörte, konnte sie nicht sagen. Ebenso wenig, warum er da vor ihr saß, sie entsetzt anstarrte und irgendwie Wurzeln schlug.
Er rührte sich einfach keinen Meter, was wohl der Grund war, wieso sie erst jetzt auf ihn aufmerksam wurde. Ihr kam kein Ton über die Lippen. Als wäre ihre Stimme vor aufsteigender Angst erstarrt, dabei sah der Knirps nicht gerade sehr furchteinflößend aus. In ihrer Lage spielte das schlicht und ergreifend keine Rolle, wer ihr gegenüberstand. Mit einem Mal sah Asuna in der ganzen Menschheit einen Feind. Jeder, der ihr begegnete, wollte ihr Schaden zufügen. Es gab niemanden, dem sie vertrauen konnte…
Tränen glitzerten in ihren Augen, während sie fieberhaft überlegte, wie sie ihrem Entführer entkommen konnte. Sollte sie darauf warten, bis sie jemand von diesem Baum befreite und dann rennen? Weit gekommen waren sie noch nicht. Vielleicht konnte sie also zurück nach Balian und Suzuna um Hilfe bitten. Allerdings… nein. Das konnte sie nicht riskieren. Damit brachte sie das gesamte Waisenhaus in Gefahr. Sie war ganz auf sich allein gestellt.

„B-Boss! Sie ist wach!“, schrie er mit seiner krächzenden Stimme irgendwo in den Wald hinein.
Mit einem mulmigen Gefühl sah sie in die Richtung, aus der sich die Schritte näherten und keine zehn Sekunden später stand der rothaarige Elf ihr gegenüber, der sie vor ihrer Ohnmacht gefangen hatte.
„Bambina! Ich dachte schon, du kommst gar nicht wieder zu dir! Na ein Glück!“
Asuna war sich nicht ganz sicher, welches Gefühl in ihr überwog. Ob es die allgegenwärtige Panik war, die sich immer tiefer in ihr Herz fraß oder die Skepsis, mit der sie diesem Kerl gegenübersaß. Mit dieser übertriebenen Fröhlichkeit konnte sie gar nichts anfangen.
„Ich bin Zeno und das ist mein Sidekick, Maeral. Ihn kennst du vielleicht schon von diesem grausigen Zwischenfall, in den du neulich verwickelt warst. Er hat es nicht so gemeint, da ist einiges schiefgelaufen. Reden wir lieber über was anderes. Wir haben den Auftrag, dich einzufangen und zum Weltenbaum zu schaffen. Du musst also keine Angst vor uns haben, alles in Butter“, grinste er sie schief an.
Die Undine zog nur verwirrt die Stirn kraus, gab immer noch nichts von sich. Was sollte sie auch noch dazu sagen? „Danke für die Eskorte“? „Entschuldigung, dass ich Umstände mache“?
So ein Unsinn.
„Bist wohl ziemlich schweigsam, was? Dann lass ich euch noch ein wenig Zeit, euch zu beschnuppern. Ich mach in der Zwischenzeit das Essen fertig.“
Freudig hüpfte er wieder zwischen den Büschen hindurch, so schnell wie er daraus hervorgekommen war.

Ein Zittern ging durch den zarten Körper der Prinzessin. Um sich zusammenzureißen, biss sie auf ihre Unterlippe, aus der ein winziger Tropfen Blut hervortrat. Sie wollte so sehr dagegen ankämpfen, doch es half alles nichts. Träne um Träne perlte ihre blassen Wangen hinab.
Sie konnte nicht anders, als sich selbst zu bemitleiden.
Beide Eltern tot, die Schwester gefangen von einem größenwahnsinnigen Typen, für den Mord kein Hindernis darstellte… Das Waisenhaus, das sie mit in diese komplizierte Geschichte hineinzog… Agil, Kirito, Suzuna… Die Aufgabe, die sie zu erfüllen hatte.
Der Augenblick könnte kaum unpassender sein, doch sie wünschte sich tatsächlich, der Killer hätte sie erschossen. Ein einfacher Schuss und es wäre vorbei gewesen. Das Schicksal von Alfheim wäre damit besiegelt, doch ihre Misere hätte es ein für alle Male beendet. Was sollte sie schon ausrichten? Als kleines Mädchen ohne Lebenserfahrung, ohne besondere Talente oder magische Kräfte? Ja nicht einmal fliegen konnte sie. Und so ein Nichtsnutz sollte die Welt vor dem Untergang bewahren? Was dachte sich Titania dabei, wenn sie mit so einer Sicherheit… einer solch großen Überzeugung davon sprach, dass ihre Schwester dieses Land von Grund auf ändern würde.
Wenn dieser Albtraum nur endlich enden würde…

»Du darfst nicht aufgeben! «

Erschrocken richtete sie sich auf und schaute sich suchend um. Außer Maeral war niemand bei ihr. Niemand, von dem diese Worte stammen könnten. Zumindest wirkte er nicht, als hätte er gerade mit ihr geredet, so wie er in der Gegend herumguckte, ihr keine Aufmerksamkeit schenkte.
Nanu… Woher…?
Diese Stimme war ihr gänzlich unbekannt und doch erfüllte es sie mit Kraft und einem Funken Hoffnung. Als hätte diese fremde Präsenz eine tief in ihr schlummernde Stärke wachgerüttelt und zu Tage gefördert. Die Tränen versiegten, ihr Blick strahlte Entschlossenheit aus.
Nein. Es war noch nicht zu spät.
Natürlich, sie konnte ihre Unsicherheit und ihr nicht vorhandenes Talent nicht einfach streichen oder wegdenken. Doch wenn sie gleich die Flinte ins Korn warf, bekäme sie nie die Gelegenheit, etwas zu ändern. Um nicht noch mehr Menschen in ihrer Nähe zu gefährden oder zu verlieren, musste sie sich zusammenreißen und kämpfen.
Wie konnte sie auch nur eine Sekunde daran denken, all die unschuldigen Elfen im Stich zu lassen?!

„Maeral war dein Name, richtig?“, brach sie die Stille und entlockte dem Winzling einen leisen Aufschrei. Mit dieser plötzlichen Interaktion rechnete er wohl nicht. Vor allem, weil sie seit ihrer Entführung noch kein Wort gesagt hatte.
„J-Ja…“
Er nickte leicht mit dem Kopf.
„Euer Auftraggeber. Der, der am Weltenbaum auf mich wartet… Es ist Oberon.“
Es war mehr eine Feststellung als eine Frage und allein schon bei dem Gedanken an die Visage des selbsternannten Elfenkönigs verfinsterte sich ihr Blick merklich. Am liebsten würde sie ihrer geliebten Schwester sofort zu Hilfe eilen und sie aus dem goldenen Käfig befreien. Von diesem Schwein bedrängt zu werden, war wohl weitaus schlimmer als die Situation, in der sie sich selbst befand. Diese beiden Chaoten hier schienen doch gastfreundlicher als gedacht.
Zumindest steigerte sich ihre Verwunderung mit jeder neuen Handlung von Zeno mehr und mehr. Mit einem dampfenden Kessel kam er zurück, den er vorsichtig in ihrer  Mitte auf dem Waldboden abstellte.
„Nicht weglaufen, Bambina, okay?“, lächelte er, während er Asunas Fesseln löste und sie nun ohne Einschränkungen dort hockte, ihn nur schräg musterte, „Ohne die Hände zu benutzen wird das sicher etwas schwer mitzuessen. Du bist sicher am Verhungern.“
Prompt, als wollte er eine lautstarke Bestätigung dieser Vermutung geben, knurrte ihr Magen und verriet sie an den Bösewicht, der nur loslachte.
„Als hätte ich es nicht gewusst.“
Schnaufend ließ sich der Rothaarige neben seinen Kumpanen fallen, der in der Zwischenzeit drei Schalen verteilt hatte und diese nun mit der heißen Flüssigkeit füllte, die wohl bis eben noch am Kochen war.
Asuna schloss auf eine Art Eintopf und es schien viel Gemüse darin zu sein. Sogar ein bisschen Fleisch erkannte sie. Ob Zeno das wohl ganz allein zubereitet hatte mit den Zutaten, die man hier in diesem Wald fand?

Vor Erstaunen kam sie nicht einmal auf die Idee, das Weite zu suchen. Irgendwie erschien ihr das gerade auch relativ sinnfrei. Der „Boss“ wirkte sportlich und würde sie wohl innerhalb kürzester Zeit wieder einholen, sollte sie fortlaufen.
Solange sie nicht fliegen konnte, brachte ein überstürzter Aufbruch gar nichts. Da musste sie mit einem besseren Plan rangehen. Eventuell sobald es dunkel wurde und sie bessere Chancen hatte, sich zu verstecken.
„Willst du nichts essen? Du bist doch hungrig“, meldete sich Maeral und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder zu der Schüssel, die ihre Hände angenehm wärmte. Es roch einfach unvergleichlich gut, doch was, wenn diese übertriebene Freundlichkeit nur eine Falle war, um sie dazu zu bringen, von der vergifteten Suppe zu trinken?
Womöglich befand sich darin ein Betäubungsmittel, das sie außer Gefecht setzte und gefügig machte. Oder die zwei belogen sie und sie wollten sie doch töten, aber ohne sich die Finger schmutzig zu machen.
„Prinzessin?“, setzte Maeral erneut an, wurde aber von Zeno unterbrochen, der nur wissend den Kopf schüttelte. „Sie traut uns nicht über den Weg, sonst würde sie sicher nicht zögern, etwas gegen ihren Hunger zu unternehmen.“

Vorsichtig nickte Asuna, ohne etwas dazu zu sagen.
„Meine Güte, Bambina. Sehe ich so unglaubwürdig aus?“
Theatralisch schlug er sich die flache Hand ins Gesicht und gab weinerliche Laute von sich, bevor er seinen Löffel schnappte, ihn in Asunas Schale tunkte und einen kräftigen Hieb von ihrer Suppe nahm.
„So, zufrieden? Ich verdreh nicht die Augen, ich huste meine Organe nicht aus und ich hab Appetit auf mehr. Überzeugt dich das?“
Er wirkte fast schon ein bisschen genervt. Wahrscheinlich beleidigte sie seine Gastfreundschaft, indem sie sich weigerte, von dem Eintopf zu essen.
Zögerlich setzte sie an und trank einen vorsichtigen Schluck aus dem Behältnis.
Und tatsächlich… ein warmes, wohltuendes Aroma breitete sich in ihrem Mundraum aus, schenkte ihr einen Moment, in dem sie sich fallen lassen und dieses Gefühl genießen konnte.
„L-Lecker…“, brachte sie leise hervor und blickte in Zenos selbstzufriedenes Gesicht.
„Na siehst du. So schnell entstehen Freundschaften.“
Ob man da jetzt von Freundschaft oder einer Form des Stockholm-Syndroms sprechen sollte, wusste die junge Prinzessin nicht recht. Wieso sollte sie sich mit ihrem Entführer zusammentun, der sie früher oder später sowieso ans offene Messer lieferte?
Ihr war mehr als unwohl und sie fühlte sich auch nicht, als würde sie zu dieser Gruppe gehören. So sehr sehnte sie sich nach Kirito, doch ihr war klar, dass er nicht zurückkommen würde, egal was geschah. Jetzt war es an ihr, die günstigste Gelegenheit wahrzunehmen und noch einmal die Flucht anzutreten.

Verzeih mir, Kirito-kun… Ich hätte das verhindern müssen.
Egal wo du jetzt auch sein magst, bitte wache über mich und meine Schwester.
Ich werde dich nicht enttäuschen!


Dass ganz in ihrer Nähe ein kleiner Lichtball aufgeregt durch den dichten Wald flog und die Blauhaarige neugierig musterte, ahnte sie noch nicht. Geschweigedenn, was für eine Überraschung dort draußen auf sie wartete.
„Da bist du also, Hime-sama! Hab ich dich endlich gefunden! Das muss ich unbedingt Papa erzählen!“, murmelte das kleine Wesen zufrieden, ehe es sich eilig auf den Rückweg machte.
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