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Andergaster Nachtgeflüster - Eine Kurzgeschichte

KurzgeschichteFantasy / P6 / Gen
10.07.2015
10.07.2015
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In den Schenken Aventuriens erzählt man sich allerlei Geschichten, manche wahr, manche erfunden, doch fragt man den werten Erzähler, wird er Stein und Bein schwören, daß sich alles genau so zugetragen hatte und er es mit seinen eigenen Augen gesehen habe. Oder zumindest sein Nachbar… oder ein entfernter Verwandter des Nachbarn. Irgendwer wird schon Zeuge gewesen sein. Hört man sich dieser Tage an, was der Nachtwächter zu Andergast erzählen mag, würde man auf folgende kleine Episode stoßen.

Des Nächtens auf seiner üblichen Route durch die größtenteils schlafende Stadt begegnete er schon manch seltsamen Volke. Einige dieser Begegnungen sind nicht unbedingt angenehm, doch oftmals trifft man eher auf harmlose Gestalten. Trunkenbolde, die den Weg nach Hause suchen, wilde Säue, die sich am Dreck auf den Straßen gütlich tun oder den ein oder anderen Fremden, der zu später Stund durch das Stadttor gelassen wurde.
In dieser Nacht hatte der brave Mann gerade den Weg ins Lederviertel angetreten, als er im Augenwinkel einen Schatten erblickte, der hastig durch die schmutzigen Gassen huschte.
Alarmiert hob er seine Laterne höher und folgte dem Schatten, der schließlich hinter einer Häuserecke in einem Erker verschwand. Drauf und dran, die Stimme zu erheben, um den Schatten aufzufordern, sich zu zeigen, trat er voran, hatte bereits den Mund zum Rufe geöffnet, als er leise Stimmen hörte. Ein Wispern, das seine Neugier weckte.
Heimlich schlich er näher und da sah er zwei Gestalten im Schutz einer Mauer stehen. Groß gewachsen waren sie beide. Der eine von kräftiger Statur mit breiten Schultern und die andere schmal und zierlich. Ein Mann und eine Frau. Ein Mensch und eine Elfe, das erkannte er, denn die blasse Haut der Elfe schimmerte im fahlen Licht der Straßenlaternen und man sah deutlich das Spitzohr, daß ihr unter den schwarzen langen Haaren hervor lugt. Wieder einmal schien er zwei Liebende bei ihrem geheimen Stelldichein überrascht zu haben. Kein ungewöhnlicher Anblick. Doch diese beiden machten nicht den Eindruck einfacher Bürger.
Der Mann war eindeutig von adligem Stand. Das verriet seine feine Kleidung. Und die Frau? Sie trug die Robe der Magier. Wie ungewöhnlich! Unter normalen Umständen wahrte der Nachtwächter stets Diskretion und zog sich zurück, wollte er den Turteltauben doch nicht zu nahe treten, doch bei diesem ungleichen und für Andergaster Verhältnisse kurios anmutenden Gespann obsiegte die Neugier. Und so lauschte er einem Gespräch, daß eigentlich für kein fremdes Ohr bestimmt war.

Die tiefe Stimme des blonden Mannes war zwar gedämpft, doch deutlich zu vernehmen:“ Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, daß du meinem Ersuch nachkommen würdest, Ravenna. Nicht nach deinem Besuch im Lazarett. Was ist nur mit uns geschehen, daß ich dich durchs ganze Land verfolgen muß? Ist dir der Gedanke an unsere Hochzeit so zu wider, daß du dich ohne ein Wort der Erklärung davon stiehlst? Hast du alles vergessen, was wir einst teilten? Ravenna, erinnere dich! Wir sind zusammen aufgewachsen, waren selbst weit von zu Hause entfernt stets für einander da und ich hatte immer geglaubt, die Zeit in Festum hätte unseren Bund nur verstärkt. Du schuldest mir eine Erklärung. Wenn schon nicht als meine Geliebte, dann wenigstens als meine Schwester!“
Der Mann machte einen entschlossenen Schritt auf die Elfe zu, doch sie wich ihm aus und nahm eine abwehrende Haltung ein. Es folgten Sekunden des frostigen Schweigens. Sie schien sich ihre Worte gut durch den Kopf gehen zu lassen und selbst im schwachen Schein der Laterne konnte man deutlich in ihrem Gesicht ablesen, daß sie einen Entschluß gefasst zu haben schien, ehe sie zögernd den Blick hob und ihr Gegenüber mit festem Blick fixierte.
„Ich sage das nicht gerne, aber du hast recht. Ich schulde dir eine Erklärung. Doch hättest du mehr Zeit damit verbracht, deinen Verstand zu nutzen, anstatt dich in einer vermeindlichen Kränkung zu suhlen und dich selbstmitleidig darin zu wälzen, wäre dir längst aufgegangen, warum ich gegangen bin. Was denkst du eigentlich von mir? Glaubst du allen Ernstes, ich könnte auch nur einen Tag vergessen? Niemals, Thoralf, niemals. Es lag weder an der Verlobung, noch an dir, daß ich gegangen bin. Ich gab dir einst ein Versprechen und an dem halte ich fest auch wenn ich es noch nicht einlösen kann. Ist dir denn nicht klar, was Vater da mit dem Adelsmarschall und Ihrer Spekatbilität Dagoneff ausgehandelt hat? Er hat uns beide verkauft! Unter dem Deckmäntelchen des Ruhms und der Ehre unseres Landes.“
„Aber es ist unsere Pflicht!“, unterbrach der Krieger die Elfe, die diesen Einwand jedoch nicht gelten ließ.
„Unsere Pflicht? Papperlapapp!  Denk nach Thoralf! Sind wir beide schon so weit, gegen ein Land wie Glorania zu ziehen? Bei Hesinde! Ich bin gerade seit kurzem erst Adepta. Mir fehlen die Erfahrung und die nötige Sicherheit, um gegen eine Eishexe von Gloranas Format ins Felde zu ziehen. Das Ganze ist ein Todeskommando auf unsere Kosten! Und ich lasse nicht über meinen Kopf hinweg bestimmen, wann ich mich dazu in der Lage fühle. Versteh mich nicht falsch. Es wird der Tag kommen, da werde ich mich mit Freuden dem bornländischen Heer  anschließen. Ich lasse mein Land und meine Familie nicht im Stich. Aber ich möchte sicher sein, daß ich wirklich bereit dazu bin und etwas ausrichten kann. Ansonsten ist es vertane Zeit und ein vertanes Leben. Du mußt das doch verstehen! Sie tun mit dir genau dasselbe. Zieh noch nicht in den Krieg, Thoralf. Was denkst du, was dich auf dem Schlachtfeld erwartet? Glorana paktiert mit dunklen Mächten und was diese auszurichten vermögen hast du erst kürzlich am eigenen Leibe erfahren. Ich will nicht noch einmal an deinem Lager stehen müssen, um dich vor dem Tode zu bewahren oder gar an deiner Bahre, um deine Seele zu verabschieden. Tu mir das nicht an!“

Was der Nachtwächter nicht ahnte, war, daß dieser Gefühlsausbruch für die sonst so kühle Fremde äußerst untypisch war. Doch ihr Gegenüber wußte sehr wohl um die Größe und Tragweite dieser Geste. So zog er sie an sich und duldete dieses Mal nicht, daß sie sich ihm erneut entwand und schließlich ergab sie sich in ihr Schicksal.
Der Blonde schwieg einen Moment, ehe er sich flüsternd Gehör verschaffte.
„Das waren große Worte.  Und ich höre sehr wohl die Sorge darin… und die Angst. Ich verstehe dich. Aber lauf nicht vor mir davon. Laß mich dir folgen, sonst finde ich keinen Schlaf mehr, weil ich mich in einem fort fragen muß, ob es dir gut geht.“
Die Antwort kam so leise, daß der Nachtwächter sie nicht verstand, obwohl er sich noch so sehr anstrengte. Was jedoch keiner weiteren Worte bedurfte, war der nun folgende innige Kuss. Scheinbar hatte das seltsame Paar sich ausgesöhnt. Der Nachtwächter wollte sich schon von dannen schleichen, als er erneut die Stimme des Mannes vernahm, während die Elfe sich aus der Umarmung befreite.
„Und wenn du mich noch einmal mit einem deiner Zauber zum Schweigen bringst, leg ich dich übers Knie!“ Die Stimme des edlen Herren wirkte zuerst noch belustigt, doch gerade hatte er zu Ende gesprochen, erklang ein leises Wispern und ein Knistern schien in der Luft zu hängen.
„Ravenna! Ich warne dich! Wag es nicht. Ich mache meine Drohung wahr und ….. „ Plötzliche Stille, gefolgt von einem glockenhellen Auflachen und hastig davon eilenden Schritte. Als der Nachtwächter doch noch einen Blick riskierte, sah er, wie die Elfe immer noch lachend davon eilte, während ihr Begleiter ihr stumm und mit drohend erhobener Faust in die dunklen Gassen Andergasts folgte.

Ja, so ist das fremde Volk manchmal. Spricht von Liebe und Verschwörungen, von Kriegen und Kämpfen. Was man davon halten mag, sei einem jeden selbst überlassen.
Der Nachtwächter kehrte der seltsamen Szene den Rücken und setzte seinen Rundgang fort, der ihn schließlich ins Hafenviertel führte. Vielleicht würde er eine kurze Rast in der Taverne einlegen. Der Wirt war bestimmt noch wach, um ihm einen Trunk zu spendieren. Doch da! Erneut ein Schatten! Ein weiterer Fremder, hoch von Gestalt, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen. Noch ein Magier? Und was hielt er da in der Hand? Es war rund und schimmerte golden. Was mochte das nur sein? Doch das, geneigter Zuhörer, ist eine andere Geschichte.
 
 
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