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Gruppe 21: Von Narren und Königinnen

von MDU-Story
GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
08.07.2015
09.07.2015
10
6.203
2
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08.07.2015 840
 
Kapitel 2 - grekre (Benutzer existiert nicht mehr)


Fábio stand vor dem Baumarkt, in dem er arbeitete. Es war noch immer klirrend kalt, doch heute schneite es nicht, was der junge Mann ein wenig schade fand. Sein Atem stand in einer bibbernden, weißen Wolke vor seinem Gesicht. Eine Hand hatte er tief in der Jackentasche seines Parkas vergraben, mit der anderen ließ er ein Zippo-Feuerzeug auf- und zuschnappen. Die Flamme flackerte eine Sekunde und verschwand. Flackerte und verschwand. Flackerte ... und verschwand. Seine unruhigen Finger bebten, als er einen Blick auf die Armbanduhr warf.
Halb vier. Fábio seufzte.
Da sein Totalschaden von Auto einmal mehr in der Werkstatt war, war er auf Leslies Hilfe angewiesen, da die Busse sehr ungünstig fuhren. Sie brachte ihn zur Arbeit und holte ihn wieder ab. Pünktlichkeit war nicht ihre Stärke.
Er schloss die Augen und atmete langsam aus.
In seiner Nase hing ein zitroniger Geruch, der niemals ganz verschwinden würde und seine Mundwinkel zu einem Lächeln zucken ließ. Er dachte an seine Großmutter. Die beste Großmutter der Welt. Er erinnerte sich an jede Falte in ihrem gütigen, alten Gesicht, an jede silbergraue Strähne ihres Haares, an den knallroten Lippenstift, der stets einen Kussmund auf seiner Wange oder seiner Stirn hinterlassen hatte, wenn sie ihn ins Bett gebracht hatte. Leslies Muffins waren lange nicht so gut wie die der alten Dame. Aber sie waren gut. Und sie genügten.
Nervös von einem Fuß auf den anderen tretend blickte er sich nun um. Der Parkplatz war vollgestopft, Fábio hörte Menschen rufen, Autos Hupen, er hörte sogar ein Baby weinen. Ein Baby. Wenn Dr. Garson mit den Bindungsängsten richtig lag, dann würde er wohl niemals eine Familie gründen.
Wahrscheinlich besser so.
Denn wenn schon der Schmerz von Eltern und Großeltern so allumfassend, so erschlagend, so beinahe tödlich war, wie musste es dann sein, ein Kind zu verlieren?
Wo bleibst du, Leslie?
Eltern, die ihre Kinder verloren, verloren die Zukunft. Kinder, die ihre Eltern verloren, verloren die Vergangenheit. Unwiederbringlich.
Fábio begann, wieder mit dem Feuerzeug zu spielen. Er hielt sich das zitternde Orange-Rot vor die Nase, spürte die vorsichtige Hitze.
Wie es wohl wäre, allen Schmerz an die Flamme zu verfüttern ...
Er sollte mit Dr. Garson über diese Gedanken sprechen. Doch der Mann wusste bereits so viel aus seinem Leben, viel zu viel. Nur diesen einen wollte er für sich behalten.
Dr. Garson. Ein Mann, dessen Alter man so schlecht schätzen konnte. Fábio hatte erst vor kurzem herausgefunden, dass er 55 war. Um den Mund und die Augen des Psychologen zeichneten sich feine Falten, vielleicht vom Lachen, vielleicht vom Alter. Das schwarze Haar war von einigen grauen Strähnen durchzogen. Garson war ein kleiner Mann mit schmalen Schultern, dessen Gesicht oft so viel verriet wie ein weißes Blatt Papier.
"Was denken Sie denn, Fábio?", hörte der Zwanzigjährige ihn fragen. Wie ihn diese Frage nervte. Ein leises Knurren ausstoßend sah er wieder auf seine Uhr.
Dreiviertel vier.
Verflucht, er hatte um vier einen Termin mit Garson! Und wenn er zu spät kam, wer wusste, auf was der Alterslose es dann wieder zurückführen könnte.
Wo bleibst du, Leslie?
Auf sie war einfach kein Verlass. Genauso wenig wie auf ihn.
"Fá-bi-ooo!", drang eine Stimme durch den Nebel seiner Gedanken. "Haaaallo! Erde an Fábio!"
Er blinzelte verwirrt. Vor ihm hatte ein kleines, silbernes Auto geparkt. Es war nicht besonders sauber, doch es passte zu Leslie. Diese beugte sich zur Beifahrerseite, das Fenster hatte sie heruntergekurbelt.
Ihre braunen Locken hingen ihr unsortiert ins Gesicht, ihre dunklen Augen blitzten, weil er sie endlich bemerkte. Ein Mädchen mit Vergangenheit. Nein, man sah es ihr wirklich nicht an.
"Wo warst du?", fragte er patzig. Eigentlich viel zu unfreundlich, so sollte er nicht zu ihr sein. Immerhin half sie ihm aus und sie war wohl der einzige Mensch auf dieser Welt, den man als seinen Freund bezeichnen konnte. Und sie half ihm, Schritt für Schritt in das Leben zurückzufinden, dem er abgeschworen hatte. Mehr als Dr. Garson.
"Ich hab dich vergessen." Wieso log sie eigentlich nie? "Steigst du jetzt ein oder willst du da draußen festfrieren?"
"Ich komme ja", seufzte er. Unter seinen Stiefeln knirschte leise der wenige Schnee, den die Sonne dem Asphalt gelassen hatte, als er zum Auto ging und die Tür aufzog. Er plumpste auf den Beifahrersitz.
"Ich hab das Feuerzeug gesehen", sagte Leslie. "Rauchst du?"
"Nee." Fábio schüttelte den Kopf.
"Wortkarg heute?"
"Bisschen."
"Na schön. Wo musst du noch mal hin?" Leslie und ihr Gedächtnis wie ein Sieb.
"Zu Garson", murmelte er.
"Okay." Sie legte den Gang ein, als er die Tür zukrachen ließ. Aus dem Augenwinkel linste er zu ihr hinüber. Sie war hübsch, unbestreitbar. Er wüsste nicht, was er tun sollte, würde er auch sie verlieren. Wahrscheinlich noch einmal öfter in der Woche zum Psycho-Doc rennen.
Sie roch nach Blumen, selbst im Winter.
Er durfte sich nicht verlieren.
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