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Gruppe 21: Von Narren und Königinnen

von MDU-Story
GeschichteDrama, Freundschaft / P12
08.07.2015
09.07.2015
10
6.203
2
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08.07.2015 807
 
Hallo und herzlich Willkommen zur MDU-Story Nummer 21. Eine weitere Gruppe hat es geschafft und so gibt es nun schon 21 Geschichten, die durch dieses Projekt veröffentlicht wurden. Vielleicht können tatsächlich bald schon neue Gruppen eröffnet werden ;)

In dieser Gruppe beteiligt waren folgende Autoren:


Gruppe 21 (bis P16 [Slash])
Gruppenleitung:
Calaijah

01. Calaijah
02. grekre
03. AuctrixMundi
04. Nachtwanderin
05. baronesse
06. Wegweiser
07. LittleStory
08. Glitzermatsch
09. AnimeLoveForever21
10. Jobetama

Ich hoffe, ihr hattet alle viel Spaß beim Schreiben und habt diesen nun auch beim Lesen :D Hier haben wir in jedem Fall mal wieder eine Geschichte, die mehr als nur ihre eigenen Regeln geschrieben hat :)

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Kapitel 1 - Calaijah


Fábio war fünf gewesen, als seine heile Kinderwelt zum ersten Mal aus den Fugen gerissen wurde, und sieben, als sein altes Leben sich endgültig in Luft aufgelöst hatte. Beide Male war es aus dem Nichts gekommen. Beide Male hatte niemand etwas tun können. Weil niemand dabei gewesen war.
Weil niemand verstanden hatte.
Er am allerwenigsten.

Er erinnerte sich nur allzu gut an die beiden Tage, die sein Leben von Grund auf verändert hatten; sie schwebten durch seine Gedanken und beherrschten seine Träume, überwucherten alles, was davor geschehen war, und das Meiste, was danach noch gekommen war.
Weil alles seine Bedeutung verloren hatte.

Er hatte den ganzen Morgen, wie so oft, damit verbracht, die Seiten eines Notizblocks abzureißen und in den Abfalleimer zu werfen, einfach nur, damit seine Finger etwas zu tun hatten. Er beobachtete fasziniert, wie die weißen Blätter sich auftürmten. Wie in einem kleinen Schneesturm.
Als der Abfalleimer halb voll war, nahm er den Beutel heraus, um ihn nach draußen zu bringen. Es hatte angefangen zu schneien; der erste Schnee des Jahres. Fasziniert ließ er den Müllbeutel fallen, ohne zu registrieren, dass es kalt war und er ohne Jacke fror. Stattdessen streckte er die Hand aus. Als eine Schneeflocke auf seiner Hand landete, hielt er diese dicht vor das Gesicht, um sie zu betrachten, aber er kam nicht mehr dazu, weil der Schnee bereits geschmolzen war.

„Hey, Fábio!“
Leslie, die junge Frau, die vor kurzem nebenan eingezogen war, hatte den Kopf aus dem Fenster gesteckt und winkte zu ihm runter.
„Ich hab Zitronenmuffins gebacken. Kommst du vorbei?“
Fábio grinste und reckte den Daumen hoch, griff dann nach dem Müllbeutel und brachte ihn zu den großen Containern. Zitronenmuffins waren, so dämlich das auch klang, ihre gemeinsame Basis. Fábios Großmutter hatte sie immer gebacken, ebenso wie Leslies Mutter, wenn sie gerade einen guten Tag hatte. Sie hatten beide ihre Schwierigkeiten mit dem Leben gehabt, aber seit er Leslies Geschichte kannte, fühlte Fábio sich ziemlich schlecht, wenn er sein Leben als verkorkst betrachtete. Seine Eltern waren früh gestorben, zwei Jahre später hatte er seine Großeltern verloren und war fortan in einem Heim aufgewachsen, aber immerhin hatte er etwas wie ein geregeltes Umfeld gehabt. Im Gegensatz zu Leslie. Sie war als Einzelkind mit gewalttätigem Vater und alkoholkranker Mutter bald auf die schiefe Bahn geraten und in einem Programm für Problemkinder gelandet. Ihr Glück, wie sie behauptete. Sie hatten ihr einen Ausbildungsplatz und diese Wohnung hier besorgt, und Leslie hatte im letzten Moment begriffen, dass das ihre letzte Chance war. Wenn Fábio sie jetzt so sah, meist strahlend, lange braune Locken und mit einem zauberhaften Glanz in den Augen, konnte er sich kaum vorstellen, was sie hinter sich hatte.
Leslie selbst behauptete immer, sie hätte seit Jahren mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen, ihre Eltern lebten Meilen entfernt – wenn sie denn noch lebten, Leslie wusste es nicht, hatte jahrelang nichts von ihnen gehört - aber Fábio wusste aus eigener Erfahrung mehr als gut, dass man seine Vergangenheit nicht hinter sich lassen konnte. Er hatte es versucht, hatte versucht, sich nach dem Waisenhaus etwas aufzubauen, und seit ein paar Jahren hockte er jetzt hier, arbeitete in Vollzeit in einem Baumarkt, hatte sogar Aufstiegschancen, aber wirklich gut ging es ihm dennoch selten.

Sein Psychologe – die Heimleitung hatte ihn besorgt, und aus irgendeinem Grund schien Dr. Garson der Meinung zu sein, ihre Sitzungen immer noch weiterführen zu müssen, obwohl Fábio vor kurzem zwanzig geworden war – war der Meinung, er hätte Bindungsängste und würde niemanden mehr an sich heranlassen, weil er Angst hatte, noch mehr wichtige Personen zu verlieren. Vermutlich stimmte es sogar, Fábio wollte niemanden mehr verlieren, aber er wollte auch nicht auf ewig allein in seiner Wohnung hocken. Nicht bewusst, zumindest.

Dr. Garson lächelte, wenn Fábio von Leslie erzählte. Er meinte, es wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Fábio konnte das nicht beurteilen. Was er aber wusste, war, dass er viel zu lange daran gearbeitet hatte, eine Mauer um seine Gefühle zu errichten, als dass er einfach so zulassen würde, dass sie jemand durchbrach. Ein bisschen Gesellschaft und Zitronenmuffins (anfangs waren es vor allem die Zitronenmuffins gewesen) reichten ihm. Fürs Erste hatte er damit genug unsichere Meter auf dem Drahtseil zurückgelegt.
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