Die Heilerin

von shada
GeschichteAllgemein / P12
Allan A Dale Robin Sir Guy of Gisborne Vaisey der Sheriff of Nottingham
08.07.2015
27.12.2015
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1. Kapitel

Als die Sonne an ihrem höchsten Punkt stand und unbarmherzig auf alles niederbrannte, was ihren Strahlen ausgesetzt war, wurde Rosemarie of Langley in das Zelt des englischen Königs gerufen. Die junge Frau sammelte hastig ein paar Dinge zusammen, von denen sie meinte, dass sie sie vielleicht brauchen könnte und stopfte sie in ihre braune Ledertasche. Auf einer Truhe am Zelteingang lag ein großes helles Stofftuch, welches sie ergriff. Mit geübten Bewegungen schlang sie es sich über Kopf und Schultern und band es im Nacken zusammen. Kopf und Arme waren nun bedeckt. Eilig verließ sie danach die schützende Unterkunft und musste erst einmal kurz innehalten, weil die plötzliche Gluthitze sie fast erdrückte. Rosemarie seufzte und machte sich dann auf den Weg zum Zelt des Königs. Nur flüchtig streiften ihre Blicke die Umgebung. Es waren kaum Bewohner zu sehen, obwohl hier in Acre der Großteil des englischen Heeres lagerte. Die Mittagssonne schien das Leben im Lager  zum Erliegen zu bringen. Doch je näher Rosemarie dem Zelt von King Richard kam, desto offensichtlicher wurde es, dass sie mit ihrer Vermutung falsch lag. Eine große Menge Menschen, Ritter und auch deren Bedienstete hatten sich auf dem Platz vor dem Zelt des Königs versammelt. Als die junge Frau eintraf, wurde sie bereits erwartet und sofort zu King Richard geführt. Auf ihrem Weg durch die Menge wurde sie vereinzelt erkannt und begrüßt. Dankbare Hände streiften ihre Arme, wohlwollende Blicke folgten ihr. Rosemarie lächelte, es war gut zu wissen, dass ihre Arbeit geschätzt wurde.

Vor dem behelfsmäßigen Thron des Königs angekommen, sank Rosemarie in einen tiefen Knicks, doch King Richard schien die Ehrenbezeugung an diesem Tag gar nicht wahrzunehmen. Ungeduldig winkte er die junge Frau näher zu sich heran. „Es tut mir leid, meine Liebe, aber heute geht es nicht darum, Kranken oder Verletzten zu helfen. Heute muss ich dich darum bitten, den Tod zu bezeugen.“ Rosemarie war so überrascht, dass sie ihre Zurückhaltung vergaß und den König offen anstarrte. „Wieso…“, begann sie, doch King Richard ließ sie nicht ausreden: „Ein Bote kam vor kurzem an. Er brachte Nachrichten von Robin of Locksley. Mein Freund Locksley hat mit seinen Männern das Lager der Schwarzen Ritter entdeckt und die Verräter dort überwältigen können. Sie müssten in kürzester Zeit hier im Lager eintreffen. Wir werden kurzen Prozess mit ihnen machen und sie sofort an Ort und Stelle aburteilen. Wir befinden uns im Krieg, es gilt also das Kriegsrecht. Weder Platz noch die nötigen Lebensmittel sind vorhanden, um sie gefangen zu halten und ihnen erst in England den Prozess zu machen. Außerdem möchte ich verhindern, dass die Männer doch noch eine Möglichkeit zur Flucht aufspüren oder sonst einen Weg finden, ihrer gerechten Strafe zu entgehen. Wenn die Urteile dann vollstreckt sind, brauche ich dich.“ Auf einen Wink des Königs hin wurde Rosemarie zu einem Platz am Rand des Versammlungsortes begleitet. Sie konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. So hatte sie sich ihre Arbeit nicht vorgestellt.

King Richard wandte sich inzwischen wieder anderen wichtigen Dingen zu. Erst als endlich alle nötigen Anordnungen getroffen waren, kehrte der Blick des Königs zu der jungen Frau zurück, ohne dass diese etwas davon merkte. Rosemarie schien sich der Tatsache nicht bewusst zu sein, aber sie war eine ausgesprochene Schönheit. Lange lockige Haare in einem warmen Braunton umrahmten ein schmal geschnittenes Gesicht mit regelmäßigen Zügen. Eine schmale Nase und die sanft geschwungenen Lippen gaben dem Gesicht etwas Edles. Die Augen waren von einem dunklen Braun, das bei richtigem Lichteinfall wie mit Gold besprenkelt wirkte. Ihr Teint zeigte nicht den typischen blassen Ton der Engländerinnen, wie er gerade in Mode war. Da sie sich oft im Freien aufhalten musste, hatte ihre Haut einen sanften Goldton angenommen. Die Sommersprossen, die ihre Wangen zierten, taten ihrer Schönheit keinen Abbruch, im Gegenteil. Wie alt Rosemarie war, wusste der König nicht, es interessierte ihn auch nicht. Ihr Vater, sein fähigster Heiler hier im Heiligen Land, war vor einiger Zeit gestorben, sie hatte keine weiteren Verwandten, war daher mehr oder weniger schutzlos. Man könnte also …. King Richard seufzte, die junge Frau gefiel ihm und hier im Lager gab es nicht allzu viele Möglichkeiten zur Abwechslung. Andererseits brauchte er sie leider als Heilerin. Wie schon ihr Vater war sie zur Zeit die fähigste ihrer Zunft. Im Moment konnten sie nicht auf sie verzichten, gerade jetzt wo entscheidende Schlachten ihre Schatten vorauswarfen. Und die Mätresse des Königs konnte schlecht als Heilerin arbeiten. Wieder seufzte er, er würde seine Wünsche zumindest für den Augenblick zurückstellen müssen. Aber er würde die junge Frau im Blick behalten.

Während Rosemarie mit allen Anderen auf die Ankunft von Robin und seinem Trupp wartete, schweiften ihre Gedanken ab. Sie sah plötzlich wieder ihren Vater vor sich, wie er sich auf seinem Krankenlager vor Schmerzen herumwälzte. Er hätte heute an diesem Platz stehen sollen. Ein Leben lang hatte er so vielen Menschen geholfen, sich selbst aber konnte er nicht retten. Solange sie denken konnte, war sie immer mit ihrem Vater unterwegs gewesen, ein Heiler musste in diesen Zeiten überall seine Arbeit suchen. In den Dörfern in England waren sie oftmals argwöhnisch beäugt worden. Was sie nicht verstanden, war für die einfachen Leute immer schon verdächtig gewesen. Schließlich gelangten Vater und Tochter mit dem Heer der Kreuzritter in das Heilige Land. Im Krieg wurden Heiler immer gesucht und waren dadurch oft geachtete Leute. Seit frühester Kindheit hatte Rosemarie ihren Vater begleitet und war ihm bei seiner Arbeit zur Hand gegangen. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben und Verwandte hatten sie nicht, so dass ihrem Vater nichts anderes übrig geblieben war, als seine Tochter mitzunehmen. Im Alter von 14 Jahren war Rosemarie bereits eine erfahrene Heilerin gewesen. In Fragen, die Kräuter betrafen, wurde sie inzwischen sogar von ihrem Vater um Rat gefragt. In der Regel hatte sie sich allerdings immer im Hintergrund gehalten, weil Frauen mit derartigen Kenntnissen und Fähigkeiten meistens nicht gern gesehen und manchmal sogar als Hexe verfolgt wurden. Außerdem hatte ihr Vater auch aus einem anderen Grund Angst um sie gehabt. Unter so vielen Männern, noch dazu in einer solchen Extremsituation, immer in der Nähe des Todes und dann noch ausgehungert nach weiblicher Nähe, war die Ehre einer Frau niemals sicher.

Rosemarie war 17 Jahre alt gewesen, als ihr Vater starb. Sie hatte damals nicht gewusst, wie es für sie weiter gehen sollte. Ihr war klar gewesen, dass sie hier bei den Kriegern nicht als Heilerin würde arbeiten dürfen. Sie konnte froh sein, wenn man sie nicht einfach davon jagte. Doch ein Zufall hatte ihr geholfen, auch wenn der Anlass eigentlich ein trauriger gewesen war. Bei einem Anschlag auf das Leben des Königs vor mehr als 4 Jahren, welcher durch die Schwarzen Ritter verübt worden war, war Robin of Locksley von einem der Angreifer schwer verletzt worden. Sie war durch Zufall gerade in der Nähe gewesen und konnte den jungen Mann mit ihrem Wissen um die Heilkunst retten. Gegen den Willen der Barbiere im Lager, die die Arbeit des Heilers nach dem Tod ihres Vaters übernommen hatten und die Robin bereits abgeschrieben hatten, hatte Rosemarie all ihre Fähigkeiten in die Waagschale geworfen, um Robin am Leben zu halten und hatte Erfolg damit gehabt. Robin, der zugestimmt hatte, dass sie es versuchte, war seit diesem Tag einer ihrer besten Freunde und ihr Beschützer. Er hatte ihr versprochen, sich eines Tages bei ihr zu revanchieren. Nachdem sie Robin das Leben gerettet hatte, war das Eis gebrochen gewesen. Keine Rede war mehr davon gewesen, dass sie das Kreuzzugsheer verlassen sollte. Vielen Rittern hatte sie seitdem geholfen. Als Heilerin war sie geachtet und beliebt, außer vielleicht bei den Barbieren, die verständlicherweise nicht sehr erfreut über ihren Erfolg waren.

Vor einigen Wochen dann hatte sie auch die Achtung des Königs selbst errungen. Zufälligerweise war es ein erneuter Anschlag der Schwarzen Ritter auf das Leben des Königs gewesen, bei dem sie ihre Fähigkeiten beweisen konnte. Noch während der Attentäter, der später fliehen konnte, sich auf dem Platz befunden hatte, war sie unter Lebensgefahr zu dem am Boden liegenden König geeilt. Sie fand eine zwar ernste, aber nicht lebensbedrohliche Verletzung, die bei fachgemäßer Behandlung gute Heilungschancen hatte. Allerdings war King Richard für den Augenblick kampfunfähig und hilflos gewesen, so dass sie sich bemüht hatte, ihn mit ihrem Körper zu schützen und gleichzeitig die Wunde zu versorgen. King Richard schien seit diesem Tag in dem Glauben zu leben, dass sie sein Leben gerettet hatte und war ihr zutiefst dankbar dafür. Die versprochene Belohnung, die sie sich überlegen durfte, war durch die aktuellen Ereignisse jedoch in den Hintergrund gerückt. Unabhängig davon hätte Rosemarie gar nicht gewusst, was sie sich wünschen sollte. Im Augenblick war sie mit ihrem Leben mehr oder weniger zufrieden.

Erst später hatte Rosemarie erfahren, dass der bewusste Tag in Acre doch ein Opfer gefordert hatte. Marian, Robins Verlobte hatte bei dem Versuch, den König vor dem Attentäter zu retten, ihr Leben verloren. Noch nie vorher hatte die junge Frau ihren ansonsten immer optimistischen Freund so erlebt. Von Rachegedanken zerfressen hatte er Richard gebeten, die Schwarzen Ritter verfolgen zu dürfen, was ihm auch gestattet wurde. Rosemarie hoffte, dass er sich etwas gefangen hatte, wenn er jetzt wieder im Lager eintraf. Vielleicht hatte ihm die Suche nach dem Mörder seiner über alles geliebten Marian und die Tatsache, dass er dabei Erfolg gehabt hatte, geholfen, seine Trauer zu verarbeiten, Rosemarie hatte jede Nacht für ihren Freund gebetet.

Rosemarie wurde aus ihren Gedanken aufgeschreckt, als Bewegung in die Massen kam. Sie reckte sich und erhaschte auf den Zehenspitzen stehend einen Blick auf die zurückkehrenden Männer. Das Lächeln erstarb auf ihren Lippen, als sie Robin an der Spitze des Zuges erspähte. Offensichtlich ging es ihm nicht besser. Zorn und ein unbändiger Hunger nach Rache waren ihm ins Gesicht geschrieben. Traurig wendete Rosemarie ihren Blick ab und ließ ihn schweifen. Hinter den Reitern folgten etwa 20 bis 25 Männer zu Fuß, in zerlumpten Gewändern, Stricke waren um Hals und Handgelenke gebunden. Die Seile hatte man an den Satteln der Pferde befestigt. Rosemarie erkannte, dass wahrscheinlich nicht viel Rücksicht genommen worden war. Zahlreiche Verletzungen zeugten davon, dass einige der Männer zeitweilig von den Füßen gerissen und mitgeschleift worden waren. Auch wenn das junge Mädchen wusste, dass es sich um gefährliche Verbrecher handelte, konnte sie jedoch ein gewisses Mitleid nicht verhehlen.

Der Zug war vor dem König zum Stehen gekommen. Robin und seine Männer stiegen ab, jeder hielt ein oder mehrere Seile in der Hand. Nachdem Knechte die Pferde weggeführt hatten, sank Robin auf sein Knie, seine Männer taten es ihm nach. Die Gefangenen wurden ohne weitere Umstände dazu gezwungen, ebenfalls ihr Knie zu beugen. King Richard trat auf Robin zu und hob den von ihm sehr geschätzten Ritter eigenhändig auf. Das war auch das Zeichen für alle anderen, sich nacheinander zu erheben. Robin wurde vom König umarmt und begrüßt. Mit Robin an seiner Seite sprach King Richard dann zu den Anwesenden. Deutlich konnte Rosemarie die kalte Wut aus seinen Worten hören.

Sie wusste, dass es ungehörig war, aber während der Rede des Königs ließ Rosemarie dennoch ihre Blicke über die Männer schweifen. Diese versuchten es zumeist zu verbergen, aber für sie als Heilerin, die es gewohnt war, in den Gesichtern ihrer Patienten zu lesen, war die Angst deutlich zu sehen. Keinem Mann, jung oder alt, würde es leicht fallen zu sterben, und das würden sie sehr wahrscheinlich, wenn Rosemarie den Ton in Richards Stimme richtig deutete. Auch die Gefangenen schienen dergleichen zu ahnen. An einem Gesicht blieben Rosemaries Augen schließlich hängen: Ein großer schlanker Mann mit scharfen Gesichtszügen, schwarze Haare und schwarze Kleidung, alles in allem eine düstere Erscheinung. Doch was Rosemarie wirklich ängstigte, waren seine Augen, tote Augen, Augen ohne jede Empfindung, vollkommen leer. Dieser Mann schien der einzige zu sein, der keine Angst hatte. Im Gegenteil, um seine Lippen geisterte eher ein abwesendes Lächeln. Rosemarie schauderte, sie meinte den Ritter zu kennen. Robin hatte oft über seinen ärgsten Feind gesprochen. Er hasste Guy of Gisborne noch mehr als Vaisey, den Sheriff von Nottingham, der sich allerdings offensichtlich nicht unter den Gefangenen befand. Guy of Gisborne, der Mörder von Robins geliebter Marian.

Inzwischen ertönten laute Rufe und zustimmendes rhythmisches Stampfen, King Richard hatte seine Ansprache beendet. Ein Herold rief nun einzeln die Gefangenen nach vorn. Es gab keine Verhandlung, die Urteile wurden sofort vom König verkündet. Es gab keine Gnade, Rosemarie hatte es schon geahnt. Fast immer hieß es für den Verurteilten: Tod. Tod durch Erhängen, Köpfen, Ausweiden, für Rosemarie machte es den Eindruck, King Richard würde willkürlich Urteile aussprechen. Sie war entsetzt. Nur ein einziges Mal bestrafte er den Gefangenen nur mit Peitschenhieben. Davor hatte einer seiner wichtigsten Ratgeber King Richard etwas ins Ohr geflüstert. Waren die Verwandten dieses Mannes etwa reich oder zu einflussreich? Rosemarie hatte immer viel von King Richard gehalten, sie war überzeugt davon, dass er ein gerechter Herrscher war und seinem Volk gut tat. Heute wurde sie von ihm enttäuscht. Mit einem Mal erinnerte sich die junge Frau wieder an die Gerüchte von dem Massaker, das heiß diskutiert worden war. Über 1000 sarazenische Männer und ganz vereinzelt auch Frauen hatten die Kreuzritter auf Befehl des Königs niedergemetzelt, gefangene und unbewaffnete Menschen, so wurde gemunkelt. Rosemarie hatte es damals nicht glauben wollen.

Die meisten Urteile wurden sofort vollstreckt, vor aller Augen, nur bei ein oder zwei Männern wurde die Vollstreckung noch aufgeschoben, die Gründe dafür wurden nicht bekannt gegeben. Die meisten der zum Tode Verurteilten versuchten, keine Regung zu zeigen. Sie waren harte Männer, die dem Tod schon oft begegnet waren. Trotzdem gelang es ihnen nicht immer, ihre Haltung bis zum Ende zu bewahren. Die Schreie eines Mannes, dem man bei lebendigem Leib die Gedärme heraus geschnitten und sie dann vor seinen Augen verbrannt hatte, würden wohl noch lange in ihren Ohren klingen. Auch das Bild von Männern, deren Gesicht blau angelaufen war und deren Bein trotzdem immer noch zuckten, während sie qualvoll erstickten, würde sie nicht so schnell vergessen können. Rosemarie bemühte sich, ihr Denken auszuschalten, wenn sie Puls und Herzschlag der Gerichteten überprüfte und dann dem König zunickte, die Henker waren gründliche und fähige Leute. Gerade war sie von einem Toten zurückgetreten, als der nächste Verurteilte vor den König geführt wurde. Rosemarie hob den Kopf, als sie die Stimme hörte. Der Gefangene konnte höchstens 16 oder 17 Jahre alt sein. Doch auch bei ihm kannte Richard keine Gnade. Tod durch das Beil, es würde schnell gehen, das sollte wohl das einzige Zugeständnis an die Jugend des Verurteilten sein. Als der Junge sein Urteil vernahm, fing er an zu bitten und zu flehen. Auf den Gesichtern der noch lebenden Schwarzen Ritter war Verachtung zu erkennen. Nur auf dem Gesicht von Gisborne, war ein Anflug von Mitleid zu sehen, es war die erste Gefühlsregung, die dieser Mann zeigte. Rosemarie war überrascht. Alles Bitten und selbst der Einwand eines Mannes in der Nähe des Königs halfen jedoch nicht. King Richard ordnete nur lediglich an, dass das Urteil unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu vollstrecken sei.  Der Junge wurde unter heftiger Gegenwehr fortschleift. Seine verzweifelten Schreie klangen noch eine ganze Weile nach, bis sie dann abrupt verstummten. Rosemarie bekreuzigte sich.

Nur ein einziger Gefangener stand noch aufrecht vor dem König. Ohne Regung, außer bei dem jungen Mann, aber das hatte vermutlich niemand sonst bemerkt, hatte er die Vollstreckung der Urteile verfolgt, hatte beobachtet, wie einer nach dem anderen jeder seiner Mitverschwörer starb. Schließlich wurde auch er vor den König gezerrt. Robin flüsterte King Richard einige Worte zu und dieser nickte zustimmend. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, wurde auch Guy of Gisborne zum Tode verurteilt. Vierteilen, das war seine Strafe für die begangenen Verbrechen, dieses grausame Urteil war an diesem unseligen Tag noch nicht verkündet worden. Und wieder sah Rosemarie ein verstecktes Lächeln um die Lippen des Mannes geistern, als Gisborne sein Urteil vernahm. In seinem Fall allerdings war es mit der Bekanntgabe des Urteisl noch nicht getan. King Richard sprach weiter, er verkündete, dass Gisbornes Urteil erst in einigen Wochen vollstreckt werden würde. Davor sollte er noch durch die Folter bestraft und geläutert werden, bis er sich den Tod herbeisehnen würde (King Richard hatte offensichtlich nicht bemerkt, was sie gesehen hatte). Was Rosemarie in diesem Moment auf dem Gesicht Gisbornes erblickte, verblüffte sie. Es war keine Angst, sondern eher Enttäuschung. Enttäuschung darüber, dass er nicht sofort hingerichtet werden würde, dass er noch weiter leben musste, wenn auch nicht lange. Rosemarie konnte es nicht verstehen, wie konnte man sich auf diese Art und Weise nach dem Tod sehnen. Es passte auch nicht ganz zu den Geschichten, die Robin von Gisborne erzählt hatte. Sie musste nur an die Schilderung des Mordes an Marian denken, kaltblütiger Mord, so hatte es Robin beschrieben.

Rosemarie hätte es fast überhört, als der König sich ihr wieder zuwandte. Sie nickte bestätigend. In den nächsten Wochen war sie neben ihren normalen Pflichten auch dafür verantwortlich, dass der Verurteilte nicht unter der Folter starb. Das bedeutete, sie würde anwesend sein müssen, wenn man den folterte. Unbehaglich sah Rosemarie zu Gisborne hin, der wieder seinen unbewegten Gesichtsausdruck zeigte. In Rosemarie aber begann sich Grauen festzusetzen, sie hasste Hinrichtungen und Folter. Sie war Heilerin, wollte Leben retten, nicht es beenden oder quälen. Und jetzt würde sie über mehrere Wochen hinweg einer solchen Bestrafung beiwohnen müssen. Natürlich hatte sie keine Wahl, gegen den Befehl von King Richard gab es keine Einwände. Vielleicht könnte Robin ihr helfen, sie sah zu ihrem Freund hin. Doch als sie die Genugtuung über das Gehörte in dessen Augen sah, ahnte sie, dass er ihr in diesem Fall nicht beistehen würde. Sie seufzte, sie würde sich damit abfinden müssen.