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KurzgeschichteAllgemein / P12
07.07.2015
07.07.2015
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A/N: Schon etwas älterer Text, ich dachte mir, ich lad ihn einfach mal hoch.
Handlung gleich null. Man sollte einigermaßen über Bukow und König Bescheid wissen, um was davon zu haben (wenn überhaupt :D)

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Eigentlich sollte er verdammt noch mal die Finger davon lassen! Er hatte in dieser Akte nichts zu suchen, deswegen war er nicht hergekommen. Und doch war ihm klar gewesen, dass er diese Seiten, auf denen sein Schicksal besiegelt war, hier finden würde, in dieser Wohnung. In ihrer Wohnung…  Er hatte ihre Versichertenkarte holen wollen, die hatte er jetzt. Er sollte einfach gehen, was zum Teufel tat er noch hier? Er machte die Sache nur schlimmer, folterte er sich selbst doch schon mit der Vorstellung, verantwortlich für das zu sein, was ihr zugestoßen war, schuldig… Und jetzt nutzte er diese Situation auch noch schamlos aus…okay, wohl alles andere als schamlos, aber trotzdem! Doch dieser Hefter zog ihn unweigerlich an, wie er da so auf dem Schreibtisch lag. Als hätte irgendjemand gewusst, dass es so kommen würde, dass  er hier stehen würde, und hätte ihn extra dort platziert, zuoberst. Er konnte nicht anders, musste einfach wissen, woran er war, bei ihr und bei allem. Es zerfraß ihn, dass sie, was seine Zukunft betraf, so viel in der Hand hatte, und weil dieser Gedanke unerträglich und befremdlich war, versuchte er oft, ihn zu verdrängen. Eigentlich sollte er sie hassen, verwünschen, ihr aus dem Weg gehen. Konnte er aber nicht. Da war immer dieses andere Gefühl, das viel stärker war, auch wenn so oft die Fetzen flogen zwischen ihnen.
Jetzt hatte er die Gelegenheit, den Spuk zu beenden, sich endgültig Klarheit zu verschaffen.  Er hatte einfach nicht die Kraft, dieser Versuchung zu widerstehen. Schließlich hatte er ja irgendwie das Recht, über das Bescheid zu wissen, was auf ihn zukommen würde, obwohl er wusste, dass das eigentlich kein Argument war. Er ging vom Schlimmsten aus, seit er sie offen darauf angesprochen hatte. Aber ihre Antwort hatte ein letztes bisschen Hoffnung zurückbleiben lassen. Angespannt schlug er die erste Seite auf, einige formale Angaben. Es folgten Vernehmungsprotokolle und Berichte. Er hatte die ganze Zeit das absurde Gefühl, in dieser Akte gehe es um einen völlig Fremden. Außerdem kam es ihm vor, als würde er beobachtet, was natürlich nicht sein konnte, aber sein schlechtes Gewissen redete es ihm erfolgreich ein. Er verdrängte dieses Hirngespinst und arbeitete sich bis zur abschließenden Beurteilung vor. Er fühlte sich auf einmal zeitlos und nahm nichts mehr um ihn herum wahr. Es gab nur noch ihn und diesen Text, und irgendwo in seinen Gedanken, wenn auch weit weg, war sie, die ihn geschrieben hatte.
Was er dort las, erschien ihm seltsam unwirklich: Sie gab an, keine belastenden Beweise gefunden zu haben. Mechanisch legte er die Akte zurück und schloss für einen Moment die Augen, als eine Welle der Erleichterung ihn überwältigte. Irgendwo tief drinnen hatte er immer gehofft- nein, geahnt-, dass sie in Ordnung war. Das, was er für sie empfand, hätte sich aber auch dann kaum geändert, wenn sie ihn ausgeliefert hätte, das wusste er. Er hätte ihr wahrscheinlich einiges an den Kopf geworfen, zumindest gedanklich, denn sie durfte ja nicht erfahren, was er wusste. Aber er hätte nichts davon wirklich so gemeint. Er war reichlich verwirrt, stand irgendwie neben sich und war gleichzeitig erleichtert, nicht mehr jeden Tag mit einem Rausschmiss rechnen zu müssen. Außerdem wurde ihm bewusst, dass diese Sache seither doch immer zwischen ihnen gestanden hatte, wie eine gläserne Wand. Auch das war jetzt vorbei.

Während er ihre Wohnung verließ, versuchte er, seine Gedanken zu ordnen und die Gefühle niederzukämpfen, die ihn zu überwältigen drohten. Die Erinnerung an die letzten Minuten kam ihm noch immer unwirklich vor. Die Information, dass es vorbei war, schien in irgendeiner Warteschleife festzuhängen und nicht in sein Bewusstsein vordringen zu können. Und trotzdem hallte sie in seinem Kopf wider wie ein fernes Echo. Er versuchte, es wegzuschieben. Er musste bei klarem Verstand bleiben, durfte nicht die Kontrolle verlieren, bis das hier zu Ende gebracht war. Er wusste jedoch selbst nicht, ob er diesem Anspruch gerecht werden konnte.

Entschlossen machte er sich auf den Weg, seine Mission fortzusetzen: Er musste denjenigen finden, der schuld daran war, dass sie dort lag, hilflos. Denjenigen, ohne den er diese Akte wahrscheinlich nie in die Finger gekriegt hätte…
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