Geliebter Feind

von -Demon-
GeschichteDrama, Romanze / P18
Inu-Yasha Sesshoumaru
07.07.2015
27.05.2018
12
51.113
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07.07.2015 4.061
 
GELIEBTER FEIND





Kapitel 1


Benommen tasteten meine Finger nach der Fernbedienung, als ich mit leerem Blick versuchte mich auf den flimmernden Kasten vor mir zu konzentrieren. Ohne zu wissen, ob ich überhaupt hören wollte, was die blasse Reporterin zu sagen hatte, trieb ich den Lautstärkepegel in die Höhe und ließ mich kraftlos in das weiche Stoffpolster zu meinem Rücken sinken. Selbst wenn ich wusste, dass es nie gute Nachrichten zu hören gab, klammerte ich mich doch an die Hoffnung, auch wenn sie noch so klein war, dass irgendwann ein Wunder geschehen würde. Ein Wunder, welches dieses grausame Spiel endlich beenden ließ.

„Vor wenigen Stunden hat es erneut einen Überfall von Dämonen gegeben. Sie zerstörten in Yokohama ein ganzes Viertel, brannten Häuser nieder, töteten unschuldige Kinder und noch immer gibt es unzählige Vermisste.“

Voller Entsetzen verfolgte ich das wenige Filmmaterial welches nun eingeblendet wurde und versuchte beim besten Willen mich zusammenzureißen. Hier in Tokio hatte es bisher kaum verdächtige Angriffe gegeben, aber allein die Tatsache, mich in der Hauptstadt Japans zu befinden, trieb mir die bodenlose Panik ins Gesicht. Wie lange würde es noch dauern bis die gewissenlosen Mörder hier ihr Unwesen trieben?

„Die Polizei weiß sich nicht zu helfen, die Täter hinterließen zwar ein einziges Blutbad, doch einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort konnten die Hüter des Gesetzes dennoch nicht finden.“

Die sonst so perfekte Reporterin, die sämtliche Gräueltaten überlieferte, ohne mit der Wimper zu zucken, zog ein bereits zerknittertes Taschentuch aus ihrer Jeanshose, um sich schweratmend über die Stirn zu wischen.

„Weitere Meldungen folgen“, flüsterte sie mühsam und zwang ein verklemmtes, hässliches Lächeln auf ihre Lippen. So elend wie ich mich nun fühlte, hätte ich der armen Frau im Fernsehen sicher Konkurrenz gemacht, während ich den Flachbildfernseher wieder ausschaltete. Meine Gedanken kreisten um die Ereignisse der letzten Wochen. Es erschien mir so unwirklich hier zu sitzen, während in Japan der reinste Krieg ausgebrochen war, gerade so, als wäre es in diesem Land noch nie anders gewesen. Nicht einmal zwei Monate war es her, seit die japanische Regierung der dämonischen Bevölkerung indirekt den Krieg erklärte, da sie nicht länger akzeptieren wollten, ihre großen Konzerne an die Dämonen zu verlieren, worüber diese nach und nach die Kontrolle übernommen hatten und somit auch die Finanzen.

Eine Änderung der Gesetzesvorlage, die nun Dämonen sämtliche Geschäfte zunichte machte, hatte eine Welle an Verärgerung ausgelöst, die nun ein Ausmaß annahm, welches nicht länger tragbar war. Auch wenn es sich mir widerstrebte es zuzugeben, musste ich ehrlich sagen, die Schuld nicht bei unseren jetzigen Feinden zu sehen. Die Schuld lastete auf uns, unserem Neid und unserem Stolz, der es nicht wahrhaben wollte, dass diese Wesen uns in vielen Dingen schlicht und ergreifend überlegen waren. Sie dafür büßen zu lassen, indem es untersagt wurde, leittragende Positionen einzunehmen mit dämonischen Kräften, war der falsche Weg. Wir unterstellten den Dämonen indirekte Manipulation und eine Unzahl an ihnen hatte deswegen ihren Job und ihre Existenzgrundlage verloren. Wie hatte man nur davon ausgehen können, dass diese Diskriminierung folgenlos blieb? Natürlich war die Bevölkerung in Japan überwiegend menschlich und nur ein kleiner Teil der Dämonen lebte hier öffentlich und integriert in unserer Gesellschaft, dennoch war dieser Teil nicht zu missachten. Sie waren eine Minderheit wie jede andere, die es wünschte respektiert zu werden. Ich verstand einfach nicht, was sich die Regierung dabei gedacht hatte, als dieses Gesetz eingeführt wurde und für mehr Ärger sorgte als alles andere.

„Hast du die Nachrichten gesehen?“, wurde ich unsanft aus meiner finsteren Erkenntnis gerissen und blickte geradewegs in die Augen meines Bruders, der wie aus dem Nichts plötzlich vor mir stand. Wie es schien beunruhigten die neuesten Ereignisse nicht nur mich, denn Keisuke stand dieselbe Panik wie mir ins Gesicht geschrieben, wenn auch nicht im selben Maße ausgeprägt.

„Ich frage mich wie das weitergehen soll“, murmelte ich tonlos, eher zu mir selbst als zu meinem Bruder der seufzend neben mir auf der Couch Platz nahm. Seine Hand wanderte ganz von selbst auf meinen Arm, nur um immer wieder besänftigend auf und ab zu streichen.

„Hab keine Angst Akira, wir sind hier in Sicherheit.“ Ich nahm es Keisuke nicht übel dass sich seine Worte nicht fest genug anhörten, um ihm wirklich Glauben zu schenken. Natürlich versuchte er mich nur zu beruhigen, mich abzulenken, damit ich nicht völlig durchdrehte... Aber es änderte die Situation nicht. Wir wussten beide in welcher Gefahr wir schwebten, obwohl unser Vater der Premierminister des Landes war und alles notwenige in die Wege leitete, um für unsere Sicherheit und die des Volkes zu sorgen. Aber auch er war mehr oder weniger schutzlos wenn es um die grenzenlose Macht ging, welche manche Dämonen besaßen. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken als ich mich an einen älteren Bericht zurück erinnerte, indem die unbändigen Fähigkeiten besonderer Dämonen aufgelistet wurden. Von Lichtpeitschen bis über besondere Auren, die so mächtig waren, dass allein die Präsenz ihrer Energie einen in die Knie zwang. Wie um alles in der Welt sollte man sich mit einer Pistole gegen eine unsichtbare Macht zur Wehr setzen? Meine Zähne klapperten ohne dass ich es bemerkte.

„Schwesterherz, solange wir Acht geben und nicht unüberlegt das Haus verlassen, wird uns nichts passieren.“ Keisuke hatte mich an den Schultern gepackt und rüttelte leicht, als wolle er mich dadurch aus meinen tiefen Gedanken wieder an die Oberfläche zerren. Schwer ausatmend nickte ich zaghaft.

„Was glaubst du ist mit den Vermissten passiert?“, änderte ich besorgt das Thema und versuchte zu begreifen, welche Strategie die Dämonen verfolgten. Seit vier Wochen überfielen sie in unterschiedlichen Städten Wohngebiete und immer häufiger verschwanden dabei etliche Personen, die unter den Leichen und Trümmern nie gefunden wurden.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht will ich auch gar nicht den Grund dafür erfahren“, antwortete Keisuke geistesabwesend und schien nun ebenfalls in Grübeleien zu versinken. Mein Bruder war intelligent, aber auch er konnte sich keinen Reim auf die Ereignisse machen. Seine Augen, welche denselben mysteriösen dunkelgrünen Ton besaßen der meinen, blickten angestrengt aus dem Panoramafenster zu unserer rechten. Kaum ein Mensch war auf der Straße zu sichten, obwohl heute Samstag war und obwohl sich zu unseren Füßen des gigantischen Hochhauses einer der Hauptstraßen der Innenstadt befand. Also waren wir nicht allein mit unseren Sorgen. Jeder hier fürchtete sich vor den Dämonen, selbst wenn sie noch gar nicht eingetroffen waren, schien hier jeder zu spüren, dass es unweigerlich dazu kommen würde.

„Manchmal wünschte ich Vater würde mehr mit uns darüber reden.“ Meine Stimme hatte einen eigenartigen, verletzlichen Klang angenommen. Auch wenn ich versuchte es zu überspielen, war die kühle Art unseres Vaters manchmal schmerzlicher als ich es zugeben wollte. Er weigerte sich in jeder Art mit uns über dieses Thema zu reden. In seinen Augen waren wir immer noch Kinder, die es seiner Ansicht nach nicht nachvollziehen konnten, was sich hier im Moment abspielte - zumindest war dies die einzige sinnvolle Erklärung die ich mir auf sein Verhalten hin zurechtgelegt hatte. Selbst mit Keisuke, der inzwischen fünfundzwanzig war, wechselte er kein einziges Wort. Sprachen ich oder mein Bruder ihn darauf an, funkelte er uns nur wütend entgegen.

„Er hat sicherlich genug Sorgen, Akira. Vielleicht will er uns auch einfach nur schützen indem er uns in Unwissen ruhen lässt.“

„Und das soll mich beruhigen? Ihn jeden Abend verstört durch die Haustüre gehen zu sehen, die Hände zitternd vor Angst? Sein blasses Gesicht ignorieren, als sei er seit Wochen krank und kurz vor einem Zusammenbruch?!“ Wütend zogen sich meine Augenbrauen zusammen, kalte Wut zerrte an meinem sonst freundlich gesinnten Wesen. Eigentlich mochte ich es nicht laut zu werden oder gar meinen eigenen Bruder anzuschreien, der wohl am wenigsten für das Verhalten unseres Vaters etwas konnte.

„Verdammt, natürlich nicht! Aber ich denke die Gespräche die er im Moment mit der Regierung führt sind alles andere als hoffnungsvoll. Verstehst du nicht wieso er sich so benimmt?“, wurde nun auch Keisuke aufbrausender und baute sich vor mir auf. Sein markantes Gesicht war angespannt. Offenbar gab er es auf alles gut reden zu wollen und unterhielt sich mit mir nicht länger als sei ich seine Schwester, sondern eher ein Richter, dem er klar und deutlich die Fakten auf den Tisch knallte.

„Weil er selbst mit Sicherheit befürwortet hat, dieses dämliche Gesetz gegen die Dämonen einzuleiten! Er schämt sich. Schlicht und ergreifend fühlt er sich schuldig, das Falsche getan zu haben. Vergiss nicht, dass er Teil der Regierung ist und einen hohen Einfluss ausübt!“

Nur langsam sickerten die Worte zu mir durch und mein Mund schloss sich augenblicklich, da ich nicht länger vorhatte ihm zu widersprechen. Also war nicht nur ich zu dem Fazit gekommen, dass die Schuld für die derzeitigen Umstände nicht bei den Dämonen lag. Dass diese Schuld vermutlich zu einem großen Teil auf unserem Vater lastete, hatte ich erfolgreich übersehen, oder wohl eher verdrängt.

„Du meinst er fürchtet sich davor in unseren Augen versagt zu haben?“

Ein mattes Nicken seitens Keisuke gab mir die Antwort darauf. Erschöpft fuhr ich mir mit den Fingerspitzen die Schläfen auf und ab. Der tägliche Druck und die Anspannung machten mich wahnsinnig. Seit zwei Wochen hatten wir kaum einen Fuß vor die Tür gesetzt. Sämtliche öffentliche Einrichtungen verwehrten ihren Dienst, zu groß war die Angst, die hier jeden heimsuchte. Der Abschluss auf der Oberschule, welchen ich mit meinem neunzehnten Geburtstag absolvieren sollte, war vorerst auf Eis gelegt. Um die Bildung der nächsten Generation sorgte sich im Moment niemand.

„Lassen wir ihn einfach. Er wird irgendwann von selbst zu uns kommen. Sei nicht böse auf ihn.“ Nun deutlich milder gestimmt, stieß Keisuke ein angestrengtes Seufzen aus.

Gleichzeitig fuhren unsere Köpfe zur Eingangstüre, als ich das bekannte Rascheln des Schlüsselbundes vernahm, ehe sich die Türe öffnete.

Wenn man vom Teufel spricht.

Hayato, unser Vater, betrat die Wohnung, ohne ein einziges Grußwort auf den Lippen. Angestrengt versuchte ich die aufkeimende Enttäuschung über sein Verhalten zu unterdrücken, allerdings versetzte es mir erneut einen Stich im Herzen, ihn so verstört zu sehen. Seine schwarzen, kurzen Haare, die er sonst gepflegt nach hinten gekämmt trug, waren ein einziges Durcheinander; Blanker Wahnsinn spiegelte sich in seinen Augen wieder. Selbst seine Beine zitterten unaufhörlich, während er nervös den Schlüssel wieder in seine Tasche gleiten ließ. Die dunklen Augenringe wirkten von Tag zu Tag schlimmer und verstärkten seinen ungesunden blassen Teint.
Besorgt suchte ich Keisukes Blick, doch dieser musterte ebenfalls mit Missfallen die zusammengekauerte Haltung unseres Vaters. An der Art, wie mein Bruder die Augen zu Schlitzen verengte und die Hände zu Fäusten ballte, konnte ich erahnen, dass er ebenfalls mit dieser Situation zu kämpfen hatte. Wie lange wollte uns Hayato noch aus dem Weg gehen?

Unser Vater bemühte sich uns nicht anzuschauen und eilte hastig in Richtung Obergeschoss, um vermutlich wie in den letzten Wochen auch, in seinem Schlafzimmer sämtliche Telefonate zu führen. Als er sich die Jacke von den Armen zerrte, fiel eine kleine Tablettenschachtel mit einem Rascheln zu Boden. Vermutlich Antidepressiva, wie er mir einmal peinlich berührt erklärt hatte, als ich ihn dabei erwischt hatte, wie er die kleinen lila Kapsel überstürzt hinuntergespült hatte. Es musste ihm schlecht gehen, sonst würde er sie wohl kaum bei sich tragen...
Hastig griff er nach der Schachtel, verstaute sie in seiner Aktentasche und beeilte sich aus unserem Blickfeld zu verschwinden. Erschrocken zuckte ich zusammen als Keisuke plötzlich auf die Beine sprang und zornigen Schrittes Vater hinterher lief. Einem Schraubstock gleich packte er Hayato am Handgelenk und suchte mit unverfrorener Wut seinen Blick.

„Ist es zu viel verlangt, seinen Kindern „Hallo“ zu sagen?“ Zur Salzsäule erstarrt rührte ich mich nicht von der Stelle. Die Spannung welche mit einem Schlag in der Luft lag, war so stark, dass ich nicht umhin kam die Arme um meinen Oberkörper zu schlingen. Also beschäftigte die Sache Keisuke doch genauso sehr wie mich. Die vorherige Ruhe war vollkommen von ihm gewichen, sein Körper zitterte regelrecht. Wenn ich es nicht besser wusste, war er sogar noch wütender als ich es gewesen war vor einigen Minuten.

„Lass mich los“, erwiderte Hayato mit verärgerter Stimme und versuchte sich aus dem eisernen Griff seines Sohnes zu befreien, doch Keisuke dachte nicht einmal daran locker zu lassen. Schnaubend zog er Vater kurzerhand hinter sich her und stieß ihn auf die Couch unmittelbar neben mich, nur um sich daraufhin mit verschränkten Armen vor ihn zu stellen.

„Raus mit der Sprache! Ein „Nein“ werde ich nicht länger akzeptieren!“, knurrte mein Bruder nun schon beinahe, seine Haltung immer noch aggressiv und unnachgiebig, die schmalen Lippen aufeinander gepresst, die Augen funkelnd vor Zorn.

Einen Moment herrschte angespanntes Schweigen und innerlich wappnete ich mich auf einen Wutanfall unseres Vaters, welcher mit tödlicher Ruhe neben mir verweilte und teils Unglauben, teils Verärgerung Keisukes Blick erwiderte. Doch schließlich passierte das, womit keiner von uns Beiden gerechnet hätte. Matt, nahezu kraftlos ließ Hayato seinen Kopf in die Hände gleiten und verbarg sein Gesicht somit vor uns, eine Geste die mich zutiefst bestürzte. Es ging ihm mehr als nur schlecht, daran hatte ich keinen Zweifel. Dennoch warteten sowohl ich als auch Keisuke darauf, dass er endlich, nach so vielen Wochen des Todschweigens, mit der Sprache herausrücken würde; Uns endlich darüber in Kenntnis setzte was ihm auf der Seele lastete.

„Ich... Ich weiß nicht wie ich euch das erklären soll“, begann er tonlos zu flüstern, nur mit Mühe erfasste ich seine der Angst ergriffenen Worte, die noch hilfloser klangen, als seine Körperhaltung ohnehin schon schließen ließ. Langsam, aber doch deutlich spürbar, wich meine zuvor angestaute Wut von mir. Noch nie in meinem Leben hatte ich meinen Vater so verzweifelt gesehen, selbst als unsere Mutter gestorben war, besann Hayato sich nach einigen Monaten wieder zurecht und half uns so gut er nur konnte darüber hinweg zu kommen. So ganz anders als sein jetziges Handeln. Damals hatte er immer ein offenes Ohr für uns gehabt, war unablässig an unserer Seite gestanden, um Keisuke und mir in unserer Trauer eine tröstende Schulter bereitzuhalten. Wieso schwieg er nun und hatte so sichtlich Mühe darüber zu sprechen? Was konnte nur so schlimm sein dass er es selbst vor seinen eigenen Kindern verschwieg?

„Die Sache ist weitaus gravierender als ihr es in den Nachrichten mitbekommt“, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen und sah schockiert in die ebenfalls grünen Augen meines Vaters. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und Keisuke war deutlich sichtbar. Nicht nur ihr großer, maskuliner Körperbau ähnelte sich, sondern auch die markanten Gesichtszüge zeichneten sich überdeutlich in Hayatos Gesicht wider. Dennoch erinnerte ich mich mit Wehleid an meine liebevolle Mutter, deren Wesen sich in so vielen Facetten in uns widerspiegelte, dass ihre Präsenz wohl nie von uns schwinden würde. Im Gegensatz zu Vater, der ehrgeizig und ein Mann der Ehre und des Ruhms war, besaßen wir die Sensibilität und Empathie unserer Mutter, wie Hayato es schon so oft mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen erwähnt hatte. Auch ihn traf das Geschehene sehr hart, selbst jetzt nach über fünfzehn Jahren vermochte er sich keiner anderen Frau anzuvertrauen. Zu tief saß der Schmerz, den Kaya, unsere liebevolle Mutter, hinterlassen hatte. Ein schwaches Abbild meiner Kindeserinnerung schob sich vor mein inneres Auge und zeigte mir eine lächelnde Frau, deren Leben durch keine Umstände hätte glücklicher sein können. Wie sehr ich es bedauerte sie niemals wieder zu sehen. Damals, mit meinen vier Jahren hatte ich nicht viel verstanden von den schrecklichen Dingen - doch der Verlust eines geliebten Menschen, hatte sich brennend in mein Herz geschlossen. Viel zu schnell hatte ich begriffen, dass meine Mama nicht mehr wiederkommen würde, als  Hayato mit starrem Blick dem Polizisten gelauscht hatte.

„Was willst du uns damit sagen?“, wurde ich von Keisuke aus meinen Erinnerungen wieder in die Gegenwart gezerrt, der aufgewühlt, ob der Worte unseres Vaters, die Hände nervös zu Fäusten ballte.

„Die Dämonen haben Kontakt zu uns aufgenommen. Aber nicht nur das. Sie drohen uns, stellen Forderungen.“

Nun war es so still in unserer Behausung, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Lediglich mein Atem, der nun schneller ging als zuvor, störte die trügerische Stille.

„Was für Forderungen?“ Keisuke kniff sich mit Zeigefinger und Daumen in den Nasenrücken, die Augen geschlossen vor Furcht.

„Eine Gesetzesänderung.“

„Wieso kommt ihr dessen nicht einfach nach und-“

„Sie fordern nicht die alten Gesetze zurück, sondern eine höhere Berechtigung für ihr eigenes Volk. Ihr Anführer ist wütend und eine diplomatische Lösung ist völlig außer Reichweite.“

Ich erschauerte. Der Anführer der Dämonen hatte also Kontakt zu unserer Regierung aufgenommen. Dass er wütend war wunderte mich nicht sonderlich, doch die Aussicht darauf, dass ein Frieden in weiter Ferne lag besänftigte mich nicht gerade.

„Wen wundert‘s?“, giftete Keisuke und sauer stieß ich ihm meinen Fuß gegen das Bein. Die Klage schwang so deutlich in seinen Worten mit, dass Vater regelrecht zusammenschrumpfte und nun kaum mehr wagte dem Blick seines Sohnes zu begegnen. Er fühlte sich schuldig, keine Frage.

„Aber das Schlimmste an der Sache ist...“, begann Hayato und unterbrach sich, versuchte das Beben in seiner Stimme in den Griff zu bekommen, „... er drohte uns weitere, persönlichere Maßnahmen zu treffen, sollten wir seinen Forderungen nicht nachkommen.“

Nicht begreifend zogen sich meine Augenbrauen zusammen, während ich rätselte was der Anführer der Dämonen damit meinte. Persönliche Maßnahmen? Was zum Geier meinte er damit wenn er sagte... Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Nur zu deutlich sah ich den Sinn seiner Worte vor mir.

„Das-Das wird er nicht wirklich in Betracht ziehen!“, keuchte ich, meine Hände waren eiskalt, als ich sie schmerzhaft in den Bezug der Couch krallte. Kalter Schweiß sammelte sich in meinem Nacken, mit einem Mal war mir so elend, dass ich das Gefühl hatte mich übergeben zu müssen. Auch Keisukes Gesicht war leichenblass geworden. Ziellos war der Blick seiner Augen in weite Ferne gerichtet.

„Es ist alles meine Schuld.“ Die Stimme meines Vaters versagte. Und dann geschah etwas, was ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Tränen sammelten sich einem unergründlichen Meer gleich in grünen Augen, als Hayato mich voller Reue ansah. Das sonst so erhabene und von Erfolg gezeichnete Gesicht meines Vaters, glich einer einzigen Fassade der Trauer, deren Mauer, die ihn nach außen hin sonst kühl erscheinen ließ, nun endgültig niedergebrochen war. Hayato saß nicht länger dem Premierminister des Landes gleich vor uns, sondern lediglich als zerschlagener Mann, dessen Kräfte am Ende waren.

„Ich schwöre bei allem was mir heilig ist, dass ich euch beschützen werde, egal ob es meinen Tod oder mein Leben dazu verlangt. Dieser kranke Dämon kann mir alles nehmen, aber nicht euch. Dafür muss er über meine Leiche steigen!“

Unfähig mit dem neuen Bestand der Tatsachen umzugehen, war nun ich die Person die fluchtartig vom Sofa sprang und eilig die Zuflucht ihres Zimmers ersuchte. Einem flatternden Kolibri gleich, schlug mein Herz rasend schnell in meinem Brustkorb, die Umgebung verschwamm vor meinen Augen während ich mich damit befasste, dass wohl mein persönlicher Albtraum Gestalt angenommen hatte. Der Anführer der Dämonen höchstpersönlich hatte meiner Familie angedroht uns dafür büßen zu lassen, sollte die Regierung Japans nicht seinem Willen klein Bei geben und kooperieren. Der Schock saß so tief, dass ich nicht einmal registrierte wie Keisuke mir gefolgt war und nun wortlos die Tür zu seinem Rücken schloss. Ängstlich zog ich die Beine auf meinem Bett an und verbarg mein fahles Gesicht nach unten hinweg, sodass mein Bruder lediglich einen Ausblick auf meine mitternachtsschwarzen Haare erhaschen konnte, welche sich in ihrer immensen Länge einem Vorhang gleich über meine zusammengekauerte Gestalt ergossen.

„Akira...“, versuchte er geradezu hilflos mich zu besänftigen, obwohl seine eigene Stimme unkontrolliert zitterte. Doch dieses Mal würde Keisuke daran scheitern mir die Angst zu nehmen. Im Gegenteil. Nun hatte ich den Beweis dafür, mit allen Befürchtungen und grausamen Vorahnungen genau ins Schwarze getroffen zu haben. Ich erkannte kaum meine eigene Stimme wieder als ich tief durchatmend meinen Kopf anhob und mühsam die Tränen zurückhielt.

„Was?“, zischte ich wütend, dennoch beinahe tonlos. Zu sehr hatten mir die letzten Wochen die Kraft geraubt. Meine Finger fühlten sich taub und kalt an, trügerische Ruhe durchfloss mich, wahrscheinlich aus dem einfachen Grund heraus, zu realisieren, dass ich machtlos war.

„Sieh es ein Keisuke, gegen einen Dämon sind wir chancenlos! Er wird uns finden und dass die Regierung wegen zwei Kindern die bedroht werden, nicht auf seine Forderungen eingehen wird, weißt du genauso sehr wie ich. Vater kann sagen was er will, wir sind nicht die einzigen die in Gefahr schweben und genau deshalb werden die anderen Politiker, deren Entscheidungen uns alle betreffen, ihren bisherigen Plan verfolgen. Opfer wird es so oder so geben. Ob das nun wir sind oder andere Menschen wie in Yokohama, die grausam ermordet wurden, interessiert sie nicht!“ Meine Worte waren die Wahrheit, auch wenn weder Keisuke, mein Vater, noch ich sie hören wollten. Aber nun war es an der Zeit den Tatsachen ins Auge zu blicken. Es schön zu reden war im Moment das Letzte was uns weiterhelfen würde. Diese Erkenntnis spiegelte sich nun auch in den Gesichtszügen meines Bruders wider und zum ersten Mal gestand er es sich ein, Schwäche vor mir zu zeigen. Müde von den beunruhigenden Ereignissen, sank er nun ebenfalls auf die Kante meines Bettes nieder und seufzte geschlagen in die angespannte Ruhe. Ich wusste nicht wie lange wir beide schwiegen und unseren eigenen Gedankengängen nachgingen, bis Keisuke sachte einen Arm um meinen schmalen Oberkörper schlang. Fragend legte ich den Kopf schief, als er sichtlich nach Worten rang, welche ihm schwerer zu fallen schienen als jemals zuvor.

„Ich werde nicht hier bleiben und darauf warten dass sie kommen“, begann er nach kurzem Zögern und zog mich beschützend an seine Seite. Seine grünen Augen leuchteten beinahe als er seine Hände hoch zu meinen Schultern wandern ließ und diese mit starkem Griff umfasste.

„Wir verschwinden hier.“

Nichtbegreifend für einen Augenblick zogen sich verwirrt meine Augenbrauen zusammen, bis ich langsam meinen Blick zum Fenster wandern ließ. Draußen dämmerte es bereits und die ohnehin düstere Stimmung, welche außerhalb der Wohnungen Tokios herrschte, schien noch unfreundlicher und kälter als tagsüber. Bei der Vorstellung mit Keisuke planlos ins Nirgendwo zu fliehen, vor einer Macht, die wir uns womöglich kaum vorstellen konnten, durchfuhr mich ein ungutes Gefühl. Meine natürlichen Instinkte sträubten sich allein schon dagegen, diesen Gedanken weiterzuspinnen.

„Aber wohin?“, fragte ich verzweifelt, mein Gesicht wieder ihm zuwendend. Doch nichts als Entschlossenheit gab seine angespannte Haltung zum Vorschein.

„Wir verlassen Tokio mit dem Auto und verschwinden in ein abgelegenes Städtchen, welches nicht unter der Aufmerksamkeit dieser seelenlosen Bastarde steht! Eigentlich könnten wir uns an keinem gefährlicheren Ort aufhalten, wie wir es im Moment tun.“  

Auch wenn mir die Vorstellung immer noch missfiel, musste ich eingestehen, dass Keisuke damit alles andere als falsch lag.

„Und Vater?“, flüsterte ich mit zitternder Stimme, meine Hände lagen verkrampft in meinem Schoß. Wir konnten ihn doch nicht einfach hier zurücklassen!

„Wir werden es ihm verschweigen.“

„Aber das können wir doch nicht machen!“, protestierte ich aufgebracht.

„Wenn sie ihn befragen und er wirklich nicht weiß, wo wir uns aufhalten, wird ihn dass mehr schützen, als ihn zum Lügen zu zwingen. Du kennst Hayato, ich sehe es in seinen Augen wenn er lügt. Und die Dämonen würden ihn so lange in die Mangel nehmen, bis er redet.“

Ich wollte erneut protestieren, allerdings musste ich mir eingestehen dass Keisuke Recht hatte. Zudem überwucherte die aufkeimende Müdigkeit immer mehr meinen Verstand und machte es noch schwerer die ganze Sache zu überblicken als es ohnehin schon war. Ich war mir sicher heute Nacht keinen Schlaf zu finden, schon gar nicht, wenn ich mich hypothetisch damit auseinandersetzte, morgen mit meinem Bruder heimlich zu verschwinden.

Keisuke, der wieder einmal in mir zu lesen schien, wie in einem offenem Buch, bewegte mich sachte rückwärts bis ich zu liegen kam, ehe er sich die Socken abstreifte und neben mich legte.

„Ich bleibe heute Nacht bei dir“, verkündete er belanglos, anscheinend desinteressiert ob ich damit einverstanden war oder nicht. Aber natürlich war ich froh darüber. Allein seine Präsenz beruhigte mich ein wenig, auch wenn ich immer noch versteift die Beine anzog und nachdenklich an die gegenüberliegende Wand starrte. Unfassbar dass wir tatsächlich gefährdete Personen in diesem Machtspiel zwischen den Menschen in Japan und den Dämonen waren. Tja, unfassbar aber wahr.

„Schlaf jetzt, Akira.“

„Werden wir morgen wirklich abhau-“

„Schhht!“ Seine Hand legte sich beruhigend auf meine Wange. Wieder einmal hatte er sogar vor mir selbst bemerkt dass ich zitterte und mühsam mit meiner Stimme kämpfte, welche wieder zu versagen drohte.

„Darüber zerbrichst du dir morgen deinen Kopf, jetzt schläfst du endlich.“

Nur widerwillig ließ ich es geschehen, mich von der Müdigkeit übermannen zu lassen und geleitete schneller ins Land der Träume als gedacht.
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