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Die musikalische Seite von Schnee

OneshotFreundschaft / P12 / Gen
Jem Carstairs Will Herondale
06.07.2015
06.07.2015
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Hallo!
Ich musste einfach etwas zu den beiden schreiben! Eigentlich war ja eine Romanze geplant (ich bin ein riesen Fan von dem Pairing WillxJem), aber irgendwie ist dann etwas anders daraus geworden. Also keine Angst: Das ist keine Romanze!

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Dunkle Wolken zogen über den Himmel. Groß und grau und schwer. Genau die Art von Wolken, die Regen ankündigten- oder zu dieser Jahreszeit wohl eher Schnee, denn die Temperaturen waren weit unter dem Gefrierpunkt. Tatsächlich begannen schon bald die ersten Flocken hinabzusegeln, die jedoch beim ersten Kontakt mit dem Boden sofort schmolzen. Doch schnell wurden es immer mehr, sodass die gefrorene Erde nach einiger Zeit wie gepudert aussah.
Alle Bewohner des Instituts fanden Gefallen an dem wundervollen Schauspiel vor ihren Fenstern. Sogar Jessamine hatte es sich mit einer Tasse Tee auf ihrer mit Polstern ausgekleideten Fensterbank bequem gemacht und sah geistesabwesend hinaus, ihren Tagträumen nachhängend.
Der einzige, der noch nicht einmal bemerkt hatte, dass es schneite, war Will. Bereits seit Stunden saß er in der Bibliothek. Er hatte nicht schlafen können und war gegen fünf Uhr morgens zu dem Schluss gekommen, dass es wohl besser wäre, sich einfach in die Bibliothek zu verziehen, damit er nicht seinen depressiven Gedanken nachhängen musste.
Seitdem saß er hier, mit nichts als einem dünnen Nachtgewand. Nicht einmal eine Decke hatte er sich geholt, auch im Kamin loderte kein wärmendes Feuer. Trotzdem fühlte er sich gut, so friedlich wie lange nicht mehr. Er hielt ein Buch in der Hand und war froh, dass es ihn so gut abgelenkt hatte. Vollkommen in den Buchstaben, Wörtern und Zeilen versunken, hatte er auch nicht bemerkt, wie es langsam hell wurde und auch die anderen Bewohner des Instituts aufstanden.
Er blätterte zum wiederholten Mal um und erkannte, dass er auf der letzten Seite angekommen war. Ein wenig enttäuscht, dass dieses Abenteuer schon zu Ende war, las er sie und fühlte sich anschließend, als wäre er aus einem Traum erwacht. Er blinzelte ein paar Mal, um zurück in die Realität zu finden, und bemerkte erst dann, dass es ziemlich kühl in der großen Bibliothek war. Er fragte sich, wie ihm das hatte entgehen können, schließlich saß er schon mehrere Stunden hier. Er zuckte nur die Schultern und stand auf. Dann streckte er seine müden Knochen. Sein Nacken war steif, er hatte die ganzen Stunden in einer Position ausgeharrt. Er ging hinüber zum Kamin und entfachte ein Feuer, anschließend setzte er sich wieder auf den Sessel, auf dem er den Morgen verbracht hatte.
Sein Blick fiel zum Fenster. Inzwischen war alles mit einer dicken weißen Schicht überzogen, doch trotzdem fielen die feinen Eiskristalle unaufhörlich weiter vom Himmel. Will atmete tief ein. Seine depressiven Gedanken kehrten zurück. Eigentlich war es nur ein Gedanke. Ein einziger Gedanke und doch so grausam, dass ihm übel wurde, sobald er daran dachte. Der Gedanke an Jems Tod.
Bereits den gesamten letzten Tag hatte er an nichts anderes denken können. Er wusste nicht warum, wusste nicht, warum gerade jetzt, er wusste nur, dass Jem sterben würde. Das allerdings wusste er schon immer, weshalb ihm unverständlich war, warum ihm das gerade jetzt so zu schaffen machte. Denn Jem ging es gut, alles war wie immer, er hatte noch genug Yin Fen, was also war Wills Problem?
Der Schwarzhaarige seufzte und betrachtete weiterhin den fallenden Schnee. Das erinnerte ihn immer an den Tag, an dem es das erste Mal geschneit hatte, seit Jem da war. Sie waren beide zwölf Jahre alt gewesen und hatten sich voller Freude in den kalten Schnee geworfen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis der erste Schneeball flog und natürlich war es Will, der ihn geworfen hatte.
Jem war schon damals eher der Ruhigere von ihnen gewesen und auch schon damals hatte er unerschöpfliche Ausdauer darin bewiesen, es länger als zehn Minuten mit Will in einem Raum auszuhalten ohne sich von ihm provozieren zu lassen.
Doch trotz allem verstand er Spaß- und schmiss Will eine Ladung Schnee mitten ins Gesicht. Der Blauäugige hatte gehustet und sich den Schnee aus dem Gesicht gewischt, während Jem nur daneben stand und lachte. Will hatte ihm einen bösen Blick zugeworfen, bevor ihm eine bessere Idee kam. Er zog an einem herunterhängenden Ast und der darauf liegende Schnee fiel direkt auf Jem- aber auch auf Will selbst, woraufhin beide laut und lange lachen mussten und aussahen wie mit Mehl bestäubt.
Diese Erinnerung erschien Will jetzt so fern. Allein die Tatsache, dass Jems Haare damals noch schwarz gewesen waren und er dunkle Augen gehabt hatte, geziert von leuchtenden goldenen Sprenkeln, war so fremd. Und doch konnte Will es nicht lassen, sich an jede Erinnerung zu klammern, die er von Jem hatte, auch wenn es dann umso schmerzvoller für ihn sein würde, wenn sein Parabatai tot sein würde. Will wusste das. Aber er konnte die Bilder nicht loslassen. Ihre gemeinsamen Momente nicht vergessen.
Die Bilder in seinem kopf zeigten Jem und ihn in ihren glücklichsten Momenten: Jem, der Geige spielte und Will, der verzaubert lauschte. Will, wie er Jem voller Begeisterung von seinem neuesten Buch erzählte und Jem, der zuhörte, obwohl es ihn nicht interessierte, Jem, wie er leichenblass und blutüberströmt auf seinem Bett lag aber trotzdem ein Lächeln im Gesicht und ein Funkeln in den Augen hatte, nur weil Will da war und ihn mit seiner sarkastischen, unverblümten Art aufheiterte. Und natürlich zwei Jungen im Schnee, beide lauthals lachend, obwohl sie über und über weiß waren und wohl eher Schneemännern glichen.
All das waren wundervolle Erinnerungen, fand Will, und all diese Erinnerungen würden es ihm noch schwerer machen, Jem schließlich dem Tod zu überlassen. Manchmal wünschte er sich, er hätte Jem nie getroffen, einfach um den Schmerzen und der Qual zu entkommen, aber wenn er ehrlich war, hätte er ohne Jem schon längst aufgegeben. Sein Leben aufgegeben. Denn ohne Jem hatte er niemanden mehr, wegen des Fluchs. Jem war der einzige, den er an sich heran gelassen hatte, seine einzige große Sünde. Und er hatte Will immer gestützt, war immer für ich da gewesen. Doch trotzdem machte er sich jetzt Gedanken darüber, wie verzweifelt er sein würde, wenn Jem starb, obwohl er genau wusste, er sollte nicht.
Ein Geräusch ertönte. Die Türe quietschte und riss Will aus seiner Gedankenwelt, seine trübe Stimmung blieb jedoch weiterhin bestehen. Er wusste sofort, wer den Raum betreten hatte, und so drehte er sich noch nicht einmal um, saß einfach da, den Kopf auf eine Hand gestützt, den Blick aus dem Fenster gerichtet und wünschte sich, er könnte erneut zwölf sein und mit seinem Parabatai durch den Schnee toben.
Will wusste, dass eben jener gerade herein gekommen war und könnte förmlich spüren, wie Jem sich ihm näherte, bevor er ihn sanft an der Schulter berührte. „Will? Ist alles in Ordnung?“, fragte der Silberhaarige mit weicher Stimme und Will wünschte, er würde es nicht tun. Denn das war erneut etwas, was er an Jem vermissen würde: Seine Stimme. Die Art, wie er Wills Namen aussprach, wie seine Stimme automatisch einen sanfteren ton annahm, sobald er mit dem Schwarzhaarigen sprach.
„Hm“, murmelte Will als Antwort, während er weiterhin aus dem Fenster in das dichte Schneegestöber starrte. Er meinte fast, das Lachen von zwei Jungen zu hören, das vom Wind herüber getragen wurde. „Ich weiß, woran du denkst“, meinte Jem und setzte sich zu Wills Füßen auf den Boden, da kein weiterer Sessel in greifbarer Nähe stand. Jetzt sah auch er aus dem Fenster und erinnerte sich an diesen einen lustigen Tag, dem such Will in Gedanken nachhing.
Eine Weile saßen sie beide in Gedanken versunken da, bis Will plötzlich fragte, ohne seine Position zu verändern: „Jem? Spielst du mir etwas auf deiner Geige vor?“ Er konnte sich vorstellen was für ein verwirrtes Gesicht sein Parabatai nun machte, denn darum hatte er noch nie gebeten. Er wusste auch nicht, warum er es jetzt tat, schließlich wollte er so wenig schöne Erinnerungen an Jem haben wie möglich, damit ihm die Trennung nicht so schwer fallen würde. Doch Will glaubte, dass er auch jetzt schon am Boden zerstört wäre, würde Jem sterben.
Nach einem Moment des Schweigens meinte der Silberhaarige schließlich: „Ja, warte kurz, ich hole meine Geige.“ Mit diesen Worten rappelte er sich auf und ließ Will allein inmitten der staubigen Bücher zurück. Erneut hörte Will die Türe quietschen, als sein Freund hindurch trat. Dann Stille.
Jede Sekunde, die verstrich, war eine Qual für den Schwarzhaarigen, denn jede Sekunde kam eine andere Erinnerung an seine glücklichen Zeiten mit Jem hoch. Er fragte sich, warum er seinen Freund überhaupt gefragt hatte, ihm etwas vorzuspielen, wenn er diese Erinnerungen nicht wollte, aber irgendwie war er doch froh, es getan zu haben.
Schließlich kehrte Jem zurück, in der einen Hand die Geige, in der anderen den Bogen. Er stellte sich neben ein großes Bücherregal und fragte Will: „Wills du was Bestimmtes hören?“ Will schüttelte nur den Kopf, er fühlte sich momentan nicht in der Lage etwas zu sagen. Jem hob die Geige an sein Kinn, setzte den Bogen an. Er atmete aus und schloss die Augen, bevor er langsam seine Hände bewegte und den Bogen sanft über die Saiten gleiten ließ.
Noch immer schaute Will aus dem Fenster, als Jem begann zu spielen. Die Töne schienen durch den Raum zu fließen, ihn komplett auszufüllen. Bereits nach der ersten Note saß Will gedanklich nicht mehr in der Bibliothek sondern stand draußen im Schnee, weiße Flocken tanzten um ihn herum und setzten sich auf sein schwarzes Haar. Die ruhige Musik schien sich lückenlos in dieses Bild einzufügen und Will schloss die Augen und genoss es einfach. Noch immer hört er diese wundervollen Töne, die ihn glauben machten, er stünde im Schnee, doch gleichzeitig vernahm er das Pfeifen des Windes. Er meinte, die kalten Eiskristalle auf seiner Haut zu spüren, obwohl er noch immer vor dem prasselnden Feuer des Kamins saß. Er hätte schwören können, dass ein kalter Wind sein Haar zerzauste, obwohl in der Bibliothek kein Lüftchen ging. Und fast meinte er, das Gelächter von zwei jungen hören zu können, traute sich aber nicht, die Augen zu öffnen, aus Angst, dieser wundervolle Moment könnte dann vorbei sein. Und noch immer vernahm er die Musik.
Er klammerte sich an diesen Augenblick, doch der Moment war vergänglich, so wie alles im Leben, verstand Will. Schließlich flossen die letzten zarten Töne von der Geige und Will öffnete die Augen, wandte den Blick entschiede vom Fenster ab und sah Jem an, der mit der Geige in der Hand dastand und blinzelte, so als müsste er erst zurück in die Realität finden. So wie Will, nachdem er ein Buch gelesen hatte.
„Danke“, hauchte der Blauäugige und schenkte seinem Freund ein aufrichtiges Lächeln. Jem lächelte zurück. Plötzlich schlug Wills trübe Laune um, sein Lächeln wurde breiter und er sprang auf, nahm Jem Geige und Bogen aus den Händen und platzierte die Gegenstände vorsichtig auf einem nahe stehenden Tisch. Anschließend packte er seinen Parabatai am Handgelenk und zog ihn stürmisch aus der Bibliothek hinaus hinter sich her.
„Will! Was bei Raziel…“, setzte Jem an, doch der andere Schattenjäger lachte nur: „Na, es schneit. Wir gehen raus!“ Und ehe Jem es sich versah standen sie beide vor der Tür des Instituts, wobei es Will nicht zu stören schien, dass er noch immer nur sein Nachtgewand trug. Frieren tat er jedenfalls nicht.
„Was machst du?“, fragte Jem, während er skeptisch beobachtete, wie Will sich hinunterbeugte um aus dem frischen, noch unberührten Schnee eine Kugel zu formen. Der Schneeball traf Jem an der Brust. Kurz sah der Silberhaarige noch etwas verwirrt aus, ehe seine Augen kämpferisch zu funkeln begannen und er ebenfalls etwas Schnee nach seinem Parabatai warf. Will drehte zwar sein Gesicht weg, dafür rieselte der Schnee aber in seinen Kragen und er schauderte. Er hörte Jems Lachen, drehte sich zu ihm um und warf ihm etwas Schnee direkt ins Gesicht. Jetzt war es an ihm zu lachen.
Es war kalt, doch keiner von beiden nahm es richtig wahr. Sie zitterten auch nicht, nicht einmal Will, obwohl er wirklich nicht die richtige Kleidung trug. Aber zum Frieren war er auch viel zu beschäftigt. Eine Weile trieben sie dieses Spiel, hin und her, bis sie über und über voller Schnee waren und vor Lachen kaum noch gerade stehen konnten. „Wie alt sind wir noch mal?“, fragte Jem, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten. „Für Schneeballschlachten ist man nie zu alt“, antwortete Will in belehrendem Ton.
In diesem Moment zog Jem an einem über ihnen hängenden Ast und Will fühlte sich, als wären sie beide wieder zwölf, wie damals, als der Schnee auf sei hinab fiel. Fast wie ein Déjà-vu und er wusste, dass Jem ebenfalls diesen Gedanken hatte. Erneut mussten sie lachen und Will wusste gar nicht, warum er noch heute Morgen so schlechte Laune gehabt hatte. Was zählte, war der Moment. Und jeder Moment, den er mit Jem verbrachte, was wertvoll. So auch dieser. Lachend ließ er sich in den Schnee fallen. „Das war unfair“, behauptete er, bekam aber nur ein Grinsen als Antwort. Jem freute sich, dass er es geschafft hatte, Will aufzuheitern.
Keiner von beiden bemerkte Charlotte, die ihnen aus dem Fenster des Salons zugeschaut hatte. Auch die Institutsleiterin musste lächeln. Diese beiden würden in mancher Hinsicht immer Kinder bleiben.

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