Die Ritter von Heltan

GeschichteFantasy, Tragödie / P18
04.07.2015
16.05.2017
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Prolog:
Parphimag hatte schon immer einige Vorteile – und darüber hinaus eine Menge Nachteile. So wie jede Stadt auf diesem wunderschönen Weltenrund, die nicht nur über eine Million Menschen bewohnten, sondern auch einem König als Residenz diente, einem ganzen Reich vorstand.
Die Vorteile von Parphimag waren schnell aufgezählt. Bei einer Million Menschen war hier natürlich immer irgendwo was los. Das waren zugleich auch viele der Nachteile, denn dieses „immer was los“ bedeutete nur im Idealfall eine brechendvolle, wild feiernde Kneipe mit mir als Mittelpunkt.
Eine Million Menschen bedeutete illegalen Zuzug, Armut trotz königlicher Hilfsprogramme, Kriminalität, und an manchen Tagen sogar Hunger. Ungern erinnerte ich mich an den Hungeraufstand im siebten Jahr der Regentschaft von König Tratos, als im Kavim-Viertel ein ebendieser Hungeraufstand ausgebrochen war, und wir Ritter nebst Gefolge zuerst die zweifelhafte Ehre gehabt hatten, die Bewaffneten auszuschalten, und danach die Hungernden, nachdem etwas Ruhe eingekehrt war, mit Brot und Gemüse zu versorgen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass im Kavim-Viertel, in dem viele illegale Zugezogene wohnten, nicht gerade Mangel an Nahrung geherrscht hatte. Sie war nur unbezahlbar gewesen, denn die skrupellosen Händler hatten sich abgesprochen und verkauften weit über den üblichen Marktpreisen. Und weil das so gut funktioniert hatte, hatten auch die Händler der umliegenden Viertel mitgemacht. Nur in den gehobenen Vierteln rund um den Kaiserpalast hatte man nichts davon gemerkt. Bis die offenen Spitäler, in denen die Menschen umsonst behandelt wurden, so wie es die Königinmutter vor ihrer Abdankung verfügt hatte, die ersten Meldungen über unterernährte Kinder und vor Hunger zusammengebrochene Tagelöhner in den Palast getragen hatten. Danach war eines zum anderen gekommen, und beinahe hätten wir Ritter zu spät gehandelt. Beinahe wären Parphimags Straßen mit Blut gewaschen worden. Aber eben nur beinahe.
Die anschließende Untersuchung hatte ich geleitet, und es war mir eine ganz besondere Freude gewesen, die ganze Affäre aufzurollen, die Verantwortlichen und wichtigsten Mitläufer zu verhaften, ihre Vermögen zu konfiszieren und bei der Hinrichtung der skrupellosesten Menschenschinder persönlich zugegen zu sein.
Oh, verzeiht, ich bin unhöflich. Ich habe mich noch nicht vorgestellt: Mein Name ist Jarud Ranata. Ich bin, wie Ihr euch mittlerweile sicher denken könnt, ein Ritter. Mein Herr ist Graf Ruda, der im königlichen Kabinett die Haushaltsbücher führt und das Wirtschaftsforum leitet. Ach, Handelsministerium heißt es ja seit letztem Jahr. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, Graf Ruda würde eine Kneipe leiten.
Also, ich bin Jarud, und ich bin der Zweite Ritter meines Herrn, sein persönlicher Gefolgsmann und damit auch Schutzbefohlener. Wie das Gesetz es vorschreibt, leben die Grafen und Herzöge in der Hauptstadt im Palast, ohne jede Frage, um sie besser zu kontrollieren und Putschversuche gegen den König gleich in der Wurzel zu ersticken. Dennoch sind ihm und jedem anderen Adligen ab dem Rang eines Grafen fünfzig Mann gestattet, fünf Ritter und je neun Gefolgsleute, die zwei Aufgaben zu erfüllen haben: Die erste Aufgabe ist, ihrem Herrn als Schild und Schwert zu dienen. Die zweite Aufgabe ist es, im Turnus mit den anderen Gefolgsleuten von elf Grafen und fünf Herzögen für die Sicherheit des Königs zu sorgen. Also war jeder sechzehnte Tag unser Tag, an dem wir die Wache übernahmen und unseren obersten Herrn, König Tratos, mit unseren eigenen Leben beschützten.

Und das ist auch notwendig. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich, nur einer Ahnung folgend, im achten Jahr die Wache inspiziert hatte, die vor uns Dienst hatte. Noch immer beißt mich bei Nebelwetter die Säbelwunde, die ich an jenem Tag von Rodir erhalten hatte. Der Streich hätte seine Majestät getroffen, wäre ich nicht dazwischengesprungen. Und hätte ich nicht vier meiner neun Gefolgsleute mitgebracht, hätte der Rest der aufständischen Garde mit mir und dem König kurzen Prozess gemacht. Aber zu fünft – zu sechst, denn seine Majestät ist ein vorzüglicher Säbelfechter und ein versierter Kampfmagier – hatten wir lange genug standhalten können, bis die nächsten loyalen Soldaten uns hatten zu Hilfe eilen können.
Dankenswerterweise verließ sich der König nicht nur auf die Wachen seiner Adligen, sondern unterhielt noch eine kleine, schlagkräftige Palastgarde, die mit den Angreifern kurzen Prozess gemacht hatte. Seither gibt es einen Grafen weniger.
Nun, das ist das Leben der Ritter von Heltan, dem schönsten Land unter der Sonne, eine Welt voller Licht, aber auch vieler Schatten. Vieles hier ist wunderschön, vieles ist es nicht, und manches ist unerträglich. Wir Ritter sind dazu da, um in der Hauptstadt und im Umland, aber auch darüber hinaus für Gerechtigkeit zu sorgen, so der König oder unser Herr es befiehlt. Es ist kein einfaches Leben, auch kein leichtes Leben, aber dennoch, bei all den Schatten, bei all den schlimmen Dingen, die ich mancherorts zu sehen bekomme, so ist es doch das Leben, das ich mir ausgesucht habe, und das ich in jeder Sekunde genieße, so gut ich kann. Auch, wenn der Schmerz, den ich erfahre, manchmal größer zu sein scheint als ich, manchmal so stark ist, dass er mich zu überwältigen droht, manchmal... Manchmal mein Herz so klamm macht, dass es scheinbar zu schlagen aufhört, es mir aber nichts ausmacht und ich in diesen Momenten begrüßen würde, schlüge es nie wieder. Aber diese Momente sind kurz. Dann schmerzt wieder meine Säbelwunde, und ich erinnere mich wieder an die Worte des Königs, nachdem der letzte Attentäter gefallen war: „Jarud, nicht? Du bist so gefährlich, entweder bringe ich dich um, oder ich befördere dich.“
Was soll ich sagen, ich lebe noch. Und nicht nur seither habe ich in der Kastalla, dem Haus der Ritter, meinen Ruf weg bei all den Geschichten, die ich erlebe. Eine möchte ich euch heute erzählen...