Geschichte: Fanfiction / Bücher / Krabat / Wolfsnacht

Wolfsnacht

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Meister Tonda
04.07.2015
04.07.2015
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V o r r e d e

Titelbild
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Übersetzung
ins Russische von Ksenia Rainer
https://ficbook.net/readfic/4819332

Disclaimer
Alle Rechte an den in dieser Geschichte vorkommenden Charakteren und deren Universum verbleiben bei Otfried Preußler, allein für den Handlungsverlauf zeichne ich verantwortlich. Hiermit verdiene ich kein Geld und habe auch nicht die Absicht, das in Zukunft zu tun. Die Geschichte dient ausschließlich zur Unterhaltung.

Motiv
Wenn es nichts zu verlieren gibt, sind plötzlich Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Tonda wagt am letzten Abend seines Lebens eine Konfrontation mit dem Meister, für die ihm der Mut immer fehlte. Und der Mensch, den er hinter seinen eigenen Erwartungen entdeckt, kommt ihm näher als er erwartet hätte.

Anmerkung
Vielleicht gefällt die Geschichte dem einen oder der anderen. Ich freue mich jedenfalls über eine kleine Rückmeldung, gerne auch mit Kritik oder Hinweisen auf Verbesserungsmöglichkeiten. Lob nehm ich zwar auch gern, Ehrlichkeit ist mir aber lieber - wenns euch zu langwierig war, dann dürft ihr mir das auch gern schreiben.

Vorwarnung
Diese Geschichte thematisiert den Tod und Sexualität als Weg, die Angst vor dem eigenen Sterben zu überwinden. Da der Müller und Tonda beide Männer sind und bei der Altersempfehlung ein "Slash" steht,  hier nochmal die ausdrückliche Warnung, dass es hier - unter anderem - um Homosexualität geht.





W o l f s n a c h t


Es ist die letzte Nacht seines Lebens. Das weiß Tonda, als er die Tür der Meisterkammer öffnet. Die Tür geht leicht, der Riegel bewegt sich leise. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals, der nächste Schritt macht ihm genauso viel Angst wie sein eigener Mut.Er sieht sich in der Meisterkammer um. War er schon einmal hier? Er kann sich nicht erinnern. Die Wände sind holzgetäfelt, Runen stehen darauf. Einige Schränke und Truhen gibt es, Regale und Borde voll mit Büchern und irdenen Gefäßen. Zinngeschirr, einzelne Gläser und Schalen aus Metall und Holz. Zwei Öllampen brennen in Halterungen an den Wänden. Rechts von ihm steht eine wuchtige Truhe, auf der sich Bücher türmen. Links in der Nische ein wuchtiges Bett und ein Waschtisch. Und schließlich, vor ihm, unter dem Fenster ist der Tisch des Meisters mit dem hochlehnigen Stuhl.

Der Meister sieht langsam auf vom Tisch, misst ihn kühl. Vor ihm steht eine dampfende Schale, ein Weinkrug mit Becher und eine einzelne Kerze, die im Luftzug blakt. Tonda wendet sich ab, schiebt von innen den hölzernen Riegel vor und versperrt die Tür. Er hat nicht vor, diese Kammer lebend wieder zu verlassen. Sein Messer hat er nicht dabei, es liegt oben in der Schlafkammer beim jungen Krabat. Der braucht es nötiger als er selbst. Völlig unbewaffnet tritt er vor den Meister. Als er den Schwarzen Müller wieder ansieht, überläuft ihn ein Frösteln. Es ist kalt hier in der Stube, er trägt nur sein Hemd, das sein Totenhemd sein wird. Was ihn aber schaudern lässt, ist die kalte Verachtung im Blick des Müllers. Dazu kommt ein abschätzender Hunger, ein Lauern wie auf einen falschen Schritt, als wäre Tonda Schlachtvieh, das zum Messer trottet.
Wie immer um diese Zeit im Jahr ist das Gesicht des Müllers eingefallen und fahl, wie nach langer Krankheit, sein Haar stumpf und grau geworden. Er wirkt älter als er ist, und ausgezehrt. Der Meister trägt weder seinen Kittel noch seinen Rock, nur eine wollene Weste mit Hornknöpfen über dem Hemd. Auch seine Augenklappe hat er abgelegt und sein blindes Auge glitzert im flackernden Kerzenlicht.

„Was willst du?“, schnarrt der Meister böse. Der Altgeselle ist nicht hier, weil sein Meister ihn gerufen hätte, sondern aus freien Stücken. „Dir bleiben wenige Stunden, das weißt du doch. Umstimmen kannst du mich nicht mehr. Geh hinauf und warte bei den anderen.“
Tonda tritt langsam vor, die nackten Sohlen lautlos aufsetzend, auf jeden Schritt bedacht. Er hält den kalten Blick des Meisters, obwohl seine Augen stechen und er lieber weggesehen hätte.
„Ich weiß, Meister“, antwortet er. Alles, was er sich zurechtgelegt hat, entrinnt ihm. Verschwunden und verraucht. Er weiß nur noch, dass sein Herz zum Zerspringen schlägt. „Ich weiß, dass du meinen Tod beschlossen hast. Und dass es kein Entrinnen gibt, ist mir klar. Ich werde mein Ende nicht mehr abwenden können.“

Er bleibt stehen, mit pochendem Herzen, und wartet auf die Antwort des Meisters.
Der Müller hält die Schüssel vor ihm mit beiden Händen umspannt, seine Knöchel treten weiß hervor. „Warum also hierher kommen, Todgeweihter?“, fragt er.

Tonda vermag es nicht mehr, diesem starren, kalten Blick standzuhalten. Er blinzelt, sieht weg, mustert die Finger des Meisters, bevor er ruhig antwortet: „Bei den anderen auf den Tod zu warten hätte es nur schlimmer gemacht. Für sie und für mich. Kürz' die Sache für uns beide ab. Jetzt und hier.“

Das erntet ihm einen bohrenden Blick von oben bis unten. Der Meister steht auf, der schwere Stuhl scharrt über die Holzdielen. Ein spöttisches Grinsen verzieht sein Gesicht, während er näher kommt. „Das werde ich nicht. Ich habe mich an die Regeln des Paktes zu halten. Mitternacht – und nicht früher. Also? Was willst du?“

Tonda antwortet nicht sofort. Er kommt sich lächerlich vor und die Furcht schnürt ihm die Kehle zu.  Trotzdem hebt er die Augen und sieht den Meister geradeheraus an. „Ich habe einen Vorschlag.“ Er hört seine Stimme zittern. Wie unsicher er klingen muss. Das Grinsen des Meisters wird böser, doch die Neugierde klingt unverhohlen in seinen Worten als er antwortet:

„So. Einen Vorschlag hast du.“ Abschätzend sieht er ihn an, dann düster: „Sprich.“

Der Altgesell schluckt schwer. Sein Hals ist trocken, seine Augen brennen. „Seit über acht Jahren bin ich Geselle hier auf der Mühle. Ich habe hier viel gelernt, von den anderen und viel von dir. Aber auch dich habe ich kennen gelernt. Und ich habe gesehen, dass du keine Freude hast in deinem Leben-“
„Genug!“, herrscht ihn der Meister an, die Lippen weiß vor Zorn, der jäh auflodert. „Was nimmst du dir heraus?!“
Tonda erwidert seinen Blick so ruhig er kann. „Das hier ist nicht alles“, sagt er schnell. „In Dresden vor vielen Jahren hab ich gesehen, dass du mehr bist als das hier.“

Eine schallende Ohrfeige trifft ihn so hart, dass er einen Schritt zurücktaumelt. Das hält ihn nicht davon ab, fortzufahren. Im Gegenteil stachelt es ihn noch mehr an. „Du hast mich ein einziges Mal an den Hof des Kurfürsten mitgenommen. Ich sollte auf den Wagen aufpassen. Unter einem Schutzzauber bin ich dir nach geschlichen, sodass du mich nicht bemerken konntest. Ich habe dich in einer Laube gesehen, mit einem Fremden in feinen Kleidern und gepuderter Perücke. Ihr habt leise gesprochen, verstanden habe ich nichts davon. Aber du hast froh gewirkt, als wärst du dankbar, dass dir einer zuhörte.“
Der Meister hat die Hand erneut zum Streich erhoben, verharrt aber und starrt Tonda an, wütend, überrascht und getroffen.
„Seither habe ich das nie mehr bei dir gesehen.“

Jäh kommt Bewegung in den Müller. Er packt Tonda beim Kragen. Schmettert ihn brutal an die Wand.
„Das geht dich einen feuchten Kehricht an!“, brüllt er. „Was schert dich das? Dein Maul halten und kuschen sollst du hier, mehr nicht!“ Er schüttelt Tonda, der die Augen zusammenpresst und den Kopf abwendet. Der abwartet, bis das Geschrei aufhört.
Dann hebt der Bursche vorsichtig die Arme und umfasst die Hände des Müllers, die immer noch sein Hemd gepackt halten. „Heute Nacht nicht“, flüstert er.

„Was?!“, zischt der Müller und stößt ihn noch einmal gegen die Wand. So heftig, dass im Schrank neben ihnen die Gläser klirren. Der Meister ist ihm jetzt gefährlich nahe, stemmt ihn mit seinem ganzen Gewicht an die Wand. Tonda könnte sich nur mit roher Gewalt befreien. Der Blick des Meisters lodert vor Wut, die Worte presst er zwischen gebleckten Zähnen heraus: „Was soll das, Bursche? Willst du’s herausfordern, dass ich dich hier und jetzt erschlag‘? Gilt dir dein Leben so wenig?“
Tonda sieht ihn ruhig an. Dass der Müller nur droht, aber abwartet, gibt ihm die Gewissheit, dass dies seine einzige Gelegenheit ist, sich zu äußern. „Mein Vorschlag“, sagt er gefasst, „ist, dass ich dir zuhöre, wie der Fremde in Dresden es getan hat. Tot bin ich sowieso. Was auch kommt, dein Geheimnis bleibt gewahrt.“

Der Blick des Müllers ist so ungläubig und gleichzeitig so wütend, dass Tondas Herz für einen Moment in Todesangst aussetzt. Für einen Moment spannen sich die Hände des älteren Mannes noch fester an, Mordlust flackert in seinem einen Auge. Doch der Meister lässt ihn los, wirbelt herum und stürmt zum Tisch. Mit einem Ruck packt er den Becher und stürzt hastig den Wein darin hinunter. Einen zweiten Becher schenkt er sich ein und leert ihn in einem Zug, dann donnert er den Krug auf den Tisch.

Tonda wird erst jetzt bewusst, dass er den Atem angehalten hat. Tief und langsam atmet er ein, spürt mit dem Atem seine Furcht weichen. Er drückt sich von der Wand ab und tut einen vorsichtigen Schritt auf den Meister zu. Es ist, als hätte er einen verletzten Keiler in die Enge gedrängt. Der Müller wirkt, als ginge es um sein Leben – und nicht um das seines Altgesellen. Was Tonda hier herausfordert, kann ihn jede Sekunde das Leben kosten. Er steht einer Unbändigkeit gegenüber, die ihn so machtlos macht, als kämpfe er gegen einen Gewittersturm. Seine Tollkühnheit ist ihm selbst ein Rätsel. Dennoch drängt etwas in ihm, dass er weiterspricht.

„Die Damen und Herren, die du in Dresden triffst, das sind nicht alles Höflinge, richtig?“, fragt er.
Der Müller dreht sich zu ihm um. Eine letzte Warnung liegt in seinem Auge, in dem grimmigen Zug um seine Mundwinkel: Schluss jetzt.
Doch Tonda kann nicht: „Als ich damals dabei war, hielten wir nicht bei Hofe, sondern vor einem Hurenhaus.“

Betont langsam und ohne den Blickkontakt zu brechen stellt der Meister den Becher auf den Tisch hinter sich. Seine Hände ballen sich zu Fäusten und öffnen sich wieder. Er ringt um seine Beherrschung. Der Widerstreit in ihm ist deutlich sichtbar, Hilflosigkeit gegen Hass, Neugier gegen Mordlust, Verletzung gegen Zorn. Dass der Müller keine Worte findet, macht Tonda nur noch verwegener.

„Du kannst mir nichts vormachen, Meister“, fährt er fort. „In so einem Haus bin ich aufgewachsen. Es war keine ärmliche Spelunke, die Damen hatten reiche Freier und meine Mutter war eine von ihnen. Ich hatte großes Glück, dass ich nach meiner Geburt nicht ersäuft oder erschlagen wurde. Und dass einmal etwas Anständiges aus mir werden sollte, war beinahe ausgeschlossen. Trotzdem bin ich hier, Altgesell auf einer Mühle. Dass mir eine Lehre angeboten wird, hätte ich mir nie erträumt nach ihrem Tod. Ich sah mich als Dieb aufgeknüpft oder als Bettler verhungert, doch stattdessen bin ich hier. Auf meine Herkunft bin ich nicht stolz, aber du gabst mir die Möglichkeit, mehr aus meinem Leben zu machen. Dafür bin ich dankbar. Vielleicht kann ich dir mit gleicher Münze etwas davon zurückgeben, bevor ich sterbe. Wenn es also etwas gibt, das ich tun kann...“
Er bricht ab. Sieht den Müller abwartend an, doch der steht wie erstarrt, sein Ausdruck undeutbar. Nur sein Auge spiegelt sein Ringen mit sich selbst und seine Fassungslosigkeit. Sein Gesicht ist blass geworden, die Verwirrung hat den Zorn vorübergehend erstickt.

„Welche Tollheit ist da in dich gefahren, Bursche?“, fragt er tonlos nach einer Weile und lehnt sich schwer an den Tisch. Er verschränkt die Arme, mustert Tonda aufmerksam, als suche er eine Antwort.

Tonda antwortet nicht, ihm fehlen selbst die Worte. Ihre Blicke kreuzen sich. Der Meister hat sich wieder gefasst, kühl ist der Ausdruck seines Auges. Er weiß, dass mit jedem weiteren Herzschlag Tondas irrwitziger Mut zwischen den Schatten auf den Bodendielen zerrinnt, das Tondas Angst wieder wächst und ihn angreifbar macht. Er wartet wieder, wissend, dass das Ungleichgewicht der Kräfte sich wieder zu seinen Gunsten verschoben hat. Dass er nur warten muss, bis die Furcht den Jungen schwächt, um ihn zu packen und zu vernichten.

Erstaunt erkennt Tonda, dass er den Meister lesen kann wie ein offenes Buch. Und je länger sie sich nur ansehen, desto mehr erkennt er. Er sieht das raubtierhafte Lauern auf den Fehltritt der Beute, die Kälte, die er vom Meister gewohnt ist und erwartet. Er sieht es, doch er fürchtet sich nicht davor, denn der Meister hat seine Macht nicht mehr. Ein paar Worte waren es, die dem Meister seine Macht genommen haben. Nein… nicht die Worte. Die Angst hat den Schwarzen Müller entmächtigt. Die Angst, keine Macht zu haben, die Angst einem gefährlicheren Gegner gegenüberzustehen, die Tonda selbst sehr gut kennt. Diese Angst sieht er nun deutlich, obwohl der Meister sie gut verbirgt. Er sieht auch die Hilflosigkeit, die in ihr mitschwingt. Etwas, das selbst seinen Herzschlag schwer macht. Und noch etwas kann er aus dem Blick des Schwarzen Müllers lesen: Dass er genau weiß, was Tonda eben erkannt hat. Dass er weiß, dass sie sich gegenseitig erkannt haben.

Es ist nicht, was Tonda erwartet hat. Mit Zorn und Raserei hat er gerechnet, aber nicht mit diesem Schweigen, dieser Aufmerksamkeit. Ihm wird kalt. Die Kerze auf dem Tisch und die Öllampen spenden keine Wärme. Der Irrsinn seines Hierseins trifft ihn unvermittelt und hart. Die Angst tut ihr Übriges dazu. Ein Zittern überläuft ihn.

Das entgeht dem Meister nicht. Mit einem undeutlichen Knurren stößt er sich vom Tisch ab und geht zum Bett hinüber, wo er die Decke packt und sie Tonda zuwirft.

„Leg dir die um. Es ist kalt hier“, brummt er unwirsch. Sein Zorn scheint tatsächlich verraucht. Während Tonda sich die mit Lammfell gefütterte Wolldecke um die Schultern legt, kehrt der Müller zum Tisch zurück. Er vermeidet es, Tonda anzusehen. Umständlicher als nötig hantiert er mit Weinkrug und Becher, schenkt neuen Wein ein. Dabei lässt er sich Zeit, beinahe mehr als nötig. Aus jedem Handgriff spricht seine Unentschlossenheit.  Schließlich sieht er Tonda über die Schulter an.

„Wein?“, fragt er einsilbig. Seine Stimme klingt etwas versöhnlicher als eben noch.

Tonda nickt mit einem dankbaren Lächeln und macht einige Schritte auf den Tisch zu. Doch der Meister winkt ab und deutet mit dem ausgestreckten Arm zum Bett hinüber. „Setz dich dorthin, ich hab nur den einen Stuhl hier.“
Tonda zaudert, sieht zum Bett und wieder zum Meister hin. Mit Becher und Weinkrug in den Händen tritt jener zu ihm. „Na los, setz dich.“

Zögerlich folgt Tonda der Geste und lässt sich am Fußende des Bettes nieder, die wärmende Decke fest um sich gezogen. Sein Bauch zieht sich zusammen, ihm ist seltsam unwohl. Das hier hat er sich selbst eingebrockt. Von nun an führt der Weg ins Ungewisse. Er kommt sich lächerlich vor, und die Scham ist fast schlimmer als die Angst.

Der Meister setzt sich eine Armeslänge entfernt. Er reicht ihm den Becher, ohne ihn anzusehen.
„Trink“, fordert er ihn auf. Seine Stimme klingt gleichmütig. Er hat die Ellbogen auf die Schenkel gestützt und verschränkt die Finger ineinander. Mit dunklem Blick starrt er zu Boden, wartend.Zögernd hebt Tonda den Becher an die Lippen und nimmt langsam einige Schlucke. Es ist ein schwerer Wein, stark gewürzt und gesüßt. Ein säuerlicher Geschmack bleibt trotz der Süße am Gaumen zurück. Dennoch wärmt der Wein. Tonda schließt kurz die Augen, nickt dankbar und reicht den Becher zurück.

Der Meister grinst plötzlich freudlos. Mit einem belustigten Kopfschütteln und einem hämischen Seitenblick nimmt er den Becher wieder, dreht ihn zwischen den Händen. Nach einer Weile des Schweigens spöttelt er: „Ein schöner Plan ist das. Willst du mich so zum Reden bringen? In dem du dasitzt und schweigst und mich anstarrst?“
Tonda schlägt die Augen nieder, ihm fehlen die Worte.

„Als Hurenkind sollte dir doch eigentlich klar sein, dass der Jüngling in Dresden nicht in den fragwürdigen Genuss meiner Beichte gekommen ist, ohne dafür einen Preis bezahlt zu haben.“
Als Tonda erschrocken den Blick hebt, bemerkt er das böse Feixen, das schwarze Glitzern im einen Auge des Müllers. Er erstarrt.
„Wenn das dein Wunsch ist, kann ich...“
Er wird vom schallenden Gelächter des Müllers unterbrochen. Verblüfft starrt er seinen Meister an.
Der schüttelt nur den Kopf, drückt ihm den Becher wieder in die Hand und streicht sich durch die Haare. „Oh, du Narr“, seufzt er. „Närrische Grünschnäbel seid ihr doch alle. Sicher könnte ich das verlangen. Aber glaubst du wirklich, das macht mir Freude? Lass gut sein, Tonda.“

Sein Name klingt merkwürdig fremd. Betroffen senkt Tonda den Blick, kommt sich unsagbar dumm vor. Er dreht den Becher zwischen den Händen, unschlüssig ob er nicht einfach gehen soll. Die Scham betäubt ihn. Der Spott des Müllers tut weh.
„Du warst mir ein guter Altgesell all die Jahre“, sagt der Müller unvermittelt und ohne aufzusehen. „Fähiger als mancher andere warst du. Ein besonnener Vorsteher für die anderen Burschen und sicher in deinem Handwerk. Ein guter, gelehriger Schüler, vor allem in der Schwarzen Kunst, leider zu gut. Deinen Tod hast du dir damit selbst besiegelt.“
„Lass uns nicht darüber reden“, bestimmt Tonda und nimmt einen tiefen Schluck vom Wein. Das Lob ist unerwartet. Vom Meister ein Wort der Wertschätzung zu hören, ist selten genug. Wenn er überhaupt mit den Burschen spricht, dann geht es fast ausschließlich um die Arbeit oder den Unterricht in der Schwarzen Kammer. Abgesehen davon sind es am ehesten Schelte und Geringschätzung, mit denen er seine Knappen entlohnt. Trotzdem trübt der Gedanke ans Sterben es sofort ein.
„Gut“, sagt der Meister gedehnt und nickt, ein hintergründiges Lächeln spielt um seine Mundwinkel. „So sei es. Worüber willst du dann sprechen?“
Tonda sieht ihn fragend an. Dass sich der Meister fügt, überrascht ihn gründlich. Dass er überhaupt mit einem Mal so nachgiebig, fast freundlich ist, damit hat er nicht gerechnet. Er hat, ehrlich gestanden, gar nicht erwartet, dass sich der Schwarze Müller im Mindesten auf ihn und seine dumme Idee einlassen würde. Mit Prügeln hat er gerechnet, mit Spott und mit Schlimmerem. Er weiß nicht, was er entgegnen soll. Ein Teil von ihm ist eigenartig dankbar für diese Ruhe, ein anderer würde am liebsten die Flucht ergreifen. Die Ungewissheit schreckt ihn.

„Verzeih, Meister“, sagt er leise und sieht betreten auf seine Hände, die den irdenen Becher umgreifen. „Ich habe damit gerechnet, dass du mich umbringst. Nicht hiermit.“
„Das merke ich“, spottet der Müller, aber ohne die übliche Schärfe. Er klingt eher belustigt. Sein Blick ist aufmerksam. „Nun, Bursche, jetzt bist du hier. Und tot bist du ebenfalls noch nicht. Was also schwebt dir vor?“
Tondas Wangen brennen, ob es der Wein oder Verlegenheit ist, könnte er nicht sagen. Sein Kopf ist wie leergefegt. Was tust du nur hier?, fragt er sich in Gedanken. Du hast versagt, hast dein wertloses Leben verspielt und jetzt bettelst du um Gnade? Er weiß, dass diese Gedanken ihn weiter in die Unsicherheit führen und versucht sie mit aller Macht beiseite zu drängen. Das Bewusstsein, dass er hier mit seinem Mörder sitzt und trinkt, trifft ihn mit eiserner Faust. Er kann nicht abschätzen, was passieren wird. Wenn er mit seiner Unsicherheit und seinem Gestammel den Meister langweilt, was dann? Er ist dem Schwarzen Müller ausgeliefert, seine Zauberkraft ist ihm genommen worden und auf Hilfe von den anderen kann er nicht hoffen. Er sieht dem Müller ins Gesicht und denkt an den leeren Sarg im Schuppen. Dieser Moment ist so kurz, sein Herz schlägt so hart und morgen wird es nicht mehr schlagen. Es ist alles so verrückt und abwegig, dass er es nicht mehr fassen kann. Es ist zu viel. Die Angst ist wieder da, das Gesicht des Müllers verschwimmt vor seinem Blick. Er zittert heftig, seine Augen beginnen zu brennen, seine Kehle schnürt sich zusammen.

Der Becher wird ihm aus der Hand genommen, man dreht ihn an der Schulter herum. Ein harter Backenstreich bringt ihn zurück in die Wirklichkeit. Er blinzelt, senkt beschämt den Blick. Wo vor einem Moment noch die warme Hand des Müllers an seiner Schulter war, breitet sich nun Kälte aus. Seine Wange dagegen brennt wie Feuer. Seine Finger und Zehen sind eiskalt und taub.

„So wird das nichts, Tonda“, sagt der Meister tadelnd und stürzt den Rest des Weins hinunter. Er füllt nach und hält dem Gesellen seufzend den Becher hin. „Los, trink aus.“
Tonda trinkt. Als der Becher leer ist, nimmt ihn der Müller und stellt ihn zum Weinkrug auf den Boden.
„Du hast bis zum Morgengrauen, Bursche“, sagt der Meister gelassen. „Dann stirbst du. Du musst bis dahin nicht hier sein. Das war deine eigene Wahl. Wenn du also gehen willst, scher dich hinaus. Wenn du aber bleiben willst, dann lass dir besser etwas einfallen, wie du uns unterhältst. Lass dir nicht zu viel Zeit damit, meine Geduld ist gering und ab Mitternacht gehört dein Leben mir. Ich werde nicht zögern, es mir zu nehmen, falls du mir keinen Grund lieferst, dich zu schonen. Den Aufschub bis zum Tagesanbruch will ich dir gewähren, weil du mich beeindruckt hast, aber nicht umsonst. Bis Mitternacht aber hast du nichts zu befürchten. Also?“
Im Gesicht des Schwarzen Müllers ist keine Lüge, als Tonda aufsieht. Das Angebot ist aufrichtig. Er kann nicht sagen, dass seine Angst vor dem Tod verschwunden ist, aber die Furcht vor dem Meister verebbt langsam. Es ist seltsam. Zu wissen, dass er in Gegenwart des Meisters sicher ist, ist neu. Nicht lange, aber zumindest die nächsten Stunden wird ihm kein Leid geschehen, wenn er hier ist. An das Danach will er nicht denken. Er zwingt sich, seinen Meister anzusehen. Seltsam dankbar bemerkt er eine ruhige Offenheit im Ausdruck des anderen, ein Entgegenkommen. Er tut sich schwer, es Freundlichkeit oder Wärme zu nennen, doch eingedenkt dessen, wer da vor ihm sitzt, weiß Tonda, wie viel das bedeutet. Er nimmt einen tiefen Atemzug und nickt dann.

„Ich habe Angst“, bekennt er frei heraus.
Der Müller schnaubt abfällig, doch sein Blick bleibt weiter aufmerksam auf Tonda gerichtet. Seine Stimme bleibt weiter ruhig. „Ja, das sieht man. Zitterst wie Espenlaub. Aber den Tod fürchten wir hier alle.“
„Du auch“, bemerkt Tonda. Es erstaunt ihn, wie offen der Meister antwortet:
„Ja, ich auch. Mehr als du. Du hast ja nichts zu verlieren, nur dein Leben, aber nichts weiter von Bedeutung.“
Tonda sieht ihn an und mag es fast nicht glauben was er da gehört hat. „Nichts weiter zu verlieren?“, wiederholt er bitter und ungläubig. „Ist mein Leben nicht genug? Aber du, Müller, hast wohl mehr zu verlieren?“
Ein zorniges Blitzen liegt im Auge des Müllers, als er hitziger als nötig entgegnet: „Was soll die Frage? Ich habe einen Rang und Einfluss, Geld und Land und einen Ruf!“
„Und all dies macht dein Leben wohl mehr wert?“, fährt ihm Tonda dazwischen. „Ein Sklave eines unheiligen Paktes mit einem Ungeheuer bist du, nichts weiter.“

Zack! Der Backenstreich trifft ihn hart und unvermittelt. Schon hebt der Meister die Hand ein zweites Mal, doch Tonda ist schneller. Er packt die Hand bevor sie ihn trifft und hält sie fest im Griff. Wie schnell der Zorn doch wieder da ist. Nur ein paar Worte…
„Du verfluchter...!“, zischt der Müller, verbeißt sich aber die Beleidigung und reißt sich unwirsch los. Die Wut lässt sein Auge lodern. Doch mehr sagt er nicht und mehr tut auch er nicht, als Tonda anzustarren als sähe er ihn zum ersten Mal. Sie blicken sich an, schweigend und suchend. Es ist deutlich zu sehen, dass es im Müller arbeitet, was gerade gesagt wurde und dass er versucht, seine Reaktion abzuwägen.

Tonda tut es insgeheim leid, so aufgefahren zu sein. Er kennt sich so nicht, vor allem nicht gegenüber dem Meister. Früher, in der alten Welt in seinen Erinnerungen, hätte er seinen Mund gehalten, und sich eher noch für jede Grobheit bedankt, als das Wort gegen den Meister zu erheben. Wie weit weg das scheint. Wie anders das Jetzt ist. Nein, er hat keine Angst mehr. Der Müller ist nicht der Feind oder das Böse. Vor ihm sitzt nur ein anderer Mensch, der dem Tode genauso machtlos gegenübersteht wie er selbst.

„Hast du geliebt?“, fragt Tonda in die Stille hinein und wirft damit all sein Glück in die Waagschale. Der Meister sieht ihn an, verärgert und erstaunt über die Frage und unschlüssig, ob und wie er darauf antworten soll. Schließlich schenkt er sich Wein nach und leert einen weiteren Becher, ehe er sich eine Antwort abringt: „Ja, ich habe geliebt. Vor langer Zeit. Und vergebens.“
Er wendet das Gesicht ab, sodass Tonda nicht sehen kann, was in ihm vorgeht. „Was tut das zur Sache?“
Tonda lächelt. „Ich habe mich das immer gefragt. Ob dein Zorn wohl daher kommt. Du lässt niemanden an dich heran, sodass ich nach acht Jahren als Knappe und fünf Jahren als dein Altgesell nicht mal deinen Namen kenne. Wer hat dir so Unrecht getan?“
Tonda erntet dafür einen weiteren, mahnenden Blick, aber nichts weiter. „Die Frage ist unverschämt, doch ich will dir sagen, dass es mein eigenes Verschulden war. Der Rest geht dich nichts an.“

Nochmals gießt der Müller Wein nach, aber er trinkt nicht. Tonda lehnt sich vor und nimmt ihm den Becher ab.
„Du solltest bei Sinnen bleiben, Müller, wenn du mich heute noch töten willst.“
Es war als bitterer Scherz gemeint, doch der Müller lacht nicht darüber. Er misst Tonda nur düster.
„Ein paar Becher Wein können das nicht ausrichten“, sagt er trocken. „Deine Fragen haben aber sehr wohl das Zeug dazu.“
Er nickt auf das Gefäß in Tondas Händen. Ein Funke glimmt dunkel in seinem Auge auf, herausfordernd. „Na, was ist jetzt? Trinkst du, oder soll das Essig werden?“ Tonda hebt den Becher an die Lippen, trinkt aber nur einen kleinen Schluck.

„Darf ich fragen, wer du bist, Meister?“, fragt er leise.
Der Müller sieht ihn mit hochgezogenen Brauen an. „Wer ich bin? Wie meinst du das?“
„Woher du kommst, frag ich mich, wie du heißt, wie dein Leben hier vor der Mühle war.“
„Das war ein Traum, der lang vorbei ist.“, sagt der Müller knapp. „Das ist nichts, was ich dir erzählen brauche.“ Dann, nach kurzem Schweigen, fährt er doch fort: „Ich war ein Müllerbursche wie du. Bei Koblenz hab ich mein Handwerk gelernt, bin dann gewandert, in eine schwarze Schule geraten und dann – wieder auf Wanderschaft – haben mich die Werber für den Krieg verpflichtet. Verwundet bin ich zurückgekehrt und habe dieses Stück  Land mit der Mühle als Lohn für Dienst und Opfer erhalten. Der Kurfürst erinnert sich heute noch gern an mich und meine Zauberkunst, wenn ihm fade ist oder er gerade einen Feind oder Verbündeten einzuschüchtern hat. Das ist auch alles, was es zu sagen gibt.“

Tonda nickt. Dann bleibt der Meister eben namenlos für ihn. Doch der unfassbare Schatten hat Konturen bekommen, ist greifbarer geworden. Er sieht den Älteren an, lässt den Blick über das vernarbte Auge wandern.
„Ist das im Krieg geschehen?“
Der Müller verneint, lächelt kurz, aber bitter. „Das war vorher. Im Zweikampf mit einem anderen Zauberer, wegen eines Mädchens, stell dir vor. Wir waren im gleichen Alter, gerade aus der Schwarzen Schule heraus. Auf einer Kirmes haben wir beide recht ausgelassen mit dem Mädchen getanzt. Und irgendwann hat er im Suff gemeint, er habe mehr Anrecht auf sie und hat mich gefordert. Und geschlagen hat er mich, der Hund. Obwohl ich besiegt war, hackte er mir als Krähe das Auge heraus. Ein Denkzettel, meinte er.“
„War sie's wert?“
„Das Mädchen?“, der Müller schnaubt abfällig. „Nein. Ich kannte sie nicht einmal.“

Der Altgesell schweigt nur dazu, eine Antwort fällt ihm nicht ein. Er nimmt einen tiefen Schluck Wein, dann reicht der den Becher an den Müller. Da der Meister so bereitwillig antwortet, sticht ihn der Hafer.
„Und im Krieg?“, fragt er. „Die Wunde?“
Der Angesprochene wirft ihm einen belustigten Blick zu. Betrachtet ihn abschätzend und langsam, als wolle er herausfinden, wie ernst er die Frage meint. Tonda sieht ihn gespannt an, weicht dem bohrenden Blick nicht aus. Da flackert ein Grinsen über die Züge des Müllers und sein Gesichtsausdruck erinnert plötzlich an einen Wolf.

Der Meister leert den Becher und stellt ihn ab. Dann beginnt er wortlos, seine Weste und sein Hemd zu öffnen. Er schlägt den Kragen über die linke Schulter zurück und wendet Tonda den Rücken zu. „Wenn du so freundlich wärst.“ Er deutet auf den Kragen und streift den Ärmel ab. Was unter dem Leinen zum Vorschein kommt, ist die schlimmste Verheerung, die Tonda je gesehen hat. Verwachsene Narben einer riesigen Fleischwunde ziehen sich von der linken Schulter bis fast ans Steißbein hinunter in den Rücken hinein. Die Narben sehen hart und wulstig aus, wie bei einer schlecht verheilten Verbrennung. Wo das Schulterblatt nach oben tritt, ist die Haut gespannt und schimmert weiß. Weiter unten ähneln die Narben den Spuren riesiger Klauen. Tonda, zögernd zunächst, aber dann zunehmend von seiner Neugier angestachelt, zieht behutsam den Stoff beiseite. Das Hemd gleitet dem Meister von der anderen Schulter und legt sich um sein aufgestütztes Handgelenk in Falten.
„Was ist geschehen?“, fragt Tonda leise, fast ehrfürchtig.
Der Müller senkt den Kopf, atmet hörbar aus und zögert mit der Antwort. Schließlich sagt er leise: „Ich habe im Türkenkrieg einen sächsischen Befehlshaber aus dem feindlichen Lager befreit. Auf der Flucht musste ich kämpfen. Ein alter Freund, der sich beim Sultan als Zauberer verdingt hatte, stellte mich. Wir befanden uns mitten am Himmel über den Heerlagern, ich auf meinem Pferd, den Hauptmann hinter mir, der andere zum Adler verwandelt. Ich erschoss ihn, aber im Stürzen erwischte er mich und riss mich noch vom Pferd. Genau über der sächsischen Artillerie stürzten wir ab, hinein in einen Kugelhagel und hinunter aufs Pulverlager. Um es kurz zu machen: Ich bin drei Tage später beim Feldarzt aufgewacht, wurde als Held gefeiert und  reich entlohnt. Mein Freund jedoch ist wohl im Feuer umgekommen. Gefunden hat man ihn nie.“

Vorsichtig berührt Tonda die Narben an der Schulter. Sie sind nicht so hart, wie sie aussehen. Der Müller zieht scharf die Luft ein, bewegt sich aber nicht. Auch nicht, als Tonda die Fingerkuppen langsam weiter wandern lässt über die Hügel und Täler des verletzten Fleisches. Er lässt ihn einfach gewähren. Tonda kann nicht glauben, was gerade geschieht. Kann nicht fassen, dass der Mensch vor ihm sein Meister ist, dass er  ungestraft diese Berührung zulässt, dass er diese Offenheit duldet, als wäre es nichts außergewöhnliches. Dass es der Mensch sein soll, der ihm in einigen wenigen Stunden das Leben nehmen wird, ist fast absurd. Seine Hand liegt jetzt flach auf der Schulter des Müllers, die sehr warm ist unter seiner Berührung. Er spürt, dass sich der andere kaum merklich in die Berührung lehnt. Das Schweigen zwischen ihnen ist gespannt, erwartungsvoll. Als Tonda den Blick hebt, findet er das Gesicht seines Meisters friedlich, die Augen geschlossen. Ganz offensichtlich genießt er es, so berührt zu werden. Neugierig geworden, streicht Tonda über die Ränder der Verletzung, dort wo die Narbe in gesundes Fleisch übergeht.

Er hört den Müller tief und lang ausatmen, sieht seine Augenlider flattern. Das, was nun auf sein Gesicht tritt, ist so rein und so offen, dass Tonda seinen Blick gefesselt findet. „Du siehst“, flüstert der Müller, „dass mir meist nichts anderes übrig bleibt, als meinen Wagen vor den Freudenhäusern anzuhalten und dort Trost zu suchen. Keine Frau erwählt einen bitteren einäugigen Krüppel, wenn sie einen schönen Jüngling oder einen berühmten Offizier haben kann.“
Tonda verharrt in der Bewegung, sein Herz ist merkwürdig schwer. Das Atmen fällt ihm nicht mehr leicht, weil etwas auf seinen Brustkorb zu drücken scheint. Ist es die stille Kraft dieses Geständnisses? Eine kleine Willensanstrengung ist nötig um seine Hand wieder in Bewegung zu versetzen.
„Du bist der erste außerhalb jener Etablissements, dem ich dies zeige“, fährt der Meister fort. Etwas zögerlich, mit einem dunklen, kurzen Blick über die Schulter, setzt er hinzu: „Der erste, der verstehen will.“

Damit macht er Anstalten, das Hemd wieder an Ort und Stelle zu ziehen, doch etwas in Tonda lässt das noch nicht zu. Sanft und bestimmt streifen seine Hände wie von selbst einfach den Stoff von der Haut des Älteren. Und wieder lässt ihn der Meister gewähren, wieder bleibt der befürchtete Zornesausbruch aus. Das Hemd liegt nun lose um die Hüften des anderen Mannes. Sein Körper trägt deutlich die Zeichen seines Alters. Die Muskeln der Jugend sind weicher geworden, haben an Spannung verloren, den Wohlstand sieht man ihm ebenfalls an. Trotz der Narbe, die wie ein Fremdkörper den Blick auf sich lenkt, ist der Anblick nicht unangenehm. Die Haut ist sehr hell, leuchtet fast im Licht der wenigen Flammen. Dem Wundmal gegenüber zieren magische Zeichen die Haut, mit dunkler Tinte und zierlicher Schrift hineingeschrieben. Sie bilden insgesamt eine größere Form, eckige und runde Linien fließen in- und übereinander. Rechts verschwinden die Reihen der Symbole unter der Achsel, links löscht sie die Narbe aus. In der Mitte der verschlungenen Linien bilden zwei Mondsicheln aneinander gelehnt die Form einer Lilie. Das weißgraue Haar des Müllers erreicht  in unordentlichen Wellen gerade so die Schultern. Tondas Hände ziehen nach, was seine Augen sehen, hinauf und hinauf bis in den Nacken, dessen obersten Grat sie zögernd überschreiten. Mit sanftem Druck über die Schultergelenke und Oberarme wieder hinunter, Elle und Speiche entlang zu den Handgelenken, um die noch die Hemdsärmel ihre Falten werfen. Der Atem des Müllers fängt sich, ein Zittern durchläuft ihn.
„Was tust du da?“, wispert er, die Stimme tonlos und weich, ohne Gegenwehr, voll Sehnsucht.
Tonda gibt keine Antwort außer der Bewegung, die er langsam wiederholt. Er streift das Hemd endgültig von den Handgelenken des Müllers ab. Der dreht sich langsam zu ihm um. In seinem Blick liegen tausend Fragen und ein einziger, brennender Wunsch: Hör nicht auf.
Die Decke gleitet von Tondas Schultern, als er sich nach vorne lehnt. Er merkt es nicht, die Kälte ist ihm egal. Seine Fingerspitzen zeichnen die Schlüsselbeine des Meisters nach, unter denen sich die Brust in schweren, raschen Atemzügen hebt und senkt. Auf dem Brustbein des Mannes strahlt eine tintenschwarze Sonne.
„Tonda.“ Die Stimme ist kaum hörbar, als die Hände des Jüngeren über das Herz des Älteren hinweggleiten. Die Augenlider schließen sich flatternd über dem gesunden und dem zerstörten Auge. Tonda hebt die Linke, führt sie zur Stirn seines Meisters. Dorthin, wo die Narbe beginnt, die weiter unten sein Augenlicht auslöscht. Als er sie behutsam nachfährt, fällt eine silbrige Träne vom anderen Auge des Müllers, eine schimmernde Spur über die Wange malend. Tonda lächelt und schließt ebenfalls die Augen, schickt seine Hände auf Wanderschaft. Er hat keine Angst mehr.

Eine Weile lang gibt es keine Zeit mehr, nur noch Herzschlag und Atemzüge, die die Stille füllen, und das Wispern der Hände auf der Haut. Dann hebt der Müller langsam die Arme und flicht seine Finger zwischen die von Tonda. Die Bewegung endet, stahlgraue Augen blicken in ein einzelnes, das sich mit dunkler Traurigkeit sättigt.
„Das kannst du nicht wollen, Tonda. Nicht so. Nicht mit mir“, sagt der Meister. Er wirkt, als erwarte er nur, verletzt und zurückgewiesen zu werden. Der Anblick ist merkwürdig, fremd und gleichzeitig berührend, wo Tonda ihn doch nur als hart und zurückweisend kennt. Wie einige Stunden, ein Gespräch und ein paar Becher Wein diesen Mann plötzlich verwandelt haben. Tonda antwortet mit einem ehrlichen Lächeln, in das er alle Wärme legt, die er in diesem Moment empfindet.
„Ich will das. Wenn du es auch wünschst.“
Ein Funke von Unglauben glimmt im Blick des Müllers. Und brutale, lodernde Hoffnung, die ihn umso verletzlicher macht. Es muss lange her sein, seit ihn jemand so menschlich behandelt hat.
„Wenn ich es wünsche…“, wiederholt er langsam, sinnend, die Silben kostend. Sein Blick sucht etwas in Tondas Augen, ob er es aber findet, erkennt Tonda nicht.

Und plötzlich, unvermittelt, kehrt die Bitterkeit mit einer Wucht zurück, dass dem Gesellen kalt wird. Der Müller löst den Griff ihrer Hände, wendet sich ab, das Hemd wieder über seine Schultern ziehend. Angespannt und gleichzeitig zusammengesunken, mit abgewandtem Gesicht, sitzt der Meister vor ihm, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt und die Hände um die Oberarme gespannt.
Die Kälte zwischen ihnen fühlt sich an wie eine Mauer oder wie tausend Meilen Ödland, die unüberwindbar sind.

„Meister?“, fragt Tonda leise und streckt die Linke nach seiner Schulter aus. Der Meister hebt den Arm, wehrt ihn ab mit einer unwirschen Geste. Doch Tonda fürchtet ihn nicht mehr, fasst einfach seine Hand und hält sie. Seinen rechten Arm legt er um die Schultern des älteren Mannes, rückt näher und zieht ihn sanft an sich.
„Lass mich!“, zischt der Müller und versucht, ihn abzuschütteln, aber nicht heftig genug, dass es glaubhafte Ablehnung wäre.
„Nein“, flüstert Tonda nur und legt seinen Kopf auf die Schulter des anderen. Keine Gegenwehr. Die Spannung im Körper des Meisters lässt langsam nach. Wieder verbleiben sie für eine Weile in dieser Haltung. Draußen faucht der kalte Nachtwind um die Mühle, heult auf dem Dach wie ein Wolf.

Tonda lacht leise in den Nacken des Müllers hinein. „Wolfswind nannte ihn meine Mutter“, sagt er in die Stille. „Wilde Jagd. Ein Wind, der Menschenleben frisst wie die Schwalben im Sommer die Mücken. Wer nicht achtgibt, den holt er sich einfach. Um diese Jahreszeit durfte ich nachts niemals alleine nach draußen.“
Er spürt, wie der Müller tief Luft holt und dann den Atem langsam und beherrscht wieder ausstößt.
„Sie hatte Recht damit“, bestätigt er leise. „Dieser Wind holt sich vor Ablauf des Jahres noch ein Leben.“ Er dreht den Kopf leicht, Tonda spürt seinen Atem an der Stirn. „Heute Nacht sucht er nach dir.“
„Er hat mich schon gefunden“, wispert Tonda. Er umfasst den Müller sanft, verflicht ihre Finger wieder miteinander und schließt die Distanz zwischen ihnen. Der Rücken des Müllers ist warm an seiner Brust. „Doch der Sturmwind will mich nicht. Noch nicht.“
Er fühlt, wie sich der Meister in die Umarmung lehnt.
„Da irrst du“, entgegnet er leise, und festigt den Griff ihrer Hände. „Da irrst du sehr.“
Tonda lächelt. „Was hält ihn dann? Warum holt er sich nicht, wonach ihn verlangt?“
Der Müller zögert, dann dreht er den Kopf zu ihm, seine Wange liegt an Tondas Stirn. „Ich will dich jetzt noch nicht verlieren.“
Langsam hebt Tonda seinen Kopf. Seine Nase streicht die Kieferlinie des Müllers entlang, hinauf zum Jochbein, vorwärts, den Nasenflügel des anderen streifend hält er inne. Seine Lippen flüstern eine Einladung an den Mundwinkel des älteren Mannes. Und während er die Arme öffnet und den anderen tiefer in die Umarmung zieht, antwortet der Müller: Ihre Lippen streifen sich in einem zarten, langsamen Kuss. Nur der Hauch einer Berührung, doch das genügt ihnen. Ihr warmer Atem flackert über ihre Gesichter. Es gibt keine Distanz mehr, nur noch Hingabe.

Tonda bricht den Kuss genauso behutsam, wie er ihn begonnen hat, zieht sich zurück und steht langsam auf. Für einen Moment sinkt die Düsternis wieder auf das Antlitz des Meisters.

„Es ist kalt“, sagt er lächelnd, als würde das alles erklären. „Komm.“ Er fasst wieder die Hände des anderen und zieht ihn vom Bett hoch, an sich. Der Müller folgt ihm bereitwillig, ihn fragend musternd. Wie so oft ist sein Blick wieder unergründlich.
„Der Tod beschwört einen seltsamen Wahnsinn herauf“, meint er leise.
„Dieser Wahnsinn heißt Leben. Und je näher der Tod, desto mehr wollen wir leben.“ Tondas Hände umfassen liebevoll das Gesicht seines Meisters, seine Daumen streicheln die Schläfen. Er fühlt die Wärme des anderen, fühlt dessen Hände zögernd sich um seine Hüften legen. Er lehnt seine Stirn an die des Müllers. Schließt seine Augen und überlässt ihm den Anfang.
„Ich habe Angst“, hört er den Müller sagen. Tonda lächelt sanft und dankbar, er erkennt sein eigenes Bekenntnis in diesen Worten wieder und denkt an die spöttische Antwort des Müllers früher am Abend.
Er entgegnet ungleich sanfter: „Wovor?“
„Vor dir“, ist die ehrliche Antwort. „Vor deiner Macht. Vor der Ungewissheit unseres Weges. Vor dem Morgengrauen und mehr noch vor dem nächsten Atemzug.“
„Manchmal dürfen wir nur für das Hier und Jetzt leben, Meister. Und heute Nacht hat die Angst keinen Platz mehr zwischen uns. Ich habe dich zu lange gefürchtet. Wenn ich früher die Augen geöffnet hätte, was wäre dann aus uns geworden? Doch diese Möglichkeit ist vertan und nur Momente sind, was uns bleibt. Trotzdem – wir sind hier, die Zeit bis zum Abschied ist noch lang.“
Er atmet tief durch, sein Herz schlägt zum Zerspringen. Seine nächsten Worte gehen beinahe im Geheul des Nachtwinds unter: „Zeig mir also, wer du bist, Wolf, und hol mich. Ich bin hier und ich bin dein.“
Der Müller starrt ihn an, Wut und Verlangen liegen gleichermaßen in seinem Blick. „Wolf nennst du mich also. Wolf nannten sie mich auch damals, als ich mit dem Degen die Türken wie die Schafe riss. Und ist es hier nicht genauso?“
„Ein Wolf, der sein Rudel verlässt, ob verstoßen oder aus freien Stücken, der geht in Einsamkeit elendig zu Grunde“, sagt Tonda nur, während seine Hände unter den Hemdkragen schlüpfen und das Hemd wieder abstreifen.
„Verstoßen. Weggelaufen. Mag sein.“ Ein schwaches Lächeln zupft an den Mundwinkeln des Müllers.
Die wandernden Hände lenken ihn ab. „Tonda“, flüstert er, mit einer spielerischen Drohung in der Stimme. Sein Auge blitzt gefährlich auf. „Du spielst mit einem Feuer, das dich verbrennen wird.“
„Soll es“, sagt Tonda leichthin.

Und damit findet er sich erneut an der Wand wieder, seines Atems beraubt von einem stürmischen Kuss, wild und fordernd. So viel hungriger und auf eine seltsame Weise ehrlicher als die keuschen Küsse, die er mit Worschula getauscht hat, ist dieser von einer rauen Gewalt, gierig wie Flammen, zehrend wie ein Wintersturm. Er erwidert den Kuss mit ebensolcher Kraft, gibt sich hin und verlangt gleichermaßen. Dass sein Hemd neben das des Müllers auf den Dielenboden gleitet, bemerkt er kaum. Lippen und Zähne an seinem Hals, glutheiße Hände an seinem Rücken und dort, wo sie nicht mehr sind, die kalte Nachtluft wie Peitschenhiebe. Wie im Fieber fließt die Zeit, langsam, wie in Honig getaucht. Er fühlt nur noch den anderen, ihre Bewegung, ihren Atem und sein brennendes Verlangen. Schnell gewinnt er die Oberhand und drängt den Müller zurück. Neben dem Bett landen die Kleider des Älteren auf einem unordentlichen Haufen, während sich sein eigener Leib unter den Berührungen seines Meisters in flüssiges Gold verwandelt. Alles was er noch wahrnimmt, ist Hitze und Verlangen und eine Sicherheit, die er nie gekannt hat. Er will diesen Mann und er gibt sich ihm vollkommen hin. Sie lieben sich wild und ungestüm, auf dem Höhepunkt seiner Lust entschlüpft dem Müller Tondas Name. Sanft fängt Tonda ihn auf als die Kraft ihn verlässt. Schwer atmend zieht er die Decke über sie beide, den Schweiß von der Stirn seines Meisters küssend. Wortlos und atemlos ruhend sie beide beieinander, eingehüllt in ihre Wärme.

Eine Weile lang lauscht Tonda dem Herzschlag des Müllers, der lauter als sein eigener in der Stille dröhnt, hört zu wie er langsamer und leiser wird. Seine Hände streicheln sacht den Rücken des älteren Mannes, erkunden die Narbe als gelte es, eine Karte davon zu malen. Ihr Atem ist wieder ruhig geworden, als er endlich sagt: „Ich danke dir.“ Er meint es so.
Der Meister sieht ihn nur an, lange und forschend, als wollte er etwas sagen und fände keine Worte dafür. Schließlich murmelt er träge: „Du erlöst mich. Und gleichzeitig hast du mich verdammt.“ Sein Blick wandert weiter, fixiert sich auf etwas Ungewisses in der Ferne. „Der kommende Tag wird mich nun endgültig zerbrechen.“
Ehe Tonda antworten kann, löst er abrupt die Umarmung und wendet sich ab. Hinterlässt eine beißende Kälte auf der Haut des Jüngeren und eine starre Taubheit in seinem Herzen.
„Das kann nur geschehen, wenn du es zulässt“, sagt Tonda nach einer Weile und mit mehr Nachruck als nötig.
Keine Erwiderung.
„Bewahr' dir diesen Moment, Meister. Ihm wohnt genug Kraft inne, um dich durch schwerere Zeiten zu tragen.“
„Was weißt du schon“, entgegnet der schroff.
„Von diesen Dingen weiß ich genug, um es durch die acht Jahre hier bis zu dir geschafft zu haben. Und ich war dumm und klug genug, dir diese Kraft zu zeigen, die solche Moment mir gaben. Dumm war ich, denn ich werde dafür sterben. Klug war ich aber, weil du dich dadurch offenbart hast und ich nun dankbar sein kann, dass ich nicht durch die Hand eines völlig Fremden sterbe.“
Der Meister dreht sich zu ihm um, wild und verzweifelt lodert ein Funke seines Zorns in seinem Blick. Eine Frage keimt darin und während er noch versucht, die Antwort in Tondas Gesicht zu finden, spricht er sie leise aus: „Wie kannst du dich so einfach damit abfinden?“
„Mit meinem Tod?“
„Und dass ich dein Mörder bin?“

Tonda senkt den Blick, die Antwort fällt nicht leicht. „Ich kann es nicht abfinden nennen, Meister. Dass mich der Tod früher als andere ereilen würde, war mir immer klar. Ist ja selten genug, dass ein Hurenkind allein die ersten Wochen überlebt. Doch ich bin bei dir Altgeselle geworden. Alle meine Träume wurden übertroffen, jemand hat Vertrauen in mich lausigen Dieb gesetzt und mir Verantwortung gegeben. Ich habe Freunde gefunden, ich habe geliebt. Und jetzt sterbe ich eben, und meine Liebsten dürfen dafür am Leben bleiben.“ Er mustert den Müller nachdenklich. „Im Gegensatz zu dir bin ich nicht an Besitz und Güter gebunden und fürchte keinen Verlust. Wenn du das überwindest, wirst du merken, dass es nicht so schlimm ist, wie es scheint.“
Die Brauen des Meisters ziehen sich zusammen wie Sturmwolken am Nachthimmel. „Wie kannst du das sagen? So leichtfertig behaupten, dass ein Tod, so früh und sinnlos wie deiner, nicht schlimm wäre?“
„Es schreckt mich nicht mehr“, sagt Tonda mit einem Achselzucken. Langsam und bestimmt legt er seine Hand auf die schwarze Sonne, die unter dem Herzen des Älteren ihre Strahlen auffächert.
„Wollte ich leben, müsste ich dich umbringen und hätte deinen Platz hier auszufüllen, mit allem was dazugehört. Müsste selber töten um am Leben zu bleiben. Darin sehe ich keine Erleichterung.“
Der Müller misst ihn mit einem düsteren Blick voll Unverständnis: „Du bist wie ein Schaf, Tonda, dass du so denkst. So einfach aufgibst und dich von einem Wolf wie mir reißen lässt.“

In Tondas Augen spiegelt sich das traurige Lächeln auf seinen Lippen, als er mit leiser Stimme sagt: „Ich habe es einmal selbst gesehen, weißt du. Wie ein Wolf auf dem Felde ein Schaf riss. In einer bitterkalten Nacht umkreiste er lange die Herde, bei der ich schlief. Die Hatz dagegen war kurz. Ein einziger, gezielter Biss und das Schaf war erwürgt und tot. Es war nicht brutal oder zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war zum Überleben. Das Schaf war still ab dem Moment, wo sich die Kiefer des Wolfs um seine Kehle spannten. Als ob es wüsste, dass Gegenwehr nichts hilft. Als ob es alles wüsste. Es war nicht schlimm. Der Wolf war gnädig.“ Das Lächeln wird dunkler. „Wölfe und Schafe, Meister und Schüler. Jeder kämpft seinen eigenen Kampf gegen den Tod und jeder, jeder strauchelt irgendwann. Jede Reise und jeder Weg finden ihr Ende. Nichts daran ist schlimm. Und nichts so wichtig, wie der Schritt den du jetzt gerade tust.“

Der Meister schließt die Augen und atmet schwer aus. Es klingt erschöpft. Er sinkt neben Tonda auf die Laken. „Das Gerede macht mich müde.“
Sie schweigen. Liegen nebeneinander und könnten sich fremder nicht sein. Tonda lässt die Gedanken wandern.

Schließlich erhebt sich der Müller, geht zum Waschtisch und gießt aus der hölzernen Kanne Wasser in die Waschschüssel. Bedächtig beginnt er sich zu waschen, scheinbar stört ihn nicht, dass Tonda ihm zusehen kann. Tonda lauscht dem sanften Plätschern eine Zeit lang, dann setzt er sich auf. Lässt seinen Blick langsam über die zerwühlten Laken wandern, hinüber zum Meister. Der beendet gerade seine Waschung, leert die Schüssel in den Eimer und gießt frisches Wasser nach. „Wenn du magst...“, bedeutet er dem Jüngeren mit einem Blick über die Schulter. Tonda nimmt das Angebot dankend an. Während er sich wäscht, räumt der Meister den Tisch auf, kehrt mit der Schale in der Hand zurück zum Waschtisch und schüttet ihren Inhalt ebenfalls in den Eimer. Die irdene Schale stellt er daneben und steigt wieder ins Bett. Seinen Bewegungen wohnt eine Müdigkeit und Abgeschlagenheit inne, die ungewohnt ist. Verstohlen sieht Tonda zu ihm hinüber. Er liegt auf dem Rücken, mitten im Bett, die Decke halb über sich gebreitet, die rechte Hand flach auf seinem Bauch. Den linken Arm hat er erhoben, sein Gesicht ist in den Schatten unter der Ellenbeuge verborgen. Er wirkt entspannt und gleichzeitig ruhelos. An der Art, wie kontrolliert und flach er atmet, sieht Tonda, dass er aufgewühlt ist.
Auch Tonda leert nun die Waschschüssel, breitet den Lappen zum Trocknen über deren Rand. Dann liest er ihre Kleider vom Boden auf, legt die Kleidung des Müllers sorgfältig zusammen und stapelt sie neben dem Kopfende des Bettes.
„War das dein erstes Mal?“, fragt ihn der Müller plötzlich, als er gerade sein eigenes Hemd aufschüttelt, im Begriff es anzuziehen. Tonda sieht ihn neugierig an, mustert ihn ausgiebig, ehe er antwortet:
„Ja. Und nein.“
„Lass die Spitzfindigkeiten. Mit einem Mann, meine ich.“
„Nein. Aber das erste Mal, dass ich so dabei empfunden habe.“ Er lässt sein Hemd auf den Boden gleiten und setzt sich auf die Bettkante.
Der Meister betrachtet ihn mit unverhohlener Neugier. „So empfunden? Was heißt das?“
„Bei niemandem habe ich eine solche Hingabe erlebt wie bei dir“, sagt er frei heraus.
„So? Wie viele gab es denn?“
„Den ein oder anderen. Man tut viel für etwas Essen, wenn man ein schlechter Dieb ist und von Kindesbeinen an das Hurenhandwerk kennt“, ist Tondas ehrliche Antwort.

Soweit es in den Schatten zu erkennen ist, ist der Ausdruck auf dem Gesicht des Müllers kein missbilligender, doch die Antwort und was in ihr mitklingt gefallen ihm offensichtlich nicht. Sein Blick wird dunkel, bohrend. „Und hier auf der Mühle?“
„Nur du.“
„Im vergangenen Frühjahr, dachte ich, hattest du etwas Ernstes mit einem Mädchen im Sinn?“, horcht ihn der Meister weiter aus.
„Ja. Worschula.“ Tonda schluckt die Bitterkeit hinunter, die beim Gedanken an seine Geliebte aufwallt. Es entsetzt ihn trotzdem, wie beiläufig der Müller ihre Ermordung erwähnt. Gerade so, als spräche er über das Wetter von gestern. Das ärgert Tonda, und schroffer als nötig setzt er hinzu: „Ich liebe, wen ich liebe, Meister. Und ich gebe mich hin, wem ich will. Die Liebe macht keine Unterscheidungen.“
„Liebe“, der Müller spricht das Wort bitter aus, und leise. „Hat dich das heute Nacht hergeführt? Irgendeine verdrehte Gefühlsregung?“
„Keine Liebe zu dir, wenn du mir das damit unterstellen magst, aber ja. Damit hängt es zusammen.“
Statt einer Entgegnung wendet der Müller den Blick ab und stößt zischend die Luft aus. Es klingt enttäuscht und ärgerlich.

„Du wünschst es dir, nicht wahr?“, legt Tonda nach, denn er erträgt das plötzliche Schweigen auf die Fragerei nicht. „So sehr und stark wünschst du dir diese Liebe, dass du den Anblick bei anderen nicht erträgst und jedes bisschen Zuneigung im Keim erstickst. Aber das kann dir keine Erlösung bringen, nur weiteren Schmerz.“
Eine Antwort erhält er darauf nicht, aber die Stille verrät sehr deutlich auf ihre eigene Art, dass Tondas Worte angekommen sind. Die Hand auf dem Bauch des Meisters spannt sich an, dass sich helle Ränder um die Fingernägel bilden. Die Lippen des Älteren pressen sich aufeinander.
Versöhnlicher spricht Tonda weiter: „Ich werde dir nicht mehr helfen können, dafür ist es zu spät. Aber such dir einen, dem du vertrauen kannst. Ich mein es ernst. Das Versteckspiel hier schadet dir nur.“
Unschlüssig, wie er mit dem kalten Schweigen des Müllers umgehen soll, seufzt er lange, reibt sich die Schläfen. Sein Blick hat es lange aufgegeben, aus den Schatten um des Müllers Gesicht etwas herauslesen zu wollen, und so wendet er ihn auf seine Hände, zupft daran herum. Die Zeit wird lang, etwas in ihm drängt ihn, den Meister wieder zum Reden zu bringen.

„Dein erstes Mal war es auch nicht“, sagt er in die Stille. Die Frage scheint in die richtige Kerbe zu schlagen.
„Hatte ich das nicht gesagt?“, knurrt der Meister giftig.
„Doch“, lacht Tonda, die plötzliche Verstimmung des Müllers belustigt ihn, „hast du. Aber ich bin neugierig.“ Ein unheilvolles, breites Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. „Also. Wie viele?“, fragt er herausfordernd.
So etwas wie ein Lächeln zupft nun tatsächlich auch an den Mundwinkeln des Schwarzen Müllers. Er lässt sich auf das Verhörspiel ein. „Männer? Oder die Weiber und Huren auch?“ Wieder ist Tonda über seine Nachgiebigkeit erstaunt.
„Alles“, grinst er.
Der Müller stöhnt ärgerlich auf, doch es ist nur gespielt. Er rückt ein Stück zur Seite und hebt die Decke. Lächelnd schlüpft Tonda ins Bett. Ihre Oberschenkel berühren sich, aber keiner der beiden weicht zurück. Tonda legt sich seitlich und stützt den Kopf auf die Hand. Die andere liegt locker auf seiner Hüfte.

„Angefangen hat es mit einem anderen Müllerburschen nach meiner Lehrzeit. Er wurde später ebenfalls Zauberer.“, erzählt der Meister. „Wir waren zusammen auf der Walz, sind lange Jahre gewandert und waren gute Freunde. Eine bitterkalte Nacht auf freiem Feld hat das geändert.“ Er betrachtet Tonda nachdenklich, als wäge er ab, wie viel er erzählen solle. „Ich habe ihn geliebt, mehr als jemals hernach einen Menschen. Für ihn war's eine Schwärmerei, die nicht länger hielt als der Schnee auf den Feldern. Nach ihm kamen andere, meist nur für eine Nacht oder seltener einige wenige Tage. Dann, nach dem Krieg, nur noch die Huren. So etwas mit ihm gab es seither nicht wieder in meinem Leben.“
„Was ist aus ihm geworden?“, fragt Tonda sanft.

„Der Adler, der mich im Dienst des Sultans bekämpft hat“, sagt der Müller bitter. Sein Blick ist forschend, er lauert geradewegs auf eine Erwiderung. Tonda sagt nichts darauf, denn er weiß nicht, was er sagen könnte. Er hebt nur langsam den Arm, legt die Hand mit einer genau bemessenen Bewegung auf die Brust seines Meisters. Den Blickkontakt bricht er nicht dabei, blinzelt nicht einmal. Schließlich schlägt der Müller die Augen nieder, betrachtet Tondas Finger, die langsame Kreise ziehen. Je mehr er von der Geschichte dieses anderen Mannes erfährt, desto fremder wird er ihm. Je mehr er weiß, desto weiter tritt das bisher Angenommene in den Hintergrund, wird fern und bedeutungslos. Gleichzeitig wächst ein seltsames Vertrauen zwischen ihnen.
Nachdenklich zieht Tonda die Strahlen der schwarzen Sonne nach. In seinen Gedanken lacht sein vergangenes Selbst höhnisch über den keimenden Wunsch in seinem Herzen, den Wunsch, dem anderen Nahe zu sein um jeden Preis. Die Hand wandert weiter, dem Gedanken zum Trotz, zur Hand des Meisters. Die Finger tanzen zärtlich darüber hinweg, lassen sich Zeit auf ihrer Reise. Er lehnt sich nach vorn, während seine Hand einen Pfad findet, vom Unterarm hinunter auf die weiche Bauchdecke, dort mäandert, den Rippenbogen entlang, durch das Tal, das die Seite bildet, hinauf auf den Hüftknochen, wo er sie ruhen lässt.
Ihre Blicke begegnen sich wieder. Das Auge des Müllers spricht von Unsicherheit, von Erstaunen und Verwunderung. Und von Angst und Zögern. Tondas Augen antworten ihm mit einer stillen Sicherheit, Bekräftigung, Sanftheit. Lange führen sie ein stilles Zwiegespräch.

„Es ist mir ein Rätsel, Tonda“, sagt der Meister dann sehr leise, seine Stimme ist sinnend, „wie du mich so sehr wollen kannst. Ich sollte dich anwidern, du solltest mich hassen. Stattdessen liegst du hier bei mir und liebkost mich, dass mir die Sinne schwinden.“
Tonda rückt sacht näher, gerade so berührt er den Körper des Meisters. „Was hat der Hass mir eingebracht, Meister? Meine letzten Stunden will ich gern lächelnd begehen, jetzt, wo ich die Gelegenheit dazu erhalten habe.“
Für eine lange Zeit sind das die letzten Worte, die zwischen Ihnen gewechselt werden, doch das Gespräch geht weiter. Gesten und Blicke ersetzen die Sprache, ein langer Kuss folgt ihnen und fegt jede Distanz hinfort. Eine stumme Bitte um Vergebung und gleichzeitig die Vergebung selbst. Die Berührungen, die Tonda empfängt, sind von einer staunenden Ehrfurcht geprägt, langsam, aufmerksam und hingebungsvoll. Er kann nur wie gebannt genießen, was er da erfährt, überwältigt von einem tiefen stillen Glück. Unendlich langsam schmilzt die Fremdheit von ihnen ab, hinterlässt  Klarheit und einnehmendes Vertrauen. Der letzte Zweifel hüllt sich in Schweigen, nur noch Atem und Berührung tragen Bedeutung.

Zum zweiten Mal in dieser Nacht lieben sie sich, Tonda im Schoß seines Meisters, sein Becken langsam wiegend. Die Stirn des Älteren liegt an seinem Brustbein, seine Arme umfangen ihn sanft. Der Jüngere hört die genussvollen Laute, die der andere an seine Haut wispert und entlohnt ihn dafür mit zarten Küssen, mit dem Streichen seiner Hände. Sie lassen sich Zeit, kosten jeden Augenblick zur Neige aus. Am ganzen Leib zitternd findet der Müller seine Erlösung. Tonda zieht ihn in einen verlangenden Kuss, der ihm endgültig die Sinne raubt. Sein Atem geht in kurzen, unkontrollierten Stößen, fängt sich für einen Moment, löst sich wieder in einem langen, erschütternden Seufzen. Tonda unterbricht seine sanfte Bewegung erst, als er seinen Meister mit beiden Armen umfängt und ihn langsam auf die Kissen sinken lässt. Ungeachtet seiner eigenen Erregung gibt er dem Älteren Zeit, zu Atem zu kommen, streichelt und küsst ihn sacht. Bis er irgendwann die Hände seines Meisters spürt, wie sie langsam seinen Rücken hinunter wandern, seine Küsse erwidert findet und langsam die Oberhand verliert. Die Berührungen lassen ihn schmelzen wie Wachs unter der Sonne, langsam und unnachgiebig. Und wie unter einem seltsamen Bann gibt er sich vollkommen hin. Findet sich wieder in den Armen des anderen, der hinter ihm liegt und sanft seinen Nacken küsst. Dessen Hände ihr eigenes Spiel mit ihm spielen. Zeit und Ort sind vergessen, als ihn der Höhepunkt seiner Lust ohnmächtig macht. Er fühlt sich geborgen und befreit, brennt wie ein Stern. Sein Herz rast, während ihn tiefe Erschöpfung packt und er gleichzeitig hellwach ist. Um Atem ringend und mit hämmerndem Herzschlag dreht er den Kopf, leise lachend. Er blickt in ein Gesicht, das schön ist von der Ruhe und der Güte, von denen es erfüllt ist. Der Müller erwidert sein Lächeln, schließt die Augen, die Nase in Tondas Haar vergraben, und festigt ihre Umarmung. Der Wolfswind auf dem Dach singt sie langsam zur Ruhe. Herzschlag um Herzschlag vergeht, die Atemzüge des Müllers werden tiefer, er schläft ein.

Tonda liegt wach, lächelt in sich hinein. Er denkt in die Nacht in Dresden, an das traurige und aufrichtige Lächeln des Müllers, das er im Schutz der Dunkelheit erspäht hat. An die Art, wie der Fremde die Hand des Müllers hielt und wie sie leise sprachen. All die Jahre hat er dieses Bild nicht vergessen, hat nicht vergessen, dass es zum Schwarzen Müller noch eine gut verborgene andere Seite gab, die genauso menschlich, verletzlich und sanft war, genauso Trost suchte und brauchte wie jeder andere Mensch. All die Jahre war er auf der Suche nach dieser Seite, nach dem großen Geheimnis gewesen. Er hatte den Meister beobachtet, hatte gewartet, doch niemals zeigte er das geringste Bisschen von diesem Selbst. Je grausamer und kälter der Schwarze Müller seine Burschen behandelte, desto größer wurde der Drang in Tonda, die menschliche Seite des Meisters zu sehen. Die Stellung als Altgeselle hatte er willkommen geheißen als eine Möglichkeit, endlich die Brücke zu schlagen, die er brauchte. Doch der Abstand blieb. Statt zu schrumpfen, festigte er sich nur noch deutlicher. Sehr bald musste er begreifen, dass im Koselbruch Altgesell zu sein nicht bedeutete, zum Vertrauten des Meisters zu werden, sondern sich zum Werkzeug zu machen. Und so war er auch behandelt worden: Ein Machtinstrument, zum Greifen nahe und immer auf Armeslänge entfernt. Je mehr Zeit verging, desto mehr schwand sein Mut, das Schweigen zu brechen. Im Angesicht des sicheren Todes, als es wirklich nichts mehr zu verlieren gab, hatte er es gewagt und alles aufs Spiel gesetzt. Und wie zum Lohn ist sie jetzt sperrangelweit offen, die Tür zum inneren Kern dieses anderen Menschen, die durch den Schatten führt. Sie bleibt ihm offen, das Licht einer tiefen Erleichterung strahlt daraus hervor. Der Frieden, den er fühlt, nimmt ihm jede Angst. Befreit gleitet schließlich auch er in einen tiefen, traumlosen Schlaf, der ihn über Mitternacht hinweg ins neue Jahr hineinträgt.

Als er erwacht, ist das Bett leer. Es ist eiskalt in der Kammer, und dunkel. Im Zwielicht schwebt sein Atem als weißer Schleier von seinen Lippen. Das Fenster ist geöffnet, davor ist undeutlich der Umriss des Meisters zu erkennen. Der Wind faucht herein, lässt das Hemd des Mannes flattern. Der Geruch von Frost und Schnee und dem herben Rauch des verlöschenden Herdfeuers weht in die Stube. Tonda setzt sich auf, die Decke um sich gezogen.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll, Tonda“, hört er den Meister murmeln. Im Dunkel klingt die Stimme fremd und erhält ihre alte Bedrohlichkeit zurück. Tonda zögert. Er fühlt sich überrumpelt, Unsicherheit greift nach seinem Herzen und die Angst kehrt leise zurück. Es ist scheinbar Zeit geworden.
„Was meinst du?“, fragt er leise und steht auf. Die Decke um die Schultern, geht er vorsichtig hinüber zum Meister. Wieder ist alles offen und nichts wie es war. Eine Spannung baut sich unterschwellig auf, und er fühlt und fürchtet, dass etwas Unvorhergesehenes im Begriff ist, zu geschehen. Er bewegt sich auf trügerischem Grund, das weiß er.
Als er den schweren Holztisch umrundet, fängt ein metallisches Glänzen seinen Blick ein. Der Meister stützt sich schwer mit den Händen auf die Fensterbank. Vor ihm liegt ein langes Messer, von dem das spärliche Licht widerscheint. Tonda bleibt stehen, die Augen auf die Klinge gerichtet, gerade so außer Reichweite des Meisters. Sein Herz hämmert in seiner Brust. Im Dunkel ist es unmöglich, den Gesichtsausdruck des Müllers zu erkennen.

„Ein Leben muss jetzt gegeben werden“, sagt jener mit flacher, tonloser Stimme. „Der Pakt verlangt es. Doch nach dieser Nacht mit dir kann ich die Entscheidung nicht mehr treffen.“ Er klingt erschüttert.
„Die Entscheidung hast du schon getroffen“, antwortet Tonda. Dass der Müller jetzt zweifelt, ärgert ihn. „Ich gehe, du lebst. So einfach.“
„Nein. Das ist es nicht. Das ist es nicht wert.“
„Verspotte mich nicht, Meister“, warnt er. „Bisher war es dir jedes Leben wert. Das wird sich auch in dieser Nacht nicht ändern, nicht wegen der paar Stunden.“
„Ich verspotte dich nicht“, entgegnet der Müller und er klingt so gebrochen, dass Tonda die Kehle eng wird. „Es wäre Unrecht, würde ich dich töten. Nach allem...“
„Nein!“, ruft Tonda, lauter und schärfer als nötig. Wut packt ihn plötzlich. „Diesen Preis weigere ich mich zu zahlen. Du lässt die anderen in Frieden, hörst du mich. Mein Grab ist geschaufelt, mein Sarg steht im Schuppen und ich lasse nicht zu, dass morgen ein anderer als ich selbst darin liegt. Unrecht ist nur, was du all die Jahre zuvor getan hast. Mein Leben gebe ich dir aber willentlich, also nimm es aufrecht an und hör auf mit den Ausflüchten.“

Die Stille klingelt in seinen Ohren, nachdem er geendet hat, überwältigend und erdrückend. Er fühlt, dass der Meister ihn durch die Düsternis hinweg anstarrt. Ein leises Rascheln des Hemdes kündigt an, dass der Ältere sich ihm zuwendet. Mit kaum vernehmbaren Klingen nimmt er das Messer von der Fensterbank. Ein leises, helles Tröpfeln, eine Flüssigkeit rinnt vom Fensterbrett hinunter auf den Dielenboden. Im Zwielicht erkennt Tonda, dass eine dunkle Pfütze auf dem Brett zurückbleibt, ein gläsernes Fläschchen daneben.
Der Müller ergreift wieder das Wort, die Stimme rau wie Sand: „Eine vergiftete Klinge, Tonda. Doch wen soll sie treffen, sag mir?“
Tonda bemerkt, dass er sich nicht bewegen kann, wie festgebannt steht er da. Es ist der Wille des Meisters, das weiß er. Oft genug hat diese Kraft ihn schon gelenkt. Sein eigener Wille kämpft wie ein wildes Tier im Käfig gegen das Gefängnis an. Der Wunsch, dem Meister das Messer aus der Hand zu schlagen, zerreißt ihn beinahe.
„Du hast sie für mich bestimmt, Meister“, sagt er fest, doch er kann nicht verhindern, dass die Anspannung ein Zittern in seine Stimme mischt. „Also führ sie auch gegen mich.“ Er zwingt sich, nicht das Messer anzustarren, sondern dem Müller ins Gesicht zu sehen.
„Habe ich das?“, fragt der Müller. Die Frage scheint keine Antwort zu verlangen, als stelle er sie an sich selbst. Langsam hebt sich die Hand mit dem Messer, bis es senkrecht zwischen ihren Gesichtern steht. Die Stimme des Meisters ist hohl und trocken, als er weiterspricht, ohne Substanz wie in einem traumwandlerischen Selbstgespräch: „Was tue ich? Dich töten und weitermachen, als sei nichts geschehen? Einen anderen opfern und dich trotzdem verlieren? Mich selbst ins Messer stürzen und euch alle befreien?“ Ein freudloses Lachen. „Das eine gefällt mir ebenso wenig wie das andere. Also, Tonda? Wohin damit?“

Der Ärger flammt hell in Tondas Brust. Mit schierer Willenskraft durchbricht er die Starre, die der Schwarze Müller auf ihn gelegt hat. Schnellt vor und packt das Messer. Will es dem Müller aus der Hand reißen. Doch der gibt nicht nach.  Beider Hände um den Griff und umeinander gespannt, ringen sie miteinander um die Klinge. Tonda geht den Müller mit einer Gewalt an, die ihm fremd ist. Als hätte ihm der Zorn Kraft gegeben, als würde ein anderer seine Hände führen. Der Meister steht eisern dagegen, lockert seinen Griff um das Messer nicht ein bisschen. Tonda wirft sich gegen ihn. Beide kämpfen um ihr Gleichgewicht, für einen kurzen Augenblick ist es einzig noch das Messer in ihren Händen, das ihnen genug Halt gibt. Dieser Augenblick genügt. Tonda findet schneller seinen Stand, verlagert sein Gewicht, bringt den Meister ins Taumeln. Dessen Hände lösen sich. Das Messer gleitet ihm doch aus der Hand. Er setzt nach, zerrt an Tondas Händen. Eine einzelne ungeschickte Bewegung und die Klinge fährt dem Meister der Länge nach über die Brust. Als Tonda es in seine Gewalt bekommt und aus dem Fenster schleudert, ist es zu spät. Er starrt den klaffenden Schnitt auf der Brust des Älteren an, aus dem bereits breite Bäche dunklen Blutes über das Hemd quellen. Die Blutstropfen dröhnen wie Hammerschläge auf den Dielen. Der Schnitt ist tief, der Stoff saugt das Blut begierig auf.
„Nein“, haucht Tonda ungläubig. „Nein, nicht doch.“

Und der Meister wankt, die Rechte auf die Wunde gepresst. Ein leises, glucksendes Lachen entringt sich ihm. Er taumelt zurück und fällt schwer in den Lehnstuhl, das Gift entfaltet bereits seine Wirkung. Ein heiserer, qualvoller Husten schüttelt ihn.
Panik packt Tonda mit ihren glühenden Klauen, er muss etwas tun. Juro!, kommt ihm in den Sinn. Juro weiß, was mit Verletzungen zu tun ist! Hastig stürzt er zum Bett, packt sein Hemd und streift es über. Zurück zum Tisch, die Kerze mit einem Fingerschnippen entzündet. Das Licht reißt das Bild des Meister so jäh und schmerzhaft aus der Finsternis, dass es in den Augen weh tut. Im Auge des Meisters ist eine Ruhe, die Tonda mehr Angst macht als alles andere. Er sieht Tonda nicht an, blickt in den Raum hinein als stünde da noch jemand. Und er lächelt stummt. Es sind noch Momente, die vom Leben des Schwarzen Müllers übrig sind. Tonda drückt in stummer Bekräftigung die Schulter des Älteren und eilt los zur Tür, den Riegel grob zur Seite reißend. Die Tür fliegt auf, hinaus zur Kammer. Schon sind seine Füße auf der Stiege.

Ein grausiges, unirdisches Lachen ertönt plötzlich hinter ihm. Vom Grauen gepackt schaut er zurück. In der Kammer steht eine schwarze Gestalt, wie Rauch und Schatten, vor dem Müller.

Sein Fuß verfehlt den nächsten Tritt. Er strauchelt, stürzt.

Der Schmerz blendet ihn für einen Augenblick, raubt ihm die Besinnung. Als er wieder zu sich kommt, dreht sich alles um ihn. Sein Körper ist seltsam taub, gehorcht ihm nicht. Sein Herz hämmert noch immer wild vor Angst. Unter seiner linken Wange liegt kalt der gestampfte Erdboden des Hausflurs. Etwas warmes rinnt über seine Schläfe. Er riecht Blut. Er spürt an der Kälte in seinem Inneren, dass dies sein Ende ist.

Hinter ihm das Dröhnen von Schritten auf der Stiege, als käme es aus weiter Ferne.
„Tonda“, hört er seinen Namen, eine Stimme ruft ihn. Sie ist ihm bekannt, doch die Angst und die Sorge darin sind ihm neu. Der Meister kniet sich neben ihn, das Hemd nass und dunkel vom Blut, die Hände damit verschmiert. Der Schnitt auf seiner Brust schließt sich bereits, die grauen Strähnen verschwinden aus seinem Haar und die Falten aus seinem Gesicht. Die unverhohlene Angst jedoch bleibt.
Tonda lächelt nur, so gut er kann. Es ist gut, denkt er und hofft, dass der Müller ihn irgendwie versteht. Es ist gut, wiederholt er immer wieder im Geiste. Wie durch einen Nebel fühlt er die kühlen Hände seines Meisters auf seinem Gesicht. Gram erstickt dessen Stimme, Tonda versteht ihn nicht. In seinem Herzen aber begreift er klar und deutlich, wenngleich er die Worte nicht mehr hört.

Es ist gut, sagt er dem Müller nur und legt alle Versicherung und Wärme hinein, die er noch aufbringen kann. Er hat Angst vor der Kälte des Todes, doch dies ist wichtiger und seine Kraft schwindet zunehmend. Es fühlt sich an, als würde er leergekratzt, mit spitzen, scharfen Fingernägeln ausgehöhlt. Es ist kaum noch etwas übrig.
Hör mir zu, Meister. Ich bitte dich, fleht er und hofft, dass seine Bitte ankommt. Ein hoffnungsvolles, winziges Leuchten im Auge des Müllers und Tonda weiß, dass er gehört wird.
Lass diese Nacht und meinen Tod nicht vergebens sein, bittet er. Ändere dich, öffne dich, lebe wieder. Du bist nicht verdammt und verloren. Du kannst frei sein. Dies hier ist nicht das Ende. Versuch es, such einen Weg.
Wie, fühlt er den Müller antworten. Sag mir wie?

Er spürt die bodenlose Verzweiflung und Erschütterung des Anderen, und gibt seine letzte Kraft.
Der Weg wird dich finden, wie er dich auch heute Nacht gefunden hat. Vertrau darauf. Und befreie dich.
Die Antwort des Meisters hört Tonda nicht mehr, die Schwärze hüllt ihn gnadenlos ein. Das letzte Bild, das er sieht, sind die Tränen auf dem Gesicht eines Mannes, den er einmal gekannt hat und der jetzt zu etwas anderem geworden ist. Der wie jedes Jahr am Neujahrsmorgen verjüngt aussieht, doch die Verzweiflung in seinen Augen zeigt, wie zerstört er wirklich ist.



Im ersten Tageslicht finden die anderen Mühlknappen ihren Altgesellen am Fuß der Stiege, mit gebrochenem Hals in einer Lache seines eigenen Blutes. Er wird auf dem Wüsten Plan begraben, ohne Pastor und ohne Kreuz, wie es Brauch ist im Koselbruch. Der junge Krabat verlässt als letzter der Burschen die Grabstelle. Lange nachdem die Burschen zur Mühle zurückgekehrt sind, löst sich der Meister aus dem Schatten des Waldes und tritt ans Grab. In seinen Händen hält er den irdenen Becher mit dem gewürzten Wein, von dem sie am Abend zuvor getrunken haben. Schwer kniet er sich in den Schnee, spricht leise, unterbricht sich oft. Immer wieder trinkt er einen kleinen Schluck vom Wein. Was er sagt, wird nicht gehört, es ist nicht für die Ohren der Lebenden bestimmt. Den letzten Rest des Weins gießt er auf die Graberde, legt den Becher daneben und verlässt das Grab. Der Becher wird auch noch im nächsten Jahr dort liegen, unsichtbar unter Gräsern und Wildblumen.



Im folgenden Jahr erzählt der Schwarze Müller beim Hub des neuen Mühlrads zum ersten Mal aus seiner Vergangenheit. Wie der Winter kommt, ist er übellauniger als sonst und verschließt sich noch mehr. Einzig zu Lyschko, dem Schleicher, scheint er eine gewisse Verbindung zu finden. Dem bietet er seine Nachfolge an, erfolglos. Ebenso im Jahr darauf mit dem Krabat. Schließlich findet ihn der Altjahresabend zwei Jahre nach Tondas Tod am offenen Fenster in seiner Kammer, während um ihn herum die Mühle in Flammen aufgeht. Er hat sich nicht gegen Krabat gewehrt, nicht mehr als nötig. Und jetzt, zum ersten Mal, hat er keine Angst: Seine Gedanken sind bei Tonda. Und bei der Wolfsnacht, die ihn Hingabe gelehrt und alles verändert hat.




E n d e








Edit am 25.10.2015

Vielen Dank an Wolkenleopard für den freundlichen Hinweis. Ich habe nochmal einige Passagen etwas überarbeitet.
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