Die unsichtbare Revolte

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16
OC (Own Character)
02.07.2015
02.07.2015
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Man kann diese Geschichte als Fortsetzung von „Der Ausgestoßene“, aber auch als eigene Geschichte sehen.

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Etwa fünf Jahre vor der Handlung

Es war ein schöner Morgen. Der Himmel begann bereits, sich rosa zu verfärben. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Sonne aufging. Doch aus dem Inneren des OEP – Oberflächen-Erkundungs-Panzer – sah man davon nicht viel. Der Bunker befand sich ein gutes Stück von Stuttgart – oder Stugaart, wie die Barbaren diese Stadt inzwischen nannten – entfernt.
Doch Felia war der Meinung, dass es nicht richtig war, die Menschen an der Oberfläche noch als Barbaren zu bezeichnen. Seit der nukleare Winter vor etwa 200 Jahren sein Ende fand, brach in vielen Städten wieder allmählich die Zivilisation hervor. Aber Felias Meinung interessierte niemandem in Bunker. Sie galt schon immer als aufrührerisch, als eine, die das Leben in der vermeintlichen Sicherheit ablehnte, die doch tatsächlich nichts weiter als eine totale Isolation war.
Und so war sie auf die Liste gekommen, die viele der Bunkerbewohner zutiefst fürchteten. Die Bunkergemeinschaft hatte eine Liste erstellt, ein Verzeichnis über die Verwandtschaftsgrade in den Bunkern. Sie sollte sicherstellen, dass nur diejenigen miteinander verpaart wurden, die noch ehesten in der Lage sein würden, gesunde Nachkommen zu bekommen. Alle anderen wurden solange chemisch behandelt, bis sie nicht nur vollkommen unfruchtbar, sondern darüber hinaus auch noch impotent oder frigide waren.
Und Bunkerbewohner denen auffiel, dass die meisten derer die auf der Liste standen, nicht-europäische Wurzeln hatten, fanden sich nur zu schnell ebenfalls dort wieder. Felia, die nun beinahe 18 Jahre alt war – das Alter, in welchem einem Bunkerbewohner ein gesunder Partner zur Seite gestellt wurde – sollte ebenfalls derartig behandelt werden.
Das junge Mädchen trat ans Fenster des OEP. Dieses Fahrzeug bestand aus massivem Stahl, die Sichtkuppel war mit Panzerglas ausgestattet. Es war sehr länglich, sicher 30 Meter lang und bewegte sich auf Ketten vorwärts; ähnlich wie ein militärischer Panzer aus dem frühen 21. Jahrhundert. Der vordere Teil des OEP bestand aus einer riesigen Sichtkuppel, sodass das Fahrzeug groteskerweise fast wie eine Raupe aussah, die einen Astronautenhelm trug. Doch der harmlose Anblick täuschte, denn das OEP war mit starken Abwehrmechanismen ausgestattet.
Felias Augen waren blau, doch welche Haarfarbe sie hatte, oder vielmehr gehabt hätte, hatte sie nie erfahren. Manchmal stellte sie sich vor, welche Haarfarbe sie hätte haben können. Denn wie alle Bunkerbewohner war das Mädchen überall am Körper völlig kahl.
Der OEP gab seltsame Geräusche von sich, und blieb schließlich liegen. Felia erhob sich, doch einige der anderen Technos kümmerten sich bereits um den Schaden. Das war aber schon etwas eigenartig, denn gerade dieser OEP war noch gewartet worden, bevor sie losgefahren waren.
Im Bunker ging es sehr streng zu. Die Bunkerführung hatte schon kurz nach der Kometenkatastrophe beschlossen, dass in Zeiten in denen die Barbarei überhandnahm, und die Kultur im Niedergang begriffen war, die Menschen sich an etwas klammern sollten, was sie an ihre alte Kultur erinnerte. Und fortan wurde jedes Kind sehr streng patriotisch erzogen. Von Geburt an wurde Felia dazu angehalten, die Fahne zu achten und zu lieben. Und obwohl sie das aufsagte, was von ihr verlangt wurde, und nach außen vorgab, eine Patriotin zu sein, so wuchs ihre Verachtung auf ihre eigene Kultur doch immer mehr.
Im Versammlungsraum des Bunkers hing eine große Fahne, die ein Muster aus leicht schiefen Quadraten zeigte. Die Hälfte von ihnen war weiß, die andere Hälfte war hellblau. Jedes Kind musste vor dieser Fahne zitieren, dass man ein Deutscher durch Geburt sei, ein Bayer jedoch durch Gottes Gnaden.
Felia hätte fast sarkastisch aufgelacht. Vor der Kometenkatastrophe mussten die Menschen wohl eine sehr grausame Religion gehabt haben. Denn für sie war es eine Bestrafung, als die geboren worden zu sein, die sie war. Wehmütig sah Felia aus dem Fenster. Sie konnte niemals nach draußen gehen, den Wind auf ihrer Haut spüren, frische Beeren schmecken. Ihr Immunsystem war so geschwächt, dass sie nur einem dichten Schutzanzug draußen herumlaufen konnte.
Ein heftiger Schlag traf den OEP. Die Technos wurden von den Füßen gerissen. Quietschend verbog sich das Metall, als etwas von draußen versuchte, in den OEP hereinzukommen.
„Alarm, es ist ein Fuux! Alle zu den Waffen!“ rief einer der Technos.
Felia ergriff ihr Lasergewehr. Die Krallen des Tieres drangen bereits durch das Metall der Außenwand. Glücklicherweise trugen die Technos alle Schutzkleidung, sodass keiner von ihnen befürchten musste, von gefährlichen Bakterien oder Keimen angesteckt zu werden. Was bei einem gesunden Barbaren der Oberfläche zu einer harmlosen Erkältung führen konnte, würde ein durchschnittlicher Bunkerbewohner wahrscheinlich nicht überleben.
Der Fuux riss nun ein großes Loch in die Außenhülle und sah neugierig ins Innere des gepanzerten Fahrzeugs.
Mehr als 500 Jahre CF-Strahlung hatten die Fauna und Flora des Planeten zu monströsen Kreaturen mutieren lassen. Auch Füchse waren davon nicht ausgenommen. Noch vor der Kometenkatastrophe sollen diese Tiere so klein gewesen sein, dass ein Mensch sie mühelos in den Arm hätte nehmen können. Doch nun hatten Fuux und Mensch dieselbe Schulterhöhe. Zudem war der Fuux lang genug, als dass mehrere Menschen auf ihm hätten reiten können.
Ein Techno, der sich zu nahe an dem Loch befunden hatte, wurde von den Fuux gepackt und hinausgezerrt. Schreiend wehrte er sich, doch er hatte keine Chance zu entkommen. Einen Moment später tauchte das Gesicht des Tieres wieder in der Öffnung auf. Er wusste, dass er hier reichlich Beute machen konnte.
„Warum reagieren die Laserwaffen an der Außenseite nicht?“ fragte ein Techno.
„Benutzt eure eigenen Waffen.“ meinte ein anderer.
Felia zielte auf das rote Fell des Tieres und drückte ab. Doch es geschah nichts. Dummerweise hatte ausgerechnet sie eine defekte Waffe erwischt. Das dachte sie zumindest, bis sie sah, dass auch aus keinem der anderen Lasergewehre Schüsse kamen.
„Warum schießt denn keiner auf den Fuux?“ fragte sie.
„Die Lasergewehre sind defekt. Alle.“ antwortete eine entsetzte Stimme.
Inzwischen hatte der Fuux sich den zweiten Techno geschnappt. Die übrigen Technos schlugen mit Werkzeugen und anderen Gegenständen auf das Tier ein, obwohl sie wussten, dass sie keine Chance hatten. Doch Felia wollte sich nicht an einem aussichtslosen Kampf beteiligen. Sie warf ihr Lasergewehr mit voller Wucht durch das Fenster auf der anderen Seite des Fahrzeugs. Das Glas zersplitterte, und das junge Mädchen kletterte hinaus. Die Glasscherben zerschnitten ihren Schutzanzug, ließen ihre Haut jedoch unversehrt.
„Folgt mir! Von hier aus können wir fliehen.“ rief sie den anderen Bunkerbewohnern zu.
Keiner von ihnen rührte sich. Einige schüttelten sogar ihre Köpfe. Schließlich sagte eine Stimme: „Entweder erwischt uns der Fuux, oder die Keime tun es.“
Felia starrte sie noch einen Moment lang an. Dann sprang sie vom OEP herunter und rannte los, so schnell sie konnte. Der Fuux machte keine Anstalten, sie zu verfolgen. Schließlich hatte er ja schon reichlich Beute.

Als die junge Bunkerbewohnerin ihren Bunker erreicht hatte, war bereits die Sonne aufgegangen. Sie trat an die große Schleuse und öffnete den Kasten, der das Bedienfeld enthielt. Mit zitternden Finger gab sie ihren Öffnungscode ein. Doch die Schleuse reagierte nicht, stattdessen verkündete ein helles Summen, dass der Code nicht akzeptiert wurde.
Deutlich ruhiger gab Felia den Code noch einmal ein, völlig davon überzeugt, dass sie sich nur vertippt hatte. Doch wieder wurde ihr der Zugang verweigert. Sie öffnete das akustische Bedienfeld und sagte laut ihren Namen. Doch auch ihre Stimme wurde von dem System nicht erkannt.
„Dein Zugangscode ist nicht mehr gültig.“ erklang plötzlich eine Stimme.
„Ich bin es doch, erkennt ihr mich denn nicht?“ fragte Felia verzweifelt.
„Dir wird der Zugang verweigert. Du bist kontaminiert.“ sprach die Stimme weiter.
„Bitte helft mir. Ich will nicht so zugrundegehen.“ flehte Felia und lehnte sich an die Schleuse. Aus ihrem Körper wich nach und nach die Kraft.
„Nein.“ kam die Antwort. Sachlich und unnachgiebig.
„Bitte gebt mir eine Chance. Es gab doch schon Technos, die eine Kontamination überlebt haben.“ bat das junge Mädchen weiter.
„Nein.“ kam wieder die Antwort.
„Ihr könnt mich doch nicht einfach so krepieren lassen! Lasst mich herein. Ihr könnt mich in einem gesonderten Bereich unterbringen, wo keine Kontaminationsgefahr besteht. Wenn alles versiegelt ist, ist es unmöglich, dass sich die Krankheitserreger im Bunker verteilen.“ schlug Felia nun mit leichter Hoffnung vor, da ihr diese Idee gekommen war.
Und wieder erklang es: „Nein.“
Unter normalen Umständen hätte Felia einfach genervt entgegnet, dass ihr Gegenüber doch einfach glauben oder machen soll, was er will, da ihre Laune nun wahrlich zu gut sei, um sich derart nerven zu lassen. Doch das waren keine normalen Umstände. Felia wurde klar, dass ihre eigenen Leute sie dem Tod überlassen wollten.
„Wir verbrennen deine Überreste, sobald du krepiert bist. Schließlich brauchen wir keine Bakterienbrutstätte gleich vor dem Eingang.“ bestätigte die Stimme auch.
„Fahrt zur Hölle!“ schleuderte Felia dem Bunker entgegen. In ihrer Stimme schwangen Enttäuschung, Hass und Verzweiflung mit.
„Plötzlich religiös geworden?“ fragte die Stimme, nun mit einem leicht belustigten Unterton; einer Art von Belustigung, wie sie einer aussprechen mochte, der jemand andere erniedrigte, und dabei fest davon überzeugt war, dass dieser sich nicht wehren konnte.
Das gab Felia den Ausschlag, den Bereich vor der Schleuse zu verlassen. Als einzigen, kleinen Sieg wollte sie erreichen, dass wenigstens ihr Körper nicht den anderen Technos in die Hände fiel.
Felia ging und ging, ihre Schmerzen wurden allmählich von einer großen Taubheit verdrängt, und ihre Kräfte ließen immer mehr nach. Immer wieder fiel sie zu Boden und stand wieder auf. Als das Mädchen endgültig zu Boden fiel, und sie keine Kraft mehr hatte, um noch einmal aufzustehen, hatte sie den Fluss der mitten durch Stugaart floss, beinahe erreicht.
Lächelnd blickte sie auf das Wasser. Felia wusste, dass dieser Fluss einst Neckar hieß. Wie die Menschen ihn jetzt nannten, wusste sie nicht. Die ehemalige Bunkerbewohnerin schloss die Augen und spürte die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Ihren Schutzanzug hatte sie längst ausgezogen und irgendwo auf dem Weg liegengelassen.
Ein seltsames Klacken brachte Felia dazu, wieder die Augen zu öffnen. Über ihr standen zwei seltsame Mutationen gebeugt. Sie schienen Fische oder Amphibien zu sein, hatten zugleich jedoch auch einen humanoiden Körperbau. Felia hörte das Klacken noch einmal, und begriff, dass diese beiden Wesen wohl auf diese Art und Weise kommunizierten.
Felia sah genauer hin. Einer von ihnen hatte dunkelblaue Schuppen am ganzen Körper, der andere jedoch eher grüne. Das grüne Fischwesen schien etwas zierlicher und schlanker zu sein. Womöglich ein Weibchen, wie Felia vermutete. Aber sie machte sich keine Illusionen darüber, was die beiden Kreaturen mit ihr vorhatten. Die spitzen, scharfen Zähne, die in beider Münder sichtbar waren, hätten einem Hai alle Ehre gemacht.
Felia hoffte nur noch, dass es schnell vorbei sein würde, und schloss abermals ihre Augen, als die beiden Fischwesen sich über sie beugten.

Als Felia wieder aufwachte, fühlte sie sich seltsam eingewickelt. Sie versuchte sich zu bewegen, hatte jedoch nur wenig Erfolg.
„Sie kommt endlich wieder zu sich. Ich hatte schon befürchtet, dass wir ihr nicht mehr helfen konnten.“ sagte eine Stimme aufgeregt.
„Ich bin nicht umsonst einer der besten Ärzte am Grund des Atlantiks.“ entgegnete die andere Stimme, „Jemand muss den anderen Bescheid geben.“
„Vielleicht sollten wir doch noch warten. Aus irgendeinem Grund befreit sie sich nicht von den Algen.“ meinte nun wieder die erste Stimme.
Felia war nun überzeugt, dass sie nicht in ernsthafter Gefahr war. Andererseits schienen ihre Retter überaus sonderbar zu sein. Wie konnte man am Grund eines Ozeans ein Arzt sein? Und warum sollte sie in Algen eingewickelt sein?
„Jetzt wird mir klar, warum sie sich noch nicht selbst befreit hat.“ ließ sich die zweite Stimme vernehmen, „Menschen haben weder Fangzähne noch Krallen.“
Felia hörte, wie sich ihr Schritte näherten. Sie hörte eine Art rupfendes Geräusch und spürte plötzlich wieder klare Luft auf der Haut. Eines der Fischwesen lächelte sie an. Soweit man es als ein Lächeln bezeichnen konnte, einem Maul voller scharfer Zähne entgegenzusehen.
„Geht es dir gut?“ fragte das Fischwesen mit überraschend klarer Stimme.
„Ich bin noch am Leben?“ fragte Felia verwirrt.
„Ich habe Algen an dir gedeihen lassen, die ich im Labor gezüchtet habe.“ erklärte das Fischwesen, „Sie haben deinen Körper gereinigt und geheilt. Jetzt hast du wieder ein vollkommen funktionstüchtiges Immunsystem.“
Das andere Fischwesen verließ den Raum. Felia setzte sich erst auf, dann stand sie zögernd auf. Ihre Beine fühlten sich noch etwas kraftlos an, konnten ihr Gewicht jedoch tragen. Nun streifte sie auch die restlichen Algen ab und sah sich ihre Hände und Finger an. Sie fühlte sich noch ein wenig benommen, wurde aber stetig klarer.
Als Felia über ihren Kopf strich, zuckten ihre Finger zuerst zurück. Was war das nur seltsames auf dem Kopf? Es fühlte sich so flaumig an. Dann kam ihr schlagartig die Antwort in den Sinn.
„Haare.“ jubelte sie, „Endlich bekomme ich Haare. Das ist so schön.“
Felia streifte nun auch die restlichen Algen von ihrem Körper. Das Fischwesen wandte den Kopf ab. Der Flossenkamm auf dem Kopf des Wesens verfärbte sich gelb. Aus irgendeinem Grund waren die kahlen Wände plötzlich unglaublich interessant für ihn.
Das andere Fischwesen kehrte zurück. In dessen Begleitung war ein junger Mann. Ein Greeca. Felia schätzte ihn auf weniger als 20 Jahre. Als er sie sah, nickte er ihr zur Begrüßung zu, wandte dann aber ebenfalls schlagartig den Blick ab und musterte die Wände. Lediglich das andere Fischwesen warf ihr einen undeutbaren Blick zu.
Der Greeca war seltsam gekleidet. Er erinnerte Felia am ehesten an einen Ninja, doch seine Kleidung schien eher den Zweck zu haben, seinen Körper zu verhüllen, als kampftauglich und geschickt zu wirken. Und nun kam ihr die Kleidung auch plötzlich bekannt vor.
„Du gehörst zur Ej-El-Ef. Die Technos jagen euch als Terroristen, aber die Stadtbewohner scheinen deren Meinung nicht in jeder Hinsicht zu teilen.“ teilte das Mädchen ihr Wissen mit, und merkte plötzlich, dass sie von den anderen Technos so sprach, als gehörte sie nicht mehr zu ihnen. Aber entsprach das denn jetzt nicht der Wahrheit?
„Gut erkannt. Du machst einen schlauen Eindruck. Wir können dich gut in unseren Reihen gebrauchen. Vor allem wegen deinem Wissen über die Technos. Aber natürlich ist es deine Entscheidung. Wenn es dir lieber ist, darfst du gehen, sobald du vollkommen genesen bist.“ erklärte der Greeca, „Du hast ein neues Leben gewonnen, und musst es nicht riskieren, wenn du nicht mit voller Überzeugung zu uns stehst.“
„Ich möchte gerne mehr über euch erfahren. Wer ist denn euer Anführer?“ fragte Felia schließlich.
„Niemand. Wir entscheiden alles als Gleichberechtigte.“ sagte der junge Mann, das noch immer die Wand anstarrte, „Nur deshalb konnten wir uns den Technos solange widersetzen. Egal wieviele von uns sie töten oder gefangen nehmen, solange auch nur einer übrig ist, lebt der Widerstand noch.“
Es waren die Worte von jemanden, der von seinem Tun und Denken vollkommen überzeugt war. Sie beeindruckten Felia. Widerstrebende Gefühle wallten in ihr auf. Einerseits war ihr Leben ein Geschenk, doch andererseits war es notwendig, die Bunkerbewohner zu stoppen, bevor sie noch mächtiger werden konnten. Dazu kam noch, dass Felia ihnen nicht vergeben hatte, dass sie ihr die Hilfe verweigert hatten. Von all den Jahren im Bunker ganz zu schweigen.
„Du bekommst für deine Entscheidung soviel Zeit, wie du brauchst.“ merkte nun wieder das Fischwesen an, welches noch immer die Wand anstarrte.
Der Greeca zog seinen großen, schwarzen Pullover aus, und reichte ihn Felia; noch immer darauf bedacht, sie nicht direkt anzusehen.
„Vielen Dank.“ erwiderte Felia lächelnd, „Hier drin ist es so kühl. Außerdem fühle ich mich ohne die Algen irgendwie nackt.“
„Das dürfte daran liegen, dass du es bist.“ sagte nun das grüne Fischwesen, und meldete sich erstmals zu Wort.
Felia sah an sich herunter. Eilig riss sie dem Greeca den Pullover aus der Hand und streifte ihn über.
Einige Wochen später sollte Felia erfahren, dass eine englische Bunkergemeinschaft ein Serum entwickelt hatte, welches die Immunschwäche aufhob, und es den Bunkerbewohnern gestattete, die Oberfläche ohne Schutzanzug zu betreten. Das festigte ihren Entschluss, in den Widerstand zu gehen.

Die Zeit der Handlung

Cora´tar verließ die Transportqualle. Er schwamm durch das Wasser und trat dann ans Ufer. Die Transportqualle würde noch einige Tage lang im Wasser bleiben, und dann in die Stadt der Hydriten zurückkehren. Sofern er nicht zurückkam, um sie erneut zu benutzen. Aber das hatte Cora´tar nicht vor.
Der junge Mendrit wollte die Kulturen der Menschen kennenlernen. Sein letztes Abenteuer war auf einer abgelegenen Halbinsel weit im Norden gewesen. Dort hatten sich sehr primitive Barbaren den Lebensraum mit einem Rudel Taratzen geteilt. Und eigentlich hatte er auch von dort aus seine Reise beginnen wollen. Doch sein Onkel Nata´kel hatte ihm vorgeschlagen, zuerst zur Stadt zurückzukehren. Dort würde er ihn mit allem ausstatten, was für ihn notwendig sein konnte. Der OBERSTE und die anderen Hydriten hatten ihm bereitwillig gegeben, was er benötigte. Es schien fast so, als täte ihnen ihr abweisendes Verhalten nun Leid.
Cora´tar trug ein neues Kleidungsstück, welches aus bionetischen Pflanzenfasern bestand. Es war Schutzkleidung, die vor Angriffen von sehr aggressiven Meerestieren schützte. Die Zähne der meisten Raubfische konnten den Stoff nicht durchdringen, daher sollte er auch an Land vor aggressiven Tieren schützen. Und auch vor Schwertern und Pfeilen, falls es nötig sein sollte. Cora´tar hatte darum gebeten, dass sein Kleidungsstück anders aussah, als die der Hydriten, um sich unauffälliger unter den Menschen bewegen zu können. Nun ähnelte es stark einem der Kapuzenmantel, den die Menschen im Mittelalter ihrer Zeitrechnung getragen hatten. Momentan war der Anzug dunkelgrün, doch er konnte seine Farbe auf Wunsch des Trägers der Umgebung anpassen.
Sein Onkel hatte ich auch dazu geraten, hier sein Glück zu versuchen, wenn er eine menschliche Kultur suchte, die sich schon deutlich weiterentwickelt hatte. Nicht weit von hier befand sich ein kleiner Außenposten der Hydriten. Die Hydriten hatten ihre Städte wieder näher an den Küsten gebaut, nachdem der Komet die menschliche Zivilisation vernichtet hatte. Und nach allem was der Mendrit gehört hatte, pflegten die Hydriten hier sogar Kontakt zu den Menschen. Er wusste nicht, wie eng dieser Kontakt war und hoffte einfach auf das Beste. Vielleicht gab es hier sogar weitere Mendriten.
Cora´tar sah sich um. Er war erst 17 Rotationen alt, und daher sehr neugierig. Eine Rotation bei den Hydriten entsprach einem Jahr bei den Menschen. Er hatte deshalb viel über die Umgebung gelernt, in der er sich jetzt befand. Der Fluss aus dem er geklettert war, war von den Menschen einst Neckar genannt worden. Und nicht weit von hier befand sich die Stadt Stugaart, einst Stuttgart. Das Wasser des Flusses war rein und klar. Cora´tar wusste, dass es einst durch Umweltverschmutzung sehr verunreinigt war, doch 500 Jahre hatten ausgereicht, damit sich die Natur davon erholen konnte.
Der Mendrit erspähte rasch einen ausgetreten Pfad, der zu den Stadtmauern führte, die er schon sehen konnte. Es war nicht weit, und Cora´tar konnte es nicht abwarten, endlich auf Menschen zu treffen. Er hatte mehrere Menschensprachen gelernt, wusste aber, dass er hier nur die Sprache der Wandernden Völker brauchte. Diese Barbaren sprachen eine Sprache, die sich aus Deutsch, Englisch und Französisch zusammensetzte. Abhängig von der Region, waren andere Akzente stärker ausgeprägt. Hier in der Umgebung von Stugaart, mitten in Doyzland, würde wahrscheinlich der deutsche Akzent am stärksten ausgeprägt sein.
Der Mendrit war noch nicht weit gegangen, als er tatsächlich eine Gruppe von Menschen sah. Sie kämpften mit mehreren Bateras, die um sie herumkreisten, und dabei spitze Schreie ausstießen, die den Menschen sichtlich schmerzten. Diese hieben mit Schwertern und Speeren nach den Tieren, konnten sie aber nicht treffen. Cora´tar zog seinen Schockstab hervor. Diese Waffe war bei den Hydriten sehr beliebt. Sie sah in etwa wie ein menschlicher Teleskopschlagstock aus, war aber deutlich dicker und länger. Mit einem Schockstab konnte man Blitze verschießen, um einen Angreifer zu töten, oder lediglich zu betäuben, wie es die meisten Hydriten bevorzugten.
Der Mendrit stellte seinen Schockstab auf Betäubung und rannte auf die Menschen zu. Ein Batera, so lang wie ein menschlicher Arm, sah ihn und flog auf ihn zu. Cora´tar schoss Blitze auf das Tier ab, und holte es so vom Himmel. Die Blitze waren nicht unbemerkt geblieben. Einige der Menschen sahen zu ihm herüber, während die anderen noch immer die mutierten Riesenfledermäuse abwehrten. Es waren etwa ein Dutzend Menschen, und nicht einmal doppelt soviele Bateras, sodass Cora´tar schon gut ein halbes Dutzend von ihnen betäubt hatte, bevor die anderen merkten, was geschah.
Die übrigen Bateras flogen in die Bäume und brachten sich außer Reichweite. Sie musterten Cora´tar, und sahen immer wieder zu den Menschen und ihren bewusstlosen Artgenossen hin. Der Mendrit ging auf die Gruppe zu. Obwohl er sie gerettet hatte, waren sie misstrauisch. Jetzt bemerkte er auch, dass die meisten Menschen die dort standen, eher dunkelhäutig waren. Ganz offensichtlich waren es Tuurks, Italyas und Greecas.
„Seid gegrüßt, ich komme in friedlicher Absicht.“ sagte Cora´tar in der Sprache der Wandernden Völker.
Eine Weile antwortete niemand, und Cora´tar fragte sich schon, ob sie seine Sprache nicht verstanden hatten. Da sagte einer der Tuurks: „Verschwinde Zauberer! Wir trauen dir nicht!“
„Aber ich habe euch doch geholfen.“ antwortete Cora´tar etwas enttäuscht. Das Wort, mit welchem der Tuurk ihn bezeichnet hatte, kannte er nicht. War es vielleicht eine Bezeichnung für Fremde?
Cora´tar schlug seine Kapuze zurück. Sicher würden die Menschen ihm mehr Vertrauen entgegenbringen, wenn sie sein Gesicht sahen. Doch das Gegenteil war der Fall. Einige von ihnen wichen entsetzt zurück, während die anderen ihre Waffen hoben.
„Verschwinde Zauberer!“ wiederholte der Tuurk, „Wir sehen, dass die dunklen Künste deinen Körper verheert haben.“
Cora´tar wusste, wie er aussah. Als Mendrit hatte er zwar eine sehr menschenähnliche Gestalt, und auch solche Gesichtszügen, doch an seinem Körper war kein einziges Haar. Seine Haut wirkte leicht gräulich, wie die eines Delfins. Seine spitzen Ohren, die Reißzähne in seinem Mund, und die Schwimmflossen zwischen seinen Fingern und Zehen taten ein übriges. Diese Menschen hier erkannten zwar nicht seine aquatische Herkunft, aber für einen normalen Menschen hielten sie ihn trotzdem nicht.
„Nun gut, ich hatte ohnehin vor, nach Stugaart zu reisen.“ erwiderte der Mendrit und ging weiter den Weg entlang. Die Menschen machten ihm deutlich mehr Platz, als notwendig gewesen wäre; als fürchteten sie, von einer grässlichen Krankheit befallen zu werden, wenn sie ihn berührten.
Als er die Gruppe gerade hinter sich gelassen hatte, fiel Cora´tar etwas auf. Einer aus der Gruppe war zu einem der bewusstlosen Bateras gegangen und holte mit seinem Schwert aus. Der Mendrit streckte wieder den Schockstab vor, und betäubte ihn, bevor er das Tier töten konnte.
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