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When you're good to Mama...

KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
02.07.2015
02.07.2015
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Hey Leute!!!

Ja, es kommt mal wieder etwas Neues von mir.
Ich habe mir vor einigen Tagen zum ersten Mal den Film Chicago mit meiner Freundin angesehen. Gut, wir kannten ihn beide schon, aber sie meinte, dass sie gern mal etwas zu Mama Morton lesen würde.

Nun gestern hat mich dieser OS hier angesprungen und ich habe ihn für sie geschrieben.
Meine liebste Asia, ich hoffe, er gefällt dir.

Aber natürlich hoffe ich auch, dass er euch anderen Lesern gefällt. Wenn dem so ist - oder auch wenn dem nicht so ist - ich würde mich sehr über eine kurze Rückmeldung freuen.

Nun aber viel Spaß im Leben der Mama Morton - und wie sie zu dem wurde, was sie heute ist!
LG
Shira


___***___

Das kleine Mädchen rannte durch die verdreckten Straßen von Chicago, lachte aber dabei. Sie war wieder einmal ihren Brüdern entkommen, die sie jagen wollten. Nur sie war eben viel schneller und wendiger. Sie konnte schneller in den kleinen Gassen verschwinden und sich hinter Mülltonnen ducken.
Sie kannte die Straßen Chicagos besser als viele andere. Hier war sie zu Hause und hier war sie glücklich. Auch ohne ihre Familie und ganz besonders ohne ihren Vater.

Zum Stehen kam sie erst vor dem Knast. Dort hockte ihr Vater momentan. Er hatte vor zwei Jahren einen Mann versehentlich umgebracht. Sie glaubte ihm nicht. Der Mann war sein Arbeitgeber gewesen – und auch wenn sie nicht wusste, was ein Sesselpupser war – und ihr Vater konnte ihn nicht leiden. Er hatte immer wieder auf ihn geflucht, weil er angeblich nicht genug Geld für seine Arbeit bezahlte.
Man hatte ihn dann unter einem Stahlträger gefunden – und ihr Vater hatte am Kran gesessen, von dem der Stahlträger hing. Es hatte keine lange Untersuchung gegeben, er war schon nach wenigen Tagen ins Gefängnis gebracht worden. Ihre Mutter hatte danach nur noch auf ihren Vater geflucht – und gesagt, sie sollten den Namen nicht mehr erwähnen.

Und trotzdem kam sie immer wieder hierher, einfach um zu sehen, ob das Gefängnis immer noch stand. Sie wusste nicht einmal warum, aber dieses Gebäude hatte eine besondere Anziehung auf sie.
Es war eigentlich nur ein großer, grauer Kasten, der in der Umgebung stand und von hohen Mauern umgeben war. Aber es hatte auch eine große Ausstrahlung, irgendwie geheimnisvoll. Nichts, was dort passierte, drang wirklich an die Öffentlichkeit.
Klar, bei den Hinrichtungen drängten sich die Journalisten immer, doch sonst herrschte hier eine tiefe Ruhe. Sie starrte hoch zu den Zellenfenstern und meinte Schatten zu sehen – und auch wenn es falsch war, sie wünschte sich, dass sie wüsste, wie es im Inneren aussah. Ihre Mutter würde sie für solche Gedanken wahrscheinlich schelten, aber das war ihr egal. Sie konnte schließlich keine Gedanken lesen.

Noch einen letzten Blick warf sie auf das angsteinflößende Gebäude, dann drehte sie sich um und verschwand wieder zwischen den Gassen. Sie wollte vor dem Abendessen zu Hause sein – und möglichst auch vor ihren Brüdern. Sie kamen immer noch besser weg, wenn sie zu spät kamen, doch da sie selbst das einzige Mädchen der Familie war, musste sie sich vorbildlich verhalten.
Ihre Mutter verlangte inzwischen auch von ihr, dass sie wusste, wie man einen Haushalt führte. Doch sie lief lieber durch die Stadt und träumte sich in ein anderes Leben.
Aber eine Tracht Prügel – mit der ihre Mutter nicht sparte – wollte sie dann doch nicht bekommen, also lief sie schneller. Die Sonne stand schon ziemlich tief, doch noch hatte sie ein bisschen Zeit.

„Latifa, schön dass du endlich auch kommst…“, rief ihre Mutter streng, als sie in die Treppen hochlief.
„Entschuldige, Mama…“, murmelte sie.
„Geh dir die Hände waschen und wo sind schon wieder deine Brüder?!“
Innerlich jubelte das Mädchen, sie war tatsächlich vor ihren Brüdern hier. Das war doch wirklich mal ein gutes Zeichen. Schnell wusch sie sich die Hände und setzte sich dann an den Esstisch.
Ihre Mutter kam hinterher und tat ihr ein bisschen Maisbrei auf den Teller. Dann schaute sie auf die Uhr. Es war gerade um sechs und ihre Mutter schaute noch einmal streng auf die Tür.
„Gut, wenn deine Brüder nichts essen wollen, dann bekommen sie auch nichts. Guten Appetit, Latifa!“
„Danke, Mama…“, murmelte sie leise und begann hastig zu essen. Sie hatte nur heute Morgen noch etwas gegessen.

Ihre Brüder kamen erst eine Viertelstunde später, womit sie sich von ihrer Mutter eine heftige Tracht Prügel verdienten und ohne Essen ins Bett geschickt wurden. Doch Latifa hatte einiges an Essen aus der Küche geschmuggelt und schaute ihre Brüder nun scharf an.
„Dafür nehmt ihr mir drei Wochen Spüldienst und zwei Wochen Wäsche ab!“, verlangte sie.
„Aber…für das bisschen Essen…“, versuchten sie noch zu protestieren, doch Latifa schüttelte nur den Kopf.
„Wenn ihr das Essen haben wollt, dann müsst ihr mir die Arbeit abnehmen. Wenn nicht, dann freue ich mich!“
„Ach, verdammt, wir machen es!“
Latifa nickte. Damit hatte sie gerechnet. Ihre Brüder konnte man eben immer noch mit solchen Sachen ködern. Und eigentlich konnte man alle Menschen in einer Notlage mit der Aussicht auf etwas Positives zu allem bringen.


Und nach diesem Motto lebte sie auch heute noch – auch wenn sie heute nicht mehr Latifa genannt wurde. Heute war sie Matron ‚Mama‘ Morton. Vor zwei Jahren war ihre richtige Mama gestorben und ihr Vater hatte eigentlich das Sorgerecht bekommen. Inzwischen war er auch wieder aus dem Gefängnis, hatte aber noch keinen Beruf gefunden.
Ihre Brüder hatten sich von der Familie abgewendet, doch sie konnte das nicht. Ihr Vater hatte verlangt, dass sie wie ihre Mutter bei reichen Familien putzen ging, doch sie hatte sie geweigert. Mit Putzen wollte sie sich sicher nicht ihren Lebensunterhalt verdienen – auch sie hatte noch ihren Stolz.

Und genau diesen konnte sie hier behalten. Sie war wieder einmal am Gefängnis gewesen, als ein Polizist sie ansprach. Er meinte, dass man im Mörderinnentrakt noch jemanden suchen würde, der dort die Aufsicht führte – und sie sagte zu. Endlich hatte sie die Möglichkeit das Gefängnis von Innen zu sehen.
Er nahm sie mit, brachte sie aber zuerst in ein tristes Büro. Es wurde von einer kleinen, nackten Glühbirne erhellt, die Wände waren kahl und der Schreibtisch zerschrammt. Doch dadurch wanderte ihr Blick sofort zu dem Mann, der hinter dem Schreibtisch saß. Er hatte eine Glatze und war selbstverständlich weiß. Seine stechenden Augen durchbohrten sie.

„Du willst also hier anfangen?“, fragte er sie geradeheraus.
Jetzt oder nie!, dachte sie sich. Das war vielleicht ihre einzige Chance jemals aus ihrem Dasein als Schwarze herauszukommen.
„Ja, das will ich!“
„Wie heißt du?“, fragte er weiter.
„Latifa Morton.“
„Gut, Matron Morton, du wirst sicher verstehen, dass wir noch einen kleine Überprüfung durchführen müssen, doch wenn du willst, kannst du dir gleich deinen neuen Arbeitsplatz ansehen!“
Sie schluckte. Oh ja, sie wollte. Vielleicht hatte sie es jetzt tatsächlich geschafft.
„Bringen Sie unsere neue Matron in den Mörderinnentrakt, dort wird man sie brauchen.“

Ihr erster Blick fiel auf eine junge Frau, die an der Zellentür lehnte und sich die Vorbeigehenden anschaute. Hier ließ der Polizist die junge Frau stehen und sie fand sich einer Insassin gegenüber.
„Haste eine Zigarette?“, wurde sie auch gleich angehauen.
„Was bietest du mir dafür?“, fragte sie zurück. Wenn sie hier bestehen wollte, musste sie sich gleich einen Namen machen. Es hing alles von diesem einen Tag ab.
Die Insassin schon ihren Kittel hoch und zeigte eine Zehn-Dollar-Note. Sie schien es wirklich nötig zu haben. Latifa nickte, dafür würde sie ihre Zigaretten teilen.
„Gute, zehn Mäuse gegen eine Zigarette…“, gab sie zurück. „Erst Geld, dann Ware“, schob sie noch hinterher.
„Gut!“
Latifa bekam das Geld und gab dann die Zigarette ab. Schon am ersten Tag um zehn Mäuse reicher, das war doch wirklich eine gute Ausbeute. Ein winziges Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht.
„Hey, Mama…“
Irritiert drehte sie sich um.
„Ja, genau du…ich will auch eine, ich bezahl sogar zwanzig Mäuse!“, knurrte eine zweite Insassin. Das war doch mal ein Angebot. Latifa nahm an und verdiente noch mehr Geld. Sie hatte sich nicht vorgestellt, dass es hier so einfach werden könnte.

Latifa fand am Ende des Ganges einen Stuhl, von wo sie aus alle Insassen im Blick hatte. Die meisten unterhielten sich über den Gang hinweg und zwei pafften Zigaretten. Nun sollten sie, ihr war es recht.
Sie beobachtete einfach nur, wollte herausfinden, mit welchen Leuten sie es hier zu tun hatte. Klar war, dass sie alle Mörderinnen sein musste – sie alle hatten jemanden umgebracht. Und trotzdem schreckte es sie nicht ab. Sie lebte mit einem Mörder unter einem Dach, das hier war fast das Gleiche.
„Hey, Mama…“
„Warum nennst du mich so?“, fragte sie endlich. Schon vorhin war sie so angesprochen worden.
„Du kümmerst dich doch jetzt um uns, oder? Mit dir kann man handeln…“, gab die Insassin zurück. Das war ein Argument.
„Was willst du?“
„Hast du vielleicht auch Wimperntusche dabei, meine Verhandlung ist nachher!“
Latifa klopfte sich ab. Eigentlich benutzte sie sowas nicht, aber sie hatte heute etwas geschenkt bekommen, von irgendeiner Frau, die wohl der Meinung war, dass sie bedürftig wäre. Also wenn man sich mit Mascara etwas machen konnte.
„Ja, habe ich! Fünfzig Dollar!“
„Wucher!“, fluchte die Insassin, doch sie verschwand von den Gitterstäben im Inneren der Zelle. Latifa ging zu ihr und schaute in die Zelle. Über die Matratze gebeugt, suchte sie anscheinend wirklich das Geld zusammen.
„Hier!“, meinte sie, als sie die gesamte Summe gefunden hatte.
„Ich bin beeindruckt!“
Sie holte die kleine Flasche Mascara heraus und reichte sie der Insassin. Diese stellte sich gleich vor einen Spiegel und schminkte sich.

„Hey, Matron, der Boss will mit dir sprechen!“
„So, Ladys, dann gehe ich jetzt wieder!“
Sie meinte ein leises Seufzen hinter sich zu hören, doch es kümmerte sie nicht. Vermutlich würde sie ohnehin wiederkommen. Aber man hatte sie hier schon mal angenommen – vermutlich hatte sie genau das richtige getan.

„Also, die Überprüfung hat ergeben, dass Ihr Vater hier einmal eingesessen hat. Nun, das geht Sie nichts an. Also wir nehmen Sie. 57, 30 Dollar pro Monat.“
Er reichte ihr die Hand – und sie schlug ein. Das war ein Angebot, das sie unmöglich ablehnen konnte. Eine bessere und vor allem feste Bezahlung würde sie nirgends bekommen.
„Gut, dann fangen Sie heute an. Die Insassen kennen Sie ja schon. Lassen Sie sich nicht die Haare vom Kopf fressen!“
Ein leichtes Lachen legte sich auf ihre Lippen. Oh nein, sie würde eher den Insassinnen die Haare vom Kopf fressen.

Ein Klopfen unterbrach sie und ein junger Mann mit strahlenden grauen Augen ein. Er hatte ein kleines Lächeln auf den Lippen und eine Aktentasche unter dem Arm.
„Billy Flynn, ich will Katherina Reynolds abholen!“
Der Mann hinter dem Schreibtisch nickte und wies dann auf Latifa.
„Sie wird Sie hinbringen!“
Damit wandte er sich wieder seinen Akten zu – sie waren dann wohl entlassen. Latifa verschwand sofort und dieser Billy schien ihr zu folgen.
„Billy Flynn.“
„Ja, das habe ich mitbekommen…“, gab sie zurück.
„Ich bin Anwalt, ich vertrete wahrscheinlich Ihre Insassinnen!“, sprach er weiter.
„Wer ist es momentan?“
„Katherina Reynolds, hat ihren Ehemann und ihren Liebhaber erschossen, soll eigentlich hängen, doch wenn heute alles gut geht, dann kommt sie vermutlich frei!“
Latifa lächelte leicht, der Mann war ihr doch irgendwie sympathisch. Er wirkte wie jemand, dem man einfach vertrauen musste. Das war ihm sicherlich im Gerichtssaal hilfreich, die Geschworenen würden ihm sehr leicht vertrauen – und er könnte ihnen sicher fast jede Geschichte auftischen und sie würden ihm glauben.

Zusammen mit Billy Flynn blieb sie vor der Zelle stehen, wo sie vorhin der Insassin das Mascara gegeben hatte. Als sie Billy Flynn sah, schenkte sie ihm ein verruchtes Lächeln und es schien so, als wüsste auch sie, dass sie schon bald als freie Frau hier herausgehen würde. Und auch Latifa wusste das.
„Gehen wir…“
„Billy…Billy, warte bitte…ich habe die 1.000 Dollar zusammen!“, wurde er noch von einer anderen Frau angesprochen.
Latifa zog die Augenbraue hoch. 1.000 Dollar, das war eine wirklich ordentliche Summe. Damit konnte man auf lange Sicht reich werden. Wenn er wirklich so gut war, wie es diese Summe versprach, dann würde dieser Trakt hier nicht mehr allzu lange belegt sein.
„Gut, dann setzen wir deine erste Verhandlung für die nächsten Tage an…“, meinte Billy mit einem kleinen Lächeln, dann war er auch schon wieder verschwunden.
Latifa nahm sich vor, zu diesem Mann eine gute Beziehung zu pflegen, das würde ihr auch noch eine gute Geldquelle bescheren.

„Mama, ich brauche die neue Zeitung! Billy hat gesagt, dass die neue Pressekonferenz veröffentlicht wurde!“
Auch wenn Jahre vergangen waren, sie war immer noch hier. Seit diesem ersten Tag hatte sich wenig verändert.
Gut, Billy nahm jetzt statt 1.000 Dollar 5.000 Dollar pro Frau und auch ihre Preise hatten sich erhöht. Aber sie liebte irgendwie alle ihre Kinder hier, denn nichts anderes waren sie. Die meisten sehnten sich tatsächlich nach jemandem, der auf sie Acht gab und der ihnen half. Auch wenn sie für ihre Hilfe etwas verlangte, den Mädchen hier tat es gut, wenn sie endlich lernten mit Geld umzugehen.
„Du weißt was das kostet, Schätzchen!“
Sofort schoben sich fünfzig Mäuse zu ihr und sie reichte Velma Kelly ihren Artikel. Dann musste sie gehen. Heute würden die Neuen ankommen und darunter eine für ihren Trakt. Sie wusste noch nicht viel, nur dass sie Roxie Hart hieß und ihren Liebhaber umgebracht haben soll.
Und damit war ihr auch klar, dass sie wohl Billy Flynn brauchte, um hier wieder herauszukommen. Der Staatsanwalt, der sich sehr über Billys Erfolge ärgerte, hatte schon gemeint, dass sie noch vor Weihnachten hängen würde.

Nun wollte sie die kleine Mörderin erst einmal kennenlernen und schauen, wie weit Roxie ihren Grundsatz verstand. Denn hier galt immer noch der Grundsatz: When you’re good to Mama, Mama’s good to you!
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