Let's stay awake and listen to the dark

GeschichteRomanze, Angst / P12
Ansgar von Lahnstein Lydia Brandner
25.06.2015
25.06.2015
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Es fängt an mit einem Anruf. “Kannst du uns besuchen kommen? Ich... Nick hat nach dir gefragt.”
Vielleicht fängt es aber auch mit schnippischen Bemerkungen von Tanja oder Sebastian an, verteilt über die Jahre hinweg, immer eine Variation aus: “Lydias Geburtstermin ist ja bald” oder “Wenigstens kann ich meine Tochter besuchen, wann immer ich will, weil mich ihre Mutter nicht hasst. Soll ich deinen Sohn von dir grüßen?”
Vielleicht fängt es aber auch nie wirklich an, sondern hat nie aufgehört, in fünf Jahren, zu vielen gescheiterten Beziehungen, zu vielen gewonnenen und verlorenen Machtspielen, zu vielen Menschen, die ihn hassen und all die Jahre haben nichts daran geändert, dass es nur eine Person gibt, die er bereut.
Manchmal glaubt Ansgar, dass es nur seine Erinnerung ist, die Lydia zu diesem perfekten Engel in seinen Gedanken macht, dass sie in Wirklichkeit Abgründe und dunkle Geheimnisse hatte, aber eigentlich weiß er, dass das nicht wahr ist.
Er kannte sie in und auswendig, sie war der perfekte Engel seiner Erinnerung. Sie war gutherzig und warm und verzeihend und einfühlsam und er weiß nicht, wie er sie jemals dazu gebracht hat, sich in ihn zu verlieben, aber er bereut es jeden Tag. Denn er hat Lydia nie verdient, hat nie etwas getan, dass ihre Liebe zu ihm gerechtfertigt hätte.

Er besucht sie in Neuseeland. Nick ist fünf Jahre alt und Lydia sagt: “Nick, das ist dein Papa” und Ansgar sieht einen lebensfrohen, lachenden Jungen vor sich, der fröhlich “Hallo Papa” sagt und ihn umarmt. Mit fünf Jahren hat er anscheinend noch nicht verstanden was es heißt nachtragend zu sein.
Während Nick die Arme um seinen Bauch geschlungen hat, starrt er Lydia mit feuchten Augen an. Er hofft, dass sie das Danke darin lesen kann. Sie lächelt.

Ein paar Monate später schickt er ihr ein Flugticket nach New York.
Ich bin für ein Geschäftsmeeting da und hätte danach frei. Ich würde mich freuen, wenn wir uns sehen könnten.  -Ansgar
Er ist überrascht, als sie wirklich kommt, genauso überrascht wie das erste Mal, als sie seinen Kuss erwidert und mit ihm geschlafen hat, genauso überrascht wie all die Male, die sie nicht gegangen ist, obwohl sie jeden Grund dazu gehabt hätte. (Einmal ist sie gegangen und er war nicht überrascht.)
Ansgar lädt sie in ein Café ein und es ist erstaunlich unkompliziert. Sie erzählt von ihrem Leben in Neuseeland, von ihrer Arbeit und von Nick. Sie erwähnt niemand anderen, den sie in Neuseeland zurück gelassen hätte und Ansgar fragt nicht nach. Sie trägt keinen Ehering.
Lydias Augen sind immer noch groß und warm, ihre Stimme klingt immer noch weich und sanft beim Erzählen und er möchte sie immer noch vor jedem in der Welt beschützen, der ihr wehtun könnte. (Ihm selbst.)
Am nächsten Tag zeigt er ihr New York, die Touristen-Attraktionen wie die Freiheitsstatue und das Empire State Building (sie steht oben auf der Plattform mit dem Wind in ihren Haaren und er will sie nicht mehr gehen lassen), aber auch seinen Lieblingsitaliener versteckt in einer der vielen New Yorker Seitengassen.
Abends umarmt sie ihn zum Abschied. Sie fühlt sich immer noch zierlich und zerbrechlich in seinen Armen an, obwohl sie eigentlich so viel stärker ist als er. Sie hat die Kraft zu gehen.

Bei seinem nächsten Businesstrip nach Paris schickt er ihr wieder ein Ticket.
In dieser Nacht schläft sie mit ihm und er weiß nicht, was es bedeutet, er weiß nur, dass er seit fünf Jahren das erste Mal wieder neben ihr aufwacht und er hat sich niemals lebendiger gefühlt.
Keiner von beiden redet darüber und es gibt tausend Möglichkeiten, in die das Ich hab' dich vermisst, das Ansgar auf der Zunge liegt, gepasst hätte, aber er spricht es nicht aus.
Diesmal küsst sie ihn zum Abschied, lange und mit viel Gefühl und er erinnert sich an die hochschwangere Frau vor fünf Jahren, die ihn nie wieder sehen wollte. Er möchte sie fragen, ob sie unglücklich ist, ob das der Grund dafür ist, dass sie die Flugtickets annimmt, aber die Worte bleiben genauso unausgesprochen wie alles andere zwischen ihnen.

“Sie müssen nicht vorbei kommen, wir können das ganze auch per Videokonferenz regeln”, schlägt sein Geschäftspartner in Amerika ihm vor. “Nein danke, ich möchte Sie lieber persönlich kennen lernen.” Es ist eine Lüge, aber Ansgar hat Lydia seit einem Monat nicht gesehen und er kann sie nicht nach Düsseldorf einladen, er kann nicht nach Neuseeland fliegen und er kann nicht ohne einen Grund einen Wochenendtrip buchen (eine Konversation mit Tanja darüber, warum er Erholung auf den Malediven braucht, ist wirklich nicht hoch auf seiner Wunschliste).
Also schickt er ihr wieder ein Ticket nach New York und danach den Monat eins nach London und dann China.

Es ist nicht so, als würden sie nicht miteinander reden.
Lydia erzählt von Nick mit leuchtenden Augen und irgendwann fällt Ansgar ein, dass sie noch nichts von Kim weiß und der Ausdruck in Lydias Augen, wenn er über seine Tochter redet, ist überrascht. Als hätte sie vergessen, wie sehr er seine Kinder liebt, als hätte sie alles vergessen, was jemals gut und liebenswert an ihm war.
Sie reden über die Sterne und fremde Länder und alles und jeden. Sie meiden gefährliche Themen, wie vertraute Namen und vor allem die Tatsache, dass Ansgar nur noch ein Hotelzimmer mit nur einem Bett bucht und sie morgens in kleinen Cafés frühstücken gehen und Lydia ihm lachend Sahne aus dem Mundwinkel wischt.

“Du arbeitest zu viel”, wirft Kim ihm vor und Ansgar ist kurz davor sie zu korrigieren, denn er kommt gerade aus Chicago wieder und er hat nur einen Tag von den fünf die er da war wirklich gearbeitet. “Das ist schon dein dritter Businesstrip diesen Monat”, sagt sie vorwurfsvoll. “Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen du läufst vor etwas davon.”
Auf das unausgesprochene Weiß ich es denn besser?, das in der Luft hängt, antwortet er nicht.

“Was sind wir?”, flüstert sie in seinen Nacken um zwei Uhr nachts in einer fremden Stadt in einem fremden Hotel.
“Sag du es mir”, antwortet er. Sie antwortet nicht. Er weiß nicht, ob er enttäuscht sein soll, dass sie es genauso wenig definieren kann wie er.

“Hast du mir jemals verziehen?”, fragt er sie. “Und du mir?”, antwortet sie.
Es ist ein Spiel zwischen ihnen, eines mit dem sie ernsthaften Fragen aus dem Weg gehen und niemals eine vernünftige Konversation führen.
Aber dieses Mal ist es anders, denn statt zu schweigen fragt Ansgar ungläubig: “Was soll ich dir denn verzeihen?” und sie lacht. “Ich habe deinen Sohn mit ans andere Ende der Welt genommen?”
“Naja, ich hatte es verdient.”
“Ja”, sagt sie und hört auf zu lachen. “Ja, du hattest es verdient. Und ja, ich habe dir verziehen.”

Er schläft seit einem Jahr mit Lydia, als ihm zum ersten Mal ihr Name in Düsseldorf rausrutscht. Es ist nicht gegenüber Tanja oder Sebastian (das ist eine Unterhaltung, die er nicht führen will) und auch nicht gegenüber Kim. Es ist gegenüber Hannes, beiläufig “Lydia hört genau die gleiche Band”. Hannes war damals nicht jung genug, um sich nicht daran zu erinnern wer Lydia ist, aber jetzt ist er älter und skeptischer und er fragt seinen Vater mit hochgezogenen Augenbrauen “Werde ich mich denn jemals mit Lydia darüber unterhalten können?” und Ansgar sagt “Vielleicht” und es ist kein Nein mehr.

“Was sind wir?” “Zusammen”, antwortet Ansgar auf ihre Frage und sie lächelt, immer noch strahlend und hell und er gibt ihr zwei Tickets für einen Urlaub in Kalifornien, eine Woche lang. “Ich hab' nachgeguckt, Nick hat in der Zeit Ferien. Ich... Wir könnten...”
Sie küsst ihn als Antwort.

Eine Woche Kalifornien kann er Kim nicht als Geschäftsreise erklären, also sagt er “Ich muss mich da um was kümmern” zu jedem, der neugierig genug ist und niemand hinterfragt es, denn er ist Ansgar von Lahnstein. Sein Schwiegersohn zieht die Augenbrauen hoch und kommentiert trocken: “Solange es nicht um Diamanten oder Goldschmuggel geht.” Kim tritt Emilio unterm Tisch, aber Ansgar sieht, dass sie sich Sorgen um ihn macht.
“Nein, nichts dergleichen”, antwortet er und guckt Kim in die Augen. Sie glaubt ihm.

Die Woche in Kalifornien fühlt sich an wie ein Stück aus einem gestohlenen Leben, mit einem Sohn, den er nie hatte und einer Frau, die er vor fünf Jahren für immer verloren hat.
Lydia schreibt viel und macht Fotos und ab und zu wirft sie ihm Blicke zu, von denen er weiß dass sie Siehst du, in den Jahren ohne dich war ich frei und konnte fliegen bedeuten und er bereut, dass er sie jemals hat einsperren wollen.
Ansgar kauft Nick zu viel Eis und ist zu bemüht, aber Nick ist fünf, also interessiert er sich hauptsächlich für seinen Schwimmreifen und seinen Fußball und den Nintendo, mit dem Lydia ihn abends eine Stunde spielen lässt, und weniger dafür, ob Ansgar zu angestrengt versucht ein gutes Verhältnis zu ihm aufzubauen.
Abends am Strand hält er Lydias Hand und sie sagt “Matthias und Nathalie wissen, dass ich mit dir hier bin.” Er fragt nicht nach, was sie gesagt haben, denn er kennt ihre Meinung von ihm. Er kann es ihnen nicht verübeln.
“Sie wollen wissen, ob ich wieder nach Düsseldorf zurück will.” Er kennt ihre Antwort, noch bevor sie den Satz anfängt. “Ich habe nein gesagt. Und ich weiß, dass du nicht nach Neuseeland willst.”
Er antwortet nicht, aber er lässt ihre Hand auch nicht los. Er kann sie nicht mehr gehen lassen.

Er schickt ihr eine Mail mit Fotos von Häusern in der ganzen Welt verteilt. Als sie ein “?” zurück sendet, ruft er sie an und sagt “Ich gehe mit dir überall hin.” Sie atmet scharf ein, weil sie weiß, was er aufgibt.
“Würdest du mich für sehr kitschig halten, wenn ich sagen würde Ohne dich bedeutet mir meine Macht und mein Reichtum gar nichts?”
Ihr Lachen ist ein Geschenk von dem er nicht weiß, womit er es verdient hat.

Nick ist in Neuseeland aufgewachsen und spricht beinahe besser Englisch als Deutsch, also einigen sie sich auf Florida. (“Ansgar, du kannst uns keine Green Cards kaufen, sowas muss man beantragen und dann warten!” “... Willst du wirklich fünf Jahre warten oder lässt du mich meine übrigens vollkommen legalen Kontakte anrufen?” “... Fein.”)
Kim weint, als sie ihm sagt, dass er weggeht und Hannes ist öfter im Internat als zuhause, aber es fühlt sich trotzdem so an, als würde er ihn verlassen.
Sebastian und Tanja reagieren beide unerwartet gelassen und mit weniger Spott als erwartet. Vielleicht sind sie selbst zu verliebt, um es ihm schlecht zu reden, dass er für die Liebe seines Lebens alles aufgibt. “Ich hätte das gleiche getan”, flüstert Tanja ihm beim Abschied ins Ohr und er weiß, dass es stimmt, dass sie Sebastian überall hin folgen würde. Zum ersten Mal bewundert er sie dafür, statt sie zu verachten.

Mit Lydia zu leben ist nicht so idyllisch wie sie nur ab und zu am Wochenende zu sehen, aber es ist viel, viel leichter als früher. In Düsseldorf war jeder Schritt ein Kampf, hier ist alles einfach und sie haben ein großes Haus und Nick nennt ihn “Papa” und wenn er ins Englische wechselt “Dad”, als hätte er nie etwas anderes getan, als wäre Ansgar nicht die ersten paar Jahre seines Lebens am anderen Ende der Welt gewesen.
Manchmal fragt er sich, ob Nick ihm dafür Vorwürfe machen wird, wenn er älter ist, aber Lydia küsst ihn auf die Wange und sagt: “Er muss uns beiden Vorwürfe machen” und obwohl er weiß, dass es ganz allein seine und niemals ihre Schuld ist, ist er ihr so dankbar, dass es wehtut.

Lydia schreibt und Ansgar arbeitet in einer Firma als Manager (nichts, was irgendetwas mit dem Namen Lahnstein zu tun hat) und manchmal streiten sie laut und heftig und manchmal schreit Lydia Vorwürfe, die Jahre zurück liegen, aber auf ihre Streits folgt kein kaltes Schweigen mehr, sondern warme Nächte und Aussprachen und all die Dinge, die Ansgar nie in einer Beziehung hatte und nie haben wollte, nie mit jemand anderem außer ihr.

Nathalie und Matthias kommen zur Hochzeit, nicht ganz ausgesöhnt, aber auch nicht mehr feindselig und nach einigen Protesten lädt Ansgar so gut wie jeden ein, mit dem er in Düsseldorf je ein Wort gewechselt hat. Zu seiner Überraschung kommt fast seine ganze Familie, selbst die, von denen er überzeugt war, dass sie ihn abgrundtief hassen, wie Helena und Rebecca. Tanja kommt unter Protest, weil sie Hannes nicht alleine fliegen lassen wollte und Sebastian will die Gelegenheit wahrscheinlich einfach nur für einen netten Familienausflug nutzen.
Emma und Nick, beide gerade acht geworden, sind das ganze Wochenende ein Herz und eine Seele und obwohl sie nur über zwanzig Ecken miteinander verwandt sind, versucht Ansgar alles zu tun, um eine Brieffreundschaft zu verhindern. Es reicht, dass er sich das Sorgerecht für Hannes mit Tanja teilen muss, Emma als Schwiegertochter würde er nicht verkraften.
Nico umarmt ihn lange und fest und sagt: “Ich wusste immer, dass sie dich besser macht. Ich dachte nur nicht, dass sie dich so viel besser gemacht hat. Jetzt verdienst du sie nämlich auch.” Er glaubt ihr.

“Ich liebe dich und ich werde immer ehrlich zu dir sein”, ist Ansgars Ehegelübde und Lydia laufen Tränen über die Wangen, als sie es erwidert.

Alexandra Martina von Lahnstein, die von ihren Eltern liebevoll Lexie genannt wird, hat Lydias blonde Haare und Ansgars Nase.
Kim hält sie weinend in den Armen, selbst hochschwanger und sagt vorwurfsvoll (immer noch schniefend): “Ich kann nicht glauben, dass meine Schwester und meine Tochter gleich alt sein werden, das ist alles deine Schuld”, und Ansgar fragt strahlend: “Also ist es ein Mädchen?” und sie nickt und hält lächelnd die Hand über ihren Bauch.

Lexie ist laut und lacht viel und als Nick 15 ist und sie 5, trägt er sie überall wo sie hinmöchte auf seinen Schultern hin. Lydia lacht oft, dass sie schon jetzt alle um ihren Finger gewickelt hat und Ansgar schaut seine Frau mit hochgezogenen Augenbrauen an und erwidert: “Von wem sie das wohl hat?” Lydia streckt ihm die Zunge heraus.

Es ist nicht perfekt, aber Ansgar vermisst Düsseldorf nur an den Tagen, an denen seine jetzige Firma zu langweilig und nicht korrupt genug ist und es ihn unter den Fingern juckt jemanden zu erpressen um die ganze Sache zu beschleunigen, aber diese Person ist er nicht mehr (außer vielleicht wenn er mit seinem Börsenmakler telefoniert).
Wenn Lydia morgens Pfannkuchen anbrennen lässt (“Wir brauchen keine Köchin, Ansgar, wir haben schon jemanden, der für uns putzt, irgendwas müssen wir auch selbst auf die Reihe kriegen!”) und Lexie und Nick sich Dinge quer durch's Haus zuschreien, weiß er wie Glück sich anfühlt.

“Wenn du etwas liebst, lass es gehen”, zitiert er und Lydia küsst ihn auf die Wange und antwortet: “Ich wäre immer zu dir zurück gekommen, ob nach fünf oder nach zwanzig Jahren. Wir brauchten nur Zeit.”
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