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Hangover in Santa Barbara

von Durhin
KurzgeschichteHumor / P12 / Gen
Burton 'Gus' Guster Carlton Lassiter
25.06.2015
25.06.2015
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Test, Test, Test.
Mal sehen was ihr davon haltet ;)
Die Story ist aus Sicht von Carlton Lassiter geschrieben.
Have Fun!
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Mein Schädel dröhnte seltsam stumpf und auch der Rest dessen, was ich meinen Körper nannte, hatte sich entschieden, sich matt und erschöpft anzufühlen. Insgesamt hatte ich den Eindruck, gerade gekaut, runter geschluckt und wieder hin gekotzt worden zu sein.
Das klang unappetitlich, ich weiß. Stellte aber bildlich gesprochen ungefähr meinen derzeitigen Zustand dar. Als ich versuchte, blinzelnd die Augen zu öffnen, durchfuhr meinen Schädel ein unendlicher Schmerz, genau in dem Moment, wo das Licht auf meine Netzhaut knallte. Das entlockte meiner Kehle übrigens augenblicklich ein schmerzvolles Stöhnen.

Weniger hatte ich jedoch damit gerechnet, dass ich eine Antwort auf mein Stöhnen bekam: Ein wenig begeistert klingendes Brummen. Und das kam grob aus Richtung meiner Brust. Mein Gehirn versuchte daraufhin das anzuschmeißen, was gemeinhin als „Verstand“ bezeichnet wurde. Leider verweigerte eben dieser die Arbeit und entlohnte mich stattdessen mit pochenden Kopfschmerzen.
„Ich sterbe…“ Diese Feststellung krächzte ich mehr, als das ich sie wirklich sagte. Meine Stimme hatte sich schon lange nicht mehr so heiser und fertig angehört.
Was zum Henker hatte ich gestern eigentlich getrieben?

„Du stirbst schon nicht, Lassie…“
Scheiße, meine Brust konnte nicht nur Brummen, die konnte sogar sprechen!
Ich riss meine Augen auf und schloss sie gleich wieder: Es war eindeutig zu hell hier. Dennoch: Ich musste es unbedingt schaffen, meine Augen aufzubekommen, denn nun regte sich auch etwas an meiner Brust. Und das gab ein leises Schmatzen von sich.

„Wie spät isses eigentlich?“ Wieso hörte sich die Stimme meiner Brust bitte schön nach Burton Guster an?! Wenn es schon schräg werden musste, dann wohl offenbar richtig. Erneut wagte ich einen zaghaften Versuch, meine Augen zu öffnen und wollte sie sofort ganz aufreißen:
Auf meiner Brust räkelte sich Guster in Lebensgröße. Die Augen auf Halbmast und… war das da Sabber an seinem rechten Mundwinkel?!?

Guster vegetierte eine ganze Zeit lang vor sich hin – für mich gefühlt eine Ewigkeit. Dann schmatzte er erneut leise, blickte in meine Augen und runzelte dabei ganz langsam die Stirn, wobei die Falte immer größer wurde.

„Lassie… was machen Sie in meinem Bett?“ Sein Bett?
Mein Blick wanderte umher. Scheiße, das war wirklich nicht mein Bett. Und die Wohnung kannte ich auch rein gar nicht. Aus Fragen wurde Panik.
Was war gestern passiert?

Wie zu erwarten, stellte sich allmählich auch bei Guster ein großes Fragezeichen ein. Wobei er den Fehler tat, und etwas vorweg nahm, denn: Er hob die Bettdecke an und erstarrte. Wir hatten noch nicht einmal die erste Frage geklärt – nämlich, wie ich zu Guster ins Bett gekommen war. Nun prangte dort eine zweite, wesentlich größere Frage:
Wo ist meine Kleidung?“ Ich glaube, ich klang gerade ein ganz bisschen wie ein Mädchen: Mit vor Panik heller Stimme, piepte ich eher etwas atemlos. „Ihre Kleidung?! Scheiße, ich hab auch nix an außer meiner Boxershorts und… steht da „Ho, ho, ho“ auf ihrer Unterhose?!“

Warum in Drei Teufels Namen betrachtete Gus jetzt meine Unterhose so genau?! Das war mir unangenehm. Nicht nur wegen der Aufschrift, sondern eigentlich eher, weil damit auch mein Bestes Stück näher betrachtet wurde – unbeabsichtigt, wie ich immer noch hoffte.

„Würden Sie die Freundlichkeit besitzen und woanders hin schauen?!“ Ich glaube, ich wurde rot. „Tut mir leid, irgendwie ist das wie ein Unfall… man kann einfach nicht wegschauen.“ Eventuell sollte es mich beruhigen, dass auch Gus knallrot wurde. Und immerhin: Als ich demonstrativ die Bettdecke runter drückte, hatte ich den Bann meiner Unterhose gebrochen und Gus blinzelte erleichtert. „Gut, ich möchte noch einmal auf das Thema zurückkommen: Wie zum Teufel bin ich in Ihrem Bett gelandet, Guster?!“

„Schreien Sie mich nicht so an, Lassie. Ich weiß es doch auch nicht. Ich habe einen Kater epischen Ausmaßes und je mehr ich darüber versuche nachzudenken, desto mehr Schmerzen erleide ich. Also… das hier ist meine Wohnung, wenn ich das richtig sehe. Und ich habe immer Aspirin im Haus. Was halten Sie davon, wenn wir erst einmal damit anfangen?“

So im Nachhinein: Gar keine schlechte Idee.
Es half zwar unserem Gedächtnis nicht wirklich auf die Sprünge, doch immerhin sorgte es für ein angenehmes, Schmerz abflauendes Gefühl. Das Licht war auf einmal nicht mehr ganz so grell und der Verstand nahm einigermaßen seine Tätigkeit wieder auf.

„Ich fasse mal zusammen: Wir sind halbnackt gemeinsam in Ihrem Bett aufgewacht und können uns nicht dran erinnern, was letzte Nacht passiert ist. Habe ich was vergessen?“ Dem Gesichtsausdruck von Gus nach zu urteilen nicht.

Plötzlich begann der allerdings wie wild in seiner Hose rumzuwühlen, die er auf dem Boden entdeckt hatte. „Was wird das?“ „Keine Ahnung, aber in Hangover 1-3 schauen die grundsätzlich auch immer als erstes in ihren Taschen nach, um zu rekonstruieren, wo sie letzte Nacht gewesen sind.“

Klang in gewisser Hinsicht sogar plausibel.
Und ich hätte da gerne mitgemacht, nur war meine Hose in der kompletten Wohnung nicht aufzufinden. Nebenbei bemerkt: Diese Tatsache beruhigte mich nicht gerade…

Trauriges Fazit nach 5 Minuten der Suche?
Wir waren essen, in einem Lokal, dessen Name weder Guster noch mir auch nur im Entferntesten etwas sagte. Und das war schlimm, denn eigentlich habe ich immer von mir behauptet, mich gut in Santa Barbara auszukennen.
Pustekuchen.

Guster lieh mir eine von seinen Hosen. Keine Frage: Die saß nicht ansatzweise so, wie eine Hose eigentlich sitzen sollte, doch besser als weiterhin mit meiner wenig vorteilhaften Unterhose durch die fremde Bude zu rennen. Dass der Jüngere dann auch noch ein Hemd in annähernd meiner Größe hervorzauberte, machte mich einen Moment lang glücklich:
Das Gefühl der Nacktheit wich zurück.

Auf die Straße traute ich mich dennoch nicht. Denn Kleidung war eine Sache. Nackt war ich aber trotzdem.
„Nein, Guster, das können Sie vergessen! Ich werde Ihre Wohnung nicht verlassen. Nicht so.“ „Haben Sie etwas gegen meinen Kleidungsstil, oder was?!“ empörte sich Guster augenblicklich. Mich ließ das blinzeln. „Was?!“ hakte ich irritiert nach. Sein Kleidungsstil?

„Ach, machen Sie sich nicht lächerlich. Jede Kleidung ist besser als ohne Kleidung. Nein, das meine ich nicht. Doch… ich bin unbewaffnet.“ Letzteres gestand ich eher leise. Momentan fühlte ich mich nämlich gerade ziemlich schwach und unterlegen, auch wenn ich rein theoretisch an Körperkraft immer noch den meisten Menschen weit überlegen war.

Guster blinzelte mich sekundenlang an, dann lachte er los. „Lassie, Sie sind genial.“ Was war daran bitteschön so witzig? „Wir sprechen uns wieder, wenn halb Santa Barbara von Ihnen hinter Gittern gebracht wurde und jeder nur auf die Gelegenheit wartet, SIE umzubringen!“ schnappte ich beleidigt zurück. Vorsicht war besser als Nachsicht. „Lassie, los jetzt! SOFORT!“

Wow, seit wann hatte Guster diesen Befehlston drauf? Und das Lächeln des Jüngeren war auch weg. Eingeschüchtert spurtete ich lieber. Brav setzte ich mich neben den Pharmavertreter in die sogenannte „Blaubeere“. Ernsthaft: Wer gibt seinem Fahrzeug einen solchen, herabwürdigen Namen!?! Ich würde mich abgrundtief schämen. Für Frauen… ok: O’Hara hatte mal verlauten lassen, dieser Name wäre „süß“, aber als Kerl?

„Gut, wie war noch mal die Adresse?“ Guster war bereits auf halbem Wege und fragte mich trotzdem immer mal wieder. Bis wir schließlich vor diesem schäbigen… Restaurant anhielten. Restaurant.
Hm, das war genau genommen nicht mal ein Imbiss. Das war ein Haufen vermoderter Bretter, die von rostigen Nägeln zusammengehalten wurden.

Ich konnte sehen, wie Gusters Augen immer größer wurden. „Da haben wir gegessen?!“ Man konnte ihm förmlich ansehen, wie alles in ihm nach einer Tetanusspritze schrie. Ganz ehrlich? Ich glaube, ich sah gerade nicht anders aus der Wäsche. Nicht zimperlich zu sein, ist ja eine Sache, aber das… das war wie Russisch Roulette, nur dass statt einer Patrone alle in die Pistole eingesetzt wurden.

„Ok. Wir gehen da jetzt rein. Zusammen. Und wir werden in Erfahrung bringen, was gestern passiert ist, ok?!“ Mein kläglicher Versuch, ruhig zu bleiben und die Fassung zu wahren. „Lassie… ich werde niemals wieder auch nur denken, Sie hätten keinen Mut…!“ himmelte mich Guster an, ehe er mir zögernd folgte. Vor der Tür angekommen, sahen wir, dass drinnen kein Licht an war. „I-ist da zu?“ stammelte Guster.

„Nicht so scheu, ihr zwei Hübschen! Kommt rein!“
Wäre ja auch zu schön gewesen. Ich sah Guster erneut in die Augen. Ohne Absprache schluckten wir beide noch einmal hart und traten dann gaaaanz vorsichtig ein.

„Ach, meine beiden neuen Freunde. Ihr zwei seid wirklich schnucklig!“ Dort stand eine recht korpulente Frau hinter dem Tresen und wischte an einem Bierglas herum, das noch niemals sauber gewesen war und es auch niemals werden würde. Ganz zu schweigen von dem graubraunen Tuch mit dem sie nachpolierte.

Guster wisperte zu mir herüber ohne groß die Lippen zu bewegen: „Bitte sagen Sie mir, dass wir hier nichts getrunken haben…!“ Hätte ich wirklich gerne bestätigt. Konnte ich bloß leider nicht.
„Neue Freunde…?“ versuchte ich also so beiläufig wie möglich zu erfragen. Ob ich darauf wirklich eine Antwort haben wollte? Nein.
Ich befürchtete gerade das Schlimmste.

„Auf jeden Fall. Nach gestern… das war so zuckersüß!“ Guster und ich hatten einen neuen Fan – und hatten beide keine Ahnung, warum. Es brachte nichts, wir mussten mit offenen Karten spielen: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns vielleicht noch einmal zu berichten, was gestern so… passiert ist?“ Erfolglos versuchte ich die aufsteigende Panik aus meiner Stimme zu verbannen.
Die Blonde mit den vielen, wuchtigen Kurven lächelte keck. „Warum so förmlich, mein Lieblings-Polizist?“

Weil ich die gute Frau genau genommen gar nicht kannte – sie wusste es offenbar bloß nicht.
„Nun… wie heißen Sie überhaupt?“ unterbrach Guster sich selbst und runzelte die Stirn. „Angie, das weißt du doch, mein brauner Schoko-Muffin!“
Whaaaaaahhaaaaa.

Einen kurzen Moment lang gönnte ich es mir innerlich über Gusters behämmerten Gesichtsausdruck zu lachen. Bis mir wieder einfiel, dass wir beide in ein und demselben Boot saßen und gerade stark drohten, zu kentern. Glaubten wir zumindest. Denn in Wahrheit waren wir längst untergegangen und geisterten auf dem Meeresboden irgendeines Ozeans herum.

„Also, Angie… Folgendes… wir haben da ein klitzekleines Problem, was unser Erinnerungsvermögen an die letzte Nacht betrifft. Und wir haben gehofft, Sie… ähm… du könntest uns vielleicht bei der ein oder anderen Sache auf die Sprünge helfen.“ Guster hätte Diplomat werden sollen.
Wirklich.

Ich hätte der Tussi am liebsten mit meiner Pistole gedroht, um die nötigen Infos aus ihr heraus zu holen und nicht wie mein junger Freund hier, mit Engelsgeduld und einem gewissen Charme auf die Frau eingeredet.
Das Problem an meiner Methode?!
Ich hatte gerade keine Waffe.

„Ihr könnt euch nicht mehr erinnern, was gestern war?! Ach ja, der Klassiker. Es muss euch nicht peinlich sein. Jeder entdeckt mal solche Neigungen – daran ist nichts Schlimmes. Deswegen müsst ihr nicht gleich alles verdrängen.“
HÄ?!?!?

„Neigungen?“ Gusters Stimme war hoch. Jetzt klang er gerade wie ein Mädchen.
„Na schön, ich spiel mal mit. Also… ihr seid gestern Nacht hier rein spaziert und habt rumgejammert, wie allein ihr euch doch fühlt.“

Das musste ein Missverständnis sein. Ich fühlte mich doch gar nicht allein. Außerdem war ich das auch nie: Ich hatte doch meine Damen, die mit ihrer Kühlnis mich beruhigten. Mancher mochte behaupten, Waffen waren kein Ersatz für Frauen. Ich behaupte das Gegenteil: Sie waren besser, denn sie widersprachen nicht, waren zuverlässig und zerschmetterten einem nicht das Herz – vorausgesetzt, man wusste sie gezielt einzusetzen.

„Ich habe euch ein Frischgezapftes gebracht und dann habt ihr euch gestanden, dass ihr einander bewundert und dass ihr euch eigentlich viel mehr mögt als eure eigentlichen Partner. Tja und dann…“ Angie grinste, was für Guster und mich bedeutete, wieder in blanker Panik die Augen aufzureißen.
„Dann habt ihr beschlossen, heiraten zu gehen. Ich habe euch dann einen Pfarrer empfohlen, der normalerweise auf „Kinder der Nacht“ spezialisiert ist und euch daher auch sofort trauen konnte.“

Während Angie mit wortwörtlichen Herzchenaugen um uns herum wuselte, blickten wir in Zeitlupe auf unsere Hände hinab.
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„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!!!!!“

Da war ein Ehering an meinem Finger!!!
Ungelogen. Ein schlichter, aber doch eindeutiger Ehering. Nicht mal besonders teuer, doch vielsagend: Den Pfarrer hatten wir gestern Nacht auch aufgesucht.

„Ähm… vielen Dank, Angie. Wir… wir müssen dann mal weiter“, stotterte ich vollkommen paralysiert. Ich konnte meinen Blick nicht von diesem verfluchten Ring abwenden. Das konnte doch nicht wahr sein.
„L-Lassie… bitte… fahren Sie… meine… meine Hände zittern…“ Nicht nur Gusters Hände. Ich wusste gar nicht, dass ein Mann mit seiner natürlichen Hautfarbe so aschfahl werden konnte. Um nicht zu sagen: Ich machte mir gerade etwas Sorgen, dass mein junger Begleiter umfallen und nie wieder aufwachen könnte. „Ruhig durchatmen…!“ Ich stützte und lotste ihn zum Auto, wo ich ihn vorsichtig auf den Beifahrersitz bugsierte.

Mir gingen auch Millionen Dinge durch den Kopf, doch ein Gedanke überwiegte: Wir mussten unbedingt mit dem Pfarrer sprechen und uns Klarheit verschaffen.
Gut: Und ggf. eine Ehe annullieren.

Meine Konzentration wurde arg auf die Probe gestellt, doch ich packte die Fahrt zwei Blocks weiter. Das war übrigens ein Teil der Stadt, den ich wirklich noch NIE bewusst wahrgenommen hatte. Die Gegend sah auch nicht gerade auffällig aus hier: Weder besonders hübsch, noch absolut hässlich. Ich parkte also vor der Durchschnittskirche und versuchte Guster zu überreden, dass er besser mitkäme: Alleine hatte ich eh kein Nerv und außerdem mussten wir da jetzt durch. Schwanz einziehen galt nicht.

Guster wimmerte leise, weshalb es Zeit wurde, hart durchzugreifen: „Guster, jetzt reißen Sie sich gefälligst zusammen! Sie Weichei!“ Na super, jetzt starrte der mich mit seinen weinerlichen Augen an, wie ein aufgeschrecktes Rehkitz.

Ohne weiter auf ihn zu achten, klopfte ich und war überrascht, wie schnell uns geöffnet wurde. „Ah, das frisch vermählte Ehepaar Lassiter… na, wie war die Hochzeitsnacht?!“ Da lächelte uns ein kleiner, alter Mann aus mit Grübchen umrandeten Augen an. Der ging mir mal knapp bis zur Hüfte – erstaunlich, was für kleine Menschen es gab.

STOPP.

„Hochzeitsnacht?!“ Ich starrte zu Guster hinüber. Der war jedoch nicht hilfreich, weil er sich entschlossen hatte, wieder loszuheulen. Memme.

„Natürlich, das folgt doch immer auf eine Eheschließung. Was hat er denn?!“ Der freundliche, winzig kleine Pfarrer tippte Guster an. „Der hat was im Auge. Also ähm… das mag jetzt ein wenig seltsam klingen, aber… waren wir gestern wirklich bei Ihnen?“

„Natürlich, Detective Lassiter. Wobei: Genau genommen war es heute. Um ziemlich genau 4 Uhr in der Früh.“ Der alte Mann winkte sie herein und bot ihnen dann sogar Tee oder Kaffee an.
„Mir wäre ein Schnaps lieber“, murmelte ich mehr zu mir selbst und schaute nicht schlecht, als der kleine Kerl mir ein prall gefülltes Schnapsglas vor die Nase hielt. Dann kramte er auf seinem Schreibtisch herum in einem Stapel Papier. „Hier… da hab ich es. Ihre Heiratsurkunde.“

Guster gab keinen Mucks mehr von sich. Das war kein gutes Zeichen.
„Guster, atmen nicht vergessen!“ Hatte der sich vorgenommen, seinem Leben ein Ende zu setzen und einfach die Luftaufnahme zu verweigern?!

„So schlimm ist das auch nicht: Wir machen das einfach rückgängig, also seien Sie endlich ein Mann!“ Brachte auch nichts. Stattdessen wurde ich nun merkwürdig von dem Pfarrer gemustert. „Was?“
„Sie wollen die Ehe rückgängig machen?“ „Ja verdammt.“

„Jungchen, hier wird nicht geflucht. Und so einfach geht das nicht.“ Der Pfarrer hatte in seinem Sessel Platz genommen und faltete nun die Hände im Schoss.
„Wieso nicht?“ wollte ich verständlicherweise wissen: Im Film ging das doch auch immer alles so einfach. Wieso nicht im echten Leben? Mist aber auch.

„Was meinen Sie – das Rückgängigmachen oder das Fluchen?!“
Fragte der Einfallspinsel das wirklich?
„Natürlich das Rückgängigmachen!“ So blöd konnte man doch nun wirklich nicht sein.
Nein, konnte man wirklich nicht. Der Pfarrer grinste sich nämlich einen, weil er genau gemerkt hatte, wie sehr ich bereits in Rage war und da streute man gerne noch ein bisschen Salz in die Wunde und brachte mit dem einen Tropfen Wasser das Fass zum Überlaufen.

Endlich erwachte Guster aus seiner Heulstarre und trug etwas Sinnvolles dazu bei. Nämlich den Paragraphen wonach es rechtswidrig war, eine Eheschließung durchzuführen, wenn einer oder beide des Brautpaares unzurechnungsfähig wären.

„Wir können uns an die gesamte letzte Nacht nicht mehr erinnern, waren also nicht zurechnungsfähig und damit ist klar, dass die Ehe hinfällig ist.“ Kurz bewunderte ich Guster für sein juristisches Fachwissen. Sollte ich mal vor Gericht müssen, wäre er eventuell eine gute Alternative zu einem sündhaft teuren Anwalt. Andererseits… Guster war der beste Freund von Shawn Spencer: Das würde für mich teurer werden als jeder Staranwalt dieser Welt…

„Da haben Sie generell Recht, Mister Lassiter.“ Guster und ich wollten gegen diese Benennung protestieren, bis unser Blick auf der Heiratsurkunde hängen blieb. Dann schluckten wir synchron.

„Das Problem wird sein, dass Sie gestern Nacht, bzw. heute Morgen auch gleich noch etwas anderes in Auftrag gegeben haben.“ Obwohl mir Böses schwante, versuchte ich zu scherzen: „Was denn, ein Hausbau?!“

Der Pfarrer sah ernst drein und schüttelte mit dem Kopf. „Nein. Nein, ganz und gar nicht. Etwas viel Schöneres.“ „Ok, jetzt rücken Sie schon raus damit.“ Spannung war etwas, das ich in meinem derzeitigen Zustand nicht gut vertrug. Das merkte wohl auch der Pfarrer.

„Eine Adoption.“ Wieso strahlte der Kerl auf einmal so? Das war nichts Schönes! Kinder waren schreckliche, kleine, haarige Biester. Guster würgte übrigens auch. Hatte der aber nicht mal erwähnt, dass er unbedingt irgendwann mal eigene, kleine Racker haben wolle?!

„E-eine Adoption?!“ Der war schon wieder so merkwürdig blass. Das sah sehr ungesund aus. „Ja, Sie haben gesagt, eine Familie sei erst dann eine richtige Familie, wenn da auch etwas Kleines durch das Haus huschen würde und sie hätten ohnehin eine viel zu große Wohnung.“
So was konnte auch nur Guster bringen: „Guster…“, knurrte ich dementsprechend. „Nein, nein, das haben schon Sie gesagt…“, korrigierte mich der Pfarrer und meinte wirklich mich. Wieso zum Henker sollte ich mir auf einmal Kinder anlachen wollen?!?

„Lassie… mir… mir ist schlecht!“
„Hier ist weit und breit keine Leiche in Sicht, also reißen Sie sich gefälligst am Riemen!“ fauchte ich wenig begeistert. Bei dem Anblick von Toten ließ ich ihm das ja durchgehen. Aber das hier?

Der Pfarrer war wesentlich nachsichtiger und tätschelte Guster den Arm. „Die Adoption kann man doch sicher auch rückgängig machen, oder?“ Die Hoffnung hielt sich jedenfalls hartnäckig in mir. Wie Guster schon sagte: Wir waren unzurechnungsfähig gewesen. „Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Doch… Miss Foster wird das können.“

Meine Augen verdrehend, grummelte ich: „Und wer ist Miss Foster jetzt schon wieder?“
„Die Leiterin des örtlichen Kinderheims“, entgegnete der geduldige Pfarrer und schrieb uns auch schon bereits die Adresse des besagten Kinderheims auf.

Ich fasse noch einmal zusammen: Wir sind bis auf die Unterhose nackt nebeneinander in Gusters Wohnung wach geworden. Zurzeit waren wir ein Ehepaar und anscheinend drauf und dran, ein Kind vor die Nase gestellt zu bekommen.

Hatte ich was vergessen?
Ja, ich rannte hier in Gusters Klamotten und nackt – sprich: ohne Waffen – durch Santa Barbara.
Wenn es eine Hölle auf dieser Erde gab, dann hatte ich sie soeben gefunden. Dies hier war jedenfalls meine persönliche Hölle. Ein einziger Alptraum.

Miss Foster machte es übrigens nicht besser. Sie war kein gutmütiger Sonnenschein, dem das Wohl der Kiddies am Herzen lag. Sie war ein Hausdrachen mit riesigen Schaufelhänden, spitzen Reißzähnen und feuerroten Augen.
Vielleicht war das aber auch bloß die Nachwirkung einer Droge. Dieselbe Droge, die uns die letzte Nacht vergessen lassen hatte. Wer wusste das schon.

Definitiv war Miss Foster jedoch nicht nett. Und als sie hörte, dass wir das bestellte Kind nun doch nicht haben wollten, wurde sie sogar noch fuchsteufelswilder. Ein Tasmanischer Teufel hätte dagegen echt alt ausgesehen. Ich kam mir vor wie in der Grundschule, als die Lehrerin mir eine Standpauke gehalten hatte, dass man anderen Kindern nicht mit der Zwille drohen dürfe. So ein Schwachsinn…

Die Moralpredigt erinnerte jedoch stark daran. Am Ende fühlte ich mich sogar schlecht, war winzig klein – selbst mit Hut und winselte genau wie Guster leise vor mich hin. Um nicht zu sagen: Wir klammerten uns aneinander, während wir angstvoll zu Miss Foster hinaufsahen, die immer größer zu werden schien. Die hatte die Fäuste in die Seiten gestemmt und sah uns tadelnd an. Ich glaube, ich hatte noch nie soviel Angst in meinem Leben, gleich gefressen zu werden. Und dabei war ich doch noch so jung… ich wollte noch nicht sterben…

„Jammerlappen. Na gut, haut schon ab! Das arme Kind wäre bei euch beiden Schlappschwänzen eh nur ein weiterer krimineller Nachwuchs geworden! Aber den ganzen Papierkram, den ihr mir damit aufhalst, den werdet ihr mir bezahlen, verstanden!?!“

Das war keine Frage. Wirklich nicht. Guster und ich nickten ganz schnell. Mir war in dem Augenblick nicht einmal eingefallen, dass ich eigentlich daraufhin weisen müsste, dass ich ja Polizist bin. War aber auch egal.
Die Adoption wurde augenblicklich gestoppt und der Antrag zurückgenommen. Und damit stand auch der Annullierung der Ehe nichts mehr im Wege.

Es war exakt 22 Uhr und 27 Minuten, als ich erschöpft auf Gusters Sofa niedersank und wir beide im stillen Einverständnis nur ein Geräusch von uns gaben: Das Geräusch vom Bier-runter-schlucken. „Das darf niemals jemand erfahren.“
„Niemals.“
Wir waren uns einig. Gut.

In dem Moment klingelte es und schon Sekunden später, schneite ein Spencer herein – der Jüngere von beiden. „Hey Gus, mein Mausebärchen! Wieso bist du nicht an dein Handy gegangen?“ Abrupt blieb der Hellseher stehen. „Und wieso sitzt Lassie auf deinem Sofa? Und das auch noch in deiner Kleidung?!“

„Shawn, wo warst du die letzte Nacht?“ Berechtigte Frage, die mich auch mal interessierte: Spencer und Guster getrennt voneinander? Das hatte es doch noch nie gegeben – die waren wie Siamesische Zwillinge.

„Na, bei Jules, hab ich dir doch gesagt, bevor ich gegangen bin und… mein Gott seht ihr scheiße aus!“ Spencer gluckste, schnappte sich selbst auch eine Bierflasche und schmiss sich neben mir auf das Sofa. „Ich scheine ja einiges verpasst zu haben, so wie ihr ausseht. Berichtet mir – sofort!“ strahlte der doch tatsächlich hocherfreut.

Spencer würde es nie erfahren. Nie.
Eigentlich war es nicht meine Stärke, allein durch Blicke zu kommunizieren. Guster und ich hatten es jedoch gerade voll drauf. Ein einigender Blick genügte. Dann hörte man Spencer nur noch kreischen…
Nein, es würde niemals irgendwer erfahren. Nie.


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Ich hoffe, es hat euch gefallen.
Mit dem Ende bin ich ehrlich gesagt nicht gaaaanz so zufrieden, aber na ja.
Reviews sind gerne gesehen.
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