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Westwärts

GeschichteAbenteuer, Romance / P18 / Het
25.06.2015
24.05.2016
41
143.508
73
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Dieses Kapitel
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25.06.2015 3.290
 
Hallo Ihr Lieben,
ich habe mich nach längerer Pause mal wieder an einer Story versucht.
Die Hauptprotagonistin ist den Lesern von "Lichterglanz" sicher keine Unbekannte:
Jessica Hausmann, Caitlins flippige, beste Freundin mit der großen Klappe, den zerrissenen Jeans und den pinkfarbenen Strähnchen im Haar. Jessicas selbstlosem Engagement hatten Caitlin und David damals viel zu verdanken.
Einige Jahre sind seitdem vergangen, und Jess glaubt, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Doch von einem Tag auf den anderen steht sie fassungslos vor den Scherben ihrer Existenz und flieht Hals über Kopf in eine neue, ihr unbekannte Welt.
Wohin? Findet es heraus, indem ihr Jess ein Stück begleitet… westwärts.

Für Leser, die „Lichterglanz“ noch nicht kennen und auch nicht kennenlernen wollen - kein Problem. Dies ist eine völlig eigenständige Story, und ich hoffe, sie gefällt euch.
Natürlich würde ich mich, wie jeder Autor hier, sehr freuen, wenn ihr mir eure Meinung mitteilt. Es muss nicht viel sein, ein paar Worte reichen schon.
Und nun viel Spass beim Lesen!
Eure Jeany  :)



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„Alles in Ordnung, Ma`am?“
Die Worte klangen in meinen Ohren nach, ohne mich wirklich zu erreichen. Ich verharrte stillschweigend, denn mein überreiztes Gehirn brauchte einfach einen Augenblick, um sich darüber klar zu werden, dass diese Frage wirklich mir galt. Wenn hierzulande eine Frau mit Ma`am angesprochen wurde, egal ob im realen Leben oder im TV, dann handelte es sich dabei meistens um gestandene ältere Damen mit Dutt oder Dauerwelle. Oder um glücklich verheiratete Frauen.
Ich war Mitte Zwanzig und zählte bisher weder zu der einen, noch zu der anderen Kategorie.
Vorsichtig blickte ich mich um.
Nein, da war weit und breit niemand in meiner Nähe, der dieser Anrede auch nur annähernd gerecht wurde. Ich saß hier mutterseelenallein im Sand auf meiner Jacke, bekleidet mit aufgekrempelten Jeans und einem dunkelblauen Shirt, auf dessen Vorderseite die verheißungsvolle Aufschrift „It`s my day“ prangte. Die leuchtend weißen Buchstaben waren in Anbetracht der letzten Stunden allerdings eine glatte Lüge.
Das war ganz und gar nicht mein Tag!
Meinen alten, abgewetzten Rucksack zwischen den Knien starrte ich gedankenverloren auf die Wellen, die sich, von einem böigen Wind angetrieben, immer wieder aufs Neue drohend hoch auftürmten, sich überschlugen und dann unaufhaltsam mit ihren weißen Schaumkronen auf den Strand von Santa Monica zurollten.
Obwohl es bereits Nachmittag und somit Feierabendzeit war, hielten sich verhältnismäßig wenig Leute auf diesem Strandabschnitt in der Nähe des Piers zum Sonnenbaden auf. Wahrscheinlich hatte der zunehmend starke Wind die Badegäste vertrieben.
Mich störte er nicht, im Gegenteil. Er tat mir gut, kühlte meine von ungeweinten Tränen brennenden Augen und meine geschundene Seele. Auch wenn das ein Trugschluss war, denn der Wind würde nicht verhindern können, dass meine ungeschützte Haut unter der intensiven Sonneneinstrahlung schnell verbrennen würde, falls ich noch länger hier hocken blieb.
Aber das war mir egal…
„Ma`am?“
Widerwillig, als sei ich abrupt aus einem tiefen Traum gerissen worden, drehte ich mich nun endlich in die Richtung, aus der die Stimme kam, und erblickte zu meinem Erstaunen einen Jeep der örtlichen Strandpolice, der wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien und sich nun direkt hinter mir befand. Zwei schwarz uniformierte Cops schauten abwartend auf mich herab. Blinzelnd schirmte ich meine Augen mit der Hand vor der Sonne ab, betrachtete die beiden einen Augenblick lang und überlegte, wem aus der Film- und Fernsehbranche sie wohl am meisten ähnelten. Eine alte Angewohnheit von mir, die aus der Zeit meiner frühesten Jugend stammte, in der ich jeden neuen Kinofilm kannte und mich brennend für Stars und Sternchen interessiert hatte.
Der Fahrer erinnerte mich auf den ersten Blick an einen dieser Klischeehelden aus den typischen Action-Filmen: jung, durchtrainiert und selbstsicher, sich der Wirkung seiner Uniform absolut bewusst, ein perfekter Tom-Cruise-Verschnitt. Der junge Tom Cruise wohlbemerkt, der aus TOP GUN.
Der andere war mit seinem unter dem Police-Basecap anscheinend glattrasierten Schädel und der beneidenswert kaffeebraunen Haut eines Afroamerikaners ein geradezu beunruhigend identisches Abbild Shemar Moores aus der TV-Serie CRIMINAL MINDS.
Er schien ein paar Jahre älter als sein Kollege, aber nicht weniger schlank und dynamisch.
Auch wenn ich die Augen der beiden hinter den dunklen Sonnenbrillen nicht sehen konnte, spürte ich doch genau, dass sie mich eindringlich fixierten. Irritiert zog ich die Augenbrauen zusammen.
„Habe ich richtig verstanden? Haben Sie mich wirklich eben Ma`am genannt?“
Die Männer der Standpatrouille wechselten einen kurzen Blick miteinander und beantworteten meine direkte Frage zunächst mit einem mehr oder weniger schiefen Grinsen.
„Sorry, wir wollten nur höflich sein“, meinte der Fahrer des Jeeps schließlich achselzuckend. „Sie saßen hier so allein und verloren, und wir konnten nicht genau sehen, wie alt…“
„Hey…“, unterbrach ich ihn etwas unwirsch. „Ich bin ganz sicher keine Ma`am.  Allerdings bin ich alt genug, um mich allein am Strand aufzuhalten. Und bevor ihr fragt, ich bin nicht vorbestraft und plane auch keinen Terroranschlag oder sonstige Straftaten. Ich will einfach meine Ruhe. Also vielen Dank, Jungs, ich komm` schon klar.“
Das war unhöflich, zugegeben, aber ich verspürte in diesem Augenblick weder Lust auf Small Talk, noch auf irgendwelche andere Konversation mit übereifrigen Beach-Polizisten, die siebenundzwanzigjährige alleinstehende Touristinnen mit „Ma`am“ anbaggerten.
Alleinstehend… Das war der springende Punkt.
Single again…

Während mich die beiden hinter den dunklen Gläsern verborgenen Augenpaare weiterhin mit unverhohlenem Interesse musterten, wandte ich mich wütend ab und starrte erneut hinaus aufs Meer.
„Sie werden sich einen Sonnenbrand holen, wenn Sie noch lange so dasitzen“, erklang die Stimme des moccafarbenen „Shemar“- Officers hinter mir. „Der Wind ist hier in Südkalifornien sehr trügerisch.“
So wie manche Menschen… schoss es mir durch den Kopf. Du glaubst, sie tun dir gut, und bevor du weißt, wie dir geschieht, strecken sie dich erbarmungslos nieder…
„Schon klar“, versuchte ich einigermaßen diplomatisch einzulenken, ohne mich noch einmal direkt nach den beiden Strandhütern umzusehen. „Danke, ich werde mich vorsehen.“
„Nichts für ungut… Miss“, erwiderte der Tom-Cruise-Verschnitt. „Wir wollten nur sichergehen, dass alles okay ist. Ist es doch, oder?“
Jetzt reichte es aber.
Erwarteten die beiden vielleicht ein schriftliches Geständnis darüber, dass ich nach neunstündigem Nonstopflug von Irland nach LA total erschöpft mit dem zuständigen Shuttle vom International Airport hier nach Santa Monica gefahren war, wo die Reise für mich zunächst abrupt endete, weil mir die genaue Adresse meines Zieles in dem ganzen persönlichen Gefühlschaos schlichtweg entfallen war? Dass ich niemanden anrufen konnte, weil der Akku meines Handys inzwischen den Geist aufgegeben hatte, mal abgesehen davon, dass das Ding hier in den Staaten sowieso nicht funktionieren würde? Dass ich während meines fluchtartigen und völlig übereilten Aufbruchs noch keinen einzigen Dollar getauscht hatte, und mir ehrlich gesagt ziemlich unklar war, wie ich in meiner derzeitigen Verfassung überhaupt unbehelligt durch den Zoll hatte gelangen können?  Dass ich mich in meiner grenzenlosen Ratlosigkeit kurzerhand zum Strand geschleppt hatte und dort regelrecht zusammengebrochen war, in der festen Absicht, vor Sonnenuntergang nicht wieder aufzustehen. Und dass ich mich so jämmerlich allein fühlte, wie noch nie in meinem ganzen Leben, mutterseelenallein…
Oh ja, das hörte sich doch wirklich fantastisch an!
Ich zwang mich dennoch zu einem letzten kurzen Blick über die Schulter.
„Wie ich bereits sagte, Officer, es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut.“
Und nun haut endlich ab…
Kurz darauf hörte ich, wie der Jeep gestartet wurde und seine Räder leicht durchdrehten, als sie sich beim Davonfahren in den weichen Sand gruben und eine breite Reifenspur hinter sich zurückließen. Der Wind würde die Abdrücke im Handumdrehen verwehen, und ich wünschte für einen Augenblick, dasselbe könnte er auch mit den Spuren auf meiner Seele tun. Aber die waren leider nicht aus Sand. Sie zu beseitigen würde erheblich länger dauern, und wer weiß, vielleicht würden die Narben der Enttäuschung für immer bleiben…

Ich blickte hinaus zum Horizont, starrte auf die tosend heranrollenden Wellen, und ließ meinen Blick schließlich wieder über den noch immer fast menschenleeren Strand bis hin zu dem keine zweihundert Meter entfernten, weltberühmten Santa Monica Pier wandern, der sich mit seinem bunten Jahrmarkttreiben bis weit hinaus ins Meer erstreckte, und auf dem das Riesenrad und die Achterbahn unaufhörlich ihre Runden drehten.
Eigentlich hätte ich mich glücklich schätzen sollen, denn immerhin befand ich mich an einem der schönsten Orte der Erde, im Süden Kaliforniens. Doch mein Herz lag schwer wie ein Stein in meiner Brust, während mir der Kummer tief in meinem Inneren schmerzhaft meine Kehle zuschnürte und mir die Luft zum Atmen nahm. Vergeblich suchten meine Augen die vertrauten, hoch aufragenden Klippen der irischen Westküste, an denen sich die meterhohen Wellen der wilden See aufschäumend brachen. Hier gab es nichts als Sonne, Sand und Meer. Selbst der wolkenlose Himmel über mir schien mich mit seinem makellosen Azurblau voller Hohn daran zu erinnern, dass mein eigenes Leben momentan alles andere als perfekt war.
Warum zum Geier war ich eigentlich ausgerechnet hierher geflüchtet? Warum war ich nicht zurück nach Deutschland geflogen, wo ich herstammte und mich auskannte?
Vielleicht, weil mich dort niemand wirklich erwartete, weder meine Mutter, zu der ich von jeher eine eher komplizierte Beziehung gehabt hatte, noch mein Vater, dem seine Familie schlichtweg egal war, seitdem er uns bereits vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hatte.
Der einzige Mensch, der mich irgendwann vermissen würde, und zu dem ich mehr oder weniger regelmäßig Kontakt hielt, war neben meiner besten Freundin Caitlin mein neun Jahre jüngerer Bruder Eric. Aber der hatte gerade erst eine Lehre als Mechatroniker begonnen und steckte mitten im Beziehungsstress mit seiner neuen Freundin.  
Vielleicht war ich auch deshalb hierher geflohen, weil Caitlin vor Jahren genau dasselbe getan hatte, damals, als sie glaubte, David hätte sie hintergangen? Der kleine Unterschied zwischen ihr und mir war nur, dass Kalifornien von jeher ihr zweites Zuhause war, während ich mich hier auf total fremdem Boden befand.
Aber vielleicht hatte ich mich am Flughafen in Dublin auch deshalb spontan für die Staaten entschieden, weil ich so viele Meilen wie nur irgendwie möglich zwischen ihn und mich hatte bringen wollen, und Deutschland nun mal nicht annähernd so weit von Irland entfernt war wie Amerika?
Ich hatte keinen blassen Schimmer, welche unbekannte Macht mich zu diesem übereilten Entschluss getrieben hatte. In meinem Kopf war alles wie Watte. Fast so, als befände sich mein Gehirn im akuten Schockzustand und würde sich seit vielen Stunden permanent weigern, über das Erlebte nachzudenken.
Einfach nur dasitzen und stumm vor sich hinstarren…

Irgendwann jedoch begriff ich, dass mich das auch nicht weiterbrachte. Also raffte ich mich auf, schüttelte meine verblichene Jeansjacke aus, nahm den Rucksack über eine Schulter, die Schuhe in die Hand und stapfte langsam und schwerfällig durch den heißen Sand zurück zur Strandpromenade.
Unterwegs überholten mich drei triefend nasse Rettungsschwimmer in ihren leuchtend orangefarbenen Badeshorts. Kurz vor mir ließen sie sich wie auf Kommando zu Boden fallen und wälzten ihre sportgestählten Körper in dem sandigen Untergrund, um sich auf diese Art vor Sonnenbrand zu schützen. Dann hetzten sie keuchend und in zügigem Dauerlauf weiter in Richtung der Strandpromenade. Trainieren für den Ernstfall…
Überhaupt sah man hier in Santa Monica viele sportliche Menschen, die trotz der flirrenden Nachmittagshitze die Bewegung nicht scheuten. Sie fuhren Fahrrad, liefen auf Inlinern, joggten, turnten auf den eigens dafür angelegten Kunstrasenflächen oder spielten Beach-Volleyball. Einige hangelten äußerst gekonnt an silbern in der Sonne glänzenden Reckstangen.
Ein junger Mann mit langen dunklen Dreadlocks, aufgrund seines durchtrainierten Bodys vermutlich ein Sportstudent, übte intensiv an einer ziemlich beeindruckend aussehenden Bodenkür. Für den abschließenden Salto erntete er spontanen Beifall der umstehenden Passanten.
Von irgendwoher rollte ein Ball direkt vor meine Füße. Ich kickte ihn, ohne lange zu überlegen, zurück zu der Gruppe Halbwüchsiger, die abwartend zu mir herübersahen. Der Schuss brachte mir einen anerkennenden Pfiff und die Einladung ein, eine Runde mitzuspielen, was ich jedoch kopfschüttelnd ablehnte. Eigentlich liebe ich Sport wirklich sehr. Wenn man so viel Zeit auf dem Rücken der Pferde verbracht hatte, wie ich das bisher getan hatte, konnte man es sich nicht leisten, unsportlich zu sein. Aber heute war mir weder nach sportlicher Betätigung noch nach Unterhaltung irgendwelcher Art zumute. Ich wollte nur meine Ruhe und einen Platz, an dem ich mich ungestört meinem Kummer ergeben konnte, bis ich genug vom Heulen hatte, und es mir irgendwann von ganz allein wieder besser gehen würde.

Ich schlenderte ein Stück weiter die Promenade entlang Richtung Pier und spürte, wie mein Magen sein Recht forderte, indem er sich nach Stunden der Enthaltsamkeit schmerzhaft zusammenzog. Etwas zu essen wäre jetzt nicht übel. Aber wo bekam man hier etwas für Euro? Nach und nach schien mein Gehirn wieder seine normale Funktion aufzunehmen, denn ich begann mich zu ärgern, dass ich versäumt hatte, am Flughafen ein paar Dollar zu tauschen. Das musste ich unbedingt so schnell wie möglich nachholen.
Allerdings hatte ich jetzt Hunger, nicht irgendwann, und hier auf der Strandpromenade von Santa Monica war leider weit und breit keine Wechselstube zu sehen.
Also versuchte ich mit meinen vorhandenen Devisen erst einmal vorsichtig mein Glück an einem knallroten Hotdog-Stand.
Euro???
Der dicke Besitzer in der speckigen, rot-weiß gestreiften Schürze musterte mich argwöhnisch, als hätte er sich verhört. „Was zum Geier soll ich denn mit Euro?
Ich erklärte ihm kurz, dass ich erst angekommen war und noch keine Zeit gehabt hatte, Dollar einzutauschen. Daraufhin schüttelte er missbilligend den Kopf und brummte eine nicht sehr schmeichelhafte Bezeichnung für Touristen in seinen Schnauzbart, bevor er sich an seinem Würstchen-Automaten zu schaffen machte. „Deine Euronas kannst du stecken lassen, Schätzchen, schließlich sind wir hier Gott sei Dank nicht in der europäischen Union.“ Er lachte schallend über seine eigenen Worte, während er mir mit einem gönnerhaften Grinsen einen Hotdog reichte. „Ich war schon immer ein Menschenfreund. Vor allem, wenn die Menschlein so niedlich sind wie du! Lass dir`s schmecken, Kleine!“  
Ich bedankte mich artig und grinste etwas angesäuert.
Na toll, von der „Ma`am“ übers „Schätzchen“ zur „niedlichen Kleinen“ an nur einem einzigen Nachmittag. Das sollte mir erstmal einer nachmachen…

Ich setzte mich auf die Mauer, die den Strand von der Promenade abgrenzte und machte mich genüsslich über meine „Beute“ her. Unsicher, wann die nächste Mahlzeit anstehen würde, kaute ich bedächtig, und während mein Magen langsam zu arbeiten begann, schienen auch meine verloren geglaubten Lebensgeister allmählich wieder zu erwachen.
Denk nach, Jess, was solltest du als Nächstes tun?
Klar, ein Geldautomat!!!

Ich musste zu allererst einmal einen Geldautomaten oder eine Bank finden, denn auch wenn ich sonst nicht viel bei mir trug, meine Kreditkaten hatte ich wenigstens dabei. Und ich brauchte ein Telefon, um Caiti in Deutschland anzurufen. Eines war mir jedoch klar:  Ich durfte ihr keinesfalls erzählen, was ich in den letzten zwölf Stunden getan hatte, denn ich kannte meine beste Freundin. Sie würde sofort alles stehen und liegen lassen und ins nächste Flugzeug springen. Sie zu beunruhigen, war jedoch das Letzte, was ich wollte. Schließlich hatte Caitlin Brandt, geborene Jennings, eine Familie, die sie brauchte. Zwei wunderbare kleine Kinder – ich durfte mich glücklich schätzen, deren Patentante zu sein -  und eine Praxis, die sie seit kurzem als Kinderärztin führte. Nein, ich würde ihr geordnetes Leben nicht durcheinanderwirbeln. Es reichte völlig, dass mein eigenes derzeit in Scherben lag. Ich musste ihr nur unter irgendeinem halbwegs akzeptabel klingenden Vorwand die genaue Adresse ihrer Großeltern entlocken.
Eigentlich hätte ich wissen müssen, wie ich zur Farm der Jennings gelangen konnte, schließlich war ich schon einmal dort gewesen, hier in Santa Monica, und zwar vor ziemlich genau fünf Jahren zu Caitlins und Davids Hochzeit. Doch damals war ich noch die "alte" Jessi, die sich um nichts Gedanken machte und das Leben so nahm, wie es sich ihr gerade bot. Caiti hatte mir ein Flugticket geschickt, mich vom Flughafen abgeholt und war mit mir direkt zum Zielort gefahren, ohne dass ich mich um etwas kümmern musste. Ich weiß noch genau, dass wir die ganze Fahrt über geschnattert und gelacht und uns riesig über unser Wiedersehen gefreut hatten, so dass mich absolut nicht interessiert hatte, wohin die Fahrt ging.
Meine einzige Aufgabe während meines damaligen ersten Aufenthaltes in Kalifornien bestand lediglich darin, als Caitlins beste Freundin und Trauzeugin pünktlich zur Stelle zu sein. Diese Aufgabe hatte ich natürlich zuverlässig erfüllt, zum einen während des traditionellen Junggesellinnen-Abends im „Bubbas“* hier auf dem Santa-Monica-Pier, und zum anderen im berühmten Cortney-House in Santa Barbara, wo ich in einer feierlichen Zeremonie zusammen mit Davids Kollegen und Trauzeugen Steve dem strahlenden und so beneidenswert glücklichen Brautpaar die goldenen Ringe überreichte, nachdem die beiden sich voller Überzeugung das Jawort und damit ein gegenseitiges Versprechen fürs Leben gegeben hatten. Genauso, wie das schon Caitlins Eltern viele Jahre zuvor hier getan hatten.
Aber wie gesagt, das war bereits einige Zeit her, und ich hatte keinen Schimmer, wie ich zur Jennings-Farm in den Santa Monica Mountains gelangen sollte.

Also machte ich mich zuerst einmal auf den Weg hinein in die Stadt, wo es mir am Automaten einer Bank in der Main Street auch recht schnell gelang, eine größere Summe Bargeld abzuheben. Mit den nötigen Devisen in der Tasche fühlte ich mich schon bedeutend wohler. Ein Blick zur Uhr sagte mir jedoch, dass ich den Anruf bei Caiti wohl oder übel noch etwas verschieben musste, wenn ich keinen Verdacht erregen wollte. Schließlich war es in Deutschland gerade mal zwei Uhr morgens. Zudem fiel mir ein, dass meine Freundin an der Vorwahlnummer sofort erkennen würde, woher der Anruf kam. Also verwarf ich den Gedanken an ein Telefonat mit ihr bis auf weiteres und beschloss stattdessen, mir wohl oder übel für die erste Nacht in Kalifornien ein Hotelzimmer zu nehmen. Hatte ich erst einmal eine Bleibe, konnte ich vielleicht mit dem Big Blue Bus, dem städtischen Zubringer, noch einmal zum Flughafen zurückfahren, um meinen Koffer zu holen, den ich nach der Landung in einem winzigen Anflug von Intelligenz in einem Schließfach zurückgelassen hatte. Und morgen früh, ausgeschlafen und nach einem reichhaltigen Frühstück, würde die Welt bestimmt ganz anders aussehen.
„Red` dir das ruhig ein, du dumme Kuh!“ knurrte mein Gewissen missmutig. „Oh Gott, Jess, was hast du dir nur dabei gedacht?“
Kopfschüttelnd über mich selbst machte ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft.

Die Tourist-Information in der Colorado Avenue hatte ich schnell gefunden. Dort erhielt ich eine Broschüre, in der alle Hotels von Santa Monica verzeichnet waren.
Als ich sie aufschlug, erblickte ich zunächst das Hilton-Hotel, allem Anschein nach wohl das Erste hier am Platze. Es musste sich der Beschreibung nach gleich um die nächste Ecke auf der anderen Straßenseite befinden.
Nun gut, ins Hilton würde ich mich sicher nicht einquartieren, das war eine Preisklasse zu hoch für mich. Aber es gab ja genug andere Hotels in Santa Monica.

Als ich eifrig in der Broschüre blätternd um die nächste Ecke bog, stolperte ich urplötzlich über ein unvorhergesehenes Hindernis, bestehend aus zwei langen Beinen, die sich über den halben Gehweg erstreckten. Zu Tode erschrocken schrie ich auf und kämpfte Bruchteile von Sekunden lang wild mit den Armen rudernd um mein Gleichgewicht, konnte einen Sturz jedoch nicht mehr verhindern. Während ich äußerst unsanft mit den Knien auf dem Asphalt aufschlug, segelte mein Rucksack, den ich zu meinem Unglück nach dem Besuch in der Tourist-Information noch nicht wieder geschlossen hatte, zusammen mit der neu erworbenen Broschüre einige Meter in hohem Bogen durch die Luft und verteilte seinen Inhalt großzügig auf dem Gehweg.
Augenblicklich schoss ein scharfer Schmerz durch meinen Körper und ließ mich aufstöhnen. Mühsam rappelte ich mich hoch und betrachtete fassungslos den entstandenen Schaden. Meine Jeans über dem rechten Knie zeigte einen beachtlichen Riss, genauso wie die darunter befindliche, aufgeschürfte Haut.
„Hey!“, brüllte ich zutiefst empört, nachdem ich mich von meinem ersten Schrecken erholt hatte, und wandte mich ungeachtet des Schmerzes in dem ramponierten Knie wütend an den Verursacher meines Freifluges. „Verdammt nochmal… sind Sie noch ganz dicht?“



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*Die Bubba Gump Shrimp Company ist eine Fisch- und Meeresfrüchte-Restaurantkette, die durch den Film „Forrest Gump“ aus dem Jahre 1994 inspiriert wurde. (Quelle: Wikipedia)
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